K zu führen — wie Peer Gynt endlich in Solveigs Liebe den wahren i enden Kern seines Daseins findet, den er in allen Masken und Zwiebelhäuten seines Lebens vergeblich gesucht hat. s
Auf der andern Seite: der Mann, der ganz ausgeht in dem ehrgeizigen i Bilde feiner Person, der die Erhöhung seiner Stotzes zum letzten Zweck erhebt, der um dieses Bildes willen über die Liebe der Frau hinweggeht, der vergewaltigt ihr Wesen, läßt es verkümmern, verurteilt es zu jener Scheinexistenz, zu jenem Gefpensterdasein, das uns Ibsen in Mine Solneß und vor allem in der Irene seines Epilogs so erschütternd vor Augen führt. Das Thema der „männlichen", auf die Bedürfnisse des Mannes zugeschnittenen Kultur, die das Wesen der Frau verletzt, wird bekanntlich schon angeschlagen in den „Stützen der Gesellschaft", spielt dann in der „Nora" eine wichtige Rolle und schließlich kehrt es vertieft wieder in „John Gabriel Borkman" und „Wenn wir Toten erwachen".
Rubel ist Künstler und seine ganze künstlerische Arbeit dient dazu, das Leben zu verherrlichen, das Leben in dieser „köstlichen, wundersamen, rätselvollen Welt". Der Frau, die mit ihm lebt, verspricht er, sie auf einen hohen Berg zu führen und ihr alle Herrlichkeiten der Welt zu zeigen. Der Berg ist die Kunst, die Herrlichkeit aber, die er ihr verspricht, sind die Herrlichkeiten des „Lebens". Aber dies Versprechen erweist sich als Schein und Trug. Anstatt der Frau, die er mit jenem Versprechen berauschte, zu geben was ihre Natur fordert und was für sie das „Leben" ist, anstatt in wechselseitiger Liebe mit ihr zusammenzuwachsen, wird sie sein Modell, aus dessen Anblick er nur künstlerische Anregung schöpft, wird sie eine Episode seiner künstlerischen Entwicklung. Indem aber ihr Sein verkümmert und erstarrt, erlebt auch Rubek dieselbe Enttäuschung. Sein Künstlerberuf fängt an, ihm hohl und nichtig vorzukommen, nicht mehr auf einem hohen Berge, sondern in einer naßkalten Höhle glaubt er zu leben, einem Kasten, dessen Deckel ins Schloß gefallen und dessen Schlüssel verloren gegangen ist: er empfindet, daß er das wirkliche Leben von sich gestoßen hat, um eine Zuschauerrolle zu wählen — die er sich dann selbst als die Rolle des königlichen Beherrschers der Welt und ihrer Schönheiten vortäuschte. Weder Betäubung im Genuß, noch in der Arbeit hilft ihm, schließlich fängt er an, sich am Leben zu rächen, Pessimist und Zyniker zu werden, die Menschen, die er darstellt, durch Verzerrung zu Tierfratzen zu verhöhnen. Sich selbst aber modelliert er als Bild der Schuld, der Reue über ein verfehltes Leben ... Irene öffnet ihn in harter Wahrhaftigkeit die Augen für den Sinn seines eignen Tuns, sie nennt ihn einen „Dichter", der sich selbst im Bilde der Reue und Selbstanklage darstellt, um sich selbst einen Anspruch auf Absolution zu erwirken. Noch einmal werden wir an das Thema der Lebenslüge erinnert: die zur Schau getragene Selbstanklage ist auch eine Art Selbstbetrug, wie der vor sich selbst zur Schau getragene Zynismus es war. Die eine täuscht ein büßendes und reuiges Wiedergutmachen des unwiderbringlich zerstörten, der andre eine Ueberlegenheit über das Leben vor, die doch nur die Rache des Unterlegenen ist.
„Dichten" heißt nach dem bekannten Wort Gerichtstag halten über sich selbst. Aber hinter diesem Gericht steckt ein geheimer Wunsch: der Wunsch, die drückende Last und Qual abzufchütteln, die die versäumten Gelegenheiten des „Lebens" dem boten, der sich selbst mit der Zuschauerrolle im Leben begnügte. Ibsens bohrende Psychologie endet hier in einer Selbstanalyse des Künstlers, des Dichters, die um so erschütternder wirkt, als sie den Schlußpunkt hinter ein langes und erfolgreiches Leben künstlerischen Schaffens setzt.
Ibfsn und un sre Zeit.
Von Dr. Werner Bock.
Einige führende deutsche Theater spielen heute Ibsens Stücke in der Ausstattung und im Kostüm ihrer Entstehungszeit. Die modernen Bühnenleiter gehen hierbei von dem Gedanken aus, daß in unserer vom Tempo besessenen Gegenwart bisweilen ein einziger Tag das Weltbild mächtiger umgestaltet als ehemals ein ganzes Jahr und deshalb unsere Generation Anschauungen und Empfindungen, die um zwei Menschenalter zurückliegen, unmöglich noch als „aktuell" miterleben kann. In der Tat entsteht ein unüberbrückbarer Gegensatz, wenn Schauspieler in der Kleidung und im Milieu der „neuen Sachlichkeit" eine überlebte Sprache und veraltete Gesten gebrauchen, um die Atmosphäre einer dahingegangenen Zeit wieder auferstehen zu lassen. Wir Heutigen, vor wenigen Jahren noch Blutzeugen des gewaltigsten Kämpfens und des fürchterlichsten Menschensterbens der Weltgeschichte, müssen offen bekennen, daß uns Leben und Leiden der Jbsenschen Gestalten auch nicht annähernd so erschüttern können wie dereinst unsere Eltern in ereignislos dahinplätschernden Friedensjahren. Der erhabenste Held des Theaters von Sophokles bis Ibsen, der Tod, ist von unserer beispiellosen Jugend, die sogar dem Sport ihr Dasein hinzuwerfen vermag, seines Nimbus und feines Thrones beraubt. Die moderne Psychoanalyse hat die verworrensten seelischen Erlebnisse, um die vor kurzem noch mystisches Dunkel wob, in das klare Licht unseres Bewußtseins getragen und damit den „Psychologismus" der Ibsenzeit langst überholt. Trotz alledem läßt sich unser gegenwärtiges Geschlecht, so ganz und gar nicht mehr Blut von Ibsens Blut und erfüllt von unerhört neuen und zu Ibsens Lebzeiten völlig unbekannten „Komplexen", auch heute immer wieder hinreißen von der Wucht Jbsenscher Dramatik, mehr ober: Ibsens Grundeinstellung zu den ewigen Fragen der Menschheit ist nit den Figuren seiner Dramen keineswegs mitgealtert und hat für unsere Zeit nichts an Bedeutung und Gültigkeit eingebüßt.
Wenn im Jahre seines hundertsten Geburtstages Ibsens Werk seine unzerstörbare innerste Jugend beweist, wenn nach Strindberg und Wedekind und dem Toben des Expressionismus der große Norweger heute über den Parteien steht, so ist der tiefste Grund letzten Endes darin zu suchen, daß Ibsen sich für alle Zeiten aus die Seite der Jungen und Werdenden gestellt hat. Der Kampf des Alters mit der Jugend ist ein Lieblingsmotiv des Dichters, das er immer wieder bis in feine letzten Schasfensjahre behandelt. Noch im „Baumeister Solneß" (1892) ringt das Alter mit der
» Jugend, das Gestern mit dem Heute. In brutalem Egoismus will die absterbende Generation die Heranwachsende unterdrücken, das Alter pocht j auf seine verbrieften Rechte und vergißt, daß die Jugend mehr als dies, ! daß sie Recht hat! Längst vor den Vater-Sohn-Dramen unserer jüngsten Literatur hat sich Ibsen für die Jugend eingesetzt, die das Unmögliche erstrebt und vollbringt, während das Alter, mag es auch noch so gerne sich immer wieder jugendlich entzünden, in den von der Natur gesetzten Schranken verharren muh.
Das Vater-Sohn-Problem wird bleiben, solange es Menschen gibt. Es ist ebenso alt und neu wie der Kampf der Geschlechter. Freilich hat sich im Verhältnis des Mannes zur Frau gerade in unserer Epoche eine grundstürzende Wandlug vollzogen, an der kaum ein anderer größeren Anteil hat als eben Ibsen. Könnte der Hundertjährige heute mit seinen durchdringenden Augen unsere Zeit betrachten, so wäre er sicherlich Überrascht, daß sich hinsichtlich der Stellung der Frau binnen weniger Jahrzehnte alles das bis in die äußerste Konsequenz erfüllt hat, was er selbst unseren aufhorchenden Vätern noch als eine Forderung der Zukunft entgegenschrie. Das Zeitalter des Frauenwahlrechts und der vollendeten Fräuenemanzipation begreift heute nicht mehr, welcher Mut noch vor vierzig Jahren dazu gehörte, für das weibliche Geschlecht in aller Oeffentlichkeit Freiheiten zu verlangen, die inzwischen längst Selbstverständlichkeiten geworden sind. Und doch hat Ibsen auch der heutigen Frau durchaus Gültiges zu sagen: Ob sie, der Enge bes „Puppenheims" entronnen, nunmehr in tausend Berufen dem Mann ebenbürtig gegenüber« steht und dem Gesicht unterer Tage vielleicht die entscheidenden Züge aufdrückt, immer ist auch der Typ der Hedda Gabler noch vorhanden, die weibliche Halbnatur, erpicht auf ein Leben im Genuß und großen Stil, zweideutig hierhin und dorthin schillernd, voll Berechnung und doch ohne bestimmtes Ziel, das Geschenk des Ledens in sinnlosem Spiel verpassend. Und gibt es heute etwa weniger „Gesellschaftsehen", „.Kausehen", mit si« Ibsen mit leidenschaftlicher Verachtung brandmarkte, in denen durch (geld aber die blinde Verliebtheit eines törichten Augenblicks zwei Menschen zu verlogener Gemeinschaft zusammengekettet sind? -Erschütternder noch als zu Ibsens Zeit und zur Selbstbesimtung mahnend muß aus die Frau von heute bann sein trotz allem Wissen um die Abgrunde de- Weibtums immer und immer wieder abgelegtes Bekenntnis zum „Ewigweiblichen" wirken, an dessen hinausziehende Kraft er gleich Goethe zu glauben nie aufhört. „Hier war mein Kaisertum" ruft Peer Gynt am Ende einer verfehlten Jagd nach dem Glück, als er zu spät die unwandelbare selbstlose Siebe feiner Solvejg erkennt. Wie oft klingt dieser Ruf durch Ibsens Dramen: Ohne selbstlose Liebe kein persönliches Leden!
„Lebe dich selbst, nicht lebe dir selbst!" Der große Satz steht über Ibsens Erkenntnis vom Leben und hat der Gegenwart, ja der Zukunft noch wahrlich ebensoviel zu sagen wie der vorigen Generation. Mehr noch als zu Ibsens Zeit herrscht heute der nackte Egoismus, der äußere Erfolg gilt alles, das innere Menschentum nichts, der Fachmensch triumphiert über die Persönlichkeit, die Masse über den einzelnen, parteifanatische Politik jeder Richtung über den Wert des aufrechten und lauteren Charakters. Auch uns Spätergeborenen reißt Ibsen die Maske herunter:
„Mein Banner soll dock fliegen.
Mein guter Stahl soll dieser gleisnerischen Gesellschaftslüge durch die Rippen zischen, Soll diesen euch so teuren ©iftbaum fällen!"
»Nur rein äußerlich hat sich der neuzeitlich« Mensch aus, der Gebundenheit früherer Jahrhunderte gelöst, aber das Ziel wahrhafter Freiheit liegt für ein Geschlecht noch in weiter Ferne, das über dem blmocn Glauben an den Götzen Erfolg, an ungeistige Gewalt, an unpersönliche Betriebsamkeit den Willen zur individuellen Lebensgestaltung, zur schrankenlosen Hingabe des ganzen Menschen an ideale Werte nicht aufbrm- qen kann.
„Das du nicht kannst, wird dir vcrg.b.n
Doch nimmermehr, daß du nicht willst!"
Auch das Zeitalter der Frau, das der Dichter so inbrünstig ersehnte, hat der Welt keine Befreiung gebracht. Die schwierigsten Probleme, die Ibsen, seiner Zeit weit vorauseilend, in seinen Dramen aufwarf, harren nach wie vor, ja notwendiger als ehemals ihrer Lösung. Immer noch will die Menschheit nicht eingestehen, daß Familie, Gemeinde, Nation in Jchgier, in Sachleere, in Geldsucht schimpflich versklavt sind. Auch heute noch gleicht Europa, wie Ibsen einmal sagt, einem trefflich ausgerüsteten > und flott dahinfahrenden Schiff, dessen Passagiere und Mannschaft von rätselhastem Druck lahmgelegt sind. „Das Schiff hat eine Leiche an । Bord!" Die Leiche ist die Vergangenheit, das hatzglühende, auf gegenseitige Vernichtung sinnende, in zahllose Sager gespaltene Abendland, M sich nicht durchzuringen vermag zum Recht der Persönlichkeit, zur Fmhe, , nicht im politischen Sinn, zur „Revolutionierung des Menschengeistes.
Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit war für Ibsen M . „verfluchte compacte Majorität". Immer wird die höchste Stufe o-.- , Menschentums vom einzelnen erklommen, nicht die Menge, der einzeln - > die Führerpersönlichkeit räumt mit verrotteten und entwerteten Anschan- t ungen auf, der einzelne ist der Held und Kulturschöpfer, der sich oew > Ansturm des götterlosen merkantilen Barbarentums entgegenstemmt, « t sich opfert, um „den geistigen Grund und Boden nach jeder .llicyluns ) auszuroden und zu säubern".
Der Kampfruf Julians „Das Scben oder die Lüge" gellt mit «1' t erbittlicher Eindringlichkeit auch in das Getriebe unserer Tage und rum» ' auch heute noch alle auf, die Entartung und Abfall der Menschheit er kennen. Gleichgültig, auf welchem Weg und in welcher Gemeinschaft w s die Höherentwicklung der Menschheit zu verwirklichen suchen, wenn w ° nur über berufliche und politische Wirksamkeit der Partei Ibsens ang l" hören, der Partei derer, die unablässig „mit den finsteren Gewalten Herz und Hirn kämpfen", wenn wir nur Ibsens für alle Zeiten 1 prägten Wahlspruch uns zu eigen machen:
» Jeder lebe sein ganzes Beben — alles oder nichts!


