SiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1928 Vienrtag, -en 20. März Kummer 23
r1 ,rr"T'MnwTrr-Tt:«M.. wanrn Iiümimmimtmimiimmmi— m—i<mn.~. .7~r:r.rrr"V.—rriiim wiimwimiinimwwrr{mTCTWTtfMamTn
Lied des Dichters.
Von Henrik Ibsen.
Freunde, die ihr diesen Garten Jubelnd und entzückt durchstreift, Wollet nicht vom Herbst erwarten, Daß er jede Knospe reist!
Weihe Blüten, lichte Blatter Breiten über euch ihr Zelt. — Mag sie morgen Schlvßenwetter Fegen bis ans End' der Welt!
Müßt ihr schon nach Früchten fragen Im noch kaum erblühten Hag?
Sorgend, seufzend überschlagen. Was sein Herbst euch bringen Mag?
Müssen Vogelklappern schrecken
Tag und Nacht die muntre Brut? Finkenschlag in Baum und Hecken, Brüder, gibt doch bessern Mut!
Müßt das Völklein nicht verfemen Aus der süßen, grünen Pracht!
Mag es seinen Lohn sich nehmen. Ob es euch auch ärmer macht.
Nehmt den Tausch an! Seid nicht bängliche Denn für Frucht wird euch Gesang!
Denkt dran: „Alles ist vergänglich";
Lenz und Liebe währt nicht lang!
Leben will ich, will genießen, Bis der letzte Strauch verdorrt;
Wenig soll's mein Herz verdrießen, Fegt ihr all' den Staat dann fort.
Tor auf! Schaffe sich die Herde Dann noch einen satten Tag! Brach nur ich die Blüten, werde Mit dem toten Rest, was Mag!
Lüsens chiwerrrug.
Zu Ibsens 100. Geburtstage.
Von Dr. Ernst von Aster, o. Professor der Philosophie an der Universität Gießen.
In der „Wildente" legt Ibsen dem Zyniker Relling die Lehre von der „Lebensluge" als deni erhaltenden und stimulierenden Lebenselement in den Mund. Es gibt keinen Begriff, der tiefer hineinleuchtete in Ibsens Menschenschilderung, in seine psychologische und weiter freilich auch eine ethische Problematik.
Die „Lebenslüge" ist das erprobte Mittel, um dem lebensgefährlichen Bruch der Selbstachtung, der Krankheit des schlechten Gewissens zu begegnen. Hjalniar Etdal ist ein Schmarotzer, der sich von Frau und -.achter ernähren läßt, gegen das Bewußtsein dieser eigenen Kläglichkeit aber schützt er sich durch eine Lebenslüge, durch die große Erfindung, für “*e er Ruhe und Pflege braucht und durch die er dann einmal all« ent- schadigen wird. Fast jede Figur der „Wildente" hat eine solche Lebens- wge, ein solches Phantasiebild der eignen Person, einen geschickt angelegten und durchgeführten Selbstbetrug: Hjalmar seine große Erfindung, der alte Ekdnl die Kaninchenjagd auf dem Speicher, in der er sich als der einstige große Hochwildjäger fühlt, Kandidat Moloig seine dämonische Katur, die ihm die Ausrede für sein Bummelleben gibt, schließlich auch, wenn wir tiefer blicken, Gregers Werle selbst. Gedrückte, dem wirklichen ^ben nicht gewachsene und deshalb vom Mißgeschick verfolgte Menschen werden oft zu Fanatikern einer Idee, an die sie sich um so stärker klammern, [e trüber und unbefriedigender ihre eigenen Lebensumstände sind, im sl? Wttle ist eine solche Natur, ein Mensch von typischem Lebens-
rX' öen n'€ das Gefühl verläßt, der „Dreizehnte bei Tisch", ein hhntiL ne.r' ein Außenstehender zu sein. Sein Wahrl-eitsfanatismus
'hm die Illusion der Lebensaufgabe, in deren Dienst er sich über es ^«11(1)1 des Ausgestoßenen hinwegzutäuschen sucht.
, >unge Werle ist unfähig, mit dem Leben fertig zu werden, weil unh • s • — gebunden in dem schwärmerischen Kult der toten Mutter bei 45töem s^ren Haß gegen den lebenden Vater. Hier wie noch öfter
Nr>en entsteigen der toten Vergangenheit die „Gespenster", die die das ^P.?.^^enwart fesseln und ersticken. Wir denken dabei nicht nur an
«wer, das jenen Titel führt, sondern auch an Johannes Rosmer
etwa, dem Pastor „mit der Leiche auf dem Rücken". Er kann die Last der Vergangenheit, des einmal Geschehenen nicht abwersen, wie er die Brücke nicht überschreiten kann, von der seine Frau sich in den Mühlbach stürzte. Diese Last der Vergangenheit macht ihn lebensunfähig, hindert ihn, sich in seinem Fühlen und Handeln frei den Dingen hinzugeben, sie nimmt ihm auch die Möglichkeit der Freude. Er kann nicht lachen: Das Lachen, insbesondere das Lachen, das nichts von Bitterkeit und Satire enthält, hat etwas Befreites und Befreiendes, ist das Zeichen eines Menschen, der seine Last von sich geworfen hat. Dieser selbe Rosmer aber hat sich eine „Lebensaufgabe" gestellt: er will „frohe Adelsmenschen" — frohe und innerlich freie Menschen — schaffen, ober vielmehr den Menschen helfen, sich selbst umzuschaffen zu solchen frohen und freien Naturen. Aber ist er selbst ein solcher Mensch, besitzt er, was er den andern schenken und mitteilen will? Gewiß ist er eine vornehme und edle Erscheinung, der Erbe alter hoher Kultur, aber jene frohe, selbst- und siegesgewisse Lebensstärke des freien Menschen ist gerade ihm, dem durch die Fesseln der Vergangenheit unentrinnbar Gebundenen, versagt. Dürfen wir nicht auch hier von einer Lebenslüge sprechen? Mag die Kluft noch so groß sein, die ihn von einem Hjalma Ekdal trennt, fo flüchtet doch auch Johannes Rosmer vor der eigenen Lebensschwäche in ein Phantasiebild der eigenen Berson, das ihm das gedrückte Selbstbewußtsein verbirgt.
Roemer ist ein Mensch mit „schwächlichem Gewissen" — wie der Baumeister Halward Solneß. Auch Solneß kommt nicht los von der 83er» gangenheit, von dem quälenden Gefühl, sein „Glück" mit dem Unglück anderer erkauft zu haben und damit zugleich von der Furcht vor der Zukunft, vor der Vergeltung, vor der Jugend, die eines Tages an die Tür klopfen und dem Baumeister und seinen Erfolgen ein Ende bereiten wird. Und derselbe Baumeister Solneß, durch die Qual eines überempfindlichen Gewissens in freudlos-düsterer Che au eine seelisch erloschene Frau gebunden, baut „Heimstätten" mit hohen Türmen, von denen ins Weite schauend sie, die in froher Liebe sich zugetan hier hausen sollen, sich frei und groß fühlen können. So lebt Solneß, wie Rosmer, im Bilde des Schöpfers besten, was er selbst sich nicht zu geben vermag, seine Phantasie baut in Höhen, in die er selbst nicht zu steigen wagt. Unfreie und zaghafte Menschen, deren Ideale nur die seelische Rot verraten, in der sie stehen, die von einem sieghaften, freien, frohen, schenkenden und schaffenden Leben träumen, um in diesem Traum sich über die innere Gebrochenheit ihres wirklichen Daseins hinwegtäuschen.
Die aus Unfreiheit, aus einer Gebundenheit an das Vergangene, aus halber Reue und halber Furcht stammende Reaktion des „schwächlichen Gewissens" ist nicht wirkliche Güte, sie hindert auch Solneß nicht, sie treibt ihn viel eher dazu, andern Unrecht zu tun, wie im Falle Ragnar Brovik oder Kaja Fvsli. So wie auch der Fanatismus Gregers Wertes nur zerstörend wirkt, wie Hedda Gablers ästhetisierende Scheu vor dem Häßlichen und Gewöhnlichen sie und andere schließlich gerade in dies Häßliche verstrickt. Echte Gute ist freie Tat aus warmherziger Liebe, freudig gebrachtes Opfer der eignen Perfon. Hinter dem schwächlichen Gewissen dagegen, hinter dem Fanatismus der Idee, hinter der ästhetisierenden Empfindlichkeit, wie schließlich auch hinter dem Konventionellen, „stechenden" Pflichtbegriff, um mit Hilde Mangel zu reden, steckt immer ein Stück Exzentrizität, ein Kreisen der Gedanken und Gefühle um das eigene Ich und um die Wunde, die Lebensschwäche, den Bruch im Selbstbewußtsein, den dieses Ich mit sich herumträgt, und sich und andern zu verbergen sucht.
Einer Frau legte Ibsen den Satz in den Mund, daß Freiheit und Wahrheit die echten „Stützen der Gesellschaft" seien. In „Rosmersholm" und im „Baumeister Solneß" sind es Frauen, die den ungebrochenen, sicheren Lebenswillen besitzen, die keine Lebenslügen, keine Bilder von sich selbst brauchen, um der schwankenden Selbstachtung eine Krücke zu bieten. In der rührenden Gestalt der kleinen Hedwig in der „Wildente", in Thea Elvsted! (in der „Hedda Gabler") aber stoßen wir auf jene echt weibliche Fähigkeit zur Hingabe und zum Opfer, den mütterlichen Zug der Liebe, der über den ungehemmten Trieb und Besitzwillen sich erhebt.
Der seelische Unterschied zwischen Mann und Fran, wie ihn Ibsen sieht und in immer neuen Variationen schildert, hat seinen tiefsten Grund darin, daß die Selbstachtung des Mannes auf der „Ehre", d. h. auf der Achtung der andern beruht, die Selbstachtung der Frau auf der . Treue, die sie ihrem tiefsten Selbst, ihrer Liebe wahrt. Der Mann braucht das Bild seiner Person im Auge des andern, auch die Lebenslüge, durch die er sich seine eigene Lebensschwäche verbirgt, kann er nur aufrecht erhalten, wenn auch andere an sie glauben. Eben darum aber braucht er zutiefst die Frau, die an ihn glaubt — Ulrich 'Brendel sagt es zu Rosmer — die Frau, die zugleich mit der Treffsicherheit des psychologischen Instinkts Schein und Wahrheit unterscheidet und errät, was es bedeutet, daß der „schwindlige" Baumeister nicht so hoch zu steigen wagt, wie er baut. Darum ist die Liebe der Frau gleichsam dazu bestimmt, den Mann aus der Scheinexistenz der Rollen, die er vor sich und andern spielt, zu sich


