Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'
Pfänderspiel vorzuschützen, wie dli en das Glas und der Krist "
wie die unruhige Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war Ne so gereizt, daß sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing rasch und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen bösen Blick wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser Auftritt, welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so heftig, daß sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll küßte. Still und bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. „Geh, versöhne dich mit ihr und mach' den Trotzkopf wieder gut! sagte die Mutter; „du bist ihr guter Engel!"
Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem Hol- lunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halssginur, indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend: „otiemand darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist mein Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du aus ewig geblieben wärest!" t
Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst letzt reckten sich seine Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein Hirsch gehorchte er auf den Wink und lies zur Stelle, wohin man ihn schickte. Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die Geräte, half die Netze stellen, sprang über Halden und Graben und erspähte den Stand des Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere, wußte den Lockruf der Vögel nachzuahmen, und ehe man sich s versah, ließ er ein junges Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der Forstmeister auch eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu ,eder Stunde nach der Scheibe sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als Dietegen sechzehn Jahre zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den man überall hinstellen durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon etwa allein hinaus, die Knechte anzuführen und die Stadtforste zu uber- "" Metegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedacht- iiis seinem Pflegevater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut ansteß, gewann ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm gänzlich ein ehr- und wehrbarer Stadtmann werden.
Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne, von welchem er weiß, daß er ihm fein Bestes zuwenden und lehren will und den er für fein untrügliches Vorbild hält.
Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest, von breiten Schullern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In seiner Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler gewesen, der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber seine Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb seit der Zeit der gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die Frau war von äußerst zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen Herzensgüte, und obgleich nicht unwitzig, hätte sie doch mit keinem scharfen Worte einer Unbilde zu widerstehen vermocht. Eine rüstig Streitbare würde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Tun gereizt haben; gegen die anmutige Schwäche der zarten Frau aber benahm er sich wie die wahre Stärke; er hütete sie wie seinen Augapfel, tat was ihr Freude gewährte und blieb nach vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem Herde.
Rur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa drei- oder viermal, ging er unter die Rät' und Burger, führte dort mit frischer Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den andern unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von der Ratsstube und stieg fröhlich in den Wald hinaus.
Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat zu dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur Katze. Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und das Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig nach den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich mit so hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht hätte; es lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art ging es fort; unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan, der Forstmeister immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. 2(n einem solchen Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über brennenden Dächern ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in welchem eine vergessene alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein zahmer Star sich kläglich und drollig gebärdete. Niemand wußte ihr beizukommen, als der Forstmeister zur Stelle kam. Der erklomm einen Absatz an einer gegenüberstehenden hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft eine Leiter nach sich, schwenkte sie in der Lust und legte sie nach dem Fenster der Verlassenen hinüber. Aus dieser Schwindelbrücke ging er hin und schritt wieder herüber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem Kopfe und das leckende Feuer unter sich. Alles dies tat er wie zum Scherze, mit launigen Ausdrücken und Bewegungen.
War bann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er (ein Haus auf das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er ungewöhnlich zärtlich gegen feine Frau, nahm sie wohl auf die Knie, zum großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weiß
kehlchen und seine Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.
An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltete da es gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen unter den blühenden Bäumen zunächst des Haust- zierlich getanzt, und der Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden be< gann. Ihr Gesicht, von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an dis Mutter; der Wuchs aber artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe^ die Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn Jahre fast vollbusig schien; goldgelbes Ringel, haar fiel üppig über den Rücken und verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten Schulterblätter. Sie ging grün gekleidet, trug um den bloßen Hals ihr Bernsteinband und auf dem Haupte, gleich den anderen Mädchen, nach damaliger Sitte ein Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und freundlich umher; aber unversehens blitzten sie ein. mal mutwillig auf und streiften wie Pfeile über die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick auf Dietegen ruhten und dann wieder weiter fuhren, Dietegen sah unverwandt hin, sie flüchtig noch einmal zurück, woraus er den Blick errötend niederschlug und Küngolt sich an ihrem Haar zu schaffen machte. Das war das erstemal, daß sie sich nicht mehr unbefangen ansahen; aber bald darauf waren sie wieder in der Nähe und sanden sich Hand in Hand in einem Ring reihen. Ein neues süßes Gefühl durchströmte ihn und verließ ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder löste. Küngolt aber ging von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen gehört und deren man sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn, und wenn er etwa in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens da und stand dazwischen.
Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten ss bald dem luftigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun all die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen dte Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war ein klein bißchen zuviel Zucker und in ihrer Freude um ein wenige- zuviel Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen tagen fortwährend auf den Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf hen Schoß und küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall einer gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich gesegnet war als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er bereits verliebt war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein begonnen hatte, wie das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der gefährlichen Linie. Desto kecker und zutunlicher wurde Küngolt, welche in kindlicher Unwissenheit, nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht beherrschte, sondern den spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten dunkler Säume saß, und sich neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und halb kindlich mit feinen Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ und ihr mit der Hand gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate wäre, durch das Ringelhaar fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen Hals und liebkoste ihn mit der Unbefangenheit, aber auch mit all' dem rückhaltlosen Ungestüm eines Kindes, während es doch schon die Jungfrau in ihr war, die sie bewegt«. Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte für beide Verstand brauchen und war ängstlich beflissen, sich aus ihren Armen loszumachen, als di« fröhlich erregte Forstmcisterin herbeikam und mit Vergnügen die Kindel
beisammen sah.
„Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet," sagte sie, indem sie beide zumal in bie 21 nne schloß, „sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kmd! er verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondem auch in deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngolt- chen allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen Augen, denen ich alles Gute zutraue!"
„Er gehört niemand als mir, und das schon lange!"! sagte Kungou fast trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie em Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt man dem armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mo ter; er machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schrme weit hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wiese in die Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend aus, W ihn fest und rief: „Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und ha ihn fest!" .
Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor sm Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst m seine Einsamkeit in der Welt. Er tarn sich vor wie eine mnn -oau • Des Sehens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen o i gehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins Der wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mu zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend, y in Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, ya Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und veim v zu nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankdarsre hänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen wunderlich und schwül zu Mute; er betrachtete sich als dem ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um Wre M besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen w hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend u dem Tone eines alten Schulmeisters: „Du bist noch zu lung i .< Das schickt sich nicht für dich!"! (Fortsetzung^,
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