Ausgabe 
18.8.1928
 
Einzelbild herunterladen

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühf sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießet

Nacht über dem Gletkauer Strand. Die Welten stoßen schwer atmend ins dumpfe Brausen der Kiefern. Von Reufahrwasser her tastet Leucht- feüerschein. Rechts schieben sich die Lichter der Schichau- und der Klawitterwerft bis an Danzig heran. Der herrische Turmstumpf von Sankt Marien draht über schwarzen Dächern. Der Wind surrt durch die nusgespannten Netze und verebbt im dichten Dünengras. Wir sprechen von so manchem, der hier ging, Hermann Stehr, Walter von Molo, Hans Franck, sprechen von der niedersächsischen Heimat und immer wieder von Danzigs Zukunft und den, kommenden, sich immer stärker sammelnden Deutschland. Die Ostsee dröhnt in unser Wort. Sterne keimen leise aus der Nacht .. .

Wertster neben GoeckingksLieder zweier Lebenden" auf dem Leseorett am Putztisch, die Lockenwickler sind sauber gereiht, selbst das eingelegte Dnmesvielbrstt ist aufgeschlagen, und die Bouleuhr mit den, eleganten Sensenmann, ganz Kavalier, tickt über dem Kamin. Dennoch fröstelt ein Hauch Kühle durch die kostbaren Räume, so entzückend fein und echt auch alles ist. Man spürt, daß der Raine fehlt, Ser das Haus hätte unvergänglich machen können. Dieser Danziger Handelsherr Johann U p h a g e n war gewiß ein ehrenwerter Geschäftsmann und tüchtiger Burger, der auf mannigfachen Reisen seine Welt erweitert und mit sichern, Geschmack vieles Gute an englischen Stichen und holländischem und franzöfischem Porzellan mitgebracht hatte doch wie kräftig wirkt das viel bescheidenere Frankfurter Goethehaus, selbst Gleims Wohnung, neben diesen,. bürgerlichen, leichtschweren Rokokvtraum eines längst und unbemerkt in seine Zeit Hinabgesunkenen!

tigen Umstande fest gegründet sein muß. Bezüglich der Nachrichten ficherung wird deshalb grundsätzlich die Ausstattung aller Ozeanstua! Maschinen nut Funkgerät gefordert werden müssen. Cs ist übe? raschend, daß die Funkindustrie für diesen Zweck noch nicht einen kleinen überaus leichten Sender zur Verfügung gestellt hat, wie ihn unsere Anw. teurstationen besitzen und der bei hinreichender Betriebssicherheit und ne ringem Eigengewicht immerhin eine Reichweite von sicher einigen hu>, dert Kilometer verbürgt. Der dadurch evtl, nötig werdende Benzinver. lust konnte unseres Erachtens höchstens einen Unterschied von nur wenige» Stunden ausmachen: wesentlich hoher würde jedoch die Sicherheit, not allem auch im Falle einer Notlandung auf offener See oder in un'mirt. lAen Festlandsgegenden. Die Amerikaner haben bekanntlich eine ihrer Maschinen schon mit automatischer SOS-Rufvorrichtung ausgestattet. Die Mitnahme einer S i g n a l p i st o l e mit einer Anzahl leichter Rakete» durfte für Flieger, denen daran liegt, alles zu versuchen, auch bei un­günstigem Ausgang ihre Erfahrungen der Mitwelt mitzuteilen, wichtiger ,ein, als die Mitnahme eines geladenen Revolvers zur Abkürzung eines langsamen Todes bei gezwungenem Niedergehen auf hoher See. Allen Sportgeist in Ehren: aber R e t t u n g s g e r ä t e, die es ja in gan, leichter Form gibt, sollten doch für jeden Ozeanflug selbstverständlich sein.

Unsere Ozeanflieger wollen der Entwicklung der Menschheit dienen sie hatten deshalb die unerläßliche Pflicht, dafür zu sorge», daß sie ge­rade i m Falle eines ii n g l ii ck l i ch e n A u s g a n g e s , mit dem ste natürlich immer rechnen müssen, ihre Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Fluge hinterlassen. Unseres Wissens ist dies bet feinem der vielen unglücklichen Ueberguerungsversuche der Fall gewesen.Verschollen ..." sagt der eine,Leichtsinn ...", der andere. Auch bei Expeditionen, unter- gehenden Schiffen, Unterseebooten usw. ist es üblich, biszuletztTage- buch 3 n führen. Dasselbe sollte unbedingt zur verkehrstechnischen Pflicht allen Fliegern gemacht werden, die den Ozean zu überqueren ver­suchen. Zeit genug steht ihnen ja zur Verfügung, und die Unterbrechung des eintönigen Fluges durch Anreizung der Konzentration dürfte nur förderlich sein. Mit Leichtigkeit wären derartige Beobachtungen periodisch in bestimmten Zeitabständen von einem Mitflieger auszuführen: aber auch em Cinzelflieger könnte von Zeit zu Zeit, am besten nach genau geregeltem Stundenplan, derartige Aufzeichnungen machen, wenn er für kurze Zeit den Steuerknüppel der Maschine festklemmt bzw. vor seinem Sitz eine Schreibtafel in bequemer Lage befestigt.

Für alle Fälle, in denen Ozeanflüge ohne Funkgerät ausgeführt werden, mochten wir im Interesse einer künftigen Unfallverhütung bei transatlan­tischem Verkehr folgendes sehr leicht durchzufllhrendes Verfahren emp­fehlen. Der Flieger nimmt eine Anzahl ganz leichter seefester Alurninium- £)üt;ert_ mit, die eineFlaschenpo st ersetzen sollen. Die Hülsen müssen so groß und so beschaffen sein, daß sie relativ leicht, wenigstens bei ruhiger «ce, entdeckt werden können, auch so groß, daß sie von Meeresfischen nicht allzu leicht als vermeintliche Nahrung benutzt werden können. Der Flieger hat zur Erleichterung bereits fertig vorgedruckte Formulare, die alle die­jenigen Punkte enthalten, die Verkehrs- und sicherheitstechnisch von Be­deutung sind, also insbesondere Angaben über die geographische Lage der Maschine, Wetter, Luftströmung, Höhe der Maschine über dem Meeres­spiegel, Propellerdrehzahl, Stundengeschwindigkeit, Beschaffenheit der Ma­schine, etwaige Störungen des Motors, bisherigen Benzinverbrauch, Be­gegnung mit Schiffen, Befinden der Flieger ufw., endlich persönliche Nach­richten. Die vorgedruckten Formulare sollen Mystifikationen durch Fäl­schungen von Nachrichten unmöglich machen. Der Flieger schreibt jeweils mit Durchschreibeverfahren einen Bericht, von dem er das Original be­hält, während die Kopie einer seefesten Schwimmhülse anvertraut und ab­geworfen wird. Unbedingt sollte ein Abwurf bei Begegnung mit Schissen erfolgen.

Die Nachrichten mühten um besten in ganz regelmäßigen Zeitabstanden, die vorher mit den Fliegern vereinbart werden,' abgeworfen werden. Die Finder würden, falls nicht eine besondere Belohnung ausgesetzt würde, schon durch den Ruhm der Auffindung der Nachrichten reichlich entichädigi fein, und alle Stellen würden sich die erdenklichste Mühe geben' noch Nach­richten zu finden; selbst wenn nur einige gesunden würden, wären sie von unschätzbarem Wert für unsere wissenschaftliche Erkenntnis von den be­sonderen Vorbedingungen für Flugmafchinen über hoher See.

Empfehlenswert wäre vielleicht auch die Methode, auf dem jeweils letzten Rachrichtenblatt alle vorherigen Nachrichten mitaufzunehmen, so daß ein Nichtaufsinden früherer Nachrichten belanglos wäre und das jeweils zuletzt aufgefundene Nachrichtenblatt Aufschluß über den ganze» bisherigen Flugverlauf geben würde. Bedingung ist aber auf jeden Fall, daß diese Nachrichtenhülfen nicht erst im Falle einer Gefahr abgeworfen werden, sondern, gerade bei ungestörtem Verlaus des Fluges, in regel­mäßigen Zeitabständen zur größtmöglichen Sicherung der Nachrichten.

Wenn man sich erinnert, in welcher ungeheueren Spannung die Mensai- heit noch Wochen und Monate nach dem verhängnisvollen Flugversuch der Franzosen Coli und Nungesser sich befand, so wird man die Ozeanflieger dringend bitten müssen, an irgendeine Nachrichtensicherung ihrer Erfahrungen zu denken. In der Wissenschaft ist es, etwa bei medi­zinischen Experimenten, bei denen der Forscher selbst sein Leben zur M- kenntnis einer wissenschaftlichen Wahrheit aufs Spiel setzt, ebenso wie z.B. bei Forschungsreisen, einfach selbstverständlich, daß mit M Leben und der Leistung nicht va banque gespielt wird, sondern daß bi» ins kleinste ausgeführte sorgfältige Berichte hinterlas!" werden.

Mögen die vorstehenden Anregungen in dieser oder anderer Form W- achtung finden! Dann werden wir nicht, wie so oft bisher, bis ins Innere erschüttert über den tragischen Ausgang oder leicht vorwurfsvoll über w, leichtsinniges Spiel mit den ungeheueren Gewalten und Gefahre»i w Ozeans, allein die erschreckend anwachfende Unglücksstatistil im W haben, sondern, selbst bet schlimmem Ausgang, historisches und lechnnui Material zur Verbesserung der Verkehrssicherheit im transcitlanM Flugverkehr besitzen! ___

NachvichLenflchernng bei OzeanMgen.

Von Dr. Robert Werner Schulte.

Dr. R. W. S ch u l t e, der Leiter der Psychotechnischen Haupt- Öteile für Sport und Berufskunde und bekannte Verkehrs- wtechniker, der jetzt den deutschen Ozeanflug-Filin mitbe­arbeitet hat, macht folgenden beinerkenswerten Vorschlag:

Wieder befanden sich Millionen von Menschen der Haupt-Kontinente der Erde in nervöser Hochspannung: vergeblich warteten sie auf bestimmte Nach­richten über den Ausgang der ost-westlichen Ozeanüberquerung. Hochsee- und Küstendampfer, amerikanische Kriegsschiffe, öffentliche und Amateur­funkstationen, Fliegergeschwader, Beobachtungspvften auf vorgeschobenen Landstationen: alle harrten der ersten sicheren Kennzeichen, um die Nachricht sofort in Gedankenschnelle der gesamten zivilisierten Welt zu übermitteln.

Wenn man die bisherigen erfolgreichen Westostüberquerungen des Ozeans und die früheren tragisch ausgegangenen Ostweftüberfliegungs- versuche vorn Standpunkte der Verkehrssicherheit und der wissenschaftlichen und slugnautischen Auswertung betrachtet und damit etwa die beo(u achtungs- und nachrichtentechnisch besonders sorgfältig vorbereitete Fahrt des Z. R. 3 vergleicht, wenn man auch an die oft sehr langen Nachtflüge unserer Bombengeschwader im Kriege denkt, für die die Ausrüstung mit Funkstationen, Signalraketen usw. Selbstverständlichkeit war, wenn man auf die Tatsache hinweist, daß die meisten unserer Luftverkehrsmaschinen heute Funkfende- und Peilgeräte an Bord haben, fo erscheint, ganz ab­gesehen von der meteorologisch sicherlich unzureichenden Ausrüstung der Ozeanflieger mit Wettermeßgerüten, das meist gänzliche Fehlen v o n N a ch r i ch t e n ü b e r ui i 11 l u n g s g e r ä t e u außerordentlich be­denklich.

Selbstverständlich zwingt die Tatsache, daß bei bestimmter Motoren- stürke und entsprechendem Leergewicht der Maschine diese ein Höchstmaß an verfügbarem Brennstoff mitnehmen muß, dazu, daß die Mitnahme unnötigen Ballastes auf das Alleräußerste beschränkt wird und daß dieser Beschränkung auch sogar Lebensmittel zum Opfer fallen.

So kommt es, daß z. B. der erfolgreiche und in feiner tatsächliche» Leistung nicht hoch genug zu veranschlagende Flug L i >'. d b e r g h s , aber auch die tragisch verlaufenen Ueberquerungsversuche und die kühne Ueber- fliegung Kohls in ost-westlicher Richtung, im wesentlichen auf sport­lichem Wagemut beruhten, sicherlich auch zum großen Teil aus dem ehr­geizigen Wunsche entsprungen, trotz den noch nicht in jeder Hinsicht ge­sicherten Vorbedingungen den großen Flug zu wagen.

Welcher Art die relativ günstigen Bedingungen während des Fluges von Amerika nach Europa sind, wissen mir heute einigermaßen gut durch die erfolgreichen Flüge von L i n d b e r g h, E h a m b e r l i n und den anderen nicht ganz geglückten Flügen.

Bei den zahlreichen früheren unglücklich verlaufenen Uederquerungs- versuchen von Europa aus sind wir jedoch über die eigentlichen letzten Ursachen des unglücklichen Endes ganz im Unklaren. Wir vermuten zwar, daß starke ozeanische Stürme, Nebel, Eisniederschlage auf den Tragdecks usw. die wesentlichen Ursachen gebildet haben; wir wissen aber in keiner Weise, bis wie weit die Flieger gekommen sind, wie ihr bisheriger Flug verlaufen ist, ob Motorstörungen vorgekommen sind, während mir z. B. bei der Ozeanüberfliegung von Eckeners Zeppelin fast jede ein­zelne Phase durch persönlichen funktelegraphischen Kontakt mit der Be­satzung verfolgen konnten.

Verkehrstechnifch und sicher heitstechmsch sind also alle diese Flug­versuche, denen kostbare Menschenleben und auch wertvolle Maschinen zum Opfer gefallen sind, nahezu wertlos, für die Wissenschaft und den technischen Fortschritt ebenso wertlos wie die Entdeckungsreisen von barschem, die verschollen sind und keine Aufzeichnungen hinterließen.

Wer fliegerischen Geist und fliegerischen Trotz kennt, der weiß, daß die meisten Flieger, die den Versuch der Ozeanüberquerung gemacht habe», \u*i ben einjigeti Wunsch kannten: Hinüber! Sportlich alle Achtung vor diesen Pionieren der Menschheit. Verkehrstechnifch hier sind wohl alle Verkehrsfachleute übereinstimmender Ansicht, daß Wagemut ergänzt und auf gewissenhafte Sorgfalt, und Vorsicht und Berücksichtigung äller wich­