Ausgabe 
18.8.1928
 
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Der Adjutant:Darüber zu urteilen, was Sie sind, ist nicht Ihre Sache; überlassen Sie das Europa."

Suworoff:Liegt denn in dieser Weigerung weniger Stolz?"

Nun tat er einige Sprünge, stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers und besaht, den Maler hereinzuführen. Als dieser kam, fiel Hm Survoross um den Hals, sprang dann mit einem Satz zurück und ries:

Man wünscht mein Porträt. Ihr Pinsel wird die Zuge meines Gesichts darstellen. Diese sind sichtbar. Allein meine innere Menschheit «t verborgen. Daher mutz ich Ihnen sagen, dah ich Blut in Strömen vergossen habe ich erbebe! Allein ich liebe meinen Nächste». In meinem Leben hab« ich keinen unglücklich gemacht. Nie ein Todesurteil unterzeichnet. Kein Insekt ist von meiner Hand gestorben. Ich war klein ich war groß! (Hier sprang er aus den Stuhl.) Bei der Flut und Ebbe des Glücks, auf Gott bauend, war ich unerschütterlich so wie auch jetzt."

Er setzte sich nieder, schwieg nun und blieb unbeweglich sitzen.

*

Während einer Manöverübung bemerkte Suworoff, daß eine Reserve­kolonne unnütz Zeit verlor, statt den anderen Truppen zu Hilfe zu eilen. Er sprengte zu dem Oberstleutnant, der sie kommandierte, und rief: .Worauf wartest du? Die Kolonne geht verloren, und du bringst keine Liste?"

Cw. Durchlaucht", antwortete der,schon längst hätte ich meine Pflicht erfüllt; ich erwarte ober die Befehle vom vorgefetzten General." ' Dieser General befand sich nur wenige Schritte davon entfernt.

Bon welchem General?" ruft Suworoff weiter:Er ist ja er­schossen, ist ja schon lange tot! Sieh doch nur hin (indem er aus ihn zeigt), dort läuft ja auch sein Pferd! eile!"

Und er ritt davon.

Seine Beamten hatten einmal eine große Summe aus der Kron- kasse verspielt. Als Suworoff dies erfuhr, machte er einen gräßlichen Lärm, rannte auf und ab und schrie:Wache! Wache! Diebe!" Dann zog er seine Uniform mit allen Orden an (er trug sonst bloß Soldaten­lumpen), ging auf die Hauptwache und überreichte dem Wachthabenden seinen Degen mit den Worten:Suworoff ist für den Diebstahl von Krongeldern arretiert!"

Sogleich schrieb er nach Petersburg, daß man sein Vermögen liguic- bieren und das Geld der Krone geben solle, weil er Schuld trage, da er auf die Beamten nicht genügend achtgegeben habe. Doch die Kaiserin ließ das Fehlende ergänzen und schrieb ihm:Die Kasse ist in Ordnung."

Erst da schnallte er den Degen wieder an.

Eine schöne Dame hatte ihn und feinen Stab freundlich aufgenommen. Er lieh sagen, dah er ihr ein Gejchenk bringen werde.

Er tritt herein, gehr, ohne ein Wort zu sagen, auf sie zu, legt ihr eine goldene venetianische Kette mit einem Schloß um den Hals, schließt dasselbe mit einem kleinen Schlüssel sorgfältig zu, verwahrt ihn in seiner Brusttasche und verschwindet ebenso stumm, wie er gekommen ist."

*

Es ist von Taktik die Rede. Suworoff hörte lange zu, dann springt er plötzlich auf und diktiert seinem Sekretär:Es ist gut, die Taktik zu kennen. Gut aber auch, wenn die Taktik d i ch kennt. Noch besser aber ist es, zu siegen, selbst wenn es auch nicht taktisch wäre. O, ihr heiseren Dogmatiker! O, ihr Medusenköpfe!"

Er sprach, schrieb und handelte in Lakonismen das war feine naturgedrungene Form. Ein Freund bat ihn, ihm doch über die Fort­schritte der Belagerung Warschaus zu schreiben. Unterdessen hatte Suworoff die Stadt bereits eingenommen. Der Freund erhält einen Brief, in welchem sich nichts als ein leeres Blatt Papier befindet. Doch er schaut genau hin: rechts eben steht:W arschau, den sound­sovielten", und rechts untenSuworoff".

*

Eine alte Dame bittet ihn in einem Brief, sich für ihren nach Sibirien verbannten Sohn zu verwenden. Suworoff antwortet:

Gnädige Frau!

Ich werde zu Gott beten. Bete auch Du, und wir werden beide beten. Mit Achtung verbleibe ich usw."

Er erwirkt die Begnadigung, setzt sich sofort hin und schreibt: Getröstete Mutter!

Deinem Sohne ist verziehen.

Hallelusah! Halleluiah! Hallelujah!"

Er übersteigt die Alpen, er hat in drei Monaten unterworfen. Es wird ihm ein Gemälde überreicht, darstellt und die Unterschrift trägt:I ch kam, siegte."

Da nimmt Suworoff eine Feder und streicht das einem dicken Strich aus.

sich ganz Italien bas seine Taten i ch f a h , ich

ich s a h" mit

Und abends erzählen sich die ©olbafen Legenden und Märchen von Ihm. Ein« ist mir im Gedächtnis geblieben:

Eine Soldat bemerkte, daß Suworoff beim Gebet vor der Schlacht, uls er auf seinem Pferde gegenüber der Front hielt, mit starrem Aus- vruck unaufhörlich Tränen über das Gesicht laufen hatte.

Der Soldat trat aus dem Gliebe, ging zu Suworoff unb fragte ihn: nxinft bu?"

f b dich hier aus meinen rechten Steigbügel!" Der Solbat hielt sich »den nm Reiter fest, und blickte auf das Heer. Da sah er auf per S«nz«» rechten Fronthälfte, hier und dort, einzeln und wieder dicht zusammen, Hellscheinende Kreuzchen über den Solbatenköpfen schweben. Und jeder, der ein solches Zeichen über sich hatte, sah einem ~otcn °h"Uch. Da stieg ber Soldat bestürzt vom Steigbügel herunter.

schlägt cs Mittag.

Jetzt heb« dich auf meinen linken Bügel", sagte Suworoff.

Und er tat es, und iah nun auf ber linken Fronthälfte dasselbe: Die Kreuzchen unb die Totengesichter, hier und dort, einzeln und dicht zusammen.

Steig ab," sagte Suworoff,jetzt weiht du, warum ich weine.

Die Marienkirche ist eine ungeheure Burg Gottes, dunkel und g<° heimnisträchtia. Es wird selbst an klaren, schneehellen Wintermittagen nickt völlig Tag in ihr. Der Hochaltar des Augsburger Meisters Michael quillt' mystisch aus dem finstern, hohen Chor. Fahnen hangen unbeweglich von den gewaltigen Pfeilern. Auch die Flagge des abgel,e- lerten KremersDanzig" ist darunter. Der Abend strömt rot in die Scheiben Messingene Leuchter funkeln. Der Orgelprospekt liegt schon oanz in Nacht. Letztes Licht läuft um das Grab von Martin Opitz und nm dös Wunder von Danzig, Hans MemlingsJüngstes Gericht . Um dieses Werkes willen sollte man in diese Stadt wandern, fromm m,e ein Wallfahrer. Und es ist Symbol wie damals, ?ls langsam d e Refor­mation aufging, der Mensch »ch wieder zur Freiheit des Individuums emporreckte, die Geister erwachten. *

Im Uphaqenhaus steht die Zeit lange still Der Patrizier der es durch ben martern Meister Johann Benjamin Dreyer von 1775 bis 1779 erbauen liefe, schläft irgendwo auf einem ber versunkenen Fried- böfe ober in einem abgekehrten Kirchenwinkel. Keine Beschtteßerin öffnet mehr bie himmelblaue Tür zu festlichem Empfang, den Gast über die weikaefchwungene Palasttreppe in die teebuftende Hangesttube mit den modischen Chinoiserien zu führen ober in den kerzenlichten Saal mit Decken- und Wandstuckschnörkel. Alles füllt noch seinen Matz: die Herr­schaft mag foeben aufs Land gefahren sein, in Manplaisir hinter Sang= fu^r die ersten Aurikeln voll Sentiment zu betrachten. Noch liegt ber

Danzig.

Erlebnis einer Stabt Bon Lubwig Bäte.

Unter dem Standbild Heinrichs von Plauen an ber Marienburger Brücke revidieren Polizeibeamte des Freistaats Koffer und Päffe, uns Reichsbeutschen gegenüber mit dem freunblichsten Entgegenkommen. Der Führer kurbelt den Wagen an, und scharf geht es über bie auf­spritzenden Straßen ins ebene Land. Die Niederung ist stark bevölkert; sächsischer und fränkischer Einschlag im Hausbau ist auch heute noch un­verkennbar. Es ist Sonntag früh; hier und da rufen schon die Glocken. Frisch streicht der Wind von der nahen See herüber. Dorf an Dorf gleitet vorbei. Die Weichselfähre wartet. Bald sind wir am andern, nied­rigen Ufer, vier Kraftwagen, einige Radfahrer und Fußgänger. Ein Flugzeug brummt durch bas tiefe, klare Sommerblau. Endlich die Stadt, schnittig wie ein Merianstich gegen den Horizont gestellt. Ein erster Blick streichelt zärtlich Häuserfront, Beischlag, Tor und Turm. Glortenspiel- weise tropft leise von Sankt Marien. Das Schlüterhaus, ber Bahnhof, bie lange Allee nach Oliva, die schon Cho borniert! auf seiner großen Künstlerfahrt von Berlin in die Vaterstadt festhielt.

*

Im Klosterpark brennen die Blumen. Sonne fängt sich in den geschorenen Gängen. Kinder rufen aus der Flüstergrotte vergrabene Echos wach. Ein Schwan taucht tief in spiegelnde Flut. Ganz weit ruht metallen das Meer.

Die Stadt hat einigen Künstlern Wohnung tm «chloß angewiesen. Sie Hausen in den alten, rokokoverschnörkelten Zimmern und Säten. Karl Julius Zellmanns Atelier mag früher einem Abt als Schlaf­raum gebient haben. Noä) heute greift bie mächtige Klosterkirche, ber älteste Bartfteinbau des Deutschordenslandes, durch Ausmafe und Schmuck ans Herz, wenn auch ein nüchternes Jahrhundert den roten Stein falt übertünchte. Eichendorff erlebte hier feinSchloß Dürande'. Nicht fern bergen sich, müde von der Last ihrer Ueberlieferung, die sieben Monter Höfe in die breiten Wipfel der Berge. Den dritten, heute Waisenhaus, kaufte am 19. Oktober 1784 Heinrich Flvris 's choPen - Hauer aus der Danziger Heiligengeistgaffemit allen feinen emphy- teusischen Zubehörungen". In feine Einsamkeit führte er im nächsten Mai die neunzehn Jahre jüngere Johanna Henriette Trofiener, die ihm 1788 den größten Sohn Danzigs schenkte.Im Wechsel zwischen tiefer Waldeinsamkeit, geräuschvollem Treiben, wie die Nähe einer großen Seestadt cs feerbeifüfjrt, und dem stilleren Genuß ruhiger Gefelligkeit m der Mitte einiger vertrauter Freunde meines Mannes", erzählt die Mutter in ihrem BucheJugendlichen und Wanderbilder",vergingen mir in Oliva die Tage", die in Arth-ur Schopenhauers Seele die frühen Keime seiner ernsten Raturverbunbenheit senkten.

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Lindenblätter rinnen über bie Steinbrüstungen der Beischläge. Manchmal öffnet sich verschlasen eine Tür. Hinter den hohen Fenstern der lanaen, schmalbrüstigen Häuser schläft ein grofees Stuck hansischer Gcschichie, Messingklopfer schlagen hohl auf, eine Glocke bimmelt. Schwere, eingebuntette Schränke bergen Seinen unb Kleider. Alw schwarzen, golbcingelegten Rahmen blickten gestrenge Ratsherren und Bürgermeister. Sie hatten nicht weit zu gehen: über bie Dächer hebt sich ebel und unvergänglich jung ber wundervolle, schlanke Renaissance- turm des Rathauses. Und nebenan wölben sich immer noch bie Hauen bes Artushofes, in denen einst der unbezähmbare Lebenswille dieser königlichen Stadt am vernehmlichsten schlug.

Alle Straßen laufen auf die Mottlau zu. Kähne drängen sich schwer­fällig aneinander, flinke Motorboote stieben vorüber; em Segelschiff ruh breit und gemessen auf dem träge treibenden Wasser. Das Krcmtor sinnt immer tiefer vergangenen Tagen nach. Möwen schreien um fein Haupt, d?e Zugketten klirren hart unb dumpf im Winde. Don Sankt Katharinen