Jetzt dröhnt der Boden, als ob man gewaltige Felsblöckc über ihn risse. Näher und näher trabt das Gedröhn. Tiefer raunen die Bäume. Die Tiere Cnd unruhig geworden. Schwarze Schwärme aufgeschreckter Vögel oer- unfein die Nacht.
Drei Schläge wie aus dem Leib der Erde gerissen! Wie platzende Wolken, wie aufprallende Weltkörper! Erstarrung ...
Stille ...
Es dämmert fahl. Aus grünlichem Lichte, aus blassen Nebeldämpsen löst sich ein gigantisches Wesen. Mensch? Riese? Fels? Baum? Tier? ... Schließlich erkenne ich — aus zwei ungeheuren Felsblöcken wurzelnd — die uralte Wettcrtanne von droben.
Das Baalszeichen im Gefelse! Der Finger Gottes! Der ewig einsame Gast der Höhe.
Sein Kleid ist aus Flechten gewogen, die in tiefen, »om Blitz oder Sturm gerissenenen Narben wurzelnd, dem alten Körper Kleidung geben. Die sehnigen, knorrigen Arme bewegen sich leise. Aus einem tiefen Astloche, das schon Generationen von Spechten und vielen anderen Tieren Obdach und Brutstätte war, dröhnt seine Stimme ...
*
Ein klarer, reiner Morgen zieht auf. Durch dämmernden totstillen Wald stapfe ich langsam in di. Höhe. Ohne es zu denken, fühle ich, daß heute Sonntag ist. Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ein paar Meisen »erschlafen unter einer verfrorenen Bergföhre.
Leichter wird der Wald. Frischer der Wind. Noch sind die Bergfpitzen son leichten Wolken umlagert, im Osten aber säumt schon rötliches Licht die Ferne...
Heller der Schnee, blauer die Schatten. Drüben in den Latschen steht ein Rudel Gemsen. In der Tiefe über dem Wald kreisen lautlos zwei Raubvögel, schrauben fich höher und höher hinauf. Run sind sie in der Sonne ...
Dort liegt meine Hütte — liebe, liebe Stätte du!
Noch einen Blick auf die Berge: Rings freie, rotglühende, eisige Gipfel. Trotziger, kupferner Fels aus weißem Hermelin prangend. Licht und blau die Luft, mit feinen dünnen Wölkchen belüt.
Vom Tal herauf ferne schöne Glocken. In meinem Herzen leuchtet immer noch die blaue Wunderblume, und der Schnee vor mir wird hell durch meiner Augen seligen Schein.
Der Stent.
Von Wilhelm Schüssen.
Durchs Tor der Nacht Wind trieb ein Blatt Von Träumen ganz matt Bin Ich erwacht.
Ein Laden fällt zu, Uhr singt die Strmd', Uhr singt zur Ruh Mit schläfrigem Mund. Durchs Fenster so fern Blinker! ein Stern.
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Kindertheater.
Von Heinrich Mann.
Theater für Kinder gibt es nur in der Weihnachtszeit, den Rest des Jahres leben die Kinder ganz gut ohne fremdes Theater. Sie haben nämlich selbst Phantasie genug und sind sämtlich Komödianten. In der Kinderstube ist säst jedes Spiel auch Komödienspiel. Die Kinder wechseln mehrmals Alter, Beruf und Lebensverhältnisse. Jedes belauschte Gespräch Erwachsener gewährt einen neuen Ausschnitt Wirklichkeit, der alsbald dramatisiert wird. Das Kind ist abwechselnd in „Stellung", Herrschaft", Kaufmann, König und sogar „Kind". Es wohnt geistig in einem Puppenhaus, besten Zimmer nur so groß sind, wie sein Kovf und reist hoch in blaue Weiten, wo immer sie blau sind.
Die Erwachsenen brauchen das Theater der anderen, sie selbst spielen schon längst nicht mehr. Sie haben sich spezialisiert, ihr Leben vergeht mit einer einzigen Rolle. Vom ganzen Leben würden sie nichts anderes kennen außer tnird) Hörensagen. Verinnerlichte Anschauung, Miterleben fremder Lebensrallen erlaubt ihnen gewöhnlich nur das Theater. Die Erwach- fenen wären sicher einander noch fremder, würden vielleicht noch weniger Nachsicht haben miteinander, ohne die hervorragende soziale Einrichtung des Theaters.
Aber Glanz des Glückes liegt breit um das Theater der Kinder. Es tft fo weit von einer Weihnacht zu anderen. Zu Haus im Zimmer flimmerte der Lichterbaum betörend, und auch das Theater läßt im Ee- bächtnis nur verwirrenden Zauber. Jetzt soll es wiederkehren. „Morgen ist der schöne Tag", sagt das Kind und geht hin, um sich beglücken zu tosten. Allein von ollen Theatergästen bringt das Kind ein ganz geöffnetes, empfängnisseliges Herz mit.
Gespielt wird diesmal „Das Rumpelstilzchen", eine den Kindern bekannte Figur, durch Bericht und Zeugnis am wirklichen Leben beteiligt, Jum mindesten so existent und bewiesen wie denen, die keine Kinder mehr !nd, ein Cäsar, ein Lasalle. Immerhin war manches über das Rumpelstilzchen noch unbekannt, schon gleich das Haus, in dem es wohnt. Ein Haus mit Säick-nhalle, engen Gängen und einem großen, großen Zimmer, an dessen Wänden, bis unter die bunte Decke noch Leute kleben. Wie sind sie dort hinaufgekommen? Erstes Problem. Im Parkett sagt eine Sechsjährige: „Zuerst muh ich mir das Zimmer ansehen." Denn sie stt die Tochter etaes Malers. Ihre gleichaltrige Freundin, Tochter des Schriftstellers, sieht sich um, sie fragt: „Wann fangen sie an?" Diese denkt doch schon an Schauspieler, bk sich irgendwo versteckt halten, um uns dann weiszumachen, sie kämen aus dem Märchen. Das Parkett scheint leer, denn es ist voll kleiner Leute. Aber man hört ihr wohlgelauntes Getöse: Musik, die gemocht wird, stört es nicht. Da bricht es ab: vor dem Borhong, der mit feierlichen Sinnbildern der Operette bernalt ist, er
scheint Knecht Rupprecht. Kein anderer, als er, ganz hell beleuchten indes wir selbst auf einmal im Dunkel fitzen. Wie sollten wir ihn nickt wiedererkennen! Vor wenigen Tagen war er bei uns zu Besuch. Da er nach- gewiesenermahen in der Stadt weilt, ist es begreiflich, daß er auch hier erscheint. „Ist er echt?" fragt sogar das Kind des Schriftstellers. Alls lauschen seinem Prolog mit voller Achtung, denn ihm ist Macht gegeben, die Rute ist eine Tatsache. Dann rollt sich der Vorhang auf.
Sichtbar wird eine Bauernstube mit den Leuten, die hinein gehören. Es wäre schon ausregend genug, wenn sie nur, wie sonst die Leute auf dem Land, vom Bieh ober von der Knödeln sprächen. In dem durch Licht begrenzten, von uns geschiedenen Raum dort oben wird das Einfachste sonderbar und erregend. Dis Menschen bekommen jeden Augenblick einen Ton, der nicht wie immer ist. Auch verfallen sie manchmal in Gesang und wie gerufen spielt dann gleich die Musik. Die Kinder da oben Hüpfen wie Kinder, aber wenn sie ihre frommen Mienen auffetzen, hinknien unb singen, sind es Kinder wie sanft keine. Dies alles wurde genügen, daß man vor Zuhören den Mund offen behält. Wer das Spannende, bas wirklich Natürliche und gerade darum so spannende ist etwas anderes. Die Familie dort eben, Kinder, derbe Bäuerin, stämmiger Bauer, hat nur einen einzigen Gedanken: das Rumpelstilzchen.
Die Lage ist die, daß der bewußte Kobold, der sein Wesen im Walde treibt, vor zwölf Jahren zu Weihnacht der Bäuerin ein kleines Kind gebracht hat. Er hat es in Pflege gegeben und hat versprochen, nach zwölf Jahren, roieber zu Weihnacht, werde er es abholen. Jetzt aber ist Weihnacht, und die Zwölf Jahre sind herum. Das Rumpelstilzck)en wird kommen, noch heute abend wird cs kommen und unsere Annemarie holen, unser Kind, schon längst unser liebes Kind! Da darf man wohl klagen und beten bei einer so furchtbaren Gefahr. Der Vater in feiner Angst denkt an gewaltsamen Widerstand. Die Mutter hofft, den Unhold zu erweichen. Darum bleib! die Stimmung doch überaus drohend. Niemand empfindet es befser als die Zuschauer. Eine Bewegung geht durch die Zuschauer, hier und dort wird Protest laut. Eines der. sechsjährigen Mädchen, das fo wohlgemut herkam, bricht in Rufe der Angst aus.
Es ist die Tochter des Malers, Kata; sie verhüllt ihre Augen und meint wohl, so gehe die Gefahr vorbei. Die Tochter des Schriftstellerr Gofchilein tröstet sie. „Warum brüllst du, Kata? Es sind nur Schauspieler." Zur Sicherheit erkundig! sie sich an zuverlässiger Stelle: „Nicht wahr, Mama, es find Schauspieler?" — wendet dann aber, selbst entmutigt, den Kopf weg. In der Tat, was wäre bewiesen, wenn es Schauspieler wären? Könnten nicht etwa auch Schauspieler es mit dem echten Rumpelstilzchen zu tun bekommen?
Erste Pause. Ist es aus? Geht der Vorhang nie wieder auf? Man litt Furcht und Mitleid, so lange man hinsah. Aber man möchte Immer weiter Hinsehen. Inzwischen stärkt die Schokolade. Lutschend bekennt Kata: „Es ist schrecklich, menn der Vorhang wieder aufgeht." Sie hat Augen, die gut ein Mertel des Gesichtes ausmachen. Sie ist dunkel, träumerisch, empfindsam. Ihre blonde Freundin Goschilein ftel)t_ immer auf den Füßen vor leidenschaftlicher Teilnahme. Der Vorhang würde fie nicht beunruhigen, aber sie l)at in ihm ein Loch entdeckt. Was geschieht hinter dem Loch? Während sie nicht zusteht!
Als gerade niemand daran denk!, ist das Rumpelstilzchen do. Es W das echte! Ein großer Wald hat sich aufgetan dort hinten, und bas rote Männchen tanzt umher. Es ist ganz rot angezogen und hat ein langer Gesicht, das immer ernst bleibt unb spricht gleichmäßig laut unb deutlich. Es erweist sich als boshaft, fein Ruf behält recht. Foppen ist sein Liebstes. Einem Holzhacker verdirbt es sein Gerät, den Postboten bringt es zu Fall mit allen seinen Paketen. Da muh man lachen. Bosheit ist lustig, wenn wir selbst ans sicherem Stühlchen sitzen. Noch eine andere Ge-eaen- heit genießen wir Zuschauer, weil wir das Rumpelstikchen nämlich sehen, der Postbote und der Holhacker sehen es nicht, sie sind dumm imb wir sind klug.
Das Rumpelstilzchen ist hungrig geworden von seiner Bosheit, aus Tannenzapfen will es sich etwas Gutes bereiten. Ein Wort von ihm, der Fels wird zum glühenden Kochofen. Das ist zuviel! Kata heult auf, sie wirft sich der Tante mit dem Gesicht in den Schoß. Auch anderswo entsteht Panik, ein Kind, das aufgestanden war, füllt auf den Sessel unb klemmt einem andern die Finger ein. Das blonde Goschilein slüstert: „Nicht wahr, Mama, er zaubert aus elektrisch" Was aber eine burchaus nichtige Erklärung ist und die Aussichten nicht friedlicher macht. Tatsächlich ruft das Rumpelstilzchen gleich darauf zu feiner Unterhaltung einen Freund herbei, der feiner würdig ist. „Es ist mein Freund, der Uhu, der klappt die Flügel auf und zu." Und dies tut er auch. Der Uhu, hat übrigens einen Kopf von fürchterlicher Dicke mit Funkelaugen darin, unb Ist nur geeignet, int Publikum die Besorgnisse zu steigern. Goschilein plappert sinnlos vor Schrecken: „Ist er ein Gewachsener oder ein Kind ober ein Mensch?" -~ „Er ist kostümiert", sagt die Mutter. „Hat er auch am Kops ein Kostüm? fragt das aufgeklärte Kind des Schriftstellers, das den Kopf verloren ha! Hierüber freut sich Kuta. Sie selbst heuü nicht mehr, sie richtet Fragen an die Weltordming. „Warum ist das Rumpelstilzchen so schön angezogen, wenn es doch so böse ist? Und warum muß mein tm Theater schön ungezogen sein?" Zu ergänzen: „Wenn es doch so schrecklich ist?"
Das Rumpelstilzchen fühlt wohl selbst, daß cs zu weit gegangen ist, es zieht mildere Saiten auf. Ein Grillenmännlein geigt ihm Lieder, es wird von allen Kindern, die Musikunterricht nehmen, als Kollege emp funden und reich beklatscht. Dann kommen die Tiere des Waldes und tanzen zur Musik. Hasen, Füchse, Vögel und leider auch wieder der Uhu. Der ganze Wald dis hinauf zu den Beraen ist voll tanzender Tiere, me aber aufrecht tanzen wie Menschen. Ein begeisternder Anblick. Er kann nicht dauern. Wie alle fort sind, wer tritt hervor? Die Bauern- klnder aus dem ersten Akt. Man dachte nicht ntehr an fie. .
Sie muffen den Namen des Rumpelstilzchens erfahren, den niemand kennt, deshalb kommen sie. Gegen das Rumpelstilzchen gibt's nur das eine Mittel, wie aus Grimms Märchen jedes Kind weiß. Nun, bas Rumpst- Mzchen ist dumm genug, sich zu verraten. So wäre alles auf bestem Wege, wenn nicht der Vorhang siele. Diesmal ist wirklich nicht die^Befürchtung von der Hand zu weisen, es könnte aus fein. Nein, die Hk. -


