GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Z ihrgang <928
Montag, den 17. Dezember
Nummer (00
Reminiszenz.
Von Fritz U s i n g « r.
An Winterabenden, mein Herz verschneit. Durch sterbenden Kristall der spätsten Stunde, Bricht es noch aus. verschüttet, Trunkenheit, Traumwort, geflüstert kaum aus wirrem Munde:
Hier ist ein Fest verrauscht.
Hier müßten Blumen liegen.
Hier wurde Seligkeit um Traum getauscht. Unendliches verschenkt und Größeres verschwiegen.
Verblühter Sommer macht die Adern warm.
Van fern Glicht und See durch grüne Ranken. Glück: laue Welle unter nacktem Arm, Zu treiben bei der Boote braunen Flanken.
Durch Straßen gehn, wo über grau Gemäuer Die Gärten quillen und durch weiße Gitter.
Und Heimkehr spät, berauscht in Abenteuer, Lau überspült von näherem Gewitter.
Durchwachte Nacht, tief unter Sternenbrücken, Wo ewig ziehn Traumsuhren Schlaf und Mohn, Äoldknirschend über schwindelndem Entzücken — Schlaflose Rächt, im Ohre Harfenton.
O Morgenblöue über Wäldern weit — Manchmal noch bricht es aus vereistem Grunde An Winterabenden, mein Herz verschneit. Durch sterbenden Kristall der spätsten Stunde.
Alm-Winrermärchen.
Von Otto E h r h a r t.
Es war eine klingend klare Winternacht. Breit floß das Mondlicht in den erhabenen Kessel hinab, an dessen äußerstem Rande meine kleine Almhütte lag. Der Schlaf der nächtlichen Erde war so feierlich, daß die gläsernen Himmel vom Abglanz ihres Friedens wie verzückt waren. Es war kalt, bitterkalt ...
Obwohl ich alle Ritzen zwischen den Brettern mit Moos verstopft und die kleinen Fensterläden dicht verschlagen hatte, erwachte ich an der Unendlichkeit dieser Nacht. Aber es war wohl nicht dies allein, was mich trtoetft hatte, sondern — der Mond. Dieser ewig gute Freund aller Schrulligen und Phantasten, aller Einsamheitslüsternen und Tagesfernen meint mir wohl und hat ost eine eigene Art, mir dieses fühlbar zu machen. Durch Schlaf und Traum, durch Holz und Stein, spürte ich sein verstecktes werbendes Leuchten. Und es ließ nicht eher nach, bis ich endlich draußen vor der Hütte stand.
Die Kälte tat weh: sie schnitt in die Backen, kniff in die Ohren, und der Atem sprang mir als lebendiger Hauch, wie eine silberne Wolke aus dem Munde. Im verschlafenen Hochwald knallt dann und wann ein Baum. Berstend vor Frost.
Auf dem Hügel, der sich wie ein kleiner Vorgipfel hinter der Hütte erhebt, schreckte — wie mit japanischer Tusche gegen den vollen Mond gezeichnet — eine uralte Wettertanne in die Höhe. Am Fuße ihres Stammes stand ein edler Hirsch, mit feinen, schlanken Läufen, silbernem Bart und mondoergoldeten Geweihenden. Also erhob sich das Bild gegen den runden Mond, der füllig und schwer, ein riesiger Lampion über den eistgen Bergzacken schwebte.
Es war so still, daß das Zöchen meines Herzens und den stoßweisen Atem des Hirsches hörte. Mondfinger spielten mit glitzernden Echneekristallen und ließen sie glitzernd wieder zur Erde sallen.
Irgendwo in der Ferne donnerte eine Lawine zu Tal ... ♦
„Willst du ein Märchen erleben?" fragte mich der Mond.
„Gern, wenn du ein wenig warten willst."
Ich ging ins Haus zurück, um warmes Wollzeug zu holen, legte die Skier an und glitt dann, seinem freundlich weisenden Lichte folgend, jäh in die schwarzblaue Tiefe hinab.
Es war alles so unsagbar schön! Wie mir über der Baumgrenze die ersten Hochwaldtannen — große, flechtenbehangene, gespenstische Wesen, entgegenwehten! Ernst grüßend glitt ich weiter durch schwarze Tannen, in denen der Frost bohrte — an einem schlafenden Rudel Wild vorüber.
Erschrecktes Aufblitzen von vielen grünen Lichtern, und dann ein Sturm, ein Geprassel und Geknacke von dürrem Holz und platschendem Schnee. Von der Gamswand herüber bringt noch ein paarmal der metallisch schwingende Ton von springendem, Eis und wieder herrscht Stille, Heilige Stille,
Im dichtesten Tannicht liegt nur wenig Schnee. Dort winden verworrene, mannsstarke Wurzeln die grauen Krakenarme ineinander. Irgendein Dingelings huscht dazwischen umher: ein Lichtlein — ein dunkler Schatten. Ein Zwerglein? Eine Maus? Wer weiß, was?
Es redet da drinnen, tuschelt, raunt und kichert. Es macht sich anscheinend luftig über mich, und jetzt schimpft es sogar. Ich sage schnell: „Gute Nacht, kleines Gestndel!" und fahre weiter.
Zieht ein Dom von schwarzen Fichten daher. Bäume wie Säulen und Orgelpfeifen. Und es tönt auch da drinnen, wie in einer gewaltigen Kirche. Horch doch! Sie halten Gottesdienst. Eine dunkle, starke Hochtanne führt den BaL und darum herum ranken fich all' die anderen hölzernen Pfeisen. Alle Bäume fingen. Well es heute gar so feierlich ist, müssen ste fingen.
Hinter meinem Orgelsaal liegt eine weite, weiße Matte, auf der im Sommer die schönsten Schmetterlinge — Apollos, Schwalbenschwänze, Admirale, Schillervögel und das schwirrende Taubenschwänzchen — fliegen, Seltene Blumen und heilsame Kräuter gedeihen dort, und die lichtblauen Enziane läuten hier am allerehesten den Frühling ein. An keiner anderen Stelle des Bergwaldes findet man eine so unerwartet schöne Fernstcht vor. Es ist, als ob man plötzlich, wie ein Heines Tierchen, aus irgendeiner Falte, aus der Rinde des Berges schlüpfte — man erschrickt, wenn man zum erstenmal auf dieser Stelle steht.
Dort gleite ich nun aus. Der Schnee ist weich und tief. In ungeheure« Ernst entbreitet sich das ganze Waldtal.
Der Mond steht über blaffen, fernen Bergen. Aus den Seitentäler« steigen, mit dunklen Schleiern behangen, die Rachtsrauen empor. Schimmernde Nacht: ebel — rote sanfte, runde Stimmer — grasen friedlich über den weißen Weiden des Tals.
Unter einer alten Tanne am Waldrand raste ich. Ein Häher kreischt« im Tiefholz, und ein verdrosiener Rabe schwingt krächzend unter den Fichten ein. Lautlos schluckt ihn der Wald.
Draußen aber liegt die weite, schneeige Bergkette, und wieder eine —- und immer noch eine, bis sie endlich fern — unerreichbar fern — im blassen Himmel verscheinen.
Harzige Riichlein wallen aus der Tiefe. Heber mir, In der Tann«, raschelt ein großer Tannenzapfen. Später merke ich, daß es ein er» schlasenes Eichkätzchen war. Tiiß tüß — riefelt der Schnee von den Zweigen. Schweigen ... Schweigen ...
Es wird plötzlich hell in mir. Fällt wie Traum auf meine wache« Augen. Ehe es die Sinne begreifen, wird mein Herz ein klingendes Märchen — ein tiefer, schwingender Märchentraum — eins mit dem Wesen der Dinge. Ich fühle, was das Eichkätzchen über mir träumt, wie der leichte, kalte Nachtwind fein Fellchen aufblustert und wieder fallen läßt. Ganz lind und weich. Es strahlt in mir. Wird blau und silbrig trunken. Und auf einmal steh ich dann — wer weiß, wie das geschah — als große, blaue Wunderblume, mitten in meiner Wiese und läute — läute .., Es ist mein Herz, daß so Hingt und immer voller tönt. Um mich ist Scheinen, wie Gold von Kerzen auf priesterlichem Brokat. Und Ton ist Licht und Licht ist Ton.
Die schwarzen Fichten heben die Aeste gegeneinander und raunen und rauschen. Tiere kommen gelaufen, scheue Rehe, trotzige Hirsche mit der lieben Gefährtin zur Seite — und ich klinge, Hinge. Gemsen ziehen, gleitenden Schnee im Gefolge, von den Hängen herab. Ein Busfardpaar schlägt mit scharfem Flug in einer Fichte ein. O, liebe, klare Glocke du! Klinge! Klinge!
Wie ein Schatten fällt lautlos eine Eule in den Schnee. Schaukelt erregt den Kops, kommt schwerfällig näher und sitzt schließlich wartend im Kreise der anderen Tiere. Schlanke Marder, wie dunkle Baumäste, fahren näher, und schrecken zu starren Pfählen zusammen. In den Bäumen sitzen die Vögel so dicht, daß manche Aeste wie mit Tannenzapfen überladen erscheinen.
Ünterm Schnee spürt man die Bergmäuse. Sie sind so erregt, daß stellenweise die ganze Schneedecke zittert und bebt. Ueberallher ist ihr leise«, seinschnäuziges Pfeifen zu vernehmen ...
Mein Licht nimmt zu, bis an die Bergspitzen reicht jetzt sein starke«, tönendes Leuchten ...
Bon droben kommen, einzeln oder in Paaren, Latschen und Föhre» zum Platze. Der Wald tritt scheu zurück, um dem Trutzholz Raum zu machen. Alte, hundertjährige Latschen, vom Wind, von Eis und Lawine» zerfressen, nehmen unter der Menge Platz. Vom Tale kommen Füchse, Ottern und Iltisse, ducken sich so im Schatten der nadlichten Gesträuchs daß man nur noch ihre Augen als Heine grüne Kugeln aus dem Dunkel blitzen sieht. »
Tief teilt sich der Wald. Raunen geht durch gebeugte Wipfel, und Schnee dröhnt ächzend unter fernen, hallenden Schritten. Ein paar Schneehühner fallen wie Schneebälle mitten unter den erregten Tieren ein.
Mein Lied ist oertlungen — und nur mein Licht strahlt tiefer un6 wunderbarer aus meiner Seele Kelch ...


