Kuppelwteser dankte freundlich für den Gruß, kam über die Straße zu dem Kaufmann und meinte:
„Wissen S', Herr Schretzmayer, mir sind heut' zu viel Lent' in der Kirche. Ich vertrag' die schlechte Luft nicht!"
Kuppelwieser erachtete es für überflüssig mitzuteilen, daß er gerade, als er in die Kirche gehen wollie, den bürgerlichen Schneidermeister Wenzel Postrihac gesichtet hatte, der samt rundlicher Frau Gemahlin ebenfalls der Abendandacht beiwohnte. Meister Postrihac hatte nämlich ein dickes, großes Buch, in welchem der Herr Kunstmaler Kuppelwieser für gelieferte Kleidungsstücke mit vierundzwanzig Gulden belastet erschien. Der Schneider war zwar ein Engel an Geduld, aber von seiner Gattin konnten dies auch die wohlwollendsten Zungen nicht behaupten, weshalb Kuppelwteser es vorzog, die Abendandacht auf der Straße, in anregendem Gespräch mit Herrn Schretzmayer, abzuwarten.
... ®.a, er™?.n9 gedämpftes Orgelspiel. Die beiden Männer verstummten plötzlich. Während des ganzen Spiels wurde kein Wort mehr gewechselt. Und als das sanfte Adagio in ein brausendes Fortissimo ausgeklungen war, schien das abendstille Gäßchen den Atem anzuhalten. Nach einer Weile sagte Kuppelwieser leise:
„Ja, der Franzl ..."
Und Herr Dominik Schretzmayer, Hauptmann der Bürgerwehr, hatte einen roten Kopf und seine wasserblauen Augen waren in den Winkeln merkwürdig feucht, als er. bedächtig mit dem großen Kopfs nickend, meinte:
„Jaaa, unser Schulmeister ..."
Als die ersten Kirchenbesucher wieder die Straße betraten, nmchte Kuppelwieser die spontane Entdeckung, daß er sich tagsvorher leicht erkältet hatte, welcher Krankheitsfall die augenblickliche Anschaffung von „Hustenzsckerl" rötlich erscheinen ließ. Nachdem Herr Schretzmayer, die fleischige Rechte beschwörend auf die Gegend des Fettherzens gepreßt, versichert hatte, daß seine Hustenzetteln schon einen hoffnungslos Schwindsüchtigen vom sicheren Tode errettet hätten, betrat der Kunstmaler den Laden und nach Ankauf eines kleinen Päckchens Malzbonbons wurde die Unterhaltung im Lokale fortgesetzt. Sie dauerte gerade nur so lange, bis der verschlagene Kuppelwieser, durch die Spiegelung des Fensters der Geschäftstüre, den bürgerlichen Schneidermeister Wenzel Postrihac samt Frau Gemahlin (was die Hauptsache war) die Kirche verlassen und in die Marktgasfe einbiegen sah. Eben als Herr Schretzmayer über die schlechten Zeiten im allgemeinen und die wirtschaftliche Not des 5tauftnünn$ftanbc5 im besonderen eifervoll referierte, faute her , Maler schnell:
„Entschuldigen S', Herr Schretzmayer, aber grab kommt der Schubert Franzl vom Chor 'runter! Auf Wiederschaun! Wünsch guten Abend!"
Bor der kleinen eisernen Pforte, welche die schmale, gewundene Chortreppe von der Straße abschloß, stand ein untersetzter Mann, Mitte der Zwanzig, mit einem wirren braunen Lockenkopf und blitzenden Stahlbrillen vor den Hellen Kinderaugen. Franz Schubert, der Schulmeister von Lichtenthal.
„Grüß dich Gott, Kupperl! Warst du denn nicht in der Kirche?" jagte er, als er des jungen Malers ansichtig wurde und streckte dem Freunde die Hand entgegen.
„Servus, Franzl! Du, ich hab' schon taufend Aengsie ausstehen müssen. Der Postrihac hat nämlich seine liebe Frau Gemahlin zu deinem Orgelspiel geführt, na, und ich und mein Schneider haben doch in dieser kleinen Kirche keinen Platz! Mich wundert nur, daß er nicht auf dich gewartet hat." Schubert riß erstaunt die Augen auf, dann lachte er:
„Auf mich? Wenn du glaubst, daß mir der Postrihac, seitdem er aus die acht Gulden für meine Sonntagspantalons zweieinhalb Jahre hat warten müssen, je wieder etwas kreditiert, bist du leichtgläubiger als eine minderjährige Kranzijungfer, lieber Kupperl! Aber weil wir grab von ben Schulden reden, — hat dir mein Verleger einen Vorschuß für mich gegeben?"
Der Maler zupfte mißmutig an seinem blonden Schnurrbärtchen, dann grollte er:
„Franzl, wenn du einem Manne begegnest, der unter der Brust ein Loch hat, so groß, daß b' eine Angströhrn durchschupfn kannst — dieser Mann ist der Verleger Haslinger und das Loch hab ich ihm heut' in Sachen des Vorschusses für deine „Deutschen Tänze" in den Bauch geredet. Herr von Haslinger, habe ich gesagt, der Schubert ist furchtbar krank und muß morgen Zins, Quartier und Wohnung bezahlen, Nah- rung, Verpflegung und Essen kosten heutzutage auch ein heidnisches Geld, also Herr von Haslinger, rücken S' mit einem anständigen Vorschuß heraus! Und was glaubst, was er gesagt hat? Herr Kuppelwieser hat er gesagt, Sie wissen, die Zeiten sind schlecht, und wer kauft heute schon ,-Deutsche Tänze"? Ja, wenn es ein Schlager wäre, wie das „Wenn a der Steffel wackeln tuat ..das ist ein Geschäft, da kann man mit ruhigem Gewissen zehn Gulden Vorschuß geben, aber..."
„Ich bitt' dich, Kupperl, hör' auf", unterbrach Schubert ihn und setzte wehmütig lächelnd hinzu: „Wenn mir der Haslinger auch gleich zwanzig Gulden geben möcht', fände ich keine Melodie auf den .wackelnden Steffelft Also wieder nichts."
„Mach dir keine Sorgen, Franzl, tüchtig, wie ich bin, habe ich sofort den Lammwirt angepumpt, und Kavalier, wie er ist, hat er mir, ohne sich länger als die schickliche halbe totunbe zu sträuben, achtzig bare Kreuzer vorgestreckt. Davon steht dir selbstverständlich die Hälfte zur sofortigen Verfügung. Meiner Ansicht nach eine Unmenge Geld für einen - weltfremden Musikus, der auf den „wackelnden Steffel" keine Melodie finden kann und infolge dieses Geistesdefektes „Deutsche Tänze" schreibt, für welche wieder kein Verleger zu finden ist."
In diesem Momente trat aus dem Laden des Herrn Dominik Schretzmayer ein schlankes Mädchen mit einem Einkaufskorb am rechten Ann.
Als Kuppelwieser die jugendfrische Gestalt, mit dem kapriziösen Blond, kopfchen, erblickte, meinte er freudig betroffen:
„Ah, da schau her! Ich hab's gar nicht hineingehn sehen!" „Wer ist denn das, Kupperl?"
„Die kennst du nicht, Franzl? Das ist doch dem Weinbauer Schmatzer seine Tochter. Das liebste Mädel von ganz Grinzing und Umgebung.*
Und indem er Schubert über die Straße zog, rief er: „Junqfek Referl!' Das Mädchen drehte sich rasch um, und eine flammende Röt« überzog das hübsche Gesichter!.
„Wohin beim so eilig, Jungfer? Das ist mein Freund, der Schubert Franzl — Jungfer Referl Schmatzer," stellte Kuppelwieser vor.
„Der Schubert... der Herr von Schubert...?" stammelte verwirrt das Mädchen und machte unwillkürlich einen Knicks, wie er ihr in bet Original Pariser Tanzschule des Monsieur Bohuslav Wik als „Hof. knicks" eingedrillt worden war.
„Was entsetzt Sie denn so daran, Jungfer Referl?" fragte Schubert indem ein schüchternes Lächeln seine Lippen umspielte.
„Oh, nichts ... nichts, Herr von Schubert! aber ... aber ich war vorhin in der Kirche und da ... hab ich Euer Orgelspiel gehört ... und hab gar nicht glauben können, daß das ein Mensch ist, der da oben am Chor ... und ... und wie dann den Leuten die Augen feucht ae- worden sind, da ... da..."
„Da habens S' halt mitg'weint, nicht wahr!" unterbrach Kuppelwieser lachend die Zagende und fuhr ernster werdend fort: „Das ist aber durch, aus keine Schänd', Jungfer Referl, das soll schon Leuten passiert sein, die im gewöhnlichen Leben einen Pflasterstein im Brustkasten zu tragen scheinen, nicht so ein wachsweiches Herzerl, wie Sie eins haben!"
Da senkte auch das Lichtenthaler Schulmeisterlein verwirrt den Blick und sein Gesicht stand dem der Grinzinger Weinbauerstochter an Röte nun in nichts mehr nach.
Lange nachher, als Jungfer Referl schon im holpernden Seifert, wagen den weinseligen Gefilden Grinzings zugerüttelt wurde, dachte Franz Schubert noch immer darüber nach, daß es gar nicht anders möglich fein konnte; fo ein allerliebstes Persönchen mußte auch so eine reizvoll melodische Stimme haben. Und ein leiser Seufzer entrang sich seinem übervollen Herzen.
„Ach jaaa! Grinzing ..." seufzte nun auch Kuppelwieser und er fuhr schmerzvoll fort: „... aber um achtzig Kreuzer würden wir nicht allzu- viel Wein bekommen, wenn wir das Fahrgeld abrechnen."
Schubert griff begeistert nach des Freundes Arm:
„Gehen wir, Kupperl! Bewegung ist gesund, hab ich gehört, und in knappen dreiviertel Stunden können wir draußen fein!"
Und als in den Greinzinger Sckankgärten die flackernden Kerzenlichter unter die glänzenden Glastulpen gesteckt wurden, betraten die beiden Freunde bas kleine Laubengürtchen des Weinbauers Schmatzer, Noch nie hatte sich das schmucke Wirtstöchterchen um das Wohl der Gäste so oesorgt gezeigt, wie an diesem Abend. Ihre Blicke flogen immer wieder und wieder an den Tisch der beiden späten Gäste.
Nun, es folgten diesem einen noch mehrere Abende. So oft berat« schlagt wurde, wo der obligate Dämmerschoppen konsumiert werden könnte, meinte Kuppelwieser heuchlerisch:
„Den besten Wein hat halt der Schmatzer ..."
„... und den fchönsten stimmungsvollsten Garten auch ..." pflichtete dann Schubert bet und ohne ein Wort weiter zu verlieren, schlugen sie die Richtung nach Grinzing ein.
Und wieder an einem Abend faß nur der Lichtenthaler Schulmeister in dem kleinen Laubengarten. Auf den fragenden Blick der Wirtstochter sagte er:
„Der Kupperl ist heute bei einem Kunsthändler zum Abendessen ein« geladen, hoffentlich nehmen Sie auch mit mir allein vorlieb, Jungfer!"
„Aber ... aber Herr von Schubert!" ereiferte sich das Mädchen und eilte ins Haus.
Als es nach einer Weile wieder an Schuberts Tisch trat, sagte er verschämt zögernd:
„Herr von Schubert, darf ... darf ich Ihnen dann ein ... Brieferl geben ...?"
„Ein Brieferl? Jungfer! ... ja, ja ... freilich dürfen S' bas... Ach Gott, Referl ...", über und über rot, halte es Schildert gestammelt. Er wollte noch vieles, vieles sagen, aber schon mar das Mädchen wieder im Hause verschwunden.
Lange, unendlich lange mußte er sich gedulden. In ihm jauchzte und jubilierte es: dieses köstliche Mädel, dieses süße Gefchöpfchen und, und ...
Da kam die Jungfer. Mit dem duftenden Wein reichte sie ihm ein zusammengefaltetes Brieflein:
„.. und sagen Sie ihm, daß ich sehr böse auf ihn bin!"
Schon war sie davongehuscht.
Die hellen Kinderaugen des Lichtenthaler Schulmeisters blickten groß und starr durch die stahlgefaßten Brillengläser ins Leere. Und als zu später Abendstunde Herr Dominik Schretzmayer seinen Laden schloß, hörte er eine wehmütig klagende Weife aus des Schulmeisters Fenster klingen, welche ihm bis dahin noch fremd gewesen war. Sie ward zu dieser Stunde geschaffen und singt davon, daß Genie und Glück ach so selten beisammen wohnen.
Das Lied: „Vorüber, vorbei..."
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


