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als ftfy.-tffenber Künstler einen eigenen Typus darstelN.
er
Schubert und Goethe.
Bon Professor Dr. S). Freiherrn v. d. Psordte n.
Wer den 100. Todestag Schuberts zum Anlaß nehmen will, sich erneut mit dem Leben und Schassen des großen Meisters vertraut zu machen, dem sei des Versnssers feinsinniges Bändchen „Franz Schubert und dasdeucheLied in der Sammlung „Wissenschaft und Bildung , Berlag Quelle & Meyer, Leipzig. 160 Seiten. Geb. 1,80 Mark) angelegentlich empfohlen.
Goethe und Schubert: das wäre Stoff zu einer ganzen Abhandlung. Hier muß ich mich begnügen, ein paar Hauptmomente ^"uszuheben. Sie lange Reihe beginnt mit „Gretchen am Spmnrad am 19. Dltobei 1814 und schlient mit Liedern der Mignon aus „Wilhelm Meister 18-b, sie zieht sich also durch zwöls Jahre, durch sein ganzes-Leben, dürfen wir aaen Und gleich der erfte Wurf ist em unübertreffliches Melfterstuck. Mt dem G^etchenlied ist unser deutsches Lied geschahen und Zugleich ein Höhepunkt err?icht, zu'dem'Schubert selbst sich durchaus nicht beüeb g vcrnxüdyt hat. Stehen wir da nicht einem r widerspricht das nicht aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit. bestätigt das nicht die von mir angezweiselte Richtigkeit der alten Behauptung, daß es bei Schubert eine Entwicklung vorwärts und auswar überhaupt nicbt acaeben bat? Scheinbar gewiß. Schoner, charakteryüscher, ietben- schastlicher siegreicher in Form und Ausdruck, als in diesem wundervollen Lied d^s Siebzehnjährigen hat sein Genius nie gesungen. Also war es eben einfach ein Tschenk von oben, das er nur an uns weitergeben, nicht aber eigentlich selbständig weiter verwerten ausbauen und vertiefen konnte Oder anders ausgearuckt: feine ganze Eigenart Myr von
Wo »r * -- s ■*» «KtiSSS! Ti"™ t Das ist das ganz Einzigartige an feiner Erscheinung In der «w, i steht er aus Niemand würde, wenn wir es nicht wußten> von ^rn erraten daß Gretchen am Spinnrad" das erste Lied von GoeM war, das Schubert komponierte. Wie ja überhaupt diei chrmwl°gische Rechem lolae feiner Lieder kaum nach inneren, fast ausschließlich nach nutzeren Anhaltspunkten erschloffen werden kann. ^^in° regelrechte, stufenwe st. konsequente Entwicklung, wie nur sie oft beobachten, fehlt cher ganzttch. Keine Rede davon, daß die einmal gewonnene Hohe siegreich behaupt«, der einmal begründete Fortschritt durchgehalten ff" gi Meister dem Man fühlt sich versucht, zu ,ragen: wie kann ein lunger Mclsttt. dem das Gretchenlied gelungen ist, Überhaupt noch irgend «■“ wertiges schaffen? Wie kann er, nachdem er Zu Goethe gelangt ist und sich ihm kongenial erwiesen hat, wieder herabstergen^und soviel andere Dichter komponieren, die ihn unmöglich begeistern können. Wa-mn teilen sich die Lieder von Goethe so ungleich uber sem ganzes Schaffen k Ja, warum geht dieses überhaupt so im Zickzack von etnemUW anöwnY Das sieht eben doch planlos, ziellos, willkürlich aus, als regiere blinoer Zufall. Kein Wunder, wenn wir daran irre werden. Erinnern
Aber wir müssen uns dazu zwingen, es richtig13 f foalicb oedacht
wir uns nur immer wieder seiner Simmtat. Nichts i '
nichts bewußt gewollt. Alle gegründeten Vorstellungen und tuwartung^ Müssen wir fahren kaffen. Unbewußt, latent m seinem 8^
Entwicklung vor sich. Goethe läßt ihn Nicht mehr los, immer w.eoer
müssen sie sich finden. Aber das verhindert ihn nicht, auch noch alles andere auszutönen, was er mitempfand, auch noch allem anderen Ausdruck zu verleihen, was ihm begegnete und ihn ergriff, m unerhörter Vielseitigkeit, wir dürfen sagen Allseitigkeit. Seine prädestinierte Be- fähigung, Goethe zu fingen, erscheint uns als Gipfel feiner Genialität, sie hat ihn aber nicht auf diesen Gipfel gebannt und ist ebensowemg felbst dadurch defchränkt worden, daß er noch so unglaublich vieles andere umfaßte. Gerade daran erkennen wir, wie einfam er steht. Man hat rjugo Wolfs Vielseitigkeit mit ihm vergleichen wollen; sie ist aber eine ganz andere. Wolf hat sich ganz wenige Dichter erwählt, diese aber. soweit sie ihm tagen, zu erschöpfen versucht; daher sein zyklisches Llederschasfen. Schubert hat alles, absolut alles, vom Kleinsten bis zum Größten; und wo wir ihn hören, haben wir den Eindruck: hier ist er in feinem Element- hier herrscht er souverän. Das Studtiirn der Lieder von Goethe lehrt uns verstehen, wie er diesen unerschöpflichen Reichtum von Anfang an besitzt und allmählich gestaltet, immer sicherer, immer überzeugender, immer vollendeter. Es entspricht seinem ganzen Wesen, wie wir es kennengelernt haben, daß es auf diesem so ganz ungewöhnlichen ©thaffensgang an Ueberraschungen nicht fehlt. Rückschritt, Entgleisung und Mißgriff kommt immer wieder vor; bei federn andern muhten wir den Kopf schütteln. Hier aber gehört es notwendig zu dem ganzen Bud, das er uns von sich selbst entwirft. ,
Uebrigens muß demgegenüber doch gerade bei Goethe ein anderes Moment betont werden. Wir Haden von Schubert fast gar keine Skizzen, nur viele Lieder in mehreren Fassungen. Bemerken mir Zweierlei: entweder sie bedeuten, daß der erfte Wurf ihm nicht genügte,^ daß er also tatsächlich daran weiterarbeitete, wie z. B. beim „Erlkönig ; ober, und das scheint mir noch viel wichtiger, sie stammen aus ssanz verschiedenen Zeiten, wie die Kompositionen aus „Wilhelm Weister . Da sieht man recht deutlich, wie das Gedicht ihn nicht losläßt, w>e er es immer wieder komponiert, und sedesmal ganz anders bis er endgültig die befriedigende Lösung findet. Das läßt uns sofort an Beethoven denken. Ich gebe zu, solcher Fälle Haden wir nicht allzu viele; um fo beachtenswerter sind sie. Sie legen auch wieder die Frage nahe: warum nur st selten, warum nur gerade mit diesen Texten? Warum hat er nicht altes o ausreifen lassen? Wir werden wohl antworten muffen: weil ihm säst mmer schon der erste Wurf gelang. Aber Beispiele dafür, daß es auch einmal anders geschah, haben wir hier vor uns; immer aufs neue eine Mahnung, Schubert nach keiner Schablone, auch Nicht nach der bewährtesten zu meffen, sondern uns auf Schritt und Tritt zu überzeugen, daß
Kestern hören kann, ist es einigermaßen schwierig, sich vsrzustellen, welche Aufregung es in meinen Juaendtagen bedeutete, wenn wir eine Veethovensche Symphonie einmal innerhalb eines Vierteljahres vom Wiener Philharmonischen Orchester vorgespielt bekamen. Welch ein Orchester war das! Was für eine Musik! Diese Konzerte waren die großen Tagesereignisse ihrer Zeit. Jeder, der etwas vorstellte, war da. Große Musiker und Musikliebhaber kamen aus dem Auslande angereift. L t jz t «nd Wagner kamen persönlich, um Hans Richter, den Dirigenten tiefes wundervollen Orchesters, zu beglückwünschen.
Wir müssen urts diese Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, wenn wir die Werke Schuberts ganz verstehen wollen. Schubert kann als der kcköpfer des Volksliedes in hoch künstlerischer Form angesprochen werden: ich bezweifle, daß irgendjemand bisher ihn in dieser besonderen Kunstgattung erreicht hat. Seine Lieder sind erfüllt von liebenswertem, etwas sentimentalem österreichischen Temperament. Seine Symphonien Sind Meisterstücke der Kunst und all der Reichtum seiner melodiösen Er- indungsgabe tritt in seiner Kammermusik zutage, in seinen Quartetten, Quintetten und Oktetten. Seine Messen und besonders dis wohlbekannte Ls-Dur-Meffe zeigen die moderne Interpretation eines.wirklich Gläubigen, der frei von jedem allzu starren Dogma das göttliche Walten 8er5Der Melodienreichtum und die Vielseitigkeit Schubertscher Musik bedeuten einen wertvollen Schatz gerade für unsere heutige Zeit, in der sich die moderne Musik mehr und mehr von der Melodie entfernt und- —- tage nicht in der Lage ist, irgend etwas den klassischen Werken Gleichwertiges zu chassen — es versucht, einen neuen Weg für sich zu bahnen, der in der Richtung geometrischer und konstruktiver Kompositionen liegt. Diele Bedeutung, welche man den musikiechnischen und figürlichen Dingen zuwendet, ist ein - Zeichen unserer Zeit. Die berufenen Hüten des musikalischen Erbes unserer großen Meister sollten um so mehr Wert darauf legen, die besten Traditionen der klassischen Schule zu pflegen.
Niemand kann mich zu Recht beschuldigen, daß ich a pnon der modernen Schule feindlich gegenüberftehe. Als Erster habe ich Strawinsky, diesem doch sicherlich höchst modernen Komponisten seine Chance im Wiener Opernhaus gegeben. Aber ich liebe die alten Meister und halte mich bis zu einem gewissen Grade für den Schutzpatron ihrer Traditionen. Wenn die gegenwärtige Generation, die in einer ganz anderen Atmosphäre lebt, eine wirkliche Vorstellung von den Werken unserer Klassiker gewinnen und sie in ihrer ganzen Bedeutung und Schon- beit erfassen soll, so müssen diese Werke dem Herzen der Jugend bunt) eine wahre unb echte Interpretation im Geiste jener Zeit nahegebracht werben. In biesem Sinne bezeichne ich mich gern und freudig als einen Verehrer und Schützer Schubertscher Musik! —
Mein Webet.
Bon Ftanz Schubert.
Tiefer Sehnsucht heil’ges Bangen Will in schönste Welten langen; Möchte füllen dunklen Raum Mit ollmücht'gem Liebestraum.
Großer Baler! reich dem Sohne, Tiefer Schmerzen nun zum Lohne, Endlich als Erlöiungswahl Deiner Liebe ew gen Strahl.
Sieh, vernichtet liegt im Staube, Unerhörtem Gram zum Raube, Weines Lebens Martergang, Nahend erobern Untergang.
Töt' es und mich selber töte, Stürz' nur alles in die Lethe, Unb ein- reines- fräft’ges Sein Laß, o Großer!, bann gedeih».
Vorüber, vorbei. ..
Eine Schuberk-Gefchichke.
Bon Frank High man.
Ein tounbermilber Spätherbsttag im Lichtenthai. Die Glocken der kleinen Pfarrkirche rufen zur Abendandacht. Hell und reln zittern die N'äne im lauen Wendwinde nach, der die wurzrge Waldesluft von den rebenumrankten Höhen des Kahlenberges durch die Gäßchen de- kleinen Vorortes streichelt. Nun schwingen auch die tiefen Tone der Glocken des Domes von St Stephan herüber. Dumpf und. behäbig, als wollten sie ihren hellen Geschwistern im Lichtenthal ein Lied von altehrwürdiger Tradition herüberklingen. Ueber der Basteimauer ist noch ein Z'pfelche .. leben Er weist wie ein mahnender Finger gegen den
tiefblauen Abendhimmel. Das Gold seiner gotischen Rosi>ttehatblanke Lichter ausgesetzt, in denen sich die icheldenbe Sonne spiegelt und der Kaiierstadt Wien den gewohnten Gutenachtgruß zufunkelt. „
>fen tlanaen die Lichtenthaler Glocken leise jubelnd aus. «chrag aeaenüber der Pfarrkirche befand sich zu dieser Zeit der Geschaftsladen des bürgerlichen Spezereiwarenhändlers unb Hauptmanns der Burgerwehr Dominik Schretzmayer. Zwischen der ^malen nteberen Emgangs- tür stand der beruhigend aussehende Besitzer und besah sich gemächlich das Sttaßenbild Einzeln und in Gruppen strömten die Leute zur Kirche Als die Glocken verstummten, wurde der Zustrom immer dünner, und bald sah man nur vereinzelt hastende Herr Domimk Schretz-
inaner blickte nun einmal nach der andern Richtung und da bemerkte er einen schlanken jungen Mann, welcher unschlüssig ch emer Haustornische stand Als der junge Mann dem Spezereiwarenhandler das Gesicht zu- kehrte, machte Herr Schretzmayer eine- vehemente Verbeugung und ^°^G'horsimisten^Diener, Herr von Kuppel,viefer! Ra, Sie gehen> »ar nicht hinein, wo doch heut' Ihr Freund, unser Schulmeister, die Orgel spielt?"


