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Dies mancher
Der Künstler und sein Werst.
Von Walther A p p e l t (Plauen).
soll eine ganz einfache, leichte Plauderei werden, eine lose, in Hinsicht sogar anspruchslose Aneinanderreihung kleiner Züge Lebensgeschichte des einen und andern Künstlers. Episoden, —
. — । B.„rv„ a »I zu verweisen. Unh Thoma erzählt einmal, daß er das jetzt in der Dresdner Galerie befindliche Ziegenbild erstmalig nicht anders loswerden konnte als so, daß er es zu einem kitschigen Kunstvereinsgewinn — zugab. Und selbst bas gelang ihm nicht. Der Käufer behielt zwar begeistert den mit 300 Mark bezahlten Vereinskitsch, aber den Thoma, der nur 100 gesichtet batte, brachte er zurück. Dabei waren es nicht nur Auffassung und Malweise, die den Frühwcrken den Weg in die Oeffentlichkeit erschwerten, sondern — und das will uns gerade bei Thoma unbegreiflich erscheinen 77 auch die zur Darstellung gebrachten Stosse. In dieser Hinsicht kann
Thoma freilich mir Millet, Courbet und manch anderem seiner Vor- bilder, wie auch mit Böcklin, Liebermann, Corinth, Käthe Kollwitz usw. Lasten. Die längst zur ernstgenommenen Selbstverständlichkeit gewor- ^nen „juryfreien Kunstausstellungen", von Professor Sanbkuhl ins «den gerufen, kamen erst auf, als diese Künstler sich im großen und ganzen bereits durchgesetzt hatten. Sie haben manches Merkwürdige a^age gefördert, was eben so rasch wieder verschwand, haben aber doch auch Maler wie Nolde entdecken helfen. — Gar nicht genug dankbar annen wir jedenfalls all den Verkannten, Verlästerten und sogar Ver- umdcten dafür sein, daß sie mittig zu ihrem Werk standen und sich nicht ein ^aden Wegen ihrer Erkenntnisse abdrängen ließen. Wohl hat der £. aber andere in Perioden des Zweifels das eigene Können und oh»!/»'. "kk>ergedrückt von kränkenden Mißerfolgen, gering geachtet — ra "fc"ciner hat für die Dauer fein Selbst verleugnet, keiner der ganz »Mr sein Eigentliches im bequemen, einträglichen Kompromiß tn>m«tlnn’^n iossen. Das wird vielmehr immer bleiben, was es von jeher ist: Kennzeichen der Mitelmäßigkeit, wenn nicht vollends der ihr™*-’ S°paart mit Feigheit. Die Kunst verlangt nun einmal von ' n Ungern Opfer — bis'zur Selbstaufopferung.
aus der .... . ...
die übrigens den Vorzug der Wahrheit haben —, wie sie einem bei ständiger Beschäftigung mit den großen und kleinen Dingen der Kunst und der Kunstgeschichte nebenher immer wieder begegnen. Aussprüche oder Begebenheiten, in denen die Stellung eines Schaffenden zu feinem Werk, oder doch zu Teilen feines Werkes, zum Ausdruck kommt.
Tiefsinnige Betrachtungen sollen darüber nicht angestellt werden. Und nur einer gewissen Ordnung halber sei das Kleinmaterial in ein System gebracht, das vielleicht gar keines, sicher aber das einfachste aller etwa in Frage kommenden ist: Ueberjchätzt der Künstler sein Werk oder unterschätzt er es? Selbst wenn wir bedenken, daß das ausgesprochene Urteil nicht immer mit dem inneren des Künstlers übereinzustimmen braucht, — wofür es mannigfache Gründe gibt —, find die Fälle des Unterschätzens die weitaus zahlreicheren. Allerdings wird da, wo strenge Selbst- kritik Handlungen auslöste, eine Nachprüfung meist durch eben diese Handlungen und die von ihnen geschaffenen Tatsachen unmöglich gemacht. Der unlängst verstorbene französische Impressionist Claude Monet hat einmal in späten Jahren einem Sammler eines seiner ältesten Bilder ausgeführt, um es — zum begreiflichen Schrecken des Besitzers — kurzerhand zu zerstören. Es genügte seinen Ansprüchen nicht mehr. Seibl hat von Zeit zu Zeit, und besonders gründlich kurz vor seinem Tode, Skizzen und Entwürfe paketweise dem Feuer übergeben, — unter ebenso entrüstetem wie vergeblichem Protest der ihm Nahestehenden. Eine andere für diesen Künstler charakteristische Merkwürdigkeit war das Zerschneiden von Bildern, die ihm in der Komposition mißglückt schienen, in einzelne Teile. So sind die bekannten „Wildschützen" in der Nationalgalerie nur einer der drei Teile, in die das ursprüngliche Werk fragmentiert wurde. Auf anderen Bildresten, die Leibl immerhin der Erhaltung für würdig erachtete, sind vielfach nur Hände oder Kleiderteile zu sehen. Corinth, der Seibis Tun nach- sühlend zu rechtfertigen sucht, bedauert doch gerade den Verlust der „Wildschützen", die er in unzerschnittenem Zustande sah, ganz außerordentlich. Auch Liebermann hat einmal ein frühes Bild. Badende Knaben, vielfigurig und in Lebensgröße, zerstückelt. Im Gegensatz zu Leibl tat er das jedoch in der klaren Absicht, das Werk restlos zu vernichten. Durch einen Zufall blieben die Reste dennoch erhalten, wurden rund ein halbes Jahrhundert später wieder zusammengesetzt und — von fremder Hand — ergänzt, — mit dem Erfolg, daß Liebermann selbst den damaligen, überkritischen Gewaltakt bedauerte. Bon Wilhelm Busch, bem Zeichner- und Dichterhumoristen, der auch als ernster Lebcnsschilderer Wertvolles schuf, wird erzählt, daß er in gewissen Abständen Stapel von Oelbildern im Garten aufschichtete, um sie, als sei das ganz selbstverständlich, zu verbrennen. Anderes hatte er mit diesen Bildern, deren rein persönlicher Zweck im Augenblick ihres Entstehens erfüllt war, von vornherein nicht vorgehabt. Gleichwohl sollen sich darunter immer wieder Werke befunden haben, die alle Voraussetzungen, ihren Schöpfer zu überleben, erfüllten. Nicht viel anders als Busch die verbrannten Bilder bewertete, mag Cezanne, wenn wir nicht Zerstreutheit als entschuldigenden Grund annehmen wollen, die Arbeiten eingeschätzt haben, die er achtlos — oft bis zu dreien und vieren am Tage — im Gelände stehen Uetz, wo sie gerade enftanben waren.
Auch die Tatsache gehört wohl noch hierher, freilich mit Einschränkungen, daß Künstler ihre Werke oft zu Spottpreisen abgeben. (Die leider noch zahlreicheren Fälle, in denen die bittere Not sie dazu zwingt, stehen auf einem anderen Blatt.) Ms Spottpreife empfinden wir es heute, wenn Dürer zu Lebzeiten seine herrlichen Holzschnitte für je eine Mark verkaufte ober gar gegen Trinkhörner, Handschuhe und anderes vertauschte. In Wahrheit aber mögen bas, bei ber rein handwerklichen Einordnung des künstlerischen Schaffens, für jene Zeit durchaus angemessene Gegenleistungen gewesen sein. Viel schmerzlicher müssen uns die Mittel berühren, die große Künstler neuerer Epochen anwenden mußten, um nur überhaupt von denen, für die sie schufen, beachtet zu werden. Hier
Freilich hat es auch Künstler gegeben, die in selbstgefälliger und natürlicher, meist unberechtigter Ueberschätzung ihres Schafsens diese Opfer von den andern, wenn nicht gar von den Meistern der Vergangenheit gebracht sehen wollten. Beschränken wir uns darauf, das krasseste Beispiel solch eitler Ueberheblichkeit anzuführen: der mehr durch Reklamelärm und äußere Absonderlichkeiten als durch sein Schaffen „berühmte" italienische Futuristenhäuptling Marinelli machte einmal durch seine oder seiner Anhänger Forderung von sich reden, die klassischen Schöpfungen des Mittelalters und ber Renaissance knrzerkanb zu zerstören (unb für unliebsame Kritiker bie Tobesstrafe einzusühren!!!). Eine anbere als ihre Kunst, anbere als ihre Werke, verkündeten diese „Künstler", sollten hinfort keine Daseinsberechtigung mehr haben.
Wir sehen also, — unb es könnte durch mehr als die angeführten Beispiele belegt werden —: bie Frage, wie der Künstler zu seinem Werk sich stellt, ist meist ober immer zugleich bie Frage, wie er bas Werk anbercr wertet unb achtet. Und wir können ganz allgemein sagen: Gerechtigkeit gegen bie Schaffenstenbenzen anderer, die den eigenen fremd ober gar entgegengesetzt finb, ist eine ber wichtigsten Voraussetzungen, bie ein Künstler erfüllen muß, um als Mensch unb Schöpfer ernst genommen zu werben. Ohne sie bars er nicht erwarten, daß bie Mit- unb Nachwelt sich ber etwaigen selbstbewußten Würdigung seines Werkes anschließt, — ober sich bie Mühe macht, eine vielleicht zu strenge Eigenkriük als solche zu erweisen.
Ein Fest auf Hadersievhuus.
Novelle von Theobor Storm.
(Fortsetzung.)
Als bie Hochzeit auf dem Hof ber Braut gehalten war, zog Claus Lembeck nach der Insel zu seinem Burgbau; der Baumeister hatte ihn gerufen, denn zwischen den Werkleuten, ba bie borkigen Männer meist auf Seefahrt waren, befand sich viel fremdes und wüstes Volk, so daß des mächtigen Bauherrn eigene Person vonnöten war; auch stand bas Werk so weit gediehen, als dieser den Plan genehmigt hatte. Die jungen Ehesponsen aber zogen in der Frühe eines heiteren Aprilmorgens mit einem Gefolge von Dienern, Amtleuten und Frauen zu Wagen und zu Rosse nordwärts hinauf durch Schleswig nach bem Schlosse Dorning. Sie sahen nicht in weichen Kissen: nebeneinanber, aber jeder auf eigenem Rosse — Frau Wulfhild auf ihrem lichten Schimmel, auf seinem schwarzen Hengste Rolf — waren sie an ber Spitze bes Zuges geritten; boch oftmals brängten bie Tiere sich zusammen; bann warf bas Weib sich mit ber Brust zu ihm hinüber, bah Rolf nur kaum ben Hengst bezwingen konnte.
Der Tag war heiß geworden, und es war schon Nachmittag, als sie ben Weg zur Burg hinaufzogen. Ms sie oben burch ben ersten Mauerring geritten waren unb bie Husen ihrer Pferde auf die Zugbrücke schlugen, die über ben tiefen Zwinger herabgelassen worden, sah Frau Wulfhild unter sich hinab aus das Heer von spitzen Pfählen, womit ber Graben ungefüllt war: im selben Augenblick brang von drunten hinter einer Pforte ein wild Geheul herauf. „Was ist bas?" frug sie ben jungen Ehegemahl. s
„Da brunten, Wulfhild? Das sind meines Vaters liebste Hunde; er läßt sie nachts im Graben laufen, sobald die Brücke aufgezogen ist. Wir wollen sie töten lasten, denn es sind grimmige Wölfe, und statt der Spitzpfähle ein Würzgärtlein mit Blumen pflanzen!"
„So?" sprach sie sinnend. „Nein, nein, laß mir die Wölfe! Ihr habt einen weisen Vater, Rolf!"
„Nach Euerem Willen, hohe Herrin!" rief ber Ritter fröhlich.
Aber vor ihnen vom Pfortenturm blies itzt ber Wächter immer mächtiger, unb brunten aus ber weit offenen Torfahrt brang Getöse unb Waffenschall; ba spornten sie ihre Rosse unb sprengten ihrem Geleite voran hinein. In ber Mitte bes Hofes, um bie schon grünenbe, gewaltige Linde, standen Burgleute und Gesinde und begrüßten sie mit lautem Zuruf: „Heil Ritter Lembeck, unserem Herrn! Heil seiner schönen Fraue, Heil!" Sie zügelten ihre Roste, und Wulfhilds Auge flog wie herrschend über bie bichte Schar; als aber bie Leute jetzt zurücktraten, mürbe ein Brunnen bloß, in dessen steinernem Ueberbau ber Eimer hing. „Ha, Wasser!" rief sie. „Wer reicht mir zum Willkomm einen Trunk bort aus ber Tiefe?"
Da stürzten Männer unb Weiber an ben Brunnen, unb sie hatten ben Eimer abgerissen; aber er hing zum Glück in Ketten unb fuhr raffelnd in die Tiefe. Bald trat ber Burgwart mit einem Glaspokale aus bem Schloßtor, unb, nachbem er mit bem klaren Quell gefüllt war, bot ber Alte ihn ber Herrin bar.
Sie hob ihn auf, baß bie Sonnenstrahlen hindurchblitzten; bann trank sie unb rief: „Das Wasser ist gut hier auf ber Burghöh; aber, ihr Leute, Fran Wulshilb wird auch sorgen, bah es an Met unb Fleisch nicht sehle!"
Da erhob sich neuer Zuruf, unb bazwischen scholl von brautzen bas bumpfe Geheul ber Wölfe. Rolf Lembeck aber flüsterte zu seinem Weibe: , Du wirst gefährlich, Wulshilb: bu willst olles, mich unb meine Leute!
Sie lächelte nur; boch als sie brinnen im Gemach ben schönen Mann allein hatte, umschlang sie ihn mit ihren festen Armen: „Dich will ich, dich. Rolf! Was kümmert mich das anbere!" ,
Der junge Eheherr sah ihr in bie zärtlichen Augen, als ob er Rätsel lösen solle. t
Im Hofe braufeen war es allmählich leer geworben; nur Gasparb, der Rabe, ben bie Herrin nicht zurückgelassen hatte, saß noch unter ber ßinbe auf ber Steinbank, bie um ihren Stamm herumlief. Sinnenb safe er- er konnte seine Herrin: es war vom Blut bes grofeen Gerhard in ihr- bie Kunkel war ihr nicht genug. Mitunter fuhr ein dünnes Lachen biir’rfi seine schmalen Lippen; bann, wie mifebitligenb, schüttelte er ben Kovs: „Hüt bich, Frau Wulshilb!" — leis, doch in scharfen Akzenten, rief er gegen bas Burgtor hin — „ber Vogel ist noch nicht dein eigen!


