Ausgabe 
17.7.1928
 
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Seit dem Altertum ist die nützliche Biene beliebt und gern von N.-Aern besungen, aber auch die nicht nützliche, sondern nur durch ihr SsMmergezirp erfreuliche Grille oder Zikade fand stets viel Freunde. Pcatsu feiert» und liebte die Zikade, die eifrigste Sängerin des guten Ösvrsvter*. 5t; Gold nachgebildet war sie bei den antiken Damen ein brsrn-zuMer Haarfchmuck. Die jungen Griechinnen spielten mit den Tierchen, Man tst sie in zierliche Körbchen oder Käfige und hielt sie als Glücksbringer- trr. Haus. Mancher antike Dichter lieh seine Leier dem Tob einer DiebRngsztkate,die das Glück mit sich sortnimmt..

Ser Brauch, sich zu Beginn des Sommers Grillen zu schenken und dies« nie guter. Gedeihens zu betrachten, ist von Griechenland

noch Italien gewandert und hat sich dort bis heute erhalten.

Ar-hrckich beliebt tmb Gegenstand anmutiger Kinderlieber ist das Marien- öder Golteskäserchen. Das niedliche rote, schwarzbetupfte

Tierchen gilt allerorten als glückbringend und gottgeweiht, wahrend die meisten anderen, die unliebsamen Insekten für Teufelsbrut gelten, viel­leicht i» Erinnerung daran, daß die ehrwürdige Mythologie des weisen Mannes, die iranische Ueberlieferung dem Gott des Bösen, Ahriman, die Erschaffung der Jnsektenwelt zuschrieb. In Persien galt und gilt es für fromm und Gott wohlgefällig, schädliche Insekten zu vertilgen, und solches Tun ist Ahcera, dem guten Gott, Ahrimans ewigem Widersacher, geweiht. Wie neuerdings entdeckt wurde, ist übrigens die Beliebtheit des Marienkäferchens logisch begründet, denn es vertilgt in Massen schädliche Kleinwesen. Aus diesem Grunde wird es jetzt in Amerika sogar ge­züchtet. Ein anderer wichtiger Käfer, der seit dem Altertum in der Welt der Symbole eine Rolle spielt, ist der Scarabäus. Er gehört in Aegypten zu den heiligen Tieren und wurde als Sinnbild der Schöpferkraft ober des Sonnengottes verehrt, vielfach in Stein geschnitten oder m Ton gebrannt und als Amulett getragen. Diese Verehrung des heiligen Kasers, der nach Art und Familie zu den Mistkäfern gehört (Atemcus sacer) ver­breitete sich über das ganze Mittelmeergebiet und umgab das nützliche, den Mist verarbeitende Geschöpf mit großem Nimbus

Noch ein Liebling aus der Jnsektenwelt ist das lichtspentende GW- würmchen oder Leuchtkäferchen, das die kürzeste Nacht, die magische Jo­hannisnacht festlich durchschwärmt und durchleuchtet. In südlichen Lan­dern, wo es an Gröhe zunimmt und starkes Licht verbreitet, glüht es zuweilen statt eines Edelsteines im nächtigen Haar einer Schonen als Schmuck. Ein Heiliger soll beim Schein der schwirrenden Insekten fromme Schriften gelesen haben und in der Chronik der Besiedelung von Kanada wird erzählt, daß die Missionare, als sie das Kirchlein von Ville-Marie" einweihen wollten, kein Oel für die Lampen hatten, und ihr ewiges Licht mit Leuchtkäfern versahen. So wurde das liebliche Liebesglühen mystisch geweiht.

Trotz einer ausgesprochenen Schädlichkeit hat der Maikäfer etwas so possierlich gemütliches, daß er bei Kindern stets einen gewissen Er­folg hatte und auch ein Dichtergemüt zu begeistern wußte. Josef Victor Widmann hat in derMaikäferkomödie" das Ausschwarmen dieser Tiere aus jahrelangem Erdverließ mit wehmütiger Satire behandelt und ein großartiges Gleichnis mit menschlichem Leben rind Glauben aufgestellt.

Zu höchsten Ehren unter den Insekten kam der Schmetterling als Symbol für Psyche, die Seele, und Dante nahm das schone antike Sinn- bild auf, als er die Seeleangelika farfalla, den Engelsfalter nannte.

Sind auch nur einige wenige Insekten zu solch allgemeiner Aner­kennung und zur Dichterliebe gekommen, unter den Naturforschern hat es einige poetisch gestimmte Naturen gegeben, die Mit absonderlicher Liebe an der gesamten Jnsektenwelt Hingen, ihre Forschung mrt begei­sterter Liebe verklärten und ihr Leben diesem «tiidium mst frohem Opfermut widmeten. Ich erinnere an den deutschen Naturforscher Friedrich Wilhelm von Gleichen, der im runden Turm seines alten frän­kischen Schloß an rundem Tisch mit rührender Liebe die Monographie der Stubenfliege verfaßte, eines Tierchens, das gewiß m feiner Um­gebung nur Ungeduld und Zorii erregt. Gleichen bewunderte die jchil- lernten Flügelchen unter dem von ihm verbesserten Mikroskop und inalte, was er sah, mit sorgfältiger Freude. Er studierte die Pflanzen- und Jnsektenwelt im engsten Zusammenhang erfaßte deren inniges Sichdurchdringen, und beugte sich vor der ,,weisen Natur - der er mit dichterischem Schwung sein bedeutendstes BuchDas neueste aus dem ^Liebevo^versenkt stch'ein anderer Gelehrter, Rösler, in die Welt der Kleinsten und malt, was er beobachtet, zierlich ab in dem dreibändigen Werk Jnsektenbelustigung", das Einblick gewahrt in die stunmungs- volle behagliche und doch jo tüchtige Forschung des 18. Jahrhundert-- Jüngst wurde der Gedenkstein eines ähnlichen Insektenfreundes und For­schers enthüllt, der ihre Welt mit so hohem Dich erschwung erfaßt ha st daß man ihm den Namen einesHomer der Insekten gab. 1.5). Fabre war ein Bauer aus der Provence, der in Söngnan bei Orange lebte und sein Leben mit selbstloser glühender Liebe diesem Studium und- mete Er wurde spät, zu spät erkannt und anerkannt. Als die Wissen Last offtziell bei ihm "vorsprach, ihn zu feiern sah er a. und gelahmt aus seinem Bauernstuhl und konnte nicht einmal aufstehen für Den Besuch von Professoren und Behörden zu danken. Er lächelte wohl auch etwas herablassend über die späte Ehrung, denn ferne Freude und fein Stolz war ja die Arbeit selbst gewesen. ,

Um seinen Studien obzuliegen, hatte er seine eigenartige An g qeschasfen, ein« Pflanzenwildnis, die Insekten amiehen mußte und Gelehrten als Laboratorium diente. In diesemHarmas l>arrte lauerte mit unsäglicher Geduld auf die Insekten macht A rZtA Lebensumständen bekannt und drang em in die geheimsten Gewoy

^Do'ch diese Geheimnisse belauschte er nicht °ll°m '°ntern m^)i-!- eines mitbegeisterten Handlangers und Dieners Marius Gmgnes.A blttb sein treuer Studiengefährte obwohl ter ,U"gluckliche s t ine- Iugend erblindet war. Er konnte fich also nicht wie fern Meister an Buntheit und dem Formenreichtum der beobachteten Geschöpfe, metallischen Glanz ter Scarabaen und dem vornehmen 1 suni Libellen, am Schmelz ter Schmetterlingsflugel e^euen. es f«f » daß die poetischen Schilderungen Fabres seine Phantasie «E i Aber Marius' Gehör hatte sich m der Blindheit i°^ier° bb me[betE. schärft, daß er dadurch die einzelnen Insekten erkannte und ' Dem sommerlichen Konzert ihres Surrens, Summens ui reinerti stand er so vertraut gegenüber, wie em guter Kapellnieister l Orchester. Die hörende Beobachtungsgabe des> Marius sehende seines Herrn auf das genaueste, der Blmde konnte inl auf feine eigenartige Mitarbeiterschaft, und beide ForscherL,- turfaiflii< Hannes" selige Stunden wachsender Erkenntnis und tiefster 6er gung. Diese fand den höchsten Ausdruck in einer Antwott, cr Forscher dem Geistlichen seiner Gemeinde gab. Auf die Frag. an Gott glaube, antwortete Fabre:Nun, ich habe nicht nong, zu glauben, denn ich sehe seine Spuren täglich und überall, ihm der Glaube zu tief innerem Wissen geworden.

mutet. Wie es lila, dunkelrot, bräunlich in die Tiefe geht so stellte man sich das Gebirge anderer Planeten vor.

Kalifornien hat sich im Frühling Überraschend verschont. Wahrend es im Winter von einer fatalen Scheinüppigkeit war zunächst blendend, aber bei näherem Hinsehen kahl und auch im Sommer wieder bräunlich werden soll, ist es jetzt Ende März, Anfang April, wirklich grün. Ein paar flüchtige Wochen lang hat es atmende Bäume und lebendige Wiesen. Nun endlich ist es eine Landschaft, die man lieben könnte.

In San Franzisko war ich nur einige Tage. Aber ich merkte sofort: dieses ist eine Stadt. (Los Angeles, Hollywood sind nur ungegliederte Riesenansammlungen von Häusern und Automobilen.) San Franzisko er­innert mich an Marseille, manchmal auch an Neapel. Es hot die steilsten Straßen, die ich jemals für möglich gehalten hatte; vom Drahtseil ge­halten klimmen die Trambahnen nach oben. Das gibt dem Bilde der Stadt etwas Buntes, fast Wildes, und viele großartig weite Ausblicke über Dächer und Hügel zum Meer. .. ' . ,

Franzisko hat jene wunderbare Atmosphäre von Ausfahrt und Aus­bruch, die fast allen großen Hafenstädten eignet. (Es erinnert nicht umsonst an Marseille.) Mischung der Rassen, der Geruch fremder Völkerschaften, charakterisiert das Gesicht solcher Orte. Das Chinesenvierte etwa ist hier nicht wie in Neuyork oder anderswo künstlich erhaltene Sehenswürdigkeit für Fremde, sondern Element, Teil der Stadt. Stehst du überm Goldenen Tor, wo die Vorgebirge sich zum Stillen Ozean öffnen, so ftihlst du dich an ter Pforte zum fernen Osten (vor allem, wenn du dein Dampferblllet nach Japan schon in ter Tasche hast). , .

Hafenstädte liebt man, weil man weih, baß man sie bald verlassen darf. Ich erlebe San Franzisko als die letzte amerikanische Station, also schon abfahrtbereit und ohne die letzte Konzentration. Dabei ist es vielleicht die schönste Stadt der Vereinigten Staaten; nut den steilen Straßen, weiten Plätzen und den unvergeßlich schönen Parks, die zur Küste führen. Aber für uns bedeutet es letzte Station vor der Ausfahrt.

Insekten und wir.

Von Alexander von G l e i ch e n - Ru ß w u r m.

Als Meister der Auslegung aller Angstgefühle hat Maeterlinck ein­mal erwähnt, daß der Menfch einen instinktiven, tief aus seinem Unter« bewutztsein aussteigenden Abscheu gegen die Jnsektenwelt suhle, wie eine Ahnung, als handle es sich um geheimnisvolle Feinde unseres Geschlechts vielleicht um Erben und Nachfolger unseres Herrschertums.

Aehnlichen Empfindungen hat Scheffel Raum gegeben, intern er das Ablösen der großen und größeren durch immer kleinere betrachtete und der Befürchtung das Wort lieh:

Zuletzt triumphier in Saus und Braus das Jnfuforiengesindel."

Zuerst in Urzeiten und überall, wo noch Urzustände herrschen, im

Urwald und Ursumpf sind nicht die großen und reißenden Tiere die

schrecklichsten Feinde, nicht die Schlangen und Vierfüßler, sondern die

Kleinen und Kleinsten, die beißenden und stechenden Myriaden quälen­

den Ungeziefers. Wir stehen vor der Herrschgewalt der Insekten.

Sie müssen bas Leben des Urmenschen qualvoll gestaltet haben und noch heute erschweren sie auf das grausamste in manchen Gegenden das Dasein. Heerscharen gewisser Termitenvölker überfallen und ver­nichten in Tanganyicka und Trinidad noch heute mit regelrechtem Ueber- fall, nicht anders ausgeführt als geschähe er von menschlichen Feinden, _ ganze Dörfer und vertreiben die Einwohner, sie töten und verzehren große Haustiere wie Ziegen und Schweine. Aehnlich verheerend treten Termiten in Australien und Pinna auf. In Indien frißt die Ameise bis zum Oelbild, was europäische Kultur als Schmuck einführen wollte.

Es ist dem Menschen oft von überspannten Sozialphilosophen ver­übelt worden, daß er für die interessante Ameise nicht so viel übrig hat, wie für die Biene, aber in seinem Unterbewußtsein lebt vielleicht das Grausen fort vor einer urweltlichen Ameisenherrschaft die Ameise war ja schon militärisch und technisch klug ausgebildet, als der Mensch noch hilflos und blöd über die Erde stapfte. Ihre soziale Wissenschaft ist viel ehrwürdiger als seine und wahrscheinlich verhältnismäßig viel vollkommener. So sprach schon Salomo:Gehe zur Ameise und lerne." Mancher Forscher versuchte schon festzustellen, daß sie im Gesamtreich des organischen Lebens uns in bezug auf Organisation am nächsten kommen, wenn sich das äußere Ansehen auch nicht vergleichen läßt. Sie sind politische Tiere, stellen sich in Schlachtordnung auf und einige Arten haben imperialistische Tendenz, sie unterjochen schwächere Völker. Und dann, wer hat noch nicht gesehen, daß eine Ameise, die in Verlegenheit gerät, wohin sie sich wenden soll, es nicht anders macht als ältere, wichtige Herren im gleichen Fall, sie kratzt sich hinter den Ohren.

Doch der Mensch hat im allgemeinen Widerwillen gegen alles, was keuckt, vielbeinig kreucht ober hinterhältig anfliegt. Die meisten ekelt es, sei es in. rmdewußter Erinnerung vor dem noch so bewundernswerten Fliegen und Krabbeln. Nur einige wenige Insekten erfreuen sich von scher einet gewissen Beliebtheit und spielen im Gemütsleben des Menschen eine sympathische Rolle.