Ausgabe 
17.7.1928
 
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Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang <928

Dienstag, den <7. Juli

Nummer 57

Das ersehnte Gewitter.

Von Friedrich Theodor Vischer.

Es glüht das Land, es lechzet Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet Nach einem Tropfen Tau.

O Himmel, brich! Erschließe Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße Herab ins schwüle Tal!

Er hört. Im Westen webet Und spinnt ein grauer Flor;

Er ballt sich, schwillt und schwebet Als Wolkenberg empor.

Jetzt mit den Feuerzügeln Fährt auf der jähe Blitz, Und auf den lüft'gen Hügeln Löst er sein Feldgeschütz.

Heut hat man baß geladen, Es zuckt wie gestern nicht In fahlen Schwefelschwaden Ein stumm verglühend Licht.

Wild schießt der Strahl, der grelle, Aus dichter Wolkenwand, Rings lodert Geisterhelle, Der Himmel steht in Brand.

Es kracht. In Ketten wandern Die dumpfen Donner fort. Von einer Wacht zur andern Rollt hin das Schlachtenwort.

Was atmet, rauscht und sauset? Frischauf. Der Sturmwind naht, Der Wald erbebt und brauset, In Wogen geht die Saat.

Schon dampft ein Meer von Würzen Aus der behauchten Welt, Und satte Wetter stürzen Auf das geborstne Feld.

sind viel zu viele. Wo ist hier Ueberhetztheit? rab von Neapel. Das ist, bewiesen mir meine

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Was den Beobachter täuscht, ist, neben dem allgemeinen Vorurteil, ' Clr- ' - - - - - "üldert;

Ansichtskarten aus amerikanischen Städten Von Klaus Mann.

Copyright by R. Piper & Co., Verlag, München.

Neuyork

Ich muß hier etwas ernsthaft sehr Beschämendes zugeben: Was Neu- york angeht, so habe ich mich zunächst durch ein tausendfach verbreitetes Vorurteil täuschen lassen. Man hat unzählige Male gesagt und auf« geschrieben: Neuyork die Stadt des ungeheuerlichen Tempos; die Heber« großftadt; BerlinLondonParis in der zehnten Potenz. (Endlich habe ich es auch geglaubt; so unselbständig denkt man, es ist eine Schmach.)

Denn man hat unzählige Male gelogen, falsch stilisiert. (Berlin ist viel amerikanischer.)

. Aufmerksame Freunde haben mich drauf gebracht. Sie sagten ganz richtig: Aber bitte wo ist denn das Tempo? Alles geht ziemlich langsam. Ohne große Eile schiebt man sich auf den Trottoirs. Die Autos können gar nicht schnell fahren, es find viel zu viele. Wo ist hier Ueberhetztheit? Mr find auf dem Breitengrad von Neapel. Das ist, bewiesen mir meine ichiauen Freunde, eine südliche Stadt.

,5 Straßenbild. (Niemand hat es so genial wie Alfred Kerr geschildert; mnNeuyork-und-London"-Buch ist eine Aufregung und ein Genuß.) -Wolkenkratzer und Autoarmeen geben leicht eine Improviston vonMe- »"poüs". Beides ist durch den Platzmangel der Jnfelstadt zu erklären, sie, anstatt sich auszudehnen, in die Höhe wachsen mußte, hat mit Wtn Tempo nichts zu tun.

hat ihre Geräusche viel zu scharf und ratternd hingestellt, den tiA»?rston 3u kalt, zu exakt und zu kurz angebunden. Es ist in Wirk- aninkL ®,ar nicht so preußisch. Der Mann, den du nach der nächsten Unter« sr MaUon fragst, antwortet dir mit wienerischer Liebenswürdigkeit. enil bekommt die Stadt etwas Iahrmarkthaftes. Sie gebärdet «lochst Phantastisch, sie strahlt, funkelt, läßt ihre Beleuchtung kreisen und

schweifen. Welche Lust des Anpreisens, was für kindisch raffinierte Re­klametricks!

Das ist, noch einmal feis gesagt, eine südliche Stadt, ich schäme mich bitterlich, es so spät erst festgestellt zu haben. Dieses ist eine Berichtigung. Man hat Neuyork falsch geschildert: gleichförmig, mechanisiert, in einer ununterbrochenen, wütenden, unbarmherzigen Hetzjagd dem Dollar nach. Alles Schwindel: Keine Stadt ist weniger gleichförmig als Neuyork, aber manche hat ein schnelleres Tempo. Der einzigartige Reiz Neuyorks besteht in feiner gigantischen Buntheit. Kerrs Buch hat diese gigantische Buntheit mit anbetungswürdig schnoddriger Meisterschaft geschildert; aber er hat, fürchte ich, dem Vorurteil vomTempo" neue Nahrung geliefert.

Und wir sollen, das ist gerade in Kerrs Sinn, Vorurteile zerstören, wo es nur geht.

Boston.

Man sagt, Boston habe diealte amerikanische Kultur". Das ist natür­lich ein komischer Irrtum. Boston ist die allereuropäischste Stadt der Ver­einigten Staaten, seine Atmosphäre ist englisch. Nichts kann unamerika­nischer fein, als diese stillen Straßen mit den niedrigen Häusern, wo die feinen und zurückgezogenen Bürger wohnen. (Manche Partien der Stadt erinnerten mich an Bremen.) Sehr viel Tradition, noch mehr Stolz auf diese Tradition. Niemand kaut Gummi, man interessiert sich für Musik und Bücher. Es wird hier auch nicht amerikanisch, sondern englisch ge­sprochen. Die Leute von Boston tun sich was auf ihre Mundart zugute.

Ueberatt die würdevollste Ueberlieferung. Im alten Gasthaus, eine halbe Stunde vor der Stadt, soll Longsellow sein allerschönstes Poem gedichtet haben, man erfährt es nicht, ohne Rührung. Altertümliches Gerät ist aufbewahrt, hohe Betten, schwere Krüge und das unbequeme Eßgeschirr. Daß das Gasthaus 300 Jahre alt fei, erzählt die Wirtin uns mit ehr- furchsvoll gesenkter Stimme. Mit dem Dichter Longsellow wird in dieser Stadt viel sentimentaler Kult getrieben; ich habe auch sein Geburtshaus bestchttgt und verschiedene Orte, wo er sich aufzuhalten beliebte.

Liebenswert ist die hügelige Landschaft von Neu-England. Am Zauber­haftesten habe ich sie im Herbst gesehen, fo bunte Wälder gibt es auf der Welt nicht mehr. Diese Gegend ist nicht faszinierend, wie das hoch- berühmte Kalifornien. Aber während Kalifornien nicht standhält zu­nächst paradiesisch scheint, aber eigentlich öde ist, wächst einem die Landschaft von Neu-England immer angenehmer und vertrauter ans Herz. Sie ist sanft und belebt. Ein paar Tage in diesen Bergen zugebracht zu haben, bedeutet Erquickung und Freude.

Ich verlasse Boston voll der herzlichsten Gefühle. Nur habe ich nicht den Eindruck, ein sehr typisches Stück Amerika kennengelernt zu haben.

Lawrence in Kansas.

Eine Zeile zur Erinnerung an Lawrence im Staate Kansas, denn wir haben auch dort über deutsche Jugend vorgetragen. Kleine Universitäts­stadt nicht weit von Kansas City entfernt, was etwa der Geburtsort des TypsBabbit" sein dürste. Dieser Staat gilt als die Hochburg des Puritanismus, hier wurde das Prohibitionsgesetz ausgedacht, und hier war sogar, ein Jahr lang, das Zigarettenrauchen verboten.

Trotzdem werden hier die Fremden nicht gelyncht, im Gegenteil, man begegnet ihnen aufmerksam und zeigt ihnen alles. Zu unseren Ehren hat man sogar gesungen, denn die Studentenfamilie, bei der wir zu Gast waren, tut sich durch besonderes Musikverständnis hervor. Diese Familien heißen in den amerikanischen UniversitätenFraternities", und sie haben ein sehr trautes Zusammenleben. Man sang also vor Tisch etwas Frommes, einen Choral; nachher nur akademisch Munteres. Nie vergessen werde ich den Empfang, mit dem die Fraternity uns ehrte. Es war schön, mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen denn es sind Kameraden, wenn auch in vielem uns so fremd geartet aber die alten Damen fragen zu viel. Wenn ich schon dieses fürchterlichehow do you like our country? höre. Eine wollte wissen, was wir in Deutschland für neue Harfenmusik haben.

Später besichtigten wir, was es zu besichtigen gibt. Vor allem das Stadion; es faßt 60 000 Personen. Ich weiß nicht, ob Städte wie Hamburg ober München dergleichen aufweisen können. Am bemerkenswertesten ist, daß Lawrence als die einzige Stadt im Lande eine eigene Universität für Indianer hat, 100 Schüler, und sie sollen sehr intelligent sein. Ein eigenes Stadion haben sie natürlich auch. Der Indianer wird nicht, wie der Neger, verachtet. Man bringt ihm, demUreinwohner" des Landes, eher eine gewisse Pietät entgegen.

Mehr weiß ich von Lawrence im Staate Kansas nicht zu erzählen.

San Francisco.

Wieder in Kalifornien. Zwischen hier und dem Mittelwesten liegt ein erstaunlicher Eindruck: Grand Canyon, die große Schlucht. Das ist jenes Naturwunder, hoch oben in Arizona, eine der vielen Rekordleistungen Amerikas, nämlich der Rekord einer unwahrscheinlichen Landschaft. Man hätte etwas, wie diesen farbigen Abgrund niemals auf unserer Erde ver-