Ausgabe 
17.4.1928
 
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Kreuz gesprungen.

ein anderer die Gruppe übernehmen.

Mein lieber Geld haben und

Der Generalreeder.

Erzählung von John B r i n ck m a n. (Fortsetzung.)

Und dann sitzt man eines Abends in der Kantine. Der Tabaksqualm bindet die Gesellschaft der weißen und farbigen Artisten in eine Ein­heit; von Tisch zu Tisch fliegt die Unterhaltung: irgendwo spielt einer auf der Mundharmonika ein russisches Volkslied. Plötzlich kommt die Stallwache herein gelaufen, und schnell schweigt der Scherz der Feier-

Heuer," schrieb er,es ist immer hübsch, wenn Leute geneigt sind, anderen mitzuteilen, die unglücklicherweise keins 'haben. Die gesellschaftlichen Zustände werden dadurch nicht nur etwas ausgeglichen, sondern auch gemütlicher. Wollen erstere aber letzteren gegenüber aus solchen, noch dazu unerbetenen Mitteilungen Anwartschaft auf eventuelle Auskehrung herleiten und spicken solche Anwartschaft mit abgestandener Moral, dann sind sie bestens Wucherer und verdienen nicht, bezahll zu werden. Ich habe augenblicklich kein Geld, nehme auch bisher kaum soviel ein, als ich für meine Person brauche, sonst wurde ich Ihnen recht gerne dienen. Sie wollen sich also besserer Zeiten getrosten, und wenn Sie das nicht können, beherzigen Sie den Grundsatz, obschon die Ansichten darüber geteilt sein werden nie etwas Gutes zu tun, damit Ihnen nichts Böses widerfahre. Ergebenst Schwank."

Ich kann wohl sagen, daß mir der Verlust meiner Stellung und meines Kapitals bei Maßfelt arg an die Nieren ging, aber als ich diesen infamen Brief gelesen hatte, da fühlte ich, wie mir die Galle überlies und bis in die äußersten Haarspitzen hinaufstieg.

Ich bin aber nie der Mann gewesen, ein Spiel als verloren hinzu­werfen, ehe es ganz zu Ende gespielt ist. Noch am selben Abend nach Schluß des Theaters suchte ich ihn bei Milan! auf. Er mar auch richtig da und saß da zwischen seinen vornehmen Kumpanen und hatte ctne Flasche Cliquot vor sich. Er verfärbte sich etwas, als er mich sah. Ich ging gerade auf ihn zu und sah chn so fest an, daß er die Augen wieder

zwei Wagen. Ich lockte die Löwin mit ihrem Namen, rollte eine Trans- porttiste heran, den geöffneten Schieber nach dem Tier gewendet. Ader die Löwin kniff aus, immer unter den Wagen entlang. Ich mit der schweren Kiste nach, den ganzen Gang dreimal herauf und herunter. Schließlich hatte ich sie in einem freien Winkel schachmatt gesetzt, dabei aber die Transportkiste so unglücklich plaziert, daß ich nur dann zum Falldeckel gelangen konnte, wenn ich auf drei Schritte an der Löwin vorbeiging. Ungedeckt!

Na, mir war einen Augenblick etwas kribbelig. Aber was wollte ich machen? Ich tat, als sehe ich gar nicht die fauchende gelbe Katze, ging ruhig sprechend an ihr vorbei, zog die Kiste heran, das Tier sprang hin­ein, und dann habe ich den Deckel herunter geklappt. Es war ganz ein­fach; nur, wenn sie mich angesprungen hätte, wäre ich in dem schmalen Gang eben verloren gewesen.

Während des Sommers spielt der Zirkus im Chapitau, dem großen Zelt aus Segeltuch. Und dann stehen hinten auf umzäumten Platz die Wohnwagen der Artisten, einer neben dem andern, eine fliegende Stadt. Die berühmten unter ihnen haben ihren eigenen Wagen, mit einer Veranda, Blumenbrettern vor den Fenstern und einer aufklappbaren Treppenleiter. Meist liegt ein Schäferhund als Wache vor der Tür; ab­geschlossen wird nichts. Die andern Artisten aber, die namenlosen, Hausen in Gruppen zusammen, nach Nationalitäten getrennt, hängemattenartig befinden sich drei Schlasstätten übereinander, und mit jedem Ouadratzentt- meler Raum wird gerechnet.

Besonders interessant ist der Wagen der Manegenelowns. Da quiekt ein dressiertes Schwein, kluge Pudelhunde und ein Kanarienvogel sitzen friedlich am Boden, überall liegt Flitterzeug, hängen Kostüme, und aus geöffneten Koffern leuchten groteske Requisiten: ein riesengroßer Hand­schuh, Feuerwehrhelme aus Pappmachee, eine gigantische Sicherheits­nadel, Trompeten, eine Miniaturleiter und eine kaputte Trommel. Gerade chminkt sich der Clown sein Gesicht weiß; ein anderer kommt, mit Sand verklebt, aus der Manege zurück; zwei Kinder hocken im hintersten Winkel des Wagens verkrochen und üben auf blechernen SaxophonenValencia! Draußen auf der Wiese dürfen sie das nicht, sonst schimpfen die Ballett- mädchen, die neunzig an der Zahl auf drei Wohnwagen verteilt, eben ihr Mittagsschläfchen halten.

Um fünf Uhr morgens beginnt der Stalldienft. Ab 7 Uhr wird in bei Manege geprobt. Jeder Artist hat seine bestimmte Stunde, jeder wacht eifersüchtiq, daß ihm keine Minute weggenommen wird, denn die Proben sind unentbehrlich für alle, Tag für Tag. Meist bleibt der Raubtierkasig über Nacht aufgebaut in der Manege stehen, und daher proben die Doinp- tcurc zuerst. Inzwischen turnen die marokkanischen Parterreakrobaten m allen Gängen, und auch die Japaner finden irgendwo einen Winkel, um Balanceübungen zu unternehmen.

Wo immer du am Morgen in einen Zirkus kommst, gib acht! Nie bist du sicher, ob nicht an der nächsten Biegung ein Elefant auf den Vor­derbeinen steht oder eine türkische Bauchtänzerin ihre Schlangen aus­lüftet. UeberaU liegen Seile, Drahtschlingen und Bambusstangen über den Wegen, und mehr als einmal ist mit ein aufsässiger Ziegenbock ans

Ans jahrzehntelanger Vertrautheit mit den reifenden Zirkusunterneh- mungen Europas feien zur Bekräftigung des vorher Gesagten einige Streiflichter gegeben, frohe Ausschnitte und tragische, zusammenhanglos, bunt, wie das Zirkusleben selbst.

Im sesten Gebäude führt der Reitergang aus der Manege nach den Stallungen. Seitlich davon sind die Artistengarderoben, meist ein schlauch- artiger enger Korridor, eigentlich nichts weiter als der Hohlraum unter ben aufsteigenden Rängen des Zufchauerrunds. Solch eine Garderobe wird ausgefüllt durch einen langen Tifch an der Wand. Davor steht eine lehnen- laje Sitzbank und gegenüber befinden sich die schmalen, eisernen Garde­robenschränke. Es gibt keinen Komfort dort; schirmlose Glühbirnen sind an der Kalkwand sestgemacht, Spiegelscherben lehnen da und Pappschachteln mit Kreide, Puder und Schminke. Hin und wieder steckt eine Postkarten­photographie an der Mauer.

Auf dem Tisch aber liegen die Requisiten: Revolver, Eisensrangeil, Peitschen, Ledergamaschen, eine Frackkrawatte, Nasen aus Papier und Sterne Sporen. Da sitzen nun die Männer, Stallmeister, Schulreiter, ompteure und Akrobaten, ziehen die roten Uniformen mit den gold­strotzenden Fangschnüren an, säubern das Beschläge des Zaumzeugs, rauchen ihre Pfeifen, schlafen vielleicht noch fünf Minuten oder prüfen ihr Aussehen mit einem letzten kritischen Blick.

Eben kommt der junge Voltigenreiter von seinem Auftritt aus der Manege. Das weihseidene Sporthemd klebt ihm auf Brust und Rücken, v atmet stoßweise und ruft noch unter der Tür dem Pserdeburfchen zu: »Reib mir den Maestoso gut trocken und lockere die Bandage am hin- «ren Fuß!" Dann zieht er sich das Kostüm aus, raucht schnell eine Cigarette und steht eins zwei drei wieder in der Stallmeisteruniform da; benn zu den Pflichten eines jungen Reiters gehört, den ganzen Abend an bet Piste zu stehen: Herrendienst, drei Stunden lang, ununterbrochen nur »urch den eigenen Auftritt.

Vor mir fitzt der alte Eisbärendompteur, vor sich eine Holzkiste, in die tt Rübenschnitzel schneidet. Er ist noch in Zivil, feine Nummer kommt erst ium Schluß des Programms. Aber den ganzen Abend arbeitet er für sture Tiere. Sauber wird jede Rübe geschält; schließlich holt er noch einen Aanz Feigen für die jungen Bären; jede einzelne schneidet er mit seinem Messer entzwei, zu sehen, ob sie wurmfrei ist.

Und dabei erzählt er, erzählt mir die Geschichte, wie er vor acht Jahren u> den Zirkus kam, morgens gegen neun Uhr, und die Burschen und Be- rener aufgeregt im Gang standen. Eine Löwin war ausgekommen; beim Wagenwäschen war der Wärter unvorsichtig gewesen, die tyaUtüre blieb Wngen, und jetzt spazierte das Tier unter den Käfigwagen herum, knur- n » 11V1 nervös gereizt. Man hatte die beiden Enden des Raubtier- ualls mit Kisten und Brettern verrammelt, so daß die Löwin wenigstens uuht zu den Pferden hinüber wechseln konnte. Aber schon waren die Äetk^n lltrö®5 geworden, sie trompeteten wild und zerrten an ihren ».Der Bärendompteur, damals schon 25 Jahre im Fach, fragte, wo der t^^anbificr sei, zu dessen Gruppe der Ausreißer gehörte.Hat Urlaub wte! Was blieb mir weiter übrig so fuhr er in feiner Erzählung ich nahm einen Knüppel und turnte über die Barrikaden hinweg, mitten, bei den Leoparden saß das Biest, ganz tief in der Ecke zwischen

Hinter dem Jirkusvorhang.

Von Paul E i p p e r. , ,

. einem alten Konduitenbuch der Artistenfamilie Bronett las ich .in? Eintragung aus dem Jahre 1821, woselbst der hochwohllöbliche fflwiftrai der Freien und Hansastadt Lübeck dem Kunstreiter Goldkette mit «rief unb Siegel bestätigt,daß er sich hierorts anständig aufgeführt und L np Publikum durch seine Künste erfreuet habe".

Anständig aufgeführt! Dies dem Kunstreiter zu bestätigen, hielt der ffiaaiftrat für angebracht; galten doch Seiltänzer, Zirkusleute und wan- hmibe Artisten als Menschen zweiter Klasse, als Zigeuner und Vaga­bunden, im Jahre 1821.

Und wir wollen ehrlich sein rümpft nicht auch noch im Jahre M mancher Bürger die Rase, wenn er von Zirkusleuten hört?

Solche Ansicht zeugt vom gleichen Unverständnis des Urteilers wie jene Meinung, daß das Zirkusleben ein romantisch ungebundenes spielerisches fiinaleiten sei, von einem Tag zum andern, heute hier, morgen dort, ohne Sorgen und ohne Pflichten. Ein bißchen Musik, ein paar Kunststücke, filitter und Tand.

Weit gefehlt! Kaum nirgendwo herrscht größere Disziplin, wird mehr und intensiver gearbeitet als beim Zirkus. Wie auch alle wahrhaftigen Kräften ernste, in sich gekehrte Menschen sind, von Zunftsstolz erfüllt, aif Reinheit der Familie und der Stammesfolge bedacht. Sie wissen zu leier Stunde des Tages, daß in den zehn Minuten des Auftritts die Höchstleistung gegeben werden muh an Kraft, Mut und Geist, vom Raub- tierbompteur ebenso wie vom Trapezturner, vom Clown und vom Herren­reiter Denn neben jedem Auftritt steht unsichtbar irgendwo der Tod.

Diese Sachlichkeit interessiert uns am Zirkusmenschen. Hinzu kommt seine Tierverbundenheit und schließlich die großartige Einstellung dieser Wenschengmppe zur Umwelt. Sie stören keine Grenzen, weder Zoll­schranken noch Sprachenwechsel; und auch der letzte Pferdebursche rade- diecht den Wortschatz des täglichen Lebens in vielen Völkerzungen.

Kommt noch hinzu die Vielfalt edler Tiere: buntscheckige Pferde, brül­lende Tiger, possierliche Bären, riesenhafte Elefanten und unter schmet­ternder Blechmusik der Zauber der vielgestuften, immer wechselnden, durcheinander wirbelnden Vorstellungen.

Aisred Polgar, einer der feinsinnigsten Köpfe heutiger Literatur, schloß Beinen großen kunstkritischen Aussatz: wenn Sie schwanken, ob sie ins Heater oder ins Akademische Theater gehen sollen, gehen Sie m den Müs. Da haben Sie Natur und den sieghaften Menschen, Kraft und Anmut, Witz und Tapferkeit. Und Kunst, die von können kommt.

stunde. t , ... ,

Vor etwa 20 Minuten hatte der Elefantendompteur noch mitten unter uns gesessen; dann war er hinten nach dem Stall gegangen um zu sehen, ob sich seine Tiere hingelegt haben. Bei der Ronde hat ihn nun die Wache gefunden tot. Vielleicht war der große Bulle erschrocken, man kann es nur vermuten. Elefanten sind unberechenbar. Er wird zugepackt haben, schon ist der Menschenkörper mit dem Rüssel hochgeschleudert, dann laßt ihn der Elefant fallen und kniet sich darauf.

Morgen muß ein anderer die Gruppe übernehmen.