Ausgabe 
17.1.1928
 
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sie rückblickend auf ein reiches, voll erfülltes Menschendasein. Das Leben hatte ihr, sie hatte dem Leben gehalten, was sie einander versprochen: als eine tapfere, nimmer müde Lebensgefährtin mar sie an der Seit« ihres Mannes dahingeschritten, sorgend und schaffend, wie einst im Deutschen Hause", für die eigene zahlreiche, sie abgöttisch verehrende Kinderschar. In schweren Tagen nach dem Tode des Gatten, in der drückenden Not der Franzosenherrschaft in Hannover hat sie allzeit ihre unermüdliche Tatkraft, ihre wahre Menschenliebe bewährt. Bis an die Schwelle des Todes, die die 75jährige am 16. Januar 1828 überschritt, blieb ihr der heitere Frohsinn getreu, der auch in dem ergreifenden Altersbildnis leise widerklingt, -dem Wilde nbruch die schönen, den tiefsten Sinn dieses köstlich reichen Menschendaseins zusammen fassenden Verse geweiht hat:

Gran ist das Haar, verwelkt ist das Gesicht, An welchem Liebe sehnend einst gehangen, Doch zitternd wie ein süßes Abendlicht Spielt Lächeln noch um Augen, Mund und Wangen. Stört nicht dies Lächeln, steht in Ehrfurcht, schweigt, Sie träumt von einer wunderbaren Stunde, Da sich ein Gott im Kuß zu ihr geneigt Und sie unsterblich ward an seinem Munde."

Das Lottehaus zu Wetzlar.

Von Prof. Dr. Heinrich Glo «l.

Charlotte Kestner geb. Buff, deren Todestag sich am 16. Januar d. I. zum 109. Male jährt, gehört zu den Lieblingsgestalten des deutschen Volkes, dem sie als Urbild der Lotte in Goe thes Werther und als Muster einer deutschen Frau teuer ist. Ihr zu Ehren trügt das städtische Lyzeum zu Wetzlar jetzt den Namen Lotteschule. Ein bleibendes Denkmal für sie ist aber namentlich das Lottehaus zu Wetzlar.

Im Hintergrund des am Ende des 13. Jahrhunderts angelegten, noch jetzt von einer mittelalterlichen Ringmauer umgebenen Deutschordenshofes steht das massive Hauptgebäude, das zu Lottes Zeit an den Hofrat Brandt vermietet war, auf der rechten Seite eine Zehntscheune und die Ruine der Elifabethkapelle, links hinten ein spätgotischer Speicher und vorn das langgestreckte, einfache Fachwerkhaus, in dem der Deutfch- ordensamtmann Buff wohnte, und in dem Charlotte Buff am 11. Januar 1753 geboren wurde und ihre glückliche Jugend verlebte. Nachdem 1863 zuerst ein Zimmer des Hauses durch mehrere Wetzlarer Bürger wieder mit den alten Möbeln ausaestattet und als Lottezimmer eingerichtet war, wurde im Jahre 1922 zur Feier des 150. Jubiläums von Goethes Aufent­halt in Wetzlar das ganze Haris der Erinnerung an Lotte, an ihre Familie und an den jungen Goethe geweiht und durch die Stadt Wetzlar stilgemäß und geschmackvoll wiederhergestellt.

In diesem Hause hatte Lotte seit 1771 in der Führung des großen Haushalts die früh verstorbene, innig geliebte Mutter zu ersetzen, von der sie nicht nur die Anmut, sondern auch den praktischen Sinn geerbt hatte. Alle Räume sind jetzt den Besuchern geöffnet, mehrere davon waren früher natürlich Schlafzimmer der großen Familie, die im Goethejahre 1772, ab­gesehen von dem Gesinde, aus dem alten Vater, 7 Söhnen und 5 Töchtern bestand. Aus dem Flur treten wir links in das Wohnzimmer der Familie, in dem dem jungen Goethedas reizendste Schauspiel in die Augen fiel, das er je gesehen", nämlich Lotte, die ihren Geschwistern das Brot schnitt und liebevoll austeilte. Diese im Werther so wunderschön geschilderte und für Lottes ganzes Leben symbolische Szene ist von vielen Malern wieder- gegeben; entzückend ist besonders W. Kaulbachs hier in farbiger Aus­führung an der Wand hängendes Bild. Dieses und die beiden dahinter liegenden Zimmer enthalten Rokokomöbel, wie Tisch mit Damenbrett, Schreibtisch, Polsterstühle, ferner Porträts von Lotte und einigen ihrer Freundinnen, von Goethe und seinen Iugendbekannten wie dem Gießener Professor Höpfner, Merck, Lenz, Klinger, Gotter und von Breidenbach. An der Wand sehen wir Wetzlarer Ansichten, besonders von (Beißel und von Stuhl, in Schaukästen Gebrauchsgegenstände der Familie Buff, wie Bratenbesteck, Schere, Brille, Lorgnon, Spindeluhr, Serviettenringe, gestickte Geldbörsen, sowie Stammbuchblätter von Lotte, Joh. Christian Kestner, mit dem sie sich 1773 vermählte, und einigen Söhnen des Paares aus dem Jahre 1799.

Rechts vom Flur liegt die Küche mit geschwärztem Kamin, alter Wand­uhr, geschnitzter Truhe, festem Bauerntisch, einigem Zinn- und Messing- gerüt, dahinter ein Wirtschafts- oder Gesindezimmer mit Schränken, eisen- beschlagenem Koffer und Spinnrädern. Das im ersten Stock gelegene große Staats- und Gesellschaftszimmer versetzt uns besonders In die Zeit, wo Lotte hier frohsinnig ihre Märsche spielte, und wo der gesetzte Verlobte Kestner und der feurige Verehrer Goethe u. a. hier ein- und ausgingen. Es sieht ungefähr so aus wie damals. Die Wände tragen noch die alten Ta­peten mit Urnen und den verschnörkelten Gestalten der Venus, der Diana und anderer Göttinnen. Die schönen Rokokomöbel, so zwei Tische mit ein­gelegter Arbeit, ein Sofa, die Polster- und Rohrstühle mit hoher Rücken­lehne, der große Spiegel mit Konsole, zwei niedliche kleine Wandspiegel, das Spinett und der eiserne Ofen stammen aus dem Besitze der Familie Buff. Üeber dem Sofa hängen zwei Porträts, ein vorzügliches in Oel des Amtmanns und ein nicht gerade gut gelungenes Pastellbild Lottes, gegen­über zwei Schattenrisse von Goethe und Lotte und ein Goethebildnis, Kupferstich von Schmoll.

Das Nebenzimmer bietet zwei eigenhändige Briefe Goethes an seinen jungen Freund Hans Buff von 1773 und 1775. Briefe Losies, Kestners, des Amtsmanns, Hans Buffs, ein Zeichenheft Lottes mit Vor­lagen zu Stickereien, Albumblätter von Lottes Geschwistern, Kusinen und Vettern, das Stammbuch Hans Buffs, zwei Originalfilhouetten Lottes so­wie die von Kestner, ihren Geschwistern Hans, Wilhelm, Friedrich, Helene, Sophie, drei Kusinen und der Frau Amtmann Buff. An der Wand Wie­dergaben des bekannten Schröderschen Pastellbildes der Lotte vom Jahre 1782 und mehrere Gipsmedaillons mit Goethes Porträt. In einem Glas- fchrank, auf dem eine Klauersche Goethebüste steht, prangt ein herrlich be­

maltes Porzellan-Kaffeeserviee, das sich aus dem Besitz von Lottes Bruder Fritz, der am Anfang des 19. Jahrhunderts als pensionierter nie­derländischer Major in Wetzlar lebte, wieder in Wetzlar eingefunden hat; er schenkte es einst seiner Tochter Sophie zur Hochzeit mit dem Ritter- gutsbesitzer Karl von Heyden.

Ein drittes und viertes Zimmer in diesem Stockwerk sind die eigent­lichen Wertherzimmer. Hier liegen unter Glas die wichtigsten deutschen Wertherausgaben von der ersten Weyaandschen des Jahres 1774 bis zur Gegenwart, sowie Uebersetzungen des Werther in französischer, englischer, holländischer, schwedischer, dänischer, spanischer, sogar hebräischer (in Jaffa in Palästina gedruckt) und japanischer Sprache (diese kürzlich von einem japanischen Professor geschenkt). Manche Ausgaben sind illustriert, beson­ders von Chodowiecki. Durch jahrelanges, eifriges Sammeln ist es gelungen, die umfangreiche zum Teil sehr seltene, freilich nicht immer sehr wertvolle Wertherliteratur in den vielen Schaukästen dieser beiden Zimmer annähernd vollständig zu vereinigen. Alle vorhandenen Schätze können nicht ausgelegt werden; aus dem Ausgelegten hebe ich hier einiges hervor. Von den vielen Nachahmungen und Seitenstücken des Werther haben eigenen poetischen Wert fast mir A. S. von Goue,Masuren oder der junge Werther, ein Trauerspiel aus den Jllyriffen", 1775, Lenz, Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden", 1776, Martin Miller,Siegwart, eine Klostergeschichte, 1776, und Ugo Fos- colo,Ultime lettere di Jacopo Orsis", 1791.

Aus der Flut der Werther-Romane nenne ich nur Stockmann,Die Leiden der jungen Wertherin", 1775, E. A. A. v o n G ö ch h a u f e n,Das Wertherfieber", ein unvollendetes Familienstück 1776, La köret de Hohen- elbe on Albert de Weltzlar (so!), traduit de LAnglais, 1807. Ernste Dramen sind z. B. die Wertheriaden:Werther", bürgerliches Trauerspiel in Prosa und drei Akten, 1778, und M a s s e n e t s Oper (drame lyrique) Werther", 1886, Lustspiele:Albert und Lotte oder Die Tugend bei der größten Armut", 1777,Werther ober Die Verirrungen eines empfindsamen HMe"2", Vaudeville-Posse von Duval, Berlin 1826. Zu der ParodieDie Fkeuden des jungen Werthers" von Fr. Nicolai, über die sich der junge Goethe so ärgerte, kommt das MachwerkUnd er erschoß sich nicht", 1778. Neben den empfindsamen, zum Teil schwülstigen Werthergedichten sieht man BretschneidersEntsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther" in Bänkelsängerversen, 1776.

Welche seltsamen Blüten die Wertherbegeisterung trieb, und wie der Roman zu Volksbelustigungen verwertet wurde, zeigen Werther alspan­tomimisch Original Tragischer Ballett" vom Ballettmeister Schmal- ö g g e r in Preßburg, 1777, undWerthers Zusammenkunft mit Loitchen im Elysium" als Feuerwerk von M e l l i n a, Wien 1809, bearbeitet. In einem anderen Kasten liegen die ersten, zum Teil ganz begeisterten Rezen­sionen desWerther", z.B. von Claudius, Garve, Wieland, H e i n f e. Der geschichtliche Stoff wurde verglichen in von Treiben b ad) sBerichtigung der Geschichte Werthers", 1775. Ganz verurteilt würbe ber Werther z. B. burch ben Hamburger Hauptpastor Göze, 1775 unb durch die Schrift von Sch l e t t w e i nDes jungen Werthers Zuruf aus ber Ewigkeit an die noch lebenden Menschen". Ein moralisierendes Buch im Anschluß an den Werther ist z. B. auch dasüber den Selbst­mord" von Pfarrer Lehs, 1786. Alles zeugt von der ungeheuren Wir- kung des Romans, in dem Goethe mit unnachahmlicher Kunst darstellte, was er in der Reichskammergerichtsstadt unb besonders im deutschen Hause erlebte, empfand und litt. .

Es fehlen dicht die neueren Bücher über Goethes Wetzlarer Zeit unb über Lotte sowie feuilletonissische Aufsätze über bie Wertherstabt aus berGartenlaube", berLeipziger Illustrierten Zeitung",Der Jugenb' und anderen Zeitschriften. Erfreut werben mir. namentlich burch die an den Wänden hängenden Stiche nach Chodowiecki, Angelika Kaufs- mann, Daniel Berger, F. H. Ramberg, Bartolozzi unb Toni Johanna t. Immer mieber kehren darin in verschiedener Fas­sung die Gegenstände: Lotte schneidet das Brot, Lotte am Klavier, Lotte und Albert bei dem greifen Landpfarrer, Werther kniet vor Lotte, Lotte gibt dem Boten Werthers die Pistolen Alberts, Lotte an Werthers Grabe. Ein Phantasiestück wie alle diese Bilder ist aud) her getonte Stich Whites,Lotte mit Muff", nach B u n b u r y. Aber in die Wirklichkeit führt uns wieder die Photographie des schönen, eindrucksvollen Porträts ber fast 70jährigen Frau Hofrat Charlotte Kestner, bie Hansen 1822, sechs Jahre vor ihrem Ende, in Del malte. Die unter der Photographie stehenden Verse E. v. Wildenbruchs schreiben Lotte sentimentale Regungen in bezug auf Goethe zu, bie ihr fern lagen; aber sie erinnern uns daß, genau genommen, der Werther und die gesamte Wertherliteratur ihr verdankt wird. Kurz, die interessanten Sammlungen find von großem literarischem und kulturgeschichtlichem Werte, und im ganzen Lottehause fühlen wir uns von Goethes unb von Lottes Geist umweht.

Die Familie Baff

unb ihre Beziehunaen zu Gießen.

Von Staatsrat a.D. Dr. h. c. C. Schliephake, Darmstadt.

Auf dem Gartenkirchhofe vor dem Aegidientor in Hannover steht ein schlichter Grabstein mit ber noch schlichteren Inschrift:Hier ruht Charlotte Sophie Henriette geb. Buff, geb. 11. Januar 1753, geft. 16. Januar 1828. Der Grabstein deckt die sterblichen Reste einer Frau, deren Gestalt für alle Zeiten mit dem Zauber ewiger Jugend, aber auch mit dem Zauber des treu sorgenden deutschen Hausmütterchens umgeben ist von Werthers Lotte. Einhundert Jahre find am 16. dieses Monats verflossen, seitdem s i e nach einem gesegneten, aber auch an Sorgen reichen Leben von hier ao- berufen wurde. An einem solchen (Erinnerungstage rufen wir uns gerne diese edle Frauengestalt, die durch bie Huldigungen, bie ihr Goethe wah­rend feines Aufenthaltes in Wetzlar barbrachte und durch das liebliche und anmutige Bild, das er in denLeiden des jungen Werthers" von ihr ent­warf, romantisch verklärt wurde, in das Gedächtnis zurück.

In der freien Reichsstadt Wetzlar, wo ihr Vater Hemrick) AdamBuff als Amtmann des Deutschen Ordens, waltete, stand ihre Wiege. Hier leitete sie nach dem frühen Tode ihrer Mutter das Hauswesen ihres