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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1928
Dienstag, -en 17. Januar
Nummer S
An I. C. Kestner.
Von I. W. von Goethe*.
Wenn dem Papa sein Pfeifchen schmeckt, Der Doktor Hofrat Grillen heckt Und sie Karlinchen für Liebe verkauft, Die Lotte herüber, hinüber lauft, Lenchen treuherzig und wohlgemut In die Welt hineinlugen tut, Mit dreckigen Händen und Honigschnitten, Mit Löchern im Kopf, nach deutschen Sitten, Die Buben jauchzen mit hellem Häuf Tür ein, Tür aus, Hof ab, Hof auf. Und Ihr mit den blauen Aeugelein Gucket so ganz gelassen darein, °
Als wäret Ihr Männlein von Porzellan, Seid innerlich doch ein wackrer Mann, Treuer Liebhaber und warmer Freunde So laßt des Reichs und Christen Feind Und Rust' und Preuß' und Belial Sich teilen in den Erdenball, Und nur das liebe „teutsche Haus" Nehmt von der großen Teilung aus!
Und daß der Weg von hier zu Euch, Wie Jakobs Leiter sei sicher und gleich, Und unser Magen verdau' gesund, So segnen wir Euch mit Herz und Mund.
Gott allein die Ehr', Mir mein Weib allein! So kann ich und Er Wohl zufrieden sein.
Werthers Lotte.
Zu Charlotte Buffs 100. Todestag.
Von Dr. Hedwig Fisch man n.
Ein Sommertraum voll schmerzvoll heißen Glückes und süß-seliger Leidesqualen, an dessen frühem Ende der Erwachende wie der Märchen- Held eine köstlich strahlende Gabe als Unterpfand aus jenem Traumland in seiner Hand findet — so rauschten jene wundersamen Wetzlarer Wochen von 1772 an dem jungen Goethe vorüber, denen die tränenschwere Blüte des „Wertster" entkeimte. In seinem Mittelpunkt aber, dort, wo die schimmernden Strahlen des Lichtes zu einem verklärenden Schein zusammenfließen, stand, unversengt von den sie umlodernen Flammen- gluten, ruhig und selbstsicher die anmutsvoll« Gestalt Lottes.
In dreifacher Spiegelung ist uns das liebliche Bild Charlotte Buffs, vor Gvethes Auge auf gegangen, überkommen: in der unmittelbaren, naturnahen Weife, 'm der sie uns in seinen Briefen an Kestner entgegentritt; in der an dem Medium künstlerischen Willens gebrochenen, mit einer anderen Frauengestalt einsgewordenen Rach- und Umbildung des „Wertster" und in der verhüllenden, distanzierenden Art, mit der der alte Goethe in „Wahrheit und Dichtung" seines lange ausgeträumten Jugendtraumes gedachte. Aber wie verschieden auch der Gesichtswinkel ist, unter dem diese Bilder erschaut sind, so wächst aus ihnen allen die Gestalt eines lebenstüchtigen, seiner Umgebung wohltätigen Menschenkindes empor, das aus sich selbst in untrüglich sicherem Gefühl des Rechten die Gesetze seines Handels empfing. Es ist ein seltsames Spiel des Schicksals, daß Lotte, die Lebensfrohe, Unkomplizierte, zur Heldin des gefühlseligsten Romans wurde, daß die Tränenströme, die dem viel- beweinten Schatten Werthers flössen, auch ihr geweiht waren.
Friedvoll und im arbeiterfüllten Gleichmaß waren Lottes Kinder- und Mädchenjastre im trauten „Deutschen Hause" der alten Reichsstadt an der Lohn dahingeglitten, bis das leuchtende Gestirn des jungen Goethe ihre stille Bahn kreuzte. Im kinderreichen Elternhaus teilte sie, die Zwstt- älteste, überall rasch und energisch Zugreifende, früh,zeitig mit der Mutter die Pflichten in dem von Jahr zu Jahr sich vergrößernden Geschwister- kreis, stets mehr eins Sorgende als selbst ein umsorgtes Kind, wenn- M-tch auch ihr die reiche Liebesfülle dieser die Seel« ihrer Kinder ohne
Strenge bildenden Mutter galt. Auf Lotte ging, nach ihrem frühen Hrnicheiden, stillschweigend, wie mit Naturnotwendigkei, die Herrschaft m dein verwaisten Hause über. Sie ivard die zuverlässige Stütze ihres Baters, des wackeren, tatkräftigen Deutschordens-Amtmannes Heinrich
Diese Verse bilden den Schluß eines launig-heiteren Briefes von Goethe an Kestner, den Verlobten der Charlotte'Buff; Karlinchen und Lenchen find Lottes «Schwestern; mit „Doktor Hofrat" ist der Kammergerichtsprokurator Dietz gemeint, der sich um Karoline Buff bewarb; das „teutsche Haus" ist Lottes Elternhaus in Wetzlar.
Buff, defsen liebevoll gezeichnetes Bild im „Wertster" fortlebt. Wie voll Lotte in ihren Pflichenkreis hineinwuchs, dafür zeugen die Worte eines ebenso gerechten wie liebevollen Beurteilers, ihres Bräutigams >inb späteren Gatten, Johann Christian Kestner: '„An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja, ihrem Wink... Sie ist die Stütze der Familie, die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk derer, welche dahin kommen." Es war ein gar anmutiges Bild, die Achtzehnjährige, die wilde Horde der elf Geschwister mit sicherer Hand zügeln und umsorgen, ihnen wie in der dem Leben abgelauschteii bekannten Szene des Romans ihr Brot mit liebevollem Wort zuteilen zu festen, alle, mit einer Ausnahme, gleich ihr blond und blauäugig, — die schwarzen Augen der Lotte Werthers stammen von Maximtkane Brentano, — eines hübscher als das andere.
In diesen Kreis trat im Frühjahr 1772 der junge Goethe, „em sehr merkwürdiger Mensch", nach den Worten Kestners, um sich nach seines Vaters Absicht am Reichskammergericht „in Praxi umzusehen, der seimgen nach aber, den Homer, Pindar usw. zu studieren und was sein Genie, seine Denkungsart und fein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden." Das Herz, noch die unvernarbte Wunde tragend, die ihm das schmerzvolle Sichlosreißen von Friederike*) geschlagen, gehätschelt wie ein krankes Kind im sentimentalen Kreis der Darmstädter Freundinnen, schrieb ihm als mächtigster Beherrscher die Wegrichtung vor, verstrickte ihn unversehens in neue Bande. Lottes frische, unverbildete, bei angeborenem Mutterwitz und teilnahmsvollem Interesse für das Geisttge von Buchweisheit gänzlich unbeschwerte Natur — schrieb sie doch noch in späten Jahren den Namen ihres Freundes, ihrer heimischen Mundan entsprechend, beharrlich „Göde" — mußte auf ihn nach der übersteigerten gefühls- und tränenseligen Atmosphäre der „Gemeinschaft der Heiligen" wie ein erquickender Quell wirken. Bei einem ländlichen Feste, ähnlich dem im „Wertster" geschilderten, trat ihm zu erstenmal das Mädchen entgegen, das die Seele jener „echt deutschen Idylle" wurde, zu der ,das fruchtbare Land die Prosa und eine rein« Neigung die Poesie hergab. Tage, deren jeder zmn Festtag wurden, reihten sich beglückend aneinander, durchrauscht von dem Wogen reifenden Kornes, vom Lied der Lerchen und Wachtelschlag, erfüllt vom Jubel der K-inderschar des „Deutschen Hauses", der sich Goethe als treuer Spielkamerad zugesellte. Lottes Gefährte auf ihren Wanderungen durch das liebliche Lahntal zu Werthers Lieblingsstätten wie bei den häuslichen Arbeiten, beim Obst- pflücken hoch im Gezweig der Bäume oder abends in trauter Gemeinschaft zu Dreien beim Böhnenputzen, — so glitten die seligen Tage aus einem lieblichen Heute in ein erinnerungsreiches Gestern. War es das Blatt des gemeinsamen Ahnherrn, das, Lotte und Goethe unbewußt, in beider Adern pulste, das sie in dunklem Zwange aneinanderband? Jenes lange vergessenen Bürgermeisters Kornmann des hessischen Lan-d- städtchens Kirchhain, von dem Goethes Großmutter Textor wie die Mutter -des Amtmannes Buff ihre Abstammung herleiteten? Seltsame Wogen des Menschenschicksals, ausemandertreibend durch Jahrhunderte, um dann auf einmal zusammenzu-schlagen in wildem Wirbel -der Leidenschaft!
Doch als die reife Kornsaat gefallen war, als die ersten müden Matter sanken, war -der Sominertraum von Wetzlar zu Ende, muht zu Ende sein, um nicht zu dem leidvollen Ausgang des „Wertster" zu f-ührett. Heimlich und qualendurchwühlt, aber nicht schuldlos-schuldig wie von Sosenheim, riß sich Goethe los von der glück- und schmerzgeweihteir Stätte. Doch auch räumlich geschieden, umkreisen seine Gedanken stündlich das geliebte Mädchen, aus bereit reinem Lichtkreis er sich selbst verbannt hatte. Leidenschaftlich hingewühlte Briefe flattern nach Wetzlar, von heißer Zwiesprache kündend, die er mit ihrem Schattenriß in einsaiqer Stube hält, von Träumen, in denen ihm die Entschwundene erscheint. Und auch als Lotte Kestner als Gattin nach Hannover folgt, bleibt Goethe in ununterbrochenem Briefwechsel mit den Freunden, der sich stets um den „Engel" dreht, und verbindet sich ihnen neu als Pate ihres ersten Sohnes. Selbst di« tiefe Verstimmung, die sich des Kestnerschen Ehepaares nach dein Erscheinen des „Werther" bemächtigt statte, vermochte das schöne Verhältnis dieser drei durch tiefste Seelenkümpfe unlösbar verbundenen Menschen nicht dauernd zu trüben. Und wenn sich auch in Weimar, in der lebendigen Gegenwart jener anderen Lotte, bi-e zu tiefst in sein Leben eingegriffen, weich verhüllend« Schleier der Entrücktheit über -das Bild der Wetzlarer Lotte senkten, fo blieb Goethe doch zeitlebens in warmer, rat- und hilfsbereiter Anteilnahme dem Kestnerschen Haufe zu gewandt.
Ms Charlotte Kestner mehr als ein Menschenalter nach jenen Wetzlarer Sommertagen noch einmal — nicht ohne schmerzvolle Enttäuschung — den Freund ihrer Jugend wiedersah, da konnte sie dem Mann auf des Lebens höchster Höhe erhobenen Hauptes gegen-ü-bertreten — auch
*) Friederike Brion in -Sesenheim. x/


