komme«, wagte Ich nicht, zu ihr zu gehen und den Verwundeten zu »erlassen, auf den der Vorfall schlimm gewirkt hatte; ja, ich trotzte heimlich der Mutter wegen des Schadens, den sie dem Unglücklichen getan. Erst am dritten Tage schlich ich, ohne es Francoeur zu sagen, abends nach dem Hause, wagte nicht anzukiopfen, endlich trat eine Frau, die uns bedient hatte, heraus und berichtete, die Mutter habe ihre Sachen schnell verkauft und sei mit einem fremden Herrn, der ein Spieler sein sollte, fortgefahren, und niemand wisse wohin. So war ich nun von aller Welt ausgestoßen, und es tat mir wohl, so entfesselt von jeder Rücksicht, in die Arme meines Francoeur zu fallen. Auch meine jugendlichen Bekanntinnen in der Stadt wollten mich nicht mehr kennen, so konnte ich ganz ihm und seiner Pflege leben. Für ihn arbeitete ich; bisher hatte ich nur mit dem Spitzenklöppeln zu meinem Putze gespielt, ich schämte mich nicht, diese meine Handarbeiten zu verkaufen, ihm brachte es Bequemlichkeit und Erquickung. Aber immer muhte ich der Mutter denken, wenn seine Lebendigkeit im Erzählen mich nicht zerstreute; die Mutter erschien mir schwarz mit flammenden Augen, immer fluchend vor meinen inneren Augen, und ich konnte sie nicht loswerden. Meinem Francoeur wollte ich nichts sagen, um ihm nicht das Herz schwer zu machen; ich klagte über Kopfweh, das ich nicht hatte, über Zahnweh, das ich nicht fühlte, um weinen zu können, wie ich muhte. Ach, hätte ich damals mehr Vertrauen zu ihm gehabt, ich hätte sein Unglück nicht gemacht; aber jedesmal, wenn ich ihm erzählen wollte, daß ich durch den Fluch der Mutier vom Teufel besessen zu sein glaubte, schloß mir der Teufel den Mund, auch fürchtete ich, daß er mich dann nicht mehr lieben könne, daß er mich verlassen würde, und den bloßen Gedanken konnte ich kaum überleben. Diese innere Qual, vielleicht auch die angestrengte Arbeit zerrüttete endlich meinen Körper, heftige Krämpfe, die ich ihm verheimlichte, drohten, mich zu ersticken, und Arzeneien schienen diese Uebel nur zu mehren. Kaum war er hergestellt, so wurde die Hochzeit von ihm angeordnet. Ein alter Geistlicher hielt eine feierliche Rede, in der er meinem Francoeur alles ans Herz legte, was ich für ihn getan, wie ich ihm Vaterland, Wohlstand und Freundschaft zum Opfer gebracht, selbst den mütterlichen Fluch auf mich geladen; alle diese Not müsse er mit mir teilen, alles Unglück gemeinsam tragen. Meinem Manne schauderte bei den Worten, aber er sprach doch ein vernehmliches Ja, und wir wurden vermählt. Selig waren die ersten Wochen, ich fühlte mich zur Hälfte von meinen Leiden erleichtert und ahnte nicht gleich, daß eine Hälfte des Fluchs zu meinem Manne übergegangen sei. Bald aber klagte er, daß jener Prediger in feinem schwarzen Kleide ihm immer vor Augen stehe und ihm drohe, daß er dadurch einen so heftigen Zorn und Widerwillen gegen Geistliche, Kirchen und heilige Bilder empfinde, daß er ihnen fluchen müsse, und wisse nicht warum, und um sich diesen Gedanken zu cntschlagen, überlasse er sich jedem Einfall, er tanze und trinke, und so in dem Umtriebe des Bluts werde ihm besser. Ich schob alles auf die Gefangenschaft, obgleich ich wohl ahnete, daß es der Teufel sei, der ihn plage. Er wurde ausgewechselt durch die Vorsorge seines Obersten, der ihn beim Regiment wohl vermißt hatte, denn Francoeur ist ein außerordentlicher Soldat. Mit leichtem Herzen zogen wir Leipzig und bildeten eine schöne Zukunft in unseren Gesprächen aus. Kaum waren wir aber aus der Not ums tägliche Bedürfnis zum Wohlleben der gut versorgten Armee in die Winterquartiere gekommen, so stieg die Heftigkeit meines Mannes mit jedem Tage, er trommelte tagelang, um sich zu zerstreuen, zankte, machte Händel, der Oberst konnte ihn nicht begreifen; nur mit mir war er sanft wie ein Kind. Ich wurde von einem Knaben entbunden, als der Feldzug sich wieder eröffnete, und mit der Qual der Geburt schien der Teufel, der mich geplagt, ganz von mir gebannt. Francoeur wurde immer mutwilliger und heftiger. Der Oberst schrieb mir, er sei tollkühn wie ein Rasender, aber bisher immer glücklich gewesen, seine Kameraden meinten, er fei zuweilen wahnsinnig, und er fürchte, ihn unter die Kranken oder Invaliden abgeben zu müssen. Der Oberst hatte einige Achtung gegen mich, er hörte aus meine Vorbitte, bis endlich seine Wildheit gegen den kommandierenden General dieser Abteilung, wie ich scholl erzählte, ihn in Arrest brachte, wo der Wundarzt erklärte, er leide wegen der Kopfwunde, die ihm in der Gefangenschaft vernachlässigt worden, an Wahnsinn und müsse wenigstens ein paar Jahre im warmen Klima bei den Invaliden zubringen, ob sich dieses liebet vielleicht ausscheide. Ihm raube gesagt, daß er zur Strafe wegen seines Vergehens unter die Invaliden komme, und er schied mit Verwünschungen vorn Regiments. Ich bat mir das Schreiben vom Obersten aus, ich beschloß, Ihnen zutraulich alles zu eröffnen, damit er nicht nach der Strenge des Gesetzes, sondern nach seinem Unglück, dessen einzige Ursache meine Siebe war, beurteilt werde, und daß Sie ihn zu seinem Besten in eine kleine, abgelegene Ortschaft legen, damit er hier in der großen Stadt nicht zum Gerede der Leute wird. Aber, gnädiger Herr, Ihr Ehrenwort darf eine Frau schon fordern, die Ihnen heute einen kleinen Dienst erwiesen, daß Sie dies Geheimnis seiner Krankheit, welches er selbst nicht ahnet und das seinen Stolz empören würde, unverbrüchlich bewahren." — „Hier meine Hand," ries der Kommandant, der die eifrige Frau mit Wohlgefallen angehört hatte, „noch mehr, ich will Ihre Vorbitte dreimal erhören, wenn Francoeur dumme Streiche macht. Das Beste aber ist, diese zu vermeiden, und darum schicke ich ihn gleich zur Ablösung nach einem Fort, das nur drei Mann Besatzung braucht. Sie finden da für sich und Ihr Kind eine bequeme Wohnung, er hat da wenig Veranlassung zu Torheiten, und die er begeht, bleiben verschwiegen. Die Frau dankte für diese gütige Vorsorge, küßte dem alten Herrn die Hand, und er leuchtete ihr dafür, als sie mit vielen Knicksen die Treppe hinunterging Das wunderte den alten Kammerdiener Basset, und es fuhr ihm durch den Kopf, was feinem Alten ankomme: ob der wohl gar mit der brennenden Frau eine Liebschaft gestiftet habe, die seinem Einflüsse nachteilig werden könne. Nun hatte der alte Herr die Gewohnheit, abends im Bette, wenn er nicht schlafen konnte, alles, was am Tage geschehen, laut zu überbenfen, als ob er dem Bette seine Beichte hätte abstatten müssen. Unb mähend nun die Wagen von Balle zurückrollten und ihn wach erhielten, lauerte Basset im andern Zimmer unb Härte die ganze Unter- rebunr, bie ihm um so wichtiger schien, weil Francoeur fein Landsmann
und Regimentskamerad gewesen, obgleich er viel alter als Francoeur war. Unb nun bachte er gleich an einen Mönch, ben er kannte, ber schon manchem ben Teufel ausgetrieben hatte, unb zu bem wollte er Fran- coeur halb hinführen; er hatte eine rechte Freude am Quacksalbern und freute sich einmal wieder, einen Teufel austreiben zu sehen. Rosalie hatte, sehr befriedigt über den Erfolg ihres Besuchs, gut geschlafen; sie kaufte am Morgen eine neue «schürze unb trat mit biefer ihrem Manne entgegen, ber mit entsetzlichem Gesänge seine müden Invaliden in die Stadt führte. Er küßte sie, hob sie in die Lust und sagte ihr: „Du riechst nach dem trojanischen Brande, ich habe dich wieder, schöne Helenal" — Rosalie entfärbte sich und hielt es für nötig, als er fragte, ihm zu er. öffnen, daß sie wegen der Wohnung beim Obersten gewesen, baß diesem gerade das Bein in Flammen gestanden und daß ihre Schürze oer- brannt. Ihm war es nicht recht, daß sie nicht bis zu seiner Ankunft gewartet habe, doch vergaß er das in tausend Späßen über bie bren- nenbe Schürze. Er stellte darauf feine Leute dem Kommandanten vor, rühmte alle ihre leiblichen Gebrechen unb geistigen Tugenden so artig, baß er des alten Herrn Wohlwollen erwarb, der so in sich meinte: die Frau liebt ihn, aber sie ist eine Deutsche unb versteht keinen Franzosen; ein Franzoie hat Immer ben Teufel im Leibe! — Er ließ ihn ins Zimmer kommen, um ihn näher kennenzulernen, fanb ihn im Befestigungswesen wohlunterrichtet, unb was ihn noch mehr entzückte: er fanb in ihm einen leibenschaftlichen Feucrkünstler, der bet seinem Regiments schon alle Arten Feuerwerke ausgearbeitet hatte. Der Kommandant trug ihm feine neue Erfindung zu einem Feuerwerke am Geburtstage des Königs vor, bei welcher ihn gestern ber Beinbranb gestört hatte, unb Francoeur ging mit funkelnder Begeisterung darauf ein. Nun eröffnete ihm der Alte, daß er mit zwei andern Invaliden bie kleine Besatzung bes Forts Ratonneau ablösen sollte, dort sei ein großer Pulvervorrat, unb dort solle er mit feinen beiden Soldaten fleißig Raketen füllen, Feuerräder drehen und Frösche binden. Indem der Kommandant ihm den Schlüssel des Pulverturms und das Jnventarium reichte, fiel ihm bie Rede der Frau ein, unb er hielt ihn mit ben Worten noch fest, „Aber Euch plagt boch nicht ber Teufel, unb Ihr stiftet mir Unheil?" — „Man barf den Teufel nicht an bie Wand malen, sonst hat man ihn im Spiegel," ant> wartete Francoeur mit einem gewissen Zutrauen. Das gab dem Kommandanten Vertrauen, er reichte ihm die Schlüssel, das Jnventarium und den Befehl an bie jetzige kleine Garnison auszuztehen. So wurde er entlassen, und auf dem Hausflur fiel ihm Basset um den Hals, sie hatten sich gleich erkannt und erzählten einander in aller Kürze, wie es ihnen ergangen. Doch weil Francoeur an große Strenge in allem Militärischen gewöhnt war, so riß er sich los und bat ihn auf den nächsten Sonntag, wenn er abkommen könnte, zu Gast nach bem Fort Ratonneau zu dessen Kommandanten, ber er selbst zu sein bie Ehre habe.
Der Einzug auf dem Fort war für alle gleich fröhlich, bie abziehenden Jnvaliben hatten bie schöne Aussicht auf Marseille bis zum Ueberdruß genossen, und die einziehenben waren entzückt über bie Aussicht, über das zierliche Werk, über bie bequemen Zimmer unb Betten; auch kauften sie von ben Abziehenben ein paar Ziegen, ein Taubenpaar, ein Dutzend Hühner unb bie Kunststücke, um in der Nähe einiges Wild in aller Stille belauern zu können; denn müßige Soldaten sind ihrer Natur noch Jäger.
(Fortsetzung folgt.)
Dalmatinischer Herbst.
Von Anton Schnack.
Er steigt wie ein kaum wahrnehmbares mildes Erschauern aus den Berqklüften. Die Sonne, die einen Bogen heißer Feuer verschwendete, glüht von Tag zu Tag matter unb verhaltener, als hielte ein Niese ein milchiges Glas zwischen ihr unb ber Erbe empor. Im engen steinigen Bergweq kocht sie nicht mehr so inbrünstig unb ber Schatten ber Mauer ist früher da. lieber ben Inseln verraucht ein violetter Dunst. Wie schla- fenbe Tiere gehen sie in ber Dämmerung unter.
Das Meer! Das Meer wird bald allein {ein. Das bünnarmige unb weißhäutige deutsche Kinberfräulein sitzt nicht mehr auf ber riesigen W penkanzel, voll Nirwana unb Schwärmerei, wenn bie Silberspur einer Möve ben glasblauen Meerspiegel burchschnitt. Die schwarzen Seeigc, an Felsblöcke unter Wasser geklammert, werben keine Stachelspitzen Myr in bie rosanen Fußballen brauner Balkantöchter verlieren. In ber sp>e e - ben Hanb bes Knaben klirrten rostrote unb schwefelgelbe ■
ber rinnende, hin- und herbewegte Sand hat sie zugedeckt. Wo nod) Fußspur einer Nymphe am Strande stand, schlägt die Welle doruo , ruhelos, rastlos und unbarmherzig bis keine Spur mehr sichtbar «st.
Die flimmernden Brokatfische und die blutroten Quallen sind all
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Es kommen wieder Wolken. Seit Monaten waren keine zu W». Schwarze, graue, fahle, durchbrochene unb orangegetigerte Wolkeiw ziehen jetzt aus ben Bergen in bas Meer hinaus. Unb manchmal t auch vom Meere her Wolken an bie Küste. Traumreiches »ptei i gründen: woher bie Wolken kommen, Wolken aus Sizilien, Wo.kc Tunis unb Algier, Wolken aus bem Golf von Sorrent ober aus Tälern bes Aetna? Sie ziehen hinweg, nur ein wenig Regen ist a i graue Steinterrasse gefallen. .
Manchmal streift am Nachthorizont bes Meeres ein Gewitter en s> Ich höre es nicht rollen. Ich sehe nur einen roten hochgeworfene > hinter ben Wolkenbänken. Aber es kommt nicht herein in da ” laugte, von ber Hitze gesprungene Berglanb. Wenn bie Gerauter reitet ber Herbst mit. Der Sommer kennt keine ^egengu||e. ' [0 nur eine golbene Abenbraolke, unb wenn es über ben Wassern ist cs bie Feuerspur eines fallenden Sternftücfes. iechen-
Das Meer wirb seltsam ruhig. Ein Segelschiss mit Holz nach , ^cin lanb liegt seit Stunben unbewegt vor der Küste. Schloss bie s • M Windhauch treibt cs an, unverrückbar, nicht einmal sihwan


