Ausgabe 
16.6.1928
 
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Küngoltchen Hegen, welcher der Mond gerade ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor Freiiae und Auf rgang nichr schlafen konnte. Deshalb glänzten ihr« Augen weit geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht schaute und sich nun be­sann.Warum schläfst du nicht? Du mußt schlafen!" sagte das Mädchen: allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh täte. Sogleich schlang Kün- galt ihre zarten Aermchen um seinen Hals -und schmiegte mitleidig ihre Wangen an die ("einigen, und wirklich glaubte er bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm dies/r Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu saAn wußte, was ihn freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung machen, weil er noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend ausgenommen. Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust ein, das er seither ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Krämer, wie der ihn in die Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe länger als eine Stunde, und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust wünsche.Arm­brüste und Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du gleich morgen anfangen zu schießen, soviel du willst!" sagte Küngoltchen, und nun fing sie an herzuzählen, was alles für gute Dinge und schöne Sachen im Hause seien, was sie selbst für Hauptsachen in einer kleinen Truhe be­sitze, zwei goldene Regenbogenschüsselchen, ein Halsband von Bernstein, ein Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und auch einen schönen Schnecken, in welchem eine kleine Muttergottes sitze in Gold und roter Seide, mit einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre ihr ein vergoldeter silberner Lössel mit einem gewundenen Stiel, mit dem dürfe sie aber erst essen, wenn sie einst groß sei und einen Mann habe; dann bekomme sie zur Hochzeit den Brautschmuck ihrer Mutter und deren blaues Bro­katkleid, welches ganz allein aufrecht stehen könne, ohne daß jemand drin stecke. Hierauf schwieg sie ein Weilchen; dann ihren Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte sie leiser:Du, Dietegen!"Was?" fragte er, und sie erwiderte:Du mußt mein Mann werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du freiwillig?"Ja freilich", sagte er. So gibmir die Hand darauf!" meinte die Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Denn die gute Mut­ter hatte absichtlich, um den Knaben seine Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt.

Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges Knaben- gewand auf dem Arme 'tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er ein Jahr älter gewesen als Dietegen, diesen recht sein mochten, da er vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das Feier­tagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen, welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene Un- terfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener Früh­ling hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des Wämschens und der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer Trost be­schlich sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod abgejagtes Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle ihres eigenen Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile, sondern absicht­lich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer ihres eigenen Herzens: denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit allen Wesen, als sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge sich gut an« ließ, so wollte sie die Schlitze wieder auf trennen; er sollte das Kleid ohne­hin nur einige Tage für die Woche tragen, bis ein handfesteres Werkel­kleid gezimmert war. Während sie aber dem Knaben Anleitung angab, das ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war Küngoltchen längst aus dem Bett und hatte unversehens das abgelegte Galgenhemd erwischt und ans Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß sie jetzt darin herum­spazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu trug sie die Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und fang:Ich bin ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am 'Rein!" Darüber er­schrak die Forstmeisterin tödlich und erbleichte.Um Christi willen," sagte sie dennoch sanft und leise,wer lehrt dich nur solche schlimmen Späße!" und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd. Dietegen aber ergriff es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in zwanzig Stücke.

Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die Stube. Es war in der Frühe B-mt gebacken worden, daher gab es frische Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extra- brötchens, das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß es in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei gemacht worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das vollkommenere gewählt hatte. Er ohne Schüchternheit alles, was man ihm gab, wie wenn er von fremden bösen Leuten in das Vater­haus zurückgekommen wäre. Aber er war ganz still dabei und besah sich fortwährend die freundliche milde Frau, die helle Stube und die statt­lichen Geräte; als er gegessen, setzte er diese Betrachtungen fort, denn di« Wände waren mit Tannenholz getäfert und mit buntem Blumenwerk übermalt und in den Fenstern glänzten zwei gemalte Scheiben mit den Wappen des Mannes und der Frau. Als er auch das Büfett mit dem blanken Zinngeschirr aufmerksam beschaut, erinnerte er sich plötzlich des schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins Unglück gebracht, und der un­freundlichen Bettelvogtswohnung, und in der Meinung, er müsse wieder dahin zurückkehren, sagte er ängstlich:Muß ich jetzt wieder nach Haus gehen? Ich weiß den Weg nicht!"

,, »Den brauchst du auch nicht' zu wissen," sagte die Mutter gerührt und streichelte ihm das Sinn;hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns cfo iben mutzt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig' ihm das Hans und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!"

Da nahm ihn Küngoltchen bei der Hand und führte ihn in des fforft« meifiers Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben schöne

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl

Armbrüste hingen dork, ferner Jagdspieße, Hirschfänger, Weidmesser und Dolche; auch des Forstmeisters langes Schwert stand in einer Ecke. Dis­tegen beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit glänzenden Augen; Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste herunter, zureichen, von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich verzier« waren. Er bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein talentvoller Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsisht während dieser nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine Schief belustigung anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden, weit dh Bolzen in einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm einen schönen kurzen Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und führte ihn nun in den Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen eingelegten Wildgarten, in welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ, damit es ja nie an einem guten Braten fehle zu chren öffentlichen Schmause, reien. Das Mädchen lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe; solch, Tiere hatte Dietegen bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz ver- zückt mit seinem Spieß auf der Schulter und konnte sich nicht satt schauen an dem Stehen und Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er ble Hand aus nach dem stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als derselbe mit einem Satze seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er ihm auf. jubelnd und jauchzend nach und sprang mit ihm um die Wette im weiten Kreise herum. Es war vielleicht das erstemal in seinem Leben, daß er auf diese Weise seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward, und der Hirsch, voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu [einem Vergnügen zu verlocken und, indem er vor ihm floh, seine schönsten Sprünge zu üben.

Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hoch, wald betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen. Das Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte hämmerten, hoch in der Luft schrien die Raubvögel und tausend Geheimnisse rauschten unsichtbar in den Laub krönen und im dichten Ge> stände. Küngolt lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts noi allem verstand und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtche» aufgewachsen, und sie wußte ihm alles geläufig zu weisen und zu be- nennen. Sie zeigte ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und de« bunten Specht, der eben um einen Stamm herumkletterte, und über olle» wunderte er sich höchiich, und daß die Bäume und Sträucher so vielt Namen hatten. Nicht einmal die Haselnuß- und die Brombeersträucher hatte er gekannt. Sie kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren Füßen aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davon- schwamm ober sich in bett Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm ben Spieß aus ber Hand unb wollte bamit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange aufzustöbern. Aber als Dietegen sah, baß sie die blankgeschliffene Waffe mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus de» Händen und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharf« Spitze an ben Steinen verderben würbe.Das ist wohlgetan von bir, bu wirst gut zu brauchen sein!" sagte plötzlich ber Forstmeister, der mit einem Knechte hinter ben Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachge- räusches nicht kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auer­hahn an ber Hanb, denn sie waren in ber Morgenfrühe schon ausgewogen. Dietegen durfte ben prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen unb übet ber Schulter vorantragen, baß die entfächerten Flügel seine schlanke» Hüften umhüllten, unb ber Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen bei schönen Knaben und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.

Vorberhand jeboch sollte er nur notdürftig etwas lesen unb schreibe» lernen unb mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stabt gehen, wo in einem Nonnen- unb in einem Mönchskloster für die Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt würbe. 'Aber bie Hauptunterwei- sung erhielt Dietegen auf dem Hin- unb Herwege, auf welchem bas Mäd­chen ihm bie Welt auftat unb ihm Auskmfft gab über alles, was am Wege ftanb ober barüber lief. Hierbei.befolgte bie kleine Lehrjungfer eine Erziehungsart von eigentümlicher Erfinbung. Sie neckte, hänselte und be­log den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle Singt, indem sie ihm bie dicksten Bären unb Erfindungen aufbanb, und wen» er bann ihre Lügen unb Märchen gutmütig glaubte und sich darüber verwunderte, so beschämte sie ihn mit ber Erklärung, daß alles nicht wahr fei; nachdem sie ihm dann seinen blinden Glauben spottend verwiese», verkündigte sie ihm mit. großer Weisheit den wahren Bestand der Welt, so weit er ihrem Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß sich errötend eines größeren Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle stellte. Nach und nach aber wurde er dadurch gewitzigt, den Weltlauf bester zu ver­stehen, was ein anderer Junge zu feinem Schrecken erfahren mußte; den« als dieser es dem Mädchen nachtun wollte und den Dietegen mit einem frechen Aufschnitt bewirtete, schlug ber ihn unverweilt ins Gesicht Küngolt, hierüber verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher Zorn auch gegen sie wenben könnte, und probierte den Schiller auf ber Stelle, aber sachte, mit neuen Lügen. Von ihr jeboch nahm er alles an, unb sie setz« ihren wunderlichen Unterricht kecklich fort, bis sie entdeckte, daß « gutmütig mit ihren Lügen zu spielen anfing und einen zierlichen Gegen- unterricht begann, indem er ihre mutwilligen Erfindungen mit nicht un­witzigen Ouerzügen durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein glattes EU gesetzt wurde. Da fand sie, baß es Zeit fei, ihn aus dieser Schule entlassen und einen Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn jetzt 3* tyrannisieren, daß er fast in ärgere Dienstbarkeit verfiel, als er einst W dem Bettelvogt erduldet hatte. Alles gab sie ihm zu tragen, zu heben,3» holen und zu verrichten; jeden Augenblick mußte er um sie sein, ihr W« Wasser schöpfen, die Bäume schütteln, die Nüsse aufklopfen, da« Korbche halten und bie Schuhe binden; und selbst ihr das Haar zu strählen un° zu flechten, wollte sie ihn abrichten; aber das schlug er ab. Do ffflnio. unb zankte sie mit ihm, und als ihn die Mutter unterstützte und fle Ruhe verwies, wurde sie sogar gegen diese ungebärdig.

(Fortsetzung folgt.)__________

sch« UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«,