Ausgabe 
16.6.1928
 
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artigen Studenten ins Kollea ruft, da steht der Plan in ihm fertig da einen Theaterverein zu gründen, nicht bloß zur Erholung und gar nicht ,ur lävviicken Gesellschaft, sondern um am eigenen Leibe die schwierigsten und anziehendste der Künste zu erproben. - Wenn Gotter sich auch Borwürde macht, daß «r albern und dumm dem großen Schauspieler gegenüber gewesen ist, so hat Ekhof ihn doch nicht vergessen.

Poet und Schauspieler.

Zu Tonrad Ekhofs 150. Todestag.

Bon Johannes Günther.

Die Göttinger Studentenschaft ist in Aufregung. Eine Schauspieler- Gesellschaft ist am Ort. Was spielt sie? Das große moderne Stück M.ß Sara Sampson" des Herrn Gotthold Ephraim Lessing. Der Abend der Ausführung gestaltet sich zu einem Triumph für die^Komödianten Die Studenten rücken auf die Bühne, sie bringen dreimal Hochrufe aus auf die zarte, so wundersam schmachtend sterbende kleine Sara; Hochrufe aut den Darsteller des Mellesont, auf Conrad Ekhof. Die Schau­spielerin nach Hause zu geleiten, ist für die Studenten eine Freude, eine Ehre, eine Pflicht. Den großen Schauspieler Conrad Ekhof laßt man lieber allein gehen. Er hat etwas Dämonisches an sich. Ber der kleinen Sara wußte man doch, wodurch sie bestach! Durch ihre großen irren bangen Augen! Durch ihre zierliche, ängstliche Gestalt, die sich so gar nicht in der schlimmen Welt zurechtfinden konnte! Durch ihre zitternde Stimme! Durch ihre schmalen Hände, mit denen sie in der Todesangst die Bettdecke zupfte. Aber diesem Conrad Ekhof war nicht beizukommen. Als er da hinter den Kulissen stand, sah er überhaupt unansehnlich aus, klein, miekrig, grau, teilnahmslos. Ein Student hatte gesagt, Ekhof sei wie eine Libelle. Wenn sie in der Sonne spielt, wenn sie lyre Reigen schwirrt, dann glitzert und glänzt sie in allen Farben. Untersuchst du aber ihren Zauber, nimmst du sie gar in die Hände, um genau zu erkennen, wo nun die einzelnen herrlichen Farben sitzen, dann ist sie schwarz und häßlich. Dieser Student war Friedrich Wilhelm Gotter gewesen Em vornehmer stiller Junge mit einem blassen, eigentlich unschönen Gesicht. An dem Triumphzug der Schauspielerin hatte er sich nicht beteiligt, war einsam seine Straße gegangen. So hatte es der Zufall gefugt, daß er mit dem großen Ekhof zusammentraf. Er wollte wegsehen, er wollte schnell vorbeistreifen, aber etwas bannte ihn, zog ihn magnetisch zu sich. Er mußte aufblicken, sah in Ekhofs Augen, hielt zugleich darauf Ekhofs Hand, hörte Ekhofs Stimme ihm eine gute Rächt wünschen.Aber als Student kennt man wohl keine Nacht?" fragte die Stimme und scherzte mit uner­warteter Frische.Der Schlaf gehört dem Philister, nicht?" Und sie sitzen zusammen beim Wein. Zwei Stunden und mehr. Gotter stellte törichte Fragen. Ekhof lächelt gütig. Gotter fühlt sich bedrückt bis zuletzt. Jeder Satz, den der andere ausspricht, klingt ihm zweideutig. Er könnte diesen Mann Heben, und doch müßte er ihn meiden. Er spürt von seinem Geist einen Hauch; dieser Hauch könnte auch giftig fein!Der Schauspieler ist der echte Künstler", denkt er sich.So wirr und wild, so chaotisch und ungeschaffen wie er, ist keiner!" Schließlich geht Ekhof davon, oder vielmehr er hebt sich weg. Gotter fitzt noch lange allein, ihn treibt es auch zu dieser Kunst. Und als der Morgen da ist, und der Uhrzeiger den

Und nach aber fünf Jahren. Ekhof ist in Gotha Direkteur der Herzog, licken Theatertruppe. Gotter ist daselbst Geheimer Kanzleirat. Das ist viel mit seinen dreißig Jahren. Sie brauchen sich nicht vorsichtig und aus Hmweaen aufzusuchen wie in ©Otters Studenten- und Junglingszeit, sondern das gesellschaftliche Leben führt sie stibstverständUchzusammen. Es will sie sogar verschlingen und sie müssen sich stille Stunden stehle Ick denke" sagt Ekhof,noch öfters über Ihre Worte nach, -ucy nein, Sck haben' sie ?a nicht gesprochen ich habe sie Ihnen °

ftraae Man muß wohl dankbar sein dem Geschick ... Ja, aber seyei Sie-^da hat man ein Leben daran gearbeitet, Menschengeist einzuhauchen ben Geschöpfen aus Holz und Draht, wie die französische Buhne sie aus baute Des darf ich mich rühmen. Und nun kommen junge Menschen daher, und einer besonders unter ihnen, Friedrich Ludwig Sch roder. Umarmen hätte ich den Bengel können für das, was er versteht! Da hätte ein anderer, wenn er in meiner Person steckte, gesagt, hil h nicht, er versteht zuviel. Das habe ich nicht getan, icf; habe nebe M ausgehalten manches Jahr, und wir haben uns aneinander genebe . Er der Junge, an mir Altem. Warum? Ich weiß es wohl.weü ru weit vorwärts lief, weil er nicht wahr haben wollte, daß tue -tatu der künstlichen Bildung bedürfe. Nun ist mir bas P^b bavongeran! unb macht ohne Zügel und Bügel feine ^"Wucke und d'e Meng runb herum mit ei und ach unb oh! Ekhof steht iern. L- falin Gnadenposten in Gotha. Die Zeit ist über ihn w^gegangem Er k« nicht im entferntesten bas, was Schroder kann. Und ich komme I dazu, mich zu fragen: wozu denn nun gelebt was geäste ?! -Un» Geheime Kanzleirat mit dem Dlchtersinn steht auf am Tisch, n-wmi seinem Schreibtisch ein paar Zettelchen wählt aus unb liest em » auf Ekhof, dessen letzte Zeilen als Mahnung, als Aufruf an die S-Y fp,e«r lau^n bie Kunst unb adelte den Stand.

Orakel Eures Spiels unb Borbilb Eurer Sitten!

Orakel Eures Spiels. Keine Erfüllung also, eine WeissaguM eine Weissagung erst. Unb Gotter hält seine Hand auf dem s $ wie auf einem Testament und jagt:Geliebter alter Mann, muß ch Jünger es Euch sagen, daß die Tür aufgemacht werden muß, am Tausende hindurchgehen?"

«etter herab die. Hand zum Abschied, und ich gelobte, ihrer immer zu

S SS J&SSSÄftSS entbinde ick Euch von allen Eiden, denn wenn ich Euch nicht mefyr nah Ä habt Ihr nwiner" doch schon vergessen. - Ich aber schwur, ich wolle Wrunbmficer[aatebC'märe ich tot, so würden sich Eure Gedanken selbst an meinem Trabe von mir wenden. Da schwur ich ihr zu: ..Eure Nahe würde ich überall spüren und läget Ihr sieben Schuh tief unter der (grbe!" Lächelnd reichte sie mir die Hand und sagte:Gedenket mein, "°"Jch^ aber habe ^meinen Schwur gehalten und habe ihrer nimmer ^Schweigend schritt die Königin mit dem Ritter das Mittelschiff zum Chor hinaus. Da erhob sich der weiße Mönch, bekreuzigte sich und stahl sich leise mit verhülltem Angesicht aus der Kirche.

Meder standen die Königin und der Ritter vor dem sechsten Pfeiler des Mittelschiffs. Da sprach die Königin, und ihre Stimme klang wie eine verstimmte Harfe:Spürt Ihr nichts unter Euren Fußen, Herr

Ick spüre nichts," erwiderte er ihr,denn ich stehe auf festem Stein.

"Senkt Eure Augen und leset!" gebot die Königin. Da erkannte Herr von Bourdeille, daß er auf einer Steinplatte gestanden hatte, in der die Worte in lateinischer Zunge gemeißelt waren:

Darunter1 fhmMJas Wappen des Geschlechts de l« Roche und der Sinn hes Todes Wäre Herr Bourdeille nur sieben Tage früher am Ho^lager zu Pau eingetroffen, fo hätte er Mademoiselle de la Roche noch "^er* Kitter6fd)auteSbie Königin an, ohne dies alles zu fassen.

Sie aber sagte:Sehet, um ein Kleines hättet 8hr sie selbst noch lebend gesprochen. Auf ihrem Totenbett hoffte sie, ihre Gedanken wur­den Euch schneller herziehen. Ihre letzte Bitte an mich war, ich sollte Euch fragen, wie ich Euch gefragt habe. Mck ich habe getan, was sie gebeten hat. Ihr seht, wie vermessen dre Schwure der Liebe find. Kniet nieder und lasset uns um Vergebung unserer Sunden beten.

Als die Königin und der Herr von Bourdeille gebetet hatten, erhoben sie sich und ber Witter folgte ber Königin tränenlosen Auges, aber nut schwankenden Knien wie im Traume durch bie Kirche, die wieder durch­woben war von den vielfarbigen Lichtern der östlichen Fenster.

Das Portal schloß sich hinter den beiden, und der Ritter stand ge­blendet vom Glanz des Sommermorgens. Auf dem Platze vor der Kirche plauderte ein junger Herr lachend mit feiner Dame. Rings um bie beiden leuchtete Licht und Sonne. Da brachen Tranen aus den Augen des Herrn von Bourdeille, daß er sich kaum zu fassen wußte. Die Blicke der Königin aber wanderten von fernem tranenüoerftromten Antlitz fort zu dem Liebespaar, das jubelnd die Straße zum Tor hin- aufzog. .

Nünf Jahre später spielt Ekhofs Gesellschaft in Wetzlar, dem bieder, zornigen Städtchen des Reichskammergerichts. Er hort von einem jungen ßeaationsfetretär namens Gotter, der sich auch als Dichter einen Namen gemacht habe Er verfaße hin und her in gelehrten und galanten 3eit- Nisten zierliche Lyrismen und Episteln, er umgehe die klingenden Albernheiten ber Anakreontiker unb folge stets, wenn

Worten ber Mahnung Jean Jacques Roufs e a u sZurück zur Natur!

ist es Ekhof der sich aus ber Gesellschaft ber ehrsamen Hono­ratioren bie ihn feiert, möglichst halb wegstiehlt und die Mahnung des jungen Poeten aufsucht. Er erkennt ihn gleich. Gotter ist natürlich auch in ber Stomöbie gewesen, hat vom Parterre zur Buhne hin Wiedersehen gefeiert Die Begrüßung ist lebhafter als damals, ist auf feiten Gotters iKon etwas bewußt gespielt, schon in der Ueberzeugung, etwas zu gelten" Aber er hat bie (iebcnsroürbige Zurückgezogenheit, die ihn da- Äs abette noch nicht ganz aufgegebem Ekhof kann in ferner Umgebung ausruben und Gotter wird auch, je langer er bei ihm ist, um so be­sinnlicher.' Er studiert in feinem Gesicht, nicht mit der schematisierenden Neugier wie der Professor Lavater seine Physiognonnk treibt son­dern^ immer noch mit bem Erkenntnisdrang, dem er "ls Künstler als iunaer Künstler folgt. Er hat manches aus bem Leben Ekhofs gehört. Vorsichtig bittet er ben Meister, ihm bies unb jenes jui beftatigen, und er besucht auf ben Wegen ber Erinnerung mit ihm b,e Hohenpunkte feines Lebens.Höhenpunkte?", fragt Ekhof, »Höhenpunkte ... gewiß: roie ich armes Abvokatenschreiberlein glücklich als Akteur in bie Scfjone« mannsche Gesellschaft eintreten durfte, wie ich merkte, daß ich etwas verstand daß ich die Natur darstellte, wo die andern nur Larven zeigten, wir' beim Herzog von Mecklenburg als Hosschauspieler angestellt SurbX wie m?in Ruhm, Gott ja, mein Ruhm wuchs auf unseren Retten 'von Stabt zu Stabt, wie wir in Hamburg bas Nationaltheater orünbeten unb ein Lessing vor mir stand, kopfschüttelnd ... in An­betung nun ja, bas wären Höhenpunkte. Aber bie Tiefen, die haben «ch i® mich gegraben, bie haben an mir gesogen, bie haben mich bei- nahe zersetzt. Wenn ich hungernb unb mißachtet auf bem Schreckstuhl unb an ber Feber kaute, wenn ich verlacht würbe wegen meines hutz- liaen Leibes wenn ich jahraus jahrein auf ber Lanbftraße lebte wie ein ^neuner roenT idj meinen Stand bessern und bilden wollte und eine Schauspielerakademie gründete, die aber unter Lachen zusammenkrachte mptin unser Herzog starb und ich NUN mit meuter vermaledeitenBe. riibmtbeH" roieber auf ber Landstraße umherkroch, wenn unter Schnupf unb Schande bas Nationaltheater zusammensturzte, unb sich der Lessing in sein Antiquitätenkabinett zurückzog unb uns stehen ließ, wo wir ktonben bas finb Tiefen, junger Herr, von betten Sie hier sitzend im marinen Stübchen, aufrückend in einer festgelegten Beamtenlausbahn - sich nichts träumen lassen." Mit einemmal ist der junge Dichter Gotter fast reif und überlegen.Sie fluchen alfo den Tiefen? , fragt er. ut^of an wor et Nickis darausOb Sie ein Künstler waren, ob Sie der Kdler wären wenn e n allzu vorsichtiges Geschick Sie von Hohepunk ku ÄhepNkt g'esti et hätte?" Auch darauf sagt Ekhof nichts. Er schweigt überhaupt den Abend über. Sie sind nur mit ihren Gedanken beiein- ander Und es ist schier tragikomisch, wie er, der Alte als er ausbricht, sich vorn Jungen Rat holt:Sie meinen, man müsse dankbar fein dem Geschick?" *