Im modernen Sevilla, ebenso wie im ganzen heutigen Spanien, gibt es wenige wirkliche Don Juans, es sei denn, daß man alle die Herren, die den schönen Frauen auf der Straße Schmeicheleien und Komplimente zuflüstern, für Juan Tenorios halten wollte, die Mädchen freuen sich darüber aber in der Oeffentlichkeit nehmen sie davon nur in den aller- feltenste'n Fällen Notiz. In die Heimlichkeit des Hauses einzudringen, ist nun für den andalusischen Don Juan sehr schwer, auch von seinem Degen kann er heute keinen Gebrauch mehr modert. Es kommt hinzu, daß sich die Spanierin im allgemeinen nach keinen» Don Inan sehnt. Die Carmen- Legende hat die Spanierin in einem schiefen Spiegel gezeigt, Sie tragt niemals einen Dolch im Strumpfband, sie ist auch im Kapitel Lieb« nüchterner veranlagt, als man es vorauszusehen pflegt, «is »st in ihren Leidenschaften beherrscht, sie denkt weniger an süße Schwärmer«, sondern sie sucht einen Ehemann und Versorger. So ist sie denn auch im allgemeinen Abenteuern abgeneigt, kleinbürgerlich in ihren Gewohnheiten, und in hunderttausend Vorurteile eingepuppt. Ihr Drang nach Freiheit ist gering, sie fürchtet jeden Tratsch und übt keine Kritik am He^ gebrachten. In Spanien ist das Zeitalter der emanzipierten Frau noch nicht angebrochen, und es werden noch lange Jahrzehnte vergehen, ehe sie für sich dieselben Rechte beanspruchen wird, di« die Nordländerin schon lange besitzt. Ein leerer Flirt ist für sie Zeitverlust.
Nun hat das Wort „Liebe" in Spanien, auf die Frau bezogen, nicht ganz denselben Sinn wie in Deutschland oder England. Das Wort „lieben" heißt „querer" und bedeutet gleichzeitig „wollen, verlangen .
Das was den Mädchen des Nordens oft das Wesen der Liebe ist, was über das Geschlechtliche und Aeußerliche h-nausgeht, entspricht n.ch un- bedinat ihrem Wesen. Ein Beweis dasür sind die Dichter der spanischen Romantik, deren Verse oft gekünstelt erscheinen. Die Romantik setzt Rawi- tät voraus, die Spanierin ist aber nichts weniger als naiv oder um schuldig Ja das Wort „innocente" (unschuldig) ist auf em lunges Mädchen angewandt, gleichbedeutend mit dumm. Ein Bürgermadchen, das mit sed)zehn Jahren noch an die blaue Blume der Liebe glauben wurde, müllte reimlos erscheinen. Der Spanier sieht in jungen Mädchen die beginnend/ Frau, wie denn auch das Mädchen im Mann nicht so sehr den Freund und Gefährten, wie den Mann sucht.
Auch Don Juan suchte keine Liebe in unserem Sinne. Er selbst sagt von sich, daß er nur eines Tages bedürse, um die Begehrte »erhebt zu machen, eines anderen, um sie zu erobern, eines dritten, um sie zu verlassen und nur weniger Stunden, um sie zu vergessen. Die Spanierin steht noch immer unter strenger Aussicht. Wenn sich in Barcelona das panische Frauenleben auch ganz langsam dem allgemein europäischen zu nähern beginnt, einige Mädchen des bürgerlichen Mittelstandes schon beruflich tätig sind und deshalb eine, wenn auch stark beengte Freiheit für sich beanspruchen, so geht doch in Sevilla kein junges Mädchen, auch keine junge Frau ohne Schutz allein auf die Straße, sie muß vor allem die Straßen meiden, in denen die Herren vor den Cafes zu sitzen pflegen in anderen Städten steht sie unter noch strengerer Aufsicht, eine junge Dame der Gesellschaft kann eigentlich nur spazieren fahren, so daß sie in feine Berührung mit Herren kommen kann. Dafür darf sie am Abend hinter dem vergitterten Balkon stehen und sehnsüchtig warten, bis der vorbeigeht, dem sie gefällt und der sie freien konnte. Hinter dem Gitter erlaubt es auch die Sitte, daß sie mit Herren, die sie begrüßen, plaudert. Oft findet sich denn auch der „Novio , der Bräutigam, der nun allein das Recht besitzt, allabendlich vor ihrem Fenster zu erscheinen, und ihr den Hof zu machen. In manchen Familien darf der Bräutigam nicht vor dem Hochzeitstage das Haus seiner Braut und feiner Schwiegereltern betreten, geschieht es aber doch, !° wird er keine Minute mit ihr allein gelassen. Es ist gänzlich unzulässig, daß Braut und Bräutigam in kleineren Provinzstädten allein spazieren gehen; offiziell dürfen sie sich auch nicht küssen, doch fordert es die Sitte, daß sie einander mit Eifersucht quälen.
In den oberen Gesellschaftsschichten sind die Sitten anders und freier. Die große Dame ist ein internationaler Typus und d,e vornehme Spanierin hat einen ganz besonderen Charin. ^bcr selbst m der Madrider Aristokratie gibt es wenige Salons, in denen die Dam« des Hanfes um sich einen Schwarm von Bewunderern schart, n denen ft« fkc et Gewiß gibt es auch in Spanien Romane, aber fte spielen sich.!» heimlich ab, daß'die Welt nur wenig davon erfährt. Es kann keine Gitter geben, die der List einer verliebten Frau zu widerstehen vermögen. Die Unfreiheit der Frau drückt dem spanischen Leden einen besonderen Stempel auf Der Ausländer, der ins Reich Don Juans mit dem Glauben an idie Carmenlegende kommt, wird bald enttäuscht. Er findet keine ronianiischen und leidenschaftlichen Abenteuer, aber er findet leicht eine hübsch« Frau, die ihn am Traualtar erwartet. Die meisten Ausländer, namentlich d> Deutschen, die in Spanien leben, sind mit Spanierinnen verheiratet.
Photographie ist Lichtgestaltung.
Bon L. Moholy-Nagy.
(Nachdruck verboten.)
Der Photograph ist Lichtbildner; Photographie ist Gestaltung des
^Wenn in der Photographie nicht das wechselnde, mit anderen Mitteln bisher kaum faßbare Spiel des Lichts die Hauptsache wäre, sonderii die Projektion der Gegenstände in ihrer formalen Erscheinung allem, dann müßten wir jede stäche, lichtarme, graue Photographie, die einen Gegen stand nock) erkennen läßt, für gut erklären Das tut aber heute kein von jenen, die einigermaßen gewohnt sind, Photographie zu sehen.
Da ist also die erste, primitivste Erkenntnis für die Handhabung eines noch nicht ganz ausgenützten Mittels. Sie besitzt ihre Gultigkei vor allem aud) dann, wenn man photographische Au^ahmen oyne Kamera ausführen will, d. h. wenn es uns gelingt, das Wefenhaste oes photographischen Versahrens, die Möglichkeiten der lidstempfindlichen Schicht zu Gestaltungszwecken auszunutzen.
Nämlich: das wesentliche Werkzeug des photographischen Berfahreii^ ist nickst die Kamera, sondern die lichtempfindliche Schickst, in spezifisch photogravhischen Gesetze und Methoden ergeben sich au- dem Verhalten der Schicht gegenüber denl L.chtwirkungen diesich »»nh jedes Material beeinflußt — je nach Heller oder dunkler, glatte rauher Beschaffenheit — ergeben. . oinic —
Erst nach Ergründung dieses Problems — also m St»ctfei u __ wird man das Charakteristische der bisher bekannten M^Leur-i die Verbindung der lichtempfindlichen Schicht m> einer Camera od — untersuchen können. Und man wird auch da zu dem E g ge|»ung daß die Photographie nicht mit malerischer oder zeichnerischer Cei,^^ verwechselt werden darf, daß die Photographie ihrZeigen« Mittel
gebiet, ihre eigenen Gesetze in bezug auf die Berwe $ aU5, besitzt, und daß es darauf ankommt, diese Gesetze nach Mogl cy zunutzen und auszubauen.
1. Sie kameralose Aufnahme: das „P h o t o g r a m
Wenn man auf ein Auskopierpapier in der - oder bei Z streuten, Tageslicht - ein Objekt legt- kann man beobachten bay^^^ kurzer Zeit die Umriffe des Gegenstandes mit dem zugehörige fflnn bild in Hellen Flächen auf dunklem Grund sormem Das Meiy man mit Kunstlichtpapier bei künstlichem Licht erreichen, Tages- schied, daß der Entstehungsprozeh des Bildes nicht wi licht — im Fortschrcsten beobachtet werden kann.
Im Lande Don Juans. i
Von E. v. Ungern-Sternberg.
Die Heimat Don Juans liegt an den Wassern des Guadalquivir. D«r Guadalauioir ist mit einem Zauder der Romantik umwoben worden, den er vielleicht nicht verdient. Es kommt dabei allerdings auf die Augen an mit denen man den langsam dahinfließenden «trom betracytet. Im weißen Cordova unter der alten Römerbrücke mit den 16 ©tembog n, über die drei Kulturgenerationen, Römer, Mauren und Spanier, dahin gezogen sind ist er schläfrig und lehmgrau, aber wenn er weiter durch graue Olivenpflanzungen, durch Weingärten und grüne Felder lemen Weg nach der Stadt der Abenteuer, der Lieder und «agen, nach Sevilla, bahnt, so ist er breit und stattlich angeschwollen. In feinen Wassern spiegelt sich der Turm der Giralda und erinnert daran, daß auch Seoilla ebenso wie Cordova, eine Maurenstadt war. Heute ist Sevilla neben Zaragossa das Mekka der spanischen Katholiken, di- Stadt des gnadenreichen Heiligenbildes der Jungfrau des Garmen, die Stadt, die unter dem besonderen Schutz der Gottesmutter steht. Im flackernden Glanze gelber Wachskerzen umstehen das Bildnis der Madonna der Kardinal >m glühenden Rot seines Ornates, Bischöfe in violetten Seidentalaren, oi -- liehe Chorknaben in bunten Spitzengewandern und die Schar der Kanonici und Monseigneurs. Und weit im Schiss der Kathedrale knien ernst und grazil die schönen vevillanerinnen, den Blick unter dem Schleier zu Boden gesenkt, ' durch die Finger gleiten schnell die Perlen des Rosenkranzes.
So hat auch einst Dona Ines gekniet, als Don 3uan Jie zum erstenmal erblickte. Nur wer Andalusien kennt, wer an den Ufern des Guadalquivir stand, wer durch die Calle de Sierpes und durch tue engen Gassen Sevillas streifte, wer die Frauen in den Kirchen beten und unter den Blumen des Patio eingeschlossen schmachten sah, wer Spanien nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Gefühl erfaßte, kann sich den wirklichen Don Inan der spanischen Ueberlieserung vorstellen. Er war ein Held, nicht nur, weil er die Frauen, wenn notig, mit ber Spitze (eines Degens eroberte, sondern weil sein Mut und sein Selbstvertrauen bis zum Augenblicke ungebrochen blieben, wo das Ueberirdlsa)« an ihn herantrat. Er war Abenteurer, der in die Zeit der Konquistadoren hine>n- paßte, er war aber kein Grübler und Zweifler, zu dem ihn die germanische Dichtung gemacht hat. Bei E. T. A. H o s s m a n n wird Don Juan zum Verächter von Welt und Menschheit, der Triumphe im Vernichten fremden Glückes feiert, man macht« aus ihm einen „peau I en6- breux" der Bnronzeit. Auch der Don Juan Lenaus und Grabbes konnte nie in Sevilla heimisch fein. Mozart charakterisiert ihn richtig als Konquistador des Genusses; aber er war kein heiterer, lebensberauschter Stürmer. Nie ist das Champagnerlied in Sevilla gesungen worden, und niemals konnten die hinter Fenster- und Torgittern gefangenen Frauen sich so leicht verführen lassen.
Die ursprüngliche Bearbeitung des Don Juanstofses in Spanien stützt sich auf eine von Moja, Bolivar und C a r n e j o übereinstimmend geschilderte Legende. Dieser Ueberlieserung gemäß sah Don Juan nut zwei anderen jungen Leuten zechend In einer Taverne. Als ihnen der Wein zu Kopf gestiegen war, kam ihnen der Gedanke, aus den onedhof zu gehen. Don Juan grub einen Tatenschädel aus, steckte ihm brennende Kerzen in die Augenhöhlen und durchlies, den Schädel 'über dem Kops haltend, die Straßen Sevillas. Die Vorübergehenden fluchteten und da niemand sich dem wilden Gesellen anschließen wollte, lud er den Totenschädel selbst zu einem Trinkgelage ein. Als er nun am Abend mit seiner Geliebten an ber Tafel saß, erschien ein Skelett auf ber Schwell« unb verkündete ihm den Tod. Den Gebeten seiner Freund,n gelang es, ihn vom Verderben zu retten. Tirso de Molina verfaßt« sein klassisches Stück unter dem Titel „El Burlador de Sevilla" b. h. der Verführer von Sevilla. Dort tötet Don Juan seinen Gegner nicht aus Haß unb Rach«, sondern nur um ein Hindernis wegzurüumen, und reuelos schreitet er über bi« blutige Leiche in die Arme ber Geliebten. Lebe Heuchelei, ja jebe Sentimentalität ist ihm ein Greuel. Er glaubt an bie Unsterblichkeit, an den Himmel unb an die Hölle, aber er ist davon überzeugt, daß ihm durch eine rechtzeitige Beichte alle Sünden vergeben werden. Am bekanntesten ist aber bas Don Inan-Drama, bas der Dichter Josä Z o r i l l a unter dem Titel „Don Juan Tenorio" im Jahre 1844 schrieb und das noch heute ebenso wie vor 84 Jahren am Totentag in allen spanischen Theatern ausgeführt wird.


