Ausgabe 
15.9.1928
 
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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

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Jahrgang (928 Samstag, den |5. September Nummer

Herbst im Küchengarten.

Von Theodor Kramer-

Im Quadernschutz in seinen hundert Arten wächst still der Herbst sich aus im Küchengarten. Die Himbeerstauden kriechen welk und klein gleich grauen Raupen über das Gestein.

Ein dunkles Glänzen wird im Heller rege, spitzt welkt der Schnittlauch um die Prügelwege. Im Sonnenbrand die Spargelbüsche wehn, aus magrer Erde hebt sich weiß der Kren.

Nur träge Hummeln sind es, die noch summen, auf Schneckenhäusern leuchtet blau Verstummen. In braunem Rascheln steht Tomatenglühn, am Boden gelb ein spätes Gurkenbluhn.

Die Sonnenblumen drehen sich zur Mauer, die Trauben hängen noch gering und sauer; und schwarze Drosseln schwirren, drei und vier, und picken sie im Schwirren vom Spalier.

3 maginäreMeliebte

Von Anton Schnack.

So müßte sie sein: mir eines Nachmittags begegnend, da ich nichts vorhabe als in der Manen, gewürzten Lust an den Gärten vorbeizu­gehen, hinter denen eine steinerne Göttin unter glühenden Dleanber« böschen seit Jahren, seit Frühlingen und Sommern, seit Herbstzeiten und Schneewintern das gleiche undurchschaubare Geheimnis behütet.

Ich sehe sie aus einem grünen Pförtchen treten, mit einem Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es ein Lächeln für mich ist oder für die süße Inbrunst der Blumen, über die sie ihr Gesicht verehrend und betrachtend neigte.

Ich habe keine Vorstellung von ihrer Gestalt, von ihren Haaren und ihren Augen, von ihrer Stirne und ihrem Mund; ich habe nur das Be­wußtsein von ihren Augen, von ihrer Stirne und ihrem Mund; ich habe nur bas Bewußtsein von ihrer großen Kindheit, die eben noch am un­durchdringlichen Spiegel des Gewässers stand und bas goldblitzende, schweigsame Rudern der alten Fische betrachtete.

Wenn sie mich früge: willst du mit mir träumen? ich wäre nicht verwundert und mein Ja wäre das selbstverständlichste Wort, das ich je gesprochen. Vielleicht würden dabei die Adern über ihrer makellosen überreinen Schläfe ein wenig aufleuchten für die Zeit eines Herzschlages. Wöhle mit mir würde sie mich auffordern den Silberschein der ein» brechenden Nacht oder die von Fliegen durchschwirrte Stille des Nach­mittags; wähle den Schatten im Erlengehölz oder die zertrümmerte Steinbank, darüber ein brauner Bogel fein scheues Nest hat; ich werde .unergründlich in meiner Bereitschaft für dich sein und dir so etwas wie eine Nähe geben, die vielleicht den Saum des Glückes gestreift hat; du wirst neben mir sitzen, verloren in eine gute Andacht, mein Traum von den Dingen, von dem hingemeffenen Leben und von den inneren Schick­salsrufen geht in den deinen über und gibt feinem abenteuerlichen Hin­slug ein Gestade der Besänftigung und Gelassenheit! ...

Sie wird mir die Innenfläche ihrer Hand zeigen, vor der ich er­schrecke, so sehr Seele, Weltverlorenheit, Schmerzhaftigkeit und ver­borgene Bewegtheit ist sie. Das ist dein, wird sie etwas niedergebeugt nachbenkend sagen; du kannst aus dieser Handschale Wasser trinken, Wein oder Tränen, du kannst sie an dein Herz legen oder unter deine Füße und darüber hinwegtreten, als wäre sie Staub, zufällig hergeweht, ober w>s abgefallene, zerknitterte und zersprungene Hornflügelchen eines vor Müdigkeit niedergesunkenen Käfers, der unter den Metallglanz eines knirschenden Rades kam.

Sie würde mir ihr kleines Ohr mit den Worten herneigen: flüstere und sprich hinein, was in dir ist, was dich entspannt, was dein Blut ver­wart ober erleichtert, was dich befreit ober bedrückt, Mildes und Weites, «tstlares und Schmerzendes, Fröhliches und Phantastifches, Schmeichle- Zches und Brau endes, Wildes und Müdes. Dinge, die mich quälen, ^te, die mich zerfleischen, Sätze, die mich beruhigen, Flüche, die mich

erschrecken, Verwünschungen, die mich brennen, bas Seltsamste, Kühnst«, das kaum zu Verstehende und Durchschauende will ich verstehen und mit meinem Blute vereinbaren!

*

Sie wird sich etwas niederneigen, so wie ein Windzug eine Blum« beugt, die frei und ungeschützt an den Feldern entlang wächst. Und fie würde mir ihr Schicksal aussprechen, Tor zu fein, das für mich der Ein­gang zu den Dingen des Lebens ist; gehe hindurch und kehre zurück. Und ich fühle sie sagen: woher du auch kommst, aus Erinnerungen, aus Irr­gänger!, von Gesprächen mit Kindern, aus Einsamkeit, aus Lichtern und Städten, aus Schwermut und Niederlagen, von dem Atem der Frauen her und von den Spielen der Männer, von Meeren und Wäldern, aus langen Wanderungen und Verkommenheiten, ich will es, wenn auch un­begreiflich, begreifen. Ich liebe wird sie weitersprechen ein Ge­stirn, ich liebe eine Taube, ich liebe die ewige Trauer des Schwans, ixh habe Vertrauen zu einem Kinde, bas über einen Spiegel erstaunt, inj bin beglückt vom Zeitwandel der Natur und der fernen Melodie eines Brunnens, ich träume dem Südflug der Vögel nach und kann mein Herz in ein Gedicht und in das Geheiligtsein eines Gebetes versenken; ich bin gesammelt und voll Eintracht, während du voll Zwietracht und Ver­suchung bist, voll Ergrünbungssucht und Hunger, voll Getriebenheit und Eroberungsgier, dich an der Welt und ihren Dingen zu versuchen.

Ich wüßte nichts, was ich darauf erwidern sollte. Hinter ihrer Stirne sähe ich die Gedanken eines Engels und eines Teufels zugleich. Sie würde mich anfehen, und ich würde sie verftehen; ich würde sie ansehen, und sie würde mich verstehen, mit einer unzerbrechlichen Klarheit des Wissens, bas nur aus den Kammern berjenigen Herzen kommt, die sich miteinander messen können.

Ich habe auch keine Vorstellung von ihrem Alter, denn ihre äti kommt unter allen Altern vor. Das kann eine Fünfzehnjährige sein ober eine Achtzehnjährige, eine Zwanzigjährige ober eine, die schon den Weg zum Alter äeht. Sie wird jenes Gesicht haben, in dem alle Möglichkeiten sind. Ein Gesicht mit allen Möglichkeiten hat auch die Wahrscheinlichkeit der Vollkommenheit ...

Sie würde mich nicht, fragen, wer ich sei, was ich wäre, Soldat ob« Dichter, Ackerbau oder Nichtstuer, Schreiber oder Tänzer, Fischer ob« Jäger, reich ober arm, verkommen ober gesittet, ein Trinker ober ein Spieler, ein Phantast ober ein Beschränkter; keine Frage würbe fie an mich stellen, woher ich gekommen sei, aus einem Nachtlokal ober aus einem Korridor oder einem Werkstattraum, und es wäre ihr gleich, ob ich in den Nächten nichts anderes täte als nur Sterne zu zählen oder un­ergründlichen Träumereien nachzuhängen, Bücher zu schreiben ober den Ranch einer Zigarette in die Luft zu blasen. Was könnte ihr auch das Wissen davon nützen; denn was ich heute nicht bin, kann ich morgen sein, und was ich heute nicht tue, dazu kann mich das Schicksal in der Nacht schon zwingen.

Sie würde in den Garten vorausgehen, der sie sah, wenn fie sich den Phantasien ihres Herzens hingab; das ist mein Lieblingsbaum würde sie zu der Akazie am Wege sagen; und ich verstehe, daß es. Symbol für fie ist, immer wieder, Jahr für Jahr, in herrlicher Entfal­tung zu stehen, goldenblitzenden Bienenschwärmen sich hinzuschenken, tu einem süßen und schweren Blühen sich zu verströmen, wenn auch d« Regen der Trauer und des Schmerzes und der Wind der Gewalt üb« sie hereinbräche.

Ach, der Stein ist niedergebrochen. Die Schwermut eines alten Mooses ist über den Kanten seit vielen Jahrzehnten eingewachfen. Hier können wir uns niedersetzen, die Gesichter dem raschelnden Nachmittagswind Hinhalten, das Samtspiel der Schmetterlinge betrachten, die in weißen, blauen und gelben Sögen die Blumenwiese und den Rand des be­wegungslosen Gartengewässers übergaukeln.

Was willst du, würde ihre leise Stimme klingen: Küsse auf die Hände, Küsse auf den Mund, soll meine Hand in deinen Haaren wühlen, willst du, daß ich dich nur betrachte guten Auges und innerer Verklärung doO, willst du, daß ich dir mein Geheimstes entgegenflüstere, alle Torheit und alle Weisheit meines Blutes; willst du, daß ich mein Herz näher an bas deine rücke, willst du, daß ich mein Blut wie ein Feuer dir entgegen- werfe, willst du, daß ich weine oder mich zu einem schönen und selige» Lächeln bereithalte? Ober soll ich dich fragen, ob du Hunger hast ob« Dürft, ob bu den Vogelflug liebst oder das Scheinen eines Lichtes ans einem Fenster oder ob dir die Akkorde in Moll lieber find als bi« in Dur? Soll ich gehen und dir Blumen dringen? Soll ich ein Spiel mtt dir tun ober für dich über die Wiese jagen?

Setze dich neben mich und schweige, würde ich sagen; denn ich bin glücklich! ...