Ausgabe 
15.5.1928
 
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Wer nicht Witz genug hatte zum Schimpfen, fluchte dertueilen ruhig weiter und stampfte den Schnee aus den Ledergamaschen heraus, indem er die Wegrichtung nach dem Dorfe zu nahm.

Man kam, in Nebel und verdrossenes Schweigen gehüllt, vor den ersten Häusern an. Da ging die Tür einer Schnapskneipe auf, und einige Kleinbürger im Schurzfell traten auf die Steintreppe.Sollen wir einen Heuwagen über den Altrhein schicken oder werden die Trappen mit der persischen Kamelpost ins Dorf befördert?" so fing einer der Früh- schöppler zu hänseln an.

Ein anderer meinte:Sie haben das Federvieh gleich aufgefrefsen. Guck' nur, dort schaut ja einem ein Vogelschwanz hoch über das Hutband heraus."

Unter den Spießruten derartiger Bemerkungen fiel den Weidmännern das tapfere Herz in die Hofen. Sie wurden klein und wären gerne in ' Mauselöcher hineingeschlüpft. Manch einer erinnerte sich plötzlich, daß da in der Nähe herum ein alter Vetter von ihm wahne. Er stahl sich durchs Hoftsr ins Haus hinein und versteckte seinen Schießprügel in den Uhrkasten.

Man hätte jetzt keine Zeit, das Ding da mitzunehmen. Es würde am Abend abgeholt, und auch di« Jagdtasche und das Pulverhorn konnten ja wohl solange bei dem Vetter bleiben," so gingen die verlegenen Redensarten.

Der Argonautenzug löste sich auf. Die Herren hatten sich der Waffen entledigt. Einzig nur der Doktor, der nirgends einen Vetter wohnen hatte, schleppte seinen halbverrosteten Vorderlader über das Pflaster hin Nach seinem Kosthaus.

Im Zimmer angekommen, traf er seinen Hausherrn unbegreiflicher­weise schon in den Pantoffeln an. Der Biedere tat dem Doktor und auch seinen Gästen gegenüber so, als ob er den lieben langen Vormittag auf i seinem Bureau gesessen hätte und von dem Abenteuer gar nichts wüßte. Er wollte nur von einem Jagdkollegen im Vorllbergehen gehört haben, daß Herr Ebenich vorbeigeschossen, aber möglicherweise doch eine Trappe getroffen habe. Denn einer der Vögel wäre hu Davonfliegen hinter der Schar der anderen auffallend zurückgeblieben. Wäre das Tier auch nur leicht beflügelt, dann komme es wohl schwerlich über den Rhein. Cs werde wohl in der Gemarkungsgrenze aufgefunden werden, und . fein Kostgänger werde dann mehr Neider haben, als er jetzt Wider- = facher und schadenfrohe Spötter besitze, fügte er tröstend bei.

Das Wortgeflügelt" tat dem Doktor wehe. Er sah, wie der arme Vogel, von seinen Genossen verlassen, einsam in den vereisten Feldern herumhumpelte. Wie er seinen lahmen Flügel als Stelze benutzte auf dem Eis der Tümpel. Wie er zu gehen, zu fliegen versuchte und doch nicht von der Stelle kam. Wie ihn die Angst vor den Füchsen quälte, und wie der Hunger ihn matter und matter werden ließ, bis er endlich den stolzen Hals zur Erde beugte und auf den Tod wartete, der seiner weiten Wanderfahrt ein Ziel setzte. Doktor Ebenich kam sich wie ein . Judas vor. Er verwünschte den Augenblick, wo er die harmlosen Zaun- gäste seinem Kostgeber verraten hatte, und noch mehr jenen, wo er i den Finger an den Drücker gelegt hatte, um die Schrotkörner hinaus- ' zuschießen auf arme Tiere, die einmal nun, ach, nur ein einziges Mal versucht hatten, ihren Hunger auf den übereisten Feldern der Rhein­ebene zu stillen.

Um seinen Selbstvorwürfen zu entfliehen, ging er auf sein Zimmer, warf einen dicken Holzklotz ins Feuer und steckte den Kopf in sein« Bücher.

Die Ofenwärme und späterhin der freundliche Lampenschein hüllten den Doktor in eine weiche Atmosphäre der Gemütlichkeit ein. Er steckte ! sich eine Pfeife an und blies blaue Ringe in die Zimmerluft hinein, j Der Samowar sang neben ihm auf dem Tisch und prophezeite einen kräftigen Abendtee. Jagdabenteuer und Trappennot waren vergessen. In vorgerückterer Stunde allerdings störte ihn ein zudringliches Stim- i mengewirr, das überlaut aus der Schankstube herauf an fein Ohr drang. Er hörte ab und zu feinen Namen nennen. Was hatten sie nur wieder, dies« dreigedrehten Manschettenbauern? Kauten sie immer noch an dem Knochen des verunglückten Beutezuges? Er mochte es nicht ergründen. Alles Bauerngetue war ihm verhaßt. Er blies die Lampe aus und ging zu Bett.

In der Morgenfrische des andern Tages wanderte der Arzt nach der nächsten Bahnstation, nahm ein Billett und ließ sich nach der benach­barten Großstadt fahren. Das Herumflanieren in den lebhaften Straßen, das Einkehren in den besseren Restaurants, das Essen und Trinken von feingedeckten Tischen herunter bedeutete für ihn ein Jungbad, in dem er viel Rustikales, das die Maurerkelle des Alltaglebens an ihn geworfen hatte, für einige Zeit wenigstens wieder von sich herunterschwemmte. Traf er gar einen alten Bekannten, so verlor er sich mit ihm in ein Gespräch über vergangene Tage, vergaß sich selber und die Zeit und dachte zumeist erst spät und ein wenig angeheitert an die Heimkehr.

So war es auch heute gewesen. Ein voller, klarer Sternenhimmel überspannte das Dorf mit seinem Glockenturme, als Doktor Ebenich seinem Kosthaus erleichtert entgegenschritt. Wilde, überlaute Gesänge trafen an der Türschwelle sein Ohr, während seine Nase sich von einem süßen Bratenduft umschmeichelt fühlte. Trotzdem trat er nicht in die Gaststube, sondern schlich sich auf der Hintertreppe zu seinem Zimmer empor. Er wollte allein sein. Er war noch von seinem Ausflug her zu sehr urbaner Kulturträger, als daß er sich schon wieder unter die Bauern hätte mischen können.

Doch wer entrinnt seinem Schicksal? Eben bückte sich der Doktor, um den stets wanderlustigen Stiefelzieher unter dem Bett hervorzuholen, als ein schüchterner Finger zaghaft an die Stubentüre pochte.

Herein," rief Ebenich und schaute, als er sich umdrehte, seinem Kvsth-rrir ins Gesicht. e

Sie werden doch nicht gekränkt sein über das, was der vorgestrige Tag Ihnen Uebles brachte" sagte der Eindringling ein wenig ver­legendie Leute sind hier herum aus hahnebüchenem Holz geschnitzt

lind, rein äußerlich genommen, etwas roh. Ich selber habe mich Ortsfremder an sie gewöhnen müssen. Aber die Bauern hier mein es nicht so schlimm, wie sie's sagen. Wen sie heute einen tiumpenbun heißen, dem bieten sie morgen die Gevatterschaft an. Geht ihnen all» nicht aus dem Wege, heult mit den Wölfen, kommt herab, und d heutige Abend wird gut machen, was der ehegestrige Tag dorben hat." 11

Als Doktor Ebenich noch immer keine Lust zeigte, mitzugehen der Versucher fort:Ihr müht wissen, daß man Euch eine Genuq'tunI schuldig ist und sie geben will. Denkt nur, mährend Ihr weg wart k« der Wächter des Rheindammes und brachte eine Trappe. Es ist'C», Trappe, wenn er auch nicht als solcher ins Grundbuch eingetragen it Er ist von Eurer Flinte getötet und Ihr habt über seine Verwendmi zu verfügen. Da er aber dreiundzwanzig Pfund wiegt, so haben ml? gedacht, Ihr werdet Ihn nicht allein verzehren können, und haben f», Helfer in der Rot gesorgt. Euere Jagdbeute ist zu einem Jagdessen ta. gerichtet worden. Kommt herab und eßt mit! Die Kochkathrin behauM seit der Hochzeit zu Kanaan sei niemals mehr ein zarteres Fleisch i» irgendeiner Pfanne gar geworden."

Der Doktor fühlte trotz aller Großstadtschlemmerei noch so einen leisen Hunger in der Magengrube und war deshalb nicht allzuschwer verführen. Er stieg in die Schankstube hinab und wurde mit einem iM stimmigenWeidmannsheil" in Empfang genommen. Man setzte fc auf einen Stuhl und trug ihn wie einen römischen Triumphator i« Zage herum. Er stieß den Kopf an den Durchzugsbalken an und wäre schier in die große Suppenschüssel gefallen, in der soeben das Trap» ragout serviert wurde. Diese bedenkliche Möglichkeit dämpfte den Enihn> siasmus der begeisterten Hurraschreier. Man wollte dein Helden d» Tages nicht die Festhosen entweihen und vor allein, man wollte sich selber nicht um den so seltenen Genuß eines Trappenschmauses bringen. Man stellte also gemächlich den Sessel zur Erde.

Bald saß alles, schweigsam essend, um den Tisch. Man hörte nur bas Krachen zerbissener Vogelknochen und zuweilen das begehrliche Winseln der Jagdhunde, die sich zwischen den Rohrstühlen der Schmausende herumtrieben und auf ein Uebrigbleibsel hofften. Daß sie nicht auf ih« Rechnung tarnen, daran waren mancherlei Ursachen schuld. Zu ner= nichtend wütete der Heißhunger ihrer Herren. Auch hatte im Mugenblit niemand Zeit, an diese armen Schlucker zu denken. Denn gerade hoü, sich der gesättigte Dorfschulmeister erhoben und hielt eine Rede barüber, daß das Unzulängliche Ereignis geworden, und daß das Unbeschreiblich glücklich getan sei. Seit Siegfrieds Tagen zum ersten Male wieder |tl, was niemand erwarten und keiner erhoffen konnte, eingetreten. Es |d durch den hochzuverehrenden Gemeindedoktor ein Tier zur Strecke gl- bracht und nun glücklich verzehrt worden, wie man es sich nur ntii - Hilfe von der Vorzeit grauen Lügen an die Wand zu malen getraut habe. Ein Held, dem diese hehr« Tat gelungen, verdiene, daß man ihn wie Sankt Georg, den Drachenspießer, aus Blech ausschneide, und an einem langen Arme über die Wirtshaustüren hänge. Und nicht nur bas, auch Dichter sollten sich für ihn begeistern. Und das sei Tatsache, baß dem Ehre gehöre, wem Ehre gebührt, und er fordere deshalb die SlnW senden auf ...

Die Trappe wieder l)erauszugeben," rief plötzlich die Stimme ein« Unbefugten, den niemand zu dem Mahle gebeten halte.

Man reifte unwillkürlich die Hälse. Man wendete die inbignieritn Gesichter der Türe zu. Was war das? Stand da nicht frech und pchi in voller Uniform der windschiefe Polizeidiener von Drecklingshausm! Ja, und was wollte der Tropf? Er kam im Auftrage feines Bürgin meisters, um allen Ernstes den eben aufgegeffenen Watvogel zuM zufordern. Selbiger fei auf Drecklingshofer Gemarkung von dem Bürg» meister eigenhändig geschossen worden. Dafür könnten glaubhafte Zeuge« herbeigebracht werden in der Person des Taglöhners Ofenloch und b» Korbflechters Ohnehenk.

Na, so was ... So was war doch unerhört! ... Wäre der Polizei­diener eine halbe Stunde früher gekommen, er wäre bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen und in den Schornstein gehängt worden. 3$ aber, wo man satt war, brauchte man nicht gar so barbarisch mit ihm umzugehen. Man begnügte sich damit, dem Hüter der öffentlichen Ord- nung die Geflügelsauce in die Uniformlaschen zu leeren, und füllte ihm die Dienstmütze zum Aerger und Nachteil der Jagdhunde mit den übrig gebliebenen Knochen.

Nachdem man ihn derartig ausstaffiert hatte, beförderte man ihn chu Rücksicht auf feine Uniform und feinen amtlichen Charakter pietätlos mit einigen Fußtritten in die kalte Winterluft hinaus.

Rach diesem Akt kurpfälzischer Höflichkeit, der den Bauernjagern gut P Gesicht stand, begann eine wüste Orgie der Trinkerei. Die Leute rürftai einander näher mit den Schoppengläserit, stießen an, trieben sich die filzigen Hubertusmützen in die Köpfe hinein und fangen das tau[w strophige Lied vomJäger aus Kurpfalz". t z

Späterhin kamen Stichelreden auf den Doktor und fein Weidmanni- glürf, von Schimpfereien und Drohungen gegen den Bürgermeister m Orecklingshofen durchschossen, an die Reihe. Als man in einem fpätcrcn . Stadium der weihevollen Stunde anfing, sich gegenseitig mit abgetretenen Stuhlbeinen zu widerlegen, ging Doktor Ebenich nach seiner Kammer ui® legte sich mit schwerem Kopf ins Bett. .

Am nächsten Morgen hatte er einen Brummschädel, Beulen den Ohren, und die Ueberzeugung erlangt, daß es eine gefährliche sei, auch nur für einige Stunden den vergötterten Heros der Volks!» vorstellen zu müssen. .

Acht Tage später erbleichte Herr Ebenich vor einem Strafmandat w dreißig Mark, das auf feinem Schreibtisch lag. Unbefugtes Ausüben Weidgewerbes erheischte diese Buße. Andere Jagdteilnehmer wurden.. ähnlichen Forderungszetteln mit ähnlicher Motivierung heimgesticht war die Rache des Bürgermeisters von Drecklingshofen und 3ugjw Ende von der Doktors Weidmannsruhm und Weidmannserlebnisstu^,

SeranttoDrtticb: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrüht'sche Univcrsitäts.Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, ©i^"'

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