Ausgabe 
14.12.1928
 
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Gießener ZamilirnbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Iihrgangl928 Reitag, den Dezember Nummer 99

Ihr ungeborenen Gesichte »..

Bon Werner Bock.

Ihr ungeborenen Gesichte,

Nie steigt ihr aus dem dämmernden Steer, Gefangene im halben Lichte, Winkt ihr aus ewigen Tiefen her.

Manchmal in Träumen komm ich euch näher. Ahne schon Form und Farbe und Wort, Doch kaum spürt ihr den sehnenden Späher, Flieht ihr ins Unerreichbare fort.

Die Slkvesterglsüren.

Bon Charles Dickens.

Es gibt nicht viels Menschen und da es wünschenswert ist, daß ein Erzähler und sein Leser einander so rasch als möglich vollkommen verstehen, so bitte ich, darauf au achten, daß ich meine Bemerkung nicht teuf junge oder kleine Leute beschränke, sondern sie aus alle ausdehne, mögen sie nun klein oder groß, jung oder alt, er t im Aufschießen oder bereits wieder tm Verwelken begriffen sein ch sage, es gibt nicht viele Menschen, die gern in einer Kirche schlie en. Ich meine damit nicht ein Einschlafen während der Predigt bei warmem Wetter, was wohl hin und wieder vorkommen mag, sondern ein regelrechtes lieber» nachten, und zwar mutterseelenallein. Ich weiß, sehr viele würden schon am hellichien Tag über ein derartiges Beginnen sich höchlich verwunoern. Aber meine Behauptung bezieht sich auf die Nacht. Und diese soll auch den Beweis liefern. Ich verpflichte mich, in einer stürmischen Winter­nacht, die zu diesem Zweck gewählt werde, meiner Behauptung zu einem glorreichen Sieg zu verhelfen, wenn sich mir ein Gegner aus der Menge allein auf einem alten Friedhof vor ein altes Kirchtor stellt und mich vorher ermächtigt hat, falls es zu feiner Befriedigung notwendig wäre, ihn bis zum Morgen einzusperren.

Denn der Nachtwind besitzt eine unheimliche Geschicklichkeit, ein der­artiges Gebäude stöhnend zu umkreisen, mit unsichtbarer Hand an Fenstern und Türen zu rütteln und irgendetne Spalte aufzuspüren, durch die er sich Hineinpfeisen kann. Ist er endlich drinnen, so winselt und heult er, um wieder hinauszukommen, wie jemand, der nicht gefunden hat. was er sucht; und dabei begnügt er sich nicht damit, durch die Schiffe zu schleichen, um die Pfeiler zu huschen, die tiefe Orgel zu probieren, sondern schwingt sich auf zur Decke und bemüht sich, das Sparrenwerk zu zer­reißen, stürzt sich verzweifelt hinunter auf die Steinfliesen und dringt murrend in die Grüfte. Gleich darauf kommt er verstohlen wieder herauf, chleicht an den Wänden hin und scheint in Flüstertönen die Inschriften, >ie den Toten geweiht sind, zu lesen. Box einigen dersetben bricht er chrill aus, wie tm Gelächter, während er vor andern ächzt und schluchzt wie in großem Schmerz. In der Nähe des Altars stimmt er einen gar aenstiaen Ton an und singt In seiner wilden Weise von Unrecht, Mord, her Gottesverehrung und Troß gegen die Gesetzestafeln, die so oft gebrochen und mit Füßen getreten werden, obschon sie so schön und glatt aussehen, Hu, der Himmel bewahre uns, die wir so gemächlich um das Feuer sitzen! Er hat eine gar schreckliche Stimme dieser Wind um Mitternacht, wenn er in einer Kirche singt!

Aber erst hoch oben tm Turm! Dort brüllen und pfeifen die unheim­lichen Windstöße! Hoch oben im Turm, wo sie frei aus- und einziehen können durch manche luftige Oeffnung, sich um die schwindelnde Treppe winden, den stöhnenden Wetterhahn innherwirbeln und sogar das Gemäuer zittern und beben lassen! Hoch oben im Turm, wo der Glocken­stuhl ist, wo die eisernen Geländer sich infolge des langjährigen Rostes schuppen: wo die Blei- und Kupferplatten, runzelig vor Alter und Wetterstürzen, unter dem ungewohnten Tritt krachen und seufzen; wo Vögel ihre Kotnester in die Ecken des alten Eichengebälks stopfen, der Staub alt und grau wird, fleckige Spinnen, während ihrer ungestörten Ruhe fett und faul geworden, gemächlich sich von den schwingenden Glocken hin und her pendeln lassen und niemals" die Verbindung mit ihren gesponnenen Luftschlößchen vertieren, ober wie Matrosen in rascher Unruhe hinanklettern, wenn sie sich nicht lieber auf den Boden nieder- lasse», um ein Dutzend hurtiger Füße zur Rettung eines einzigen Lebens in Tätigkeit zu setzen! Hoch oben tm Turm einer alten Kirche, wett über dem Licht und Gemurmel der Stadt, dennoch aber weit unter den fliegenden Wolken, die sie beschatten, ist das wilde, traurige, nächtige Plätzchen, und hoch oben im Turm einer alten Kirche hausen die Glocken, von denen ich spreche.

Es waren glaubt mir, alte Glocken. Schon vor Jahrhunderten wvrden diese Glocken von Bischöfen getauft; vor so vielen Jahrhunderten bereits, daß ihr Taufregister feit unvordenklichen Zeiten verlorenging und niemand mehr Ihre Namen wußte. Sie hatten ihre Paten und

Patinnen gehabt (nebenbei gesagt, ich für meinen Teil möchte lieber die Verantwortlichkeit übernehmen bei einer Glocke, als bei einem Knaben Gevatter zu stehen) und ohne Zweifel auch ihre silbernen Becher er­halten. Aber die Zeit hatte ihre Taufzeugen dahingerafft und Heinrich der Achte ihre Becher, die er einschmelzen ließ. Und so hängen sie denk jetzt namen- und herrenlos in dem Kirchturm.

Wortlos allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie hatten klare, laute, luftige, volltönende Stimmen, diese Glocken; und auf dem Rücke;, des Windes fortgetragen, konnte man sie weithin Hörem Sie waren aber viel zu kühne Glocken, als daß sie sich dem Belieben des Windes unter­worfen hätten. Denn wenn er ihnen zu launenhaft war, kämpften sie tapfer gegen ihn an und ließen ihre fröhlichen Klänge stolz in ein lauschendes Ohr strömen; sie waren darauf erpicht, in stürmischen Nächten von einer armen Mutter, die bei einem kranken Kinde wachte, ober einer einsamen Frau, deren Gatte zur See war, gehört zu werden. Ja, matt weiß sogar, daß sie hin und wieder einen pustenden Nordwest besiegten, ja ihn sogarin Grund und Boden" schlugen, wie Toby Deck sagte; denn obgleich man ihn Trotty Veck nannte, hieß er doch Toby, und niemand (außer ihm selbst) konnte ihn ohne ausdrückliche Parlaments­atte zu etwas anderm machen. Er mar zu feiner Zeit so gesetzlich getauft worden, wie der Glocken zu die ihrigen, obschon nicht mit ganz soviel Feierlichkeit ober öffentlichem Jubel.

Ich bekenne mich für meinen Teil zu Toby Lecks Glauben; denn ich bin überzeugt, daß er hinreichend Gelegenheit hatte, sich eine richtige Ansicht zu bilden. Was daher Toby Beck sagte, sage ich auch, und ich will auf Tobys Seite stehen, obgleich er den ganzen Tag (und das war eins mühsame Arbeit) vor der Kirchentür zu stehen pflegte. Er war nämlich Dienstmann und wartete dort auf Aufträge.

Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger, steif­zehiger und zähnklappernder Warteplatz zur Winterszeit, wie Toby Beck wohl wußte. Der Wind kam wütend um die Ecke gefahren' ins­besondere der Ostwind als wenn er sich direkt von den Grenzen ber Erde aufgemacht hätte, nur um Toby anzuschnaufen. 3a, oft schien er den armen Teufel sogar früher zu treffen, als er erwartet hatte; denn wenn er um die Ecke raste und an Toby vorbeifuhr, wirbelte er plötzlich wieder zurück, als wollte erjagen:Ha, da ist er ja schon!" Unaufhaltsam flog bann Tobys kleine weiße Schürze wie das Röckchen eines unartigen Jungen über seinen Kops, und man (ab das schwache Stöcklein vergeblich in seiner Hand ringen und kämpfen, sah seine Beine in heftige Bewegung geraten, während Toby selbst in schräger Körperhaltung, das Gesicht bald da- bald dorthin wendend, so umhergetrieben und gestoßen wurde, wohl auch zeitweise den Boden unter den Füßen verlor, daß es fast als ein Wunder erschien, wenn er nicht gleich einer Kolonie von Fröschen, Schnecken oder andern tragbaren Geschöpfen in die Lust geführt und an irgendeinem fernen Weltende, wo Dienstmänner unbekannt sind, zum großen Erstaunen der Eingeborenen niebergeregnet wurde.

Windig Wetter war übrigens doch eine Art Festtag für Toby, obschon es ihm so roh zusetzte. Das ist Tatsache. Er schien in dem Wind nicht so­lange auf ein Sechspencestück warten zu müssen wie zu anbern Zeiten. Der Kampf mir dem ungestümen Element lenkte seine Aufmerksamkeit ab und frischte ihn auf, wenn er hungrig ober kleinmütig war. Auch ei« harter Frost ober ein Schneegestöber wurde für ihn zu einem Ereignis und schien ihm in der einen ober andern Weise gutzutun, obschon sich der eigentliche Grund nur schwer angeben ließ. Wie dem übrigens sei« mochte, Wind. Frost, Schnee und vielleicht ein tüchtiger Hagel waren für Toby Beck die rotgebrueften Tage im Kalender.

Nasses Weiler war bas schlimmste die kalte, unfreundliche Feuchtig­keit, die ihn ivle ein nasser Mantel einhüllte die einzige Art von Mantel, die Toby fein eigen nennen konnte, auf den er aber doch zur (Erhöhung feiner Bebaallchke-t gern verzichtet hätte. Die nassen Tage, wen» der Regen langsam, dicht und hartnäckig niedersäuselte, wenn die Straßen- schlünbe wie sein eigener mit schwefeligem Rebel erfüllt waren, wenn dampfende Sch'rme hin und her gingen und wie ebenso viele Kreisel tanzten, sooft sie auf dem gedrängten Fußweg aneinander anstießen und eine wirbelnde Brause ungemütlicher Tröpfchen von sich schleuderten, wen» die Nässe von dem vorspringenden Gestein der Kirche tropf, tropf, tropf auf Toby nieberphimffe und den Strohwisch, auf dem er stand, im Nu zu bloßem Schmutz wandelte das waren für Ihn Tage der Heim­suchung. Und bann konnte man Toby tatsächlich beobachten, wie er ängst­lich und mt trostlosem, langem Gesicht aus seinem Schlupfwinkel in einer Ecke der Kirchenmauer hervorguckte. Dieser Zufluchtsort war ein so färg« kicher Schutz, daß er zur Sommerszeit nie einen breifern Schotten auf bas fonniae Pf!oste>- warf. a<« ein dicker Spazierstvck. Bald aber kam er wieder heraus, um sich durch Bewegung warmzumachen, trottete er etliche Male hin und her, was seine Laune wieder aufheiterte, und kehrte bann gan» wohlgemut In feine Nische zurück.

Man nannte ihn Trotty wegen seines Ganges, der wenigstens Eile an« beuten sollte. Er hätte vielleicht schneller gehen können; aber würde man