sudetendeutsche Industrie durch eine raffiniert ausgeklügelte Ueberbe- steuerung eingeengt, durch die sog. „Bodenreform", durch die „Wälder- verstaatlichung" und durch die „Bäderenteignung" sind die Deutschen Böhmens ihrer Aecker, Wälder und Heilquellen beraubt worden.
In früheren Zeiten hat man bei uns dem deutschen Volkstum an der oberen Elbe und an der Moldau nicht immer die nötige Aufmerksamkeit zugewandt. Man pflegte bis vor kurzem den Kampf unserer Landsleute in Böhmen mit dem Hohnwort von dem „böhmischen Krieg um den Nachtwächter" abzutun. Jetzt aber werden diese Gleichgültigen wohl endlich inne geworden fein, daß uns dort ein Kulturbesitz von unermeßlichem Reichtum durch den Krieg verlorengegangen ist.
Den ganzen Umfang dieses Verlustes ermessen wir jedoch erst bann, wenn wir uns vergegenwärtigen, welcher gewaltige Aufwand an Arbeit, geistiger wie materieller, im Böhmerwalde von Deutschen geleistet worden Ist. Die Deutschen können Anspruch darauf erheben, als die eigentliche Ureinwohnerschaft Böhmens zu gelten. Denn die Slawen sind als die Letzten auf dem Schauplatz der Geschichte erschienen, als die Markomannen und Quaden das Land teilweise verließen. Nicht nur aus den benachbarten, sondern auch aus den weit entfernten Gegenden fand reger Zuzug deutscher Kolonisten statt, — hatten doch die böhmischen Fürsten in richtiger Schätzung der Deutschen ihnen besondere Rechte eingeräumt und sie als Kulturpioniere in das Innere des Landes, besonders nach Prag, berufen. Die ritterlichen Sänger Ulrich von Eschenbach und Heinrich von Freiberg haben am Prager Königshofe gewirkt, und Johannes von Saaz hat in seinem „Böhmischen Ackersmann" das gewaltigste deutsche Prosadenkmal der Zeit vor Luther geschossen. Der Erbauer des Prager Domes und der Karlsbrücke war der deutsche Meister Peter Parker aus Schwäbisch-Gmünd, der zu seinen gewaltigen Bauschöpfungen und Bildhauerwerken deutsche Kräfte aus dem Böhmerlande heranzog.
Zweimal war Prag die Residenz der deutschen Kaiser, und beide Male bildete es einen geradezu einzig dastehenden Sammelpunkt künstlerischer Tätigkeit, die einen überwiegenden deutschen Einschlag aufweist. Die erste große Blütezeit, das wahrhaft goldene Zeitalter Prags, fällt unter die Regierung Kaiser Karls IV., der im Jahre 1333 die Stadt zu seiner Residenz erwählte und ein halbes Jahrhundert höchster Kunstblüte herbeiführte. Unter Karl IV. wurde die Burg auf dem Hradschin und der Dom erneuert, die Karlsbrücke erbaut und im Jahre 1348 die Universität, die erste in Deutschland, gegründet. Dieses reiche Kunstleben kam zum Erliegen, als Karls Sohn, Wenzel IV., den Thron bestieg. Der Dombau stockte, die Universität ging in die Hände der Tschechen über, die deutschen Professoren und Studenten zogen fort, und die Hetzreden des Magisters Johann Huh wiegelten das Volk auf. Damals zählte diese älteste Hochschule Mitteleuropas bereits an 30 000 Studenten und 700 Professoren. Nach der Austreibung der Deutschen begann eine Zeit furchtbaren Niederganges für die Universität, deren Studentenzahl sofort auf ein Drittel sank. Jahrhundertelang hat sie bann ein Scheinleben geführt, um erst im 19. Jahrhundert wieder einen Aufschwung zu nehmen, der durch das unglückliche Kriegsende aufgehört hat. Wer heute von der Prager Alma mater spricht, kann nur mehr von der „Alma mater Dolorosa" sprechen, denn, da Gewalt vor Recht geht, so gilt die aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammende tschechische Universität als die Erbin alter Vorrechte.
Nach dem Hussitensturm folgte auf das goldene karolinische Zeitalter ein silbernes Zeitalter deutscher Kunst unter Kaiser Rudolph II., der ebenfalls in Prag residiert hat. Bald danach kam der 30jährige Krieg. Die letzten Jahrhunderte zeigen bann in der Barockzeit noch einmal eine hohe Blüte deutscher bildender Kunst unter ben beiden Dientzen- hvfer und Fischer von Erlach. Bis aus die neueste Zeit aber steht Böhmens Kunstleben in einer bald mehr, bald weniger bedeutenden, aber niemals gänzlich unterbrochenen Abhängigkeit von Deutschland. Deutsche Musik erklingt noch heute in dem Lande, das Mozart, Beethoven und Wagner besuchten. Deutsche Kunsthandwerker brachten das böhmische Glas zu Weltruhm, deutsche Unternehmer schufen eine mächtige Industrie, die mit Wien zusammen den Haupibedarf der alten Monarchie deckte und weithin den Osten versorgte. Deutsche Dichter waren die Böhmen Stifter und die Mährin Ebner-Eschenbach, und neueste Vertreter der deutschen Dichtung im Böhmerlande sind 6alus, Friedrich Adler, Werfel, Kafka, Rilke, Meyrink, Brod, Kolbenhcyer, Watzlik, Hohlbaum, Hadina, Strobl, Haas neben vielen anderen; Franz Metzner, der Schöp- ier des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, Hugo Lederer, der Bildner bes Hamburger Bismarckdenkmals, sind Sudetendeutsche.
Die zweitgrößte Stadt des Reiches und zugleich die Stadt mit der flropten Zahl deutscher Einwohner ist Brün n. Vor noch nicht langer ■oeit eine deutsche Stadt, in der alles, was an Kunst- und Kulturschätzen iu finden, ähnlich wie in Prag, größtenteils deutschen Ursprungs war, r”6n es erst schwere Zwangsmaßnahmen der Tschechen vermocht, dem rutschen Brünn wenigstens äußerlich ein tschechisches Gepräge zu geben, «amtliche tschechische Gemeinden in weitem Umkreise wurden der Stadt t uu!3 i° künstlich ein Groß-Brünn mit 230000 Einwohnern Waffen, und, während früher in der Gemeindevertretung die 60 000 «luJ*en die Mehrheit hatten, so sitzt heute dort eine zu drei Vierteln tschechische Mehrheit.
. l nn besitzt eine deutsche Technische Hochschule mit rund 1700 und cQ,n™en eine tschechische mit 1600 Studierenden. Prag ist die einzige ber UM, die sogar zwei Universitäten, eine deutsche und eine schliche, aufzuweisen hat, dazu zwei technische Hochschulen, die iw sm ?tt 1500, die tschechische mit rund 4100 Studierenden, ferner m-^'^Ätakademien, eine staatliche tschechische und eine deutsche und eine turis»Ul' Kunstasjpdemie, eine tschechische evangelisch-theologische Fa- tu., unb eine tschechische Handelshochschule, woraus erhellt, daß Prag nidn *5- Wabe über Mangel an Hochschulen zu beklagen hat. Es ist fcn an dieser Stelle die Kämpfe zu schildern, die unsere deut- U 'M Böhmerlande seit 1918, da wiederholt das Damok-
iNwert völliger Aushebung über der Prager deutschen Universität
schwebte, um ihren Bestand und um ihre gesunde Fortentwicklung sichren müssen. In dem tresslichen sudetendeutschen Hochschulführer 1927/28, der von Gunther Thon, und Franz K r ä t s ch m e r zusammengeftellt ist, findet sich eine zu Herzen gehende Schilderung dieser Kämpfe. Dort wird auch auf einer der wenigen erfreulichen Umstände hingewiefen, nämlich auf die Tatsache, daß sich die Zahl ihrer Hörer seit dem Umsturz beträchtlich erhöht hat. Klar und deutlich ist hierdurch die Daseinsberechtigung einer deutschen Universität in der Tschechoslowakei, wenn es überhaupt bei 3« Millionen deutschen Bewohner noch eines Beweises bedarf, aller Welt vor Augen gerückt. Der Hauptgrund für diese, nunmehr allerdings zum Stehen gekommene Zunahme der Hörerschaft ist darin zu suchen, daß ein großer Teil deutscher Studierender aus dem Böhmerlande, die früher die Universitäten Wien, Graz, Innsbruck, Budapest ober eine reichsdeutsche Universität besuchten, sich nunmehr infolge ber staatlichen Veränberungen gezwungen sehen, an der einzigen beutschen Lanbesuniversität ihren Stubien zu obliegen, um hier ihre Prüfungen ablegen zu können, falls sie in ber Heimat auf eine staatliche Anstellung rechnen ober überhaupt einen auf staatlichen Zeugnissen deruhenben Beruf auszuüben gebenten.
Die Zahl ber reichsbeutschen Stubierenben an ber Prager beutschen Universität ift_ außerordentlich gering, sie beläuft sich seit 1919 auf 10 bis 23 im toemefter, die ber Oesterreicher auf 15 bis 42. Unb die Ursache dieser auffallenden Erscheinung, bah Reichsdeutsche und Oesterreicher die Prager Universität geflissentlich meiden? — Ohne Zweifel die oft geschilderten Drangsalierungen durch das slawisch-chauvinistische Mütterlein. Und doch sollten die Studierenden bei uns ben sudeten- deutschen Hochschulen mehr Beachtung schenken, ben hart um ihre Geltung kämpfenden Kommilitonen dort sich helfend beigesellen, ober wenigstens ihre Not kennenlernen. Sie werben mit offenen Armen aufgenommen werben.
Der Spatz.
Von Wilhelm Hausenstein.
Der Schauplatz ist ein Stück Dach und Luft. Den Rahmen ber Szene macht von unten das weiß und orange gestreifte Seinen des Ssitenvor- hanges an meinem Balkon. Rechts und links machen den Rahmen die erdbraunen Stützbalken, über denen der hölzerne Baldachin meines Balkons ruht; kunstreicher, absichtlicher formt den Rahmen ber Szene oben ein erdbrauner Bogen dieses Baldachins — ein Holzbogen, dessen dünne Wand mit der Laubsäge gemustert scheint (im Renaissancege- schmuck der achtziger Jahre). In diesem Rahmen ist sichtbar: die Wage- rechte einer Dachrinne aus altem Zinkblech; die Schräge der unteren Seite bes weit herab überhängenben Daches — teerbraunes Plankenwerk mit Tragbalken, die nach alter bayerischer, ein wenig barbaresfer Weise gekehlt unb gekerbt finb; ein Giebel, der vorfährt, mit dunkelbraunen Ziegeln, Falzziegeln, deren Glasur in der Sonne tintig blinkt, und dem Anstieg des Giebels entlang eine andere Dachrinne, eine zweite also, die aber in den Himmel fährt, verwegene, losgelassene Perspektive; endlich ein Polygon des blauesten Maihimmels mit einem dünnen, verwehten Wolkenfetzen. Dies ist ber Schauplatz. Die Stunde ist die zweite nach Mittag; die Stunde ber Siesta. Das ganze Hotel schläft.
Ich liege unb schaue; doch nicht um dieses hohen Winkels willen und nicht einmal dem blauen Himmel zuliebe, ber, ach, so feiten ist, fonbern um ber Szene willen, die in dem Winkel, dem von unten her, schrägaus erblickten, sich abspielt.
Es ist aufgetreten: ein Spatz. Er sitzt auf ber oberen Rinne, der schrägaus ansteigenden also, die am Rand bes Giebels perspektivisch in den Himmel fährt. Er ist ein Spatz im Durchschnitt, und ist dies um so gewisser, als es Spatzen überhaupt nur im Durchschnitt gibt, nicht im Exemplar wie zum Beispiel den Fink. Dieser Spatz ist ordinär wie die ganze Sorte: gewöhnlich in der Farbe, gemein in Haltung unb Laut. Immerhin: auch in seinen schmutziggrauen Bauchfedern spielt der laue Mittagswind von Südosten, ein adriatischer Wind, und es ist schier ein zartes Ereignis, so starr, so zäh, so vernutzt ihm auch die schwarzgraue Filzmütze, ber schmutzbraune Flügel anliegt — ber dürftige Flügel, der nur einen unedlen, kurzen Flug vermag! Aus ber Nebensächlichkeit bes letzten ber Statisten in die Rolle eines Helden aufgestiegen, die ihm nicht zukommt, die er nicht spielen kann, sitzt er auf schräger Rinne und versucht seine Stimme.
Ach, welche Stimme. Sie vermag nur einen einzigen Ton: einen kümmerlich kreischenden, durchaus unmusikalischen, der weder tönende Substanz hat, noch ein Mindestes von Rhythmus; ber nichts ist, überhaupt nichts — höchstens eine ausgewischte unb doch grelle kleine Widerwärtigkeit. Für ben geringsten ber Chöre noch hundertmal zu wenig, maßt sie sich ein Solo an. Er hört aus dem Garten herauf die Stimme ber Finken, Zeisige, Meisen; er hört von der Ferne ben schwelgerischen Ton einer Amsel kommen, der von Wollust und Rot in einem und demselben Augenblick überflieht. Ihn hindert Nichtsein krasses Unvermögen; ihn beschämt nicht der heillose Mangel jeglichen Talents; er versucht seine Stimme, als wäre sie die erste, wie sie hier im Raum die oberste ist; er bleibt bei seinem Ton, dem einzigen, ungebildeten, schlifslosen, dem ungebogenen, schmelzlosen, durchaus unwesentlichen, der noch für ein Signal zu elend ist; bei diesem Ton also bleibt komisch unb trist ber naivste Prolet. Er sitzt, er ist dabei, er ist darüber, er auf feinem Blech. Was kümmern ihn die süßen kleinen Stimmen aus dem Grünen. Er bleibt unb kreischt — kreischt von brei zu drei Sekunden bas gleiche, diesen armseligsten Abfall und Unrat eines Organs.
Doch ich kann nicht sagen, daß er beleidigt. Er rührt. Soviel unbefangenes Nichtkönnen, soviel unbekümmertes Benachteiligtsein darf rühren, muh rühren. Und mehr als sein winziger Spektakel rührt fein Umheräugen zwischen je zwei Tönen: dies ganz kurze Umheräugen, das zerhackte Angst ist; die kläglichen Töne skandieren dies unaufhörliche Abbrechen der Angst; vergeblich markieren sie Optimismus, und das Unbekümmerte scheint mir mit einem Male auch noch bezahlt ... Er


