Zwiesprache mit ihm. Und immer deutlicher trat die Aehnlichkcit zwischen den beiden Frauen zutage. Sie lebte, wie in einem Zauberbann, den ich vergeblich zu durchbrechen suchte. Auch die Dienstboten schlichen scheu umher, es war wie vor einem drohenden Unwetter. Und es brach über uns herein! Eines Nachts erwachte ich von einem furchtbaren Krachen, das aus dem großen Festsaal zu kommen schien. Ich stürzte hin, da standen schon Pawel und Njanja, und im matten Schein der Kerzen sah ich, daß das Bild der Zarin herabgefallen war, und zwar so unglücklich, daß die hohe geschnitzte Lehne eines Prunksessels es vollständig zerstört hatte. „Was wird Katharina sagen," war mein erster Gedanke, und „unsere Fürstin", rief die Njanja und lief auf ihren alten Füßen in das Zimmer ihrer jungen Herrin. Wir eilten nach, hörten einen furchtbaren Schrei und, ins Zimmer stürzend, sahen wir die Alte jammernd vor dem Bett knien. Unter den rosenroten Vorhängen aber lag mit weit offenen Augen und mit dem Ausdruck wahnsinnigen Entsetzens Katharina — leblos, tot.
Warum sie so plötzlich gestorben ist, hat man nie festgestellt. Der alte Kreisarzt meinte, daß sie wohl das Herzleiden ihrer Mutter geerbt haben müsse, durch das Krachen erschreckt ausgefahren sei, und daß dabei das Herz versagt habe. Das schrieb er auch auf den Totenschein. — Auf meinen Bericht an Katharinas Vormund erhielt ich, zugleich mit einem Kranz von weißen Rosen, den Bescheid, die Beisetzung in aller Stille, aber mit allen Ehren, die einer Fürstin zukommen, 'stattfinden zu lassen. — Der Sarg war in die Gruft getragen und unter dem Geläut der Glocken feierlich beigesetzt worden. Ich kehrte noch einmal in den Prunksaal zurück, wo wir Katharina aufgebahrt hatten. Es roch betäubend nach Weihrauch, Wachskerzen und welkenden Blumen. Stumm stand ich da und weinte. Da öffnete sich ganz leise die Tür, herein trat der alte Pawel; er trug das Bild der unglücklichen Fürstin Tatjana, das bisher ins Schlafzimmer verbannt gewesen war, hängte es an feinen alten Platz, neben den Fürsten, den schönen Höfling der großen Katharina. „Nun wirst du Ruhe finden", murmelte er. Dann trat er vor das Heiligenbild mit der ewigen Lampe und bekreuzigte sich.
fBerechtigte Uebersetzung aus dem Russischen von A. S i c b u r g.)
Künstlerische Selbstdarftellung.
Von Stefan Zweig.
In der Einleitung zu seiner meisterhaften, soeben im Insel- Verlag erscheinenden Bildnisreihe^ „Drei Dichter ihres Leben s", die Casanova, w t e n d h a l und Tolstoi gewidmet ist, behandelt Stefan Zweig das Problem der künstlerischen Selbstdarstellung. Wir geben daraus einige Abschnitte wieder.
Unbefangen betrachtet, müßte Selbstdarstellung als die spontanste und leichteste Aufgabe eines jeden Künstlers erscheinen. Denn wefsen Leben kennt der Gestalter besser als sein eigenes? Jedwedes Geschehnis dieser Existenz ist ihm gewärtig, das Geheimste bewußt, das Verborgenste von innen offenbar — so brauchte er, um „die" Wahrheit seines Daseins und Gewesenseins zu berichten, keine andere Anstrengung, als das Gedächtnis aufzublättern und die Lebensfakten abzuschreiben — ein Akt also, kaum mühevoller, als im Theater den Vorhang über schon gestaltetem Schauspiel aufzuziehen, die abschließende vierte Wand zwischen sich und der Welt zu entfernen. Und noch mehr! Sowenig Photographie malerisches Talent erfordert, weil ein phantasieloses, bloß mechanisches Einfangen einer schon geordneten Wirklichkeit, scheint die Kunst der Selbstdarstellung eigentlich gar keinen Künstler zu bedingen, nur einen rechtschaffenen Registrator; prinzipiell vermag ja auch jeder Beliebige sein eigener Selbstbiograph zu werden und feine Fahrnisse und Schicksale literarisch zu gestalten.
Aber die Geschichte belehrt uns, daß niemals einem gewöhnlichen Selbstdarsteller mehr gelungen ist, als bloße Zeugnisleistung über Tatsachen, die ihm der pure Zufall verstattete, mitzuerleben; das innere Seelenbild aus sich selbst zu erschaffen, fordert dagegen immer den geübten, schauensmäßigen Künstler, und selbst unter ihnen wurden nur wenige diesem äußersten und verantwortungsvollsten Verfuche vollendet gerecht. Denn kein Weg erweist sich als dermaßen ungangbar im Zwitter- licht zweifelhafter Jrrlichtserinnerungen wie der Niederstieg eines Menschen von seiner offenbaren Oberfläche ins Schattenreich seiner Tiefen, aus seiner atmenden Gegenwart in seine überwachsene Vergangenheit. Wieviel Verwegenheit muß er aufbringen, um vorbei an seinen eigenen Abgründen, auf dem engen, glitschigen Gang zwischen Selbsttäuschung und willkürlichen Vergeßlichkeiten hinabzutalten in jene letzte Einsamkeit nut sich selbst, wo, wie bei Faustens Gang zu den Müttern, die Bilder des eigenen Lebens nur noch als Symbole ihres einstmaligen wirklichen Daseins „reglos ohne Leben" schweben! Welch heroischer Geduld und Selbstsicherheit wird er bedürfen, ehe er das erhabene Wort berechtigt auszusprechen vermag „Vidi cor meum", „Ich habe mein eigenes Herz erkannt!" Und wie mühsam die Rückkehr vom Innersten dieses Innern dann wieder empor in die widerstrebende Welt der Gestaltung, von der Selbstschau zur Selbstdarstellung! An nichts vermag man die unermeßliche Schwierigkeit solchen Unterfangens deutlicher zu erweisen als an der Seltenheit ihres Gelingens; die zehn Finger der Hand zählen die Menschen schon nach, denen seelenplastisches Eigenbildnis in geschriebenem -üsorte gelungen, und selbst innerhalb dieser relativen Vollendungen, wieviel Lücken und Sprünge, wieviel künstliche Ergänzungen und Verkleiste- rungen! Das Nächstliegende erweist sich in der Kunst als das Schwie- Mte, das scheinbar Leichte als die gewaltigste Aufgabe» keinen Menschen seiner Zeit und aller Zeiten hat der Künstler mehr Not, wahrhaftig zu gestalten, als fein eigenes Ich. Dank dieser schöpferischen Phan- tasiekrast des Gedächtnisses wird also unwillkürlich feder Darsteller eigenilich Dichter seines Lebens: dies hat der weiseste Mensch unserer neuen Welt gewußt, Goethe, und der Titel feiner Autobiographie mit oem heroischen Verzicht, ganz Wahrheit zu sein, dieser Titel „Dichtung ffod Wahrheit gilt für jebe Selbstkonsefsion. Kann derart keiner „bie* Wahrheit, bie absolute seines eigenen Daseins aussagen, unb muß jeder
Selbsibekenner zwanghaft bis zu einem gewissen Grade Dichter seiner Lebens werden, so wird doch gerade die Anstrengung, wahr zu bleiben das Höchstmaß ethischer Ehrlichkeit in jedem Bekenner Herausforderin Zweifellos ist die „Pfenbokonfessivn", wie sie Goethe nennt, das Beichten sub rosa, in der durchsichtigen Verhüllung des Romans oder des Gedichtes, ungleich leichter und oftmals auch im künstlerischen Sinne eindringlicher, als die Darstellung mit aufgezogenem Visier. Aber eben weil hier nicht nur Wahrheit gefordert ist, fonbern bie nackte Wahrheit stellt die Selbstbiographie einen besonders heroischen Akt jedes Künstlers dar, denn nirgends wird der sittliche Umriß eines Menschen so vollkommen verräterisch wie in seinem Selbstverrat. Nur dem gereiften, dem seelisch wissenden Künstler kann sie gelingen; darum ist auch bie psychologische Selbstdarstellung erst so spät in der Reihe der Künste erschienen; sie gehört einzig unserer, der neuen und der noch werdenden Zeit. Erst mußte das Wesen Mensch seine Kontinente entdeckt, seine Meere durchmessen, seine Sprache erlernt haben, ehe es den Blick wandte in das Weltall feines Innern.
Das ganze Altertum ahnt noch nichts von Liefen geheimnisvollen Wegen: feine Selbstfchilderer, Cäsar und Plutarch, reihen nur Fakten unb sachliche Geschehnisse aneinander und denken nicht daran, nur einen Zoll tief ihre Brust zu eröffnen. Bevor er feine Seele belauschen kann, muß der Mensch ihrer Gegenwart bewußt geworden sein, und diese Entdeckung beginnt wahrhaft erst mit dem Christentum: die „Confes- siones" des Augustinus eröffnen die innere Schau, doch ist der Blick des großen Bischofs im Bekennen weniger sich selbst zuaewandt, als vielmehr der Gemeinde, die er an dem Exempel feiner Wandlung zu bekehren, zu belehren hofft; fein Traktat will als Gemeindebeichte wirken, als vorbildliche Buße, also teleologisch, einem Zwecke zu und nicht sich selbst als Antwort und Sinn. Noch müssen Jahrhunderte hingehen, ehe Rousseau, dieser merkwürdig bahnbrechende, überall Tor und Riegel aus- sprengende Mann, ein Selbstbildnis schafft, um feiner selbst willen, selbst erstaunt und erschreckt von der Neuheit feines Unterfangens. „Ich plane ein Unternehmen," hebt er an, „das kein Vorbild hat ... ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeichnen, und dieser Mensch bin ich selbst." Aber mit der Gutgläubigkeit jedes Anfängers vermeint er noch das „Ich als eine unteilbare Einheit, als etwas Kommensurables" und bie „Wahrheit" als eine faßbare und tastbare, noch glaubt er naiv „mit dem Buche in ber Hanb, wenn bie Posaune des Gerichts erschallt, vor den Richter treten zu können unb sprechen zu dürfen: Dies bin ich gewesen." Unser späteres Geschlecht hat nicht Rousseaus brave Gutgläubigkeit mehr, dafür ein volleres, ein kühneres Wissen um die Vieldeutigkeit unb Geheimnistiefe ber Seele: in immer feineren Zerspaltungen, in immer oerroegeneren Analysen versucht seine felbstanatomische Neugier Nerv unb Aber jebes Gefühls unb Gebankens bloßzulegen. Stenbhal, Hebbel, Kierkegaarb, Tolstoi, Amiel, ber tapfere Hans Jäger entbeden ungeahnte Reiche ber Selbstwissenschaft durch ihre Selbstbarstellung, unb ihre Nachfahren werden, inzwischen mit feineren Instrumenten von der Psychologie versehen, immer weiter, Schicht um Schicht, Raum um Raum vorbringen in unsere neue Welt-Unenblichkeit: in die Tiefe des Menschen. Das mag Trost bieten all jenen, bie einen Niebergang ber Kunst innerhalb einer technischen unb wachgewordenen Welt unablässig verkündet hären. Die Kunst endet nie, sie wendet sich nur. Zweifellos mußte die mythische Bildnerkraft der Menschheit Nachlassen: immer ist ja Phantasie am mächtigsten im Kindwesen, immer erfindet jedes Volk sich nur in seiner Lebensfrühe Mythos und Symbol. Aber für die schwindende Traumkrast tritt die klare und dokumentarische des Wissens ausgleichend hervor; man sieht diese schöpferische Versachlichung in unserrn zeitgenössischen Roman, der heute deutlich am Wege ist, exakte Seelenwjssenschaft zu werden, statt frei unb verwegen zu fabulieren. Aber in dieser Bindung von Dichtung unb Wissenschaft wirb bie Kunst durchaus Nicht erdrückt, es erneuert sich nur ein uraltes geschwisterliches Band, denn - als die Wissenschaft begann, bei Hesiod und Heraklit, war sic Dichtung noch, dunkeltonlges Wort unb schwingenbe Hypothese; nun eint sich nach taufenben Jahren der Trennung wieder der forschende Sinn dem schöpferischen an, statt Fabelweiten schildert die Dichtung nunmehr Magie unserer Menschlichkeiten. Nicht aus dem Unbekannten ihres Erdballs kann sie mehr ihre Kräfte ziehen, denn entdeckt sind alle Tropen und antarktischen Zonen, durchforscht alle Tiere und Wunder der Fauna und Flora bis an den amethystenen Grund aller Meere. Nirgends kann sich Mythos im Irdischen mehr, es sei beim an den Gestirnen, anranken in unserem aus- gemessenen, um und um mit Namen unb Zahl bezeichneten Erdball - so wird sich der ewig Erkenntnis wollende Sinn mehr und mehr nach innen wenden müssen, seinem eigenen Mysterium zu. Das Internum aeternum, die innere Unendlichkeit, das seelische Weltall, eröffnet der Kunst noch unerschöpfliche Sphären: die Entdeckung ihrer Seele, die Selbsterkennung wird die künftig immer kühner gelöste und doch unlösbare Aufgabe unserer wissend gewordenen Menschheit sein.
Deutsche Kulturarbeit in der Tschechoslowakei.
Von Prosessor Dr. Walter Bombe.
Mit wehmütiger Liebe und trauervoller Teilnahme gedenkt seit dem Kriegsende der Reichsdeutsche seiner Stammesbrüder in Böhmen, die einen schweren Kampf um die Erhaltung ihres Volkstums zu kämpst» haben. Dieses Ringen zwischen Deutschtum und Slawentum auf bömm- fchem Boden ist ein Kampf, der, bald heftiger, bald weniger heftig, W* seit Jahrhunderten gekämpft wird. Jetzt ohne Zweifel heftiger denn )«• — Nicht weniger als 4000 Schulklassen sind im sudetendeutschen Gebier ausgelassen, 700 Schulen geschlossen worden. Was bedeutet bas? Jias bedeutet, daß unsere Stammesbrüder dort um 4000 Klassen unb um 700 Bildungsstätten ärmer geworden sind. Doch bas ist noch nicht alle • Die Tschechen haben zu Tausenben beutsche Eisenbahner und anoe Beamte abgebaut, nur, weil sie Deutsche sind. Durch die SriegsamW ' gesetze sind die Deutschen wiederum zugunsten des tschechischeni Jt® und Staates geschädigt worden. Damir noch nicht genug, ist die blut)
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