Gießener HamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang |928 Dienstag, den H- August Nummer 65

Gebet.

Von Eduard Mörike.

Herr! schicke was du willt, ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.

Das Bild der Zarin.

Von Anna Bogdanowa.

Sie war jung und wunderschön und hatte erst vor wenigen Wochen das vornehmste Mädchenpensionat in St. Petersburg, das Smolna-In- flitut, verlassen, als sie meiner Obhut anvertraut wurde. Sie hieß Ka­tharina und war der letzte Sproß eines alten Geschlechts, dessen Ahn einst am Hose der großen Katharina eine Rolle gespielt hatte. Von ihren Freundinnen wurde sie oft geneckt, daß sie nicht nur den Namen, sondern auch die Züge der schönen Zarin trüge.

Sie werden den Sommer mit Katharina Petrowna auf ihrem Stammgut im Süden Rußlands verbringen," sagte ihr Vormund, ein kühler, korrekter Hofmann, zu mir, als er mir sein Mündel übergab, und kehren erst zur Wintersaison nach Petersburg zurück. Dann werde ich Katharina Petrowna standesgemäß verheiraten."

Nach einer langen heißen Eisenbahnfahrt kamen wir endlich in die weltvergessene kleine Kreisstadt S. mit ungepflasterten, staubigen Straßen und sonnendurchglühten einstöckigen Holzhäusern. Dort erwartete uns eine altertümliche Kutsche von ungeheuren Dimensionen mit einem Drei­gespann davor, auf dem Bock ein Kutscher und ein Diener, beide alt und hochherrschaftlich, mit Bärten, wie Zar Alexander I. sie getragen hat. - Am Abend hielten wir vor dem uralten Herrenhaus, das langge­streckt und graugestrichen mitten im alten Park lag Und dem die Flteder- md Rosenbüsche in die Fenster wuchsen. Vor der Freitreppe war die ganze Dienerschaft versammelt, die Männer in roten und weißen be­stickten Hemden, die Frauen in bunten Kleidern und leuchtenden Kopf­tüchern alle im Feiertagsgewand. Sie begrüßten die junge Herrin mit tiefen Verbeugungen:Gott segne dich, unsere Ernährerin!" Die alte Njanja, die schon Katharinas Mutter gewartet hatte, führte uns durch die großen prächtigen Räume bis in die zwei Gemächer, die Katharina bewohnen sollte-.Wir haben sie für Euer Gnaden gewählt, weil bisher alle Fürstinnen, die hier Herrinnen waren, dort gewohnt haben, obgleich Pawel meinte, daß nach dieser letzten Begebenheit , ie verstummte, ein warnender Blick des alten Dieners Pawel hatte ie getroffen. Als Katharina vor dem rosenroten Himmelbett stand, in dem alle ihre Vorfahren geruht, war es, als überflöge sie ein Schauder, und auch mir wurde es eigentümlich beklommen zu Mut, doch rasch schüttelten wir beide diesen Eindruck ab, und Katharina fragte nach meinem Zimmer, das aber im Gastflügel lag,wie es sich gehört", fugte der alte Pawel hinzu. Ich wäre nun gerne in der Nähe der jungen Fürstin gewesen, doch Katharina widersprach lebhaft und wies lachend auf die perlengeschmückte Klingelschnur, mit der sie jederzeit ihre alte Njanja herbeirufen konnte. . _ ,

Staunend standen wir am nächsten Morgen im großen Prunksaal, an dessen Wänden eine Reihe von Ahnenbildern hingen. Den Mittel­punkt nahm ein prachtvolles Porträt von Katharina der Großen ein. Rechts hing der Ahn des Hauses, der Fürst X., der wunderschöne Hof- üng Katharinas; links dagegen war der Platz leer.Da hat früher das Bild der Gemahlin des Fürsten gehangen," erzählte die alte Nmnja, »dach stürzte es herab in der Nacht, als die junge Fürstin Tatjana starb. Man sagt, daß es morgens immer wieder an der Erde lag, so oft man auch später versuchte, es wieder an seinen Platz zu hangen.

hat man es in bas Schlafzimmer der Verstorbenen getragen, und ®enn Euer Gnaden morgens aufwachen, können Sie es vom Bett aus dangen sehen."

. Katharina schien die letzten Worte der Alten kaum gehört zu haben; wie versunken stand sie vor dem Bilde der Zarin:Mütterchen, du herrliche! !Wie edel und groß warst du, und was hast du alles für dein getan. Wenn ich in Petersburg bin und einen Fürsten geheiratet Ue, will ich so werden, wie du warst und nur für mein Volk leben! G- ich sie ansah, muhte ich ihren Freundinnen recht geben: es waren Melben Züge wie auf dem Bilde, noch weich und unausgevragt, doch schon voll Energie, es waren aber auch dieselben vollen lebenshungrigen Men ... Auch die Njanja schien Aehnliches zu empfinden, denn sie

heimlich ein Kreuz und murmelte:Herr, erbarme dich unser!

Am Abend saßen wir auf der Veranda, deren Dach von weißen Holz­fäulen getragen, von wilden Rosen und Glyzinien besponnen war; mit dem schönen ruhigen Blick über den alten Garten hin auf Wiesen und den bläulich verhangenen Wald. Auf dem Tisch stand der Samowar, und Pawel reichte uns den Tee in geschliffenen Gläsern in schwerer silberner Fassung, und dazu die verschiedensten Arten von eingemachten Beeren und Früchten, Warenja genannt, die von der Wirtin jedes Jahr in großen Mengen eingekocht wurden. Katharina fragte den allen Diener nach der Fürstin, deren Bild in ihrem Zimmer hing, und nach einigem Zögern erzählte Pawel solgendes:

Mein Vater hat es mir erzählt, und dem hat es [ein Großvater gesagt, was er auch wieder von seinem Vater gehört. Der junge Fürst hatte geheiratet und verlebte mit der jungen schönen Fürstin Tatjana den Sommer hier auf dem Gut. Mein Urahn, der Diener und damals noch unfrei war, hatte strengen Befehl, alle Gäste abzuweifen; und ein« gute Zeit fing an für alle. Wenn der Fürst mit der Fürstin durch das Dorf fuhr, warf er den Bettlern und Greisen Geld zu:Betet für eure junge Herrin!" Und wenn eine Frau ein'Kind bekam, schickte ihr die Fürstin Wein und weißes Brot. Abends durch die offenen Fenster hörte man sie lachen und fingen. Als sie im Herbst nach Petersburg zur Mütterchen Zarin fuhren, weinten alle und küßten den Saum ihrer Kleider. Sie lachte:Wir kommen wieder!" Sie kam auch wieder, aber allein. Und sie lachte und fang nicht mehr, ließ sich von niemandem sehen, und die Dienerinnen erzählten, sie meine die Rächte durch und wäre wie unklug. Nur selten kam der junge Fürst und blieb immer nur wenige Tage. Wenn er allein durch das Dorf jagte, schlug er mit der Peitsche nach den Bettlern. In der ersten Zeit, wenn er kam, hörte man die Fürstin laut schreien und jammern, dann wurde sie immer stiller und blasser, und wenn sie Sonntags in der Kirche betete, soll sie ausgesehen haben wie eine Heilige, Gott verzeih mir die Sünde. Doch einmal hat sie noch geweint und gejammert, das war, als der Fürst ein kleines drei­jähriges Mädchen mitbrachte, das sollte auf dem Gut bleiben. Sie bat, er sollte das Kind mitnehmen; die Dienerin, die es mit anhörte, meinte immer, wenn sie es erzählte. Aber das Kind blieb da. Da wurde sie still, und am Morgen fand man sie tot in ihrem Bett. Wie sie ge­storben ist, weiß niemand; man hat wohl viel darüber gesprochen. Der Fürst blieb auf dem Gut. Das Kind, von dem es hieß, es märe sein eigenes, mußte die DienerschaftFürstin" nennen. Er ist bald ge­storben. Die Zarin Katharina ließ das vermaiste Mädchen erziehen. Doch nur einen Winter durfte sie die Bälle am Hofe besuchen; dann verheiratete die Zarin sie mit einem jungen Fürsten und bestimmte als ihren ständigen Wohnsitz dieses Gut. Mein Ahn soll oft gesagt haben, alle hätten gemeint, die Zarin selber wäre angekommen, so ähnlich habe ihr die junge Fürstin gesehen." Lange saß Katharina stumm; bann fragte sie:Gibt es kein Bilb von ihr?"Rein, man sagt, die Zarin hätte dem jungen Fürsten verboten, ein Porträt seiner Gemahlin machen

zu lassen."

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schliefe; Njanja hat es mir gesagt, sie mollte erst nicht, aber sie mußte. Als meine Mutter eine ganz junge Frau mar, ich sollte erst ge­boren werden, kam sie mit meinem Vater hierher und schlief in dem­selben Bett, in dem ich jetzt schlafe. Da schrillte plötzlich in der Nacht die Glocke, einmal, noch einmal. Die Njanja lief hin, da saß meine Mutter im Bett, blaß und zitternd und sagte, das Bild unserer Ahne sei von der Wand gestiegen und an ihr Bett getreten und hätte eine schreckliche Drohung ausgesprochen. Was sie gesagt habe, hat meine Mutter niemandem erzählt, aber sie mollte nicht mehr in dem Zimmer schlafen. Als man meiner Mutter nach meiner Geburt sagte, es wäre ein Töchterchen, schrie sie auf und verfiel in ein rasendes Fieber; nach drei Tagen starb sie. Sie wissen doch," fügte Katharina hinzu,daß seit vielen Generationen in unserem Geschlecht nur Knaben geboren wurden, ich war feit undenklichen Zeiten das erste Mädchen. Sie schwieg und sagte bann nachbenklich:Ich möchte wohl wissen, was die Ahnfrau aber bas ist sie eigentlich gar nicht, benn sie hatte ja kerne Kinder! was sie zu meiner Mutter gesagt hat."

Am nächsten Morgen erschien Katharina blaß und übernächtigt am Frühstückstisch.Diese Nacht stand sie an meinem Bett, sagte sie und zitterte. Ein paar Stunden später sah ich Katharina unter dem Bild« der Zarin stehen und hörte sie mit lauter Stimme sagen,und wenn sie zehnmal sagt, du märst schlecht gemefen und ich müßte mich von dir lossagen, und wenn sie noch jo sehr droht, so werde ich dich doch lieben und bewundern, solange ich lebe."

Immer stiller wurde Katharina, immer blasser und in sich ge­kehrter, und immer öfter stand sie vor dem Bilde der Zarin und hielt

Ein paar Tage später mir saßen wieder auf der Veranda; auf dem Hofe spielte ein junger Knecht bie Ziehharmonika, eine schwermütige Weise, in bie bie Mägde von Zeit zu Zeit im Chor einfielen und den Refrain mitjangen; es dunkelte schon. Da sagte Katharina plötzlich: jetzt, warum Pawel nicht mollte, daß ich in dem Zimmer Njanja hat es mir gesagt, sie mollte erst nicht, aber sie mußte.