Arbeit wurde zum nicht geringen Teil von Rutherford und seinen Schülern geleistet.
Kern lebender Physiker und nur ganz wenige unter den Geisteshelden der Vergangenheit können auf eine solche Zahl bedeutender Schüler blicken wie Rutherford. Auch aus Deutschland strömten die jungen Physiker zu ihm, und in fast zahllosen Fällen waren es erstaunliche, neue Bahnen eröffnende Arbeiten, die er in Gemeinsamkeit mit seinen Schülern vornahm, diesen die Hälfte des Ruhmes überlassend.
Die berühmteste Leistung Rutherfords aus den letzten Jahren ist wohl seine Atomzertrümmerung. Dabei waren die sich mit großer Heftigkeit selbst zersprengenden Atome nicht etwa, wie bisher, der Gegenstand, sondern vielmehr das Mittel und Werkzeug der Forschung. Er ließ nämlich die sich bei solchen Vorgängen bildenden Atomtrümmer auf andere, vornehmlich kleine Atome aufprallen, und siehe da, diese hielten den Angriff nicht aus, sondern wurden von der Wucht der aufprallenden Geschosse zertrümmert, so daß also dadurch der natürliche Atomzerfall einen künstlichen eingeleitet hatte. Freilich ist dies nicht so einfach, wie es nach diesen Worten scheinen möchte. Von hunderttausend dahinfliegenden Atomtrümmern trifft vielleicht ein Teilchen auf ein neues Atom so auf, daß es auch dieses zertrümmert, und man kann sich wohl vorstellen, wie ungemein geringfügig die Menge des neugebildeten Stoffes war. Es kann natürlich kein Gedanke daran sein, sie etwa mit den üblichen chemischen Mitteln nachweisen zu wollen. Aber auch diese Schwierigkeit wurde überwunden; die hochempfindlichen radioaktiven Nachweise führten schließlich 311111 Ziele und beseitigten jeden Zweifel an der Richtigkeit von Rutherfords Behauptungen.
Es ist ungemein schwer, sich ein Bild von den Folgen dieser hier nur kurz angedeuteten wissenschaftlichen Großtaten zu machen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine neue Welt, die durch sie entstand. In und hinter der starren unbeweglichen Welt des Stoffes, in der die für jeden Grundstoff verschiedenen, gewissermaßen toten und ihrem Wesen nach unerklärten Atome die letzten Einheiten waren, ist eine gänzlich neue Vorstellungswelt entstanden, in der Bewegungen von unvorstellbar schnellem Ausmaß und gewaltige elektrische Kräfte bis in den tiefsten Kern hinein die eigentlich entscheidende Rolle spielen. Es ist hier nicht der Ort, diese neue und noch täglich wachsende Welt darzustellen. Begnügen wir uns also mit der Feststellung, daß sie ihre Geburt in allererster Linie dem schöpferischen Geiste Rutherfords verdanken.
Die sieben von Ephesus.
Lin Dokument aus der Zeit dec Lhristenversolgnngen.
Bon Arthur S t e n tz e l.
Durch die glänzenden Ergebnisse der unter Leitung des Archäologen Professor Joseph Keil stehenden EphesusExpeditiou ist die uralte Sage von den sieben heiligen Märtyrern, denen der „Siebenschläfertag" zugeeignet ist, in ein Helles Licht gerückt. Die in den letzten Jahren in der Nähe der kleinasiatischen Stadt Ephesus, am Panajir Dagh ausgeführten Grabungen haben die Existenz und die Echtheit der Siebenschläfergrotte bestätigt und umfangreiche Katakombenanlagen, sowie eine Felsenkirche, freigelegt; auch eine überraschend große Menge wertvoller Fundstücke wurde geborgen. Aus diesen Forschungen, die noch weiter fortgesetzt werden sollen, geht abermals hervor, daß den alten sagenhaften Ueberliefe- rungen meist eine wahre Begebenheit zugrunde liegt; jo auch in diesem Falle. Wer waren nun jene sieben Schläfer von Ephesus? Ihr ebenso tragisches wie wunderbares Schicksal wird uns in einer der schönsten frühmittelalterlichen Legenden erzählt, von der zahlreiche, in fast alle europäischen Sprachen übergegangene christliche, ebenso mohammedanische und andere orientalische Bearbeitungen vorliegen: Von diesen ist die älteste und wohl auch beste die des Syrers MarJacgh, der im Jahre 819 Bischof von Sarug in Mesopotamien war.
Zur Zeit, als Decius im römischen Reiche regierte, geschah es, daß er im Jahi^ 249 voll Zornes aus Byzanz nach Karthagenna und nach Ephesus kam. Die Kirchen derer, die an Christum glaubten, wurden geschlossen, und die Christen, Priester wie Laien, flohen vor dem Anblick der Tyrannen. Als Decius in Ephesus einzog, begann er Götzenbilder mitten in der Stadt zu errichten, und er befahl den Großen der Stadt, daß sie jenen falschen Göttern Opfer darbrächten. Am dritten Tage gab der Kaiser Befehl, daß die Christen ergriffen würden; man schleppte sie daher aus ihren Schlupfwinkeln heraus, daß sie vor dem Volke mit dem Kaiser opferten. Die nun, die sich vor den Martern fürchteten, fielen von Wahrheit und Glauben ab und brachten den Götzen Opfer dar. Diejenigen aber, die stark waren, ertrugen willig die Geschosse des Teufels mit ihren Körpern und duldeten die Quoten. Und ihr Leib wurde vernichtet und wie Mist auf die Erde geworfen, und ihr Fleisch wurde durch mannigfache Martern zerrissen, so daß viel Blut ihren Wunden entströmte.
Nun waren aber sieben edle Jünglinge: Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius "und Cyriacus, Söhne von Vornehmen der Stadt und fest im Glauben an den Sohn Gottes; diese dienten Gott mit Wachen, Fasten und Gebet. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers. Ihre Genossen aber gaben acht und meldeten ihr Verhalten dem Kaiser. Da ergrimmte Decius und befahl, daß sie gefesselt vor ihn gebracht würden. Doch als sie herbeigeführt wurden, das Antlitz mit Tränen bedeckt und die Häupter mit Staub bestreut, redete er ihnen gütlich zu, auch den Göttern zu opfern. Achillides aber antwortete, sie verehrten einen Gott im Himmel, jenen Götzen aber brächten sie keine Opfer dar, um nicht ihre Seelen zu beschmutzen. Darauf hieß Decius ihnen ihre kriegerische Wehr abnehmen, gab ihnen aber Bedenkzeit, da es ihm unbillig erscheine, ihre Jugend durch Martern zu schänden; die Fesseln ließ er ihnen wieder abnehmen. Alsdann zog Decius fort nach anderen Städten, um zu tun, was er im Sinn hatte. Achillides und feine Genossen hatten nun Gelegenheit, das Werk der Gerechtigkeit zu
vollbringen, sammelten Gold und Silber aus ben Schätzen ihrer Väter unh verteilten davon viel als Almosen an die Armen. Dann hielten jjc sju miteinander, flohen aus der Stadt und verbargen sich in der Höhle bes Berges Anchilus, wo sie in Ruhe zu Gott beten konnten. Sie nahmen h viel Geld mit sich, als sie bedurften, und schickten den jüngsten und qe, wandtesten, den Diomedes, als Bettler verkleidet in die Stadt, um ihr» Geschäfte zu besorgen, Almosen zu verteilen, Nachforschungen zu {jatte» und Brot und andere Lebensmittel zu kaufen. Kurze Zeit darauf kehm Decius zurück und befahl, daß alle Vornehmen und auch die [leben Jünglinge den falschen Göttern Opfer bringen sollten. Als dies Diom-dcs erfuhr, begab er sich eiligst zu seinen Genossen, denen er nur roeniq» Brote mitbrachte. Und als er ihnen die Rückkehr des Tyrannen mitteilte und ihnen eröffnete, daß sie gesucht würden, erschraken sie und beteten unter Seufzen und Weinen zu Gott. Doch Diomedes bereitete ihnen ein Mahl und überredete sie, daß sie äßen. Darauf setzten sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten, und als sie so traurig beieinander saßen, entschliefen sie sanft, denn ihre Augen waren durch den Kummer schwer geworden. Aber Gott ließ sie einen sanften Tod erleiden damit durch sie später ein Wunder verrichtet werden sollte. Wie sie nun vom Schlafe befallen wurden, gaben sie, ohne es zu merken, auf der Erde liegend, ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, dm sie mit sich genommen hattery lag ihnen zur Seite.
Als man die auf Geheiß des Kaisers gesuchten sieben Jünglinge nicht fand, ließ Decius deren Väter herbeiführen und bedrohte diese mit dem Tode, entließ sie aber, als sie ihm den Aufenthalsort ihrer Söhne mil- geteilt hatten. Darauf ließ er den Eingang der Höhle auf dem Berge Anchilus mit Steinen verbauen und versiegeln, damit die Jünglinge lebend begraben seien und in jenem Kerker elend sterben. Theodoras und Rnfinus, des Kaisers vertraute Diener, die auch Christen waren und sich verborgen hielten, schrieben indessen die Leiden der sieben Märtyrer auf bleierne Tafeln, taten sie in ein ehernes Kästchen und verbargen dieses wohlversiegelt unter den, den Höhlengang verschließenden Steinen, damit man dereinst, wenn sich die Höhle wieder öffnet, die Wahrheit erfahre.
Bald darauf starb der Kaiser Decius und sein ganzes Geschlecht. Es folgten andere Kaiser, bis Theodosius, des Arcadius Sohn, den Thron bestieg. Im 38. Jahre der Regierung dieses frommen christlichen Fürsten (446) erhoben sich aber Ketzer, die die Auferstehung der Toten leugneten, und da der Kaiser selbst verwirrt wurde, beschloß Gott, ein Wunder zu tun. Er gab es daher einem begüterten Manne, namens Adolius, dem der Berg mit der Höhle gehörte, in den Sinn, einen Stall für das Vieh zu erbauen, und die Steine vor der Höhle wegwälzen zu lassen. Da flößte Gott den Heiligen, die in der Höhle schliefen, neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich auf und begrüßten einander, wie sie gewohnt waren. Denn sie sahen kein Zeichen, aus dem sie schließen konnten, daß sie so lange wie tot gelegen hätten; ihre Kleider waren noch in demselben Zustande wie zuvor, und ihre Leiber waren frisch und blühend. Deshalb glaubten sie, daß sie nur vom Abend bis zum Morgen geschlafen hallen, und sie waren in Angst und Sorge, daß der Kaiser Decius sie suchen lasse. Darum befragten sie den Diomedes, ihren Schaffner, nochmals, was er am vorigen Abend in der Stadt erfahren habe. Als dieser wiederholte, daß Decius sie suchen lasse und sie, wenn sie seinen Befehlen nicht gehorchten, martern lassen wolle, entgegnete Achillides: „Wohlan, ihr Brüder, laßt uns bereit fein, vor den Richterstuhl Christi zu treten; nicht fürchten wollen wir das Urteil jenes sterblichen Kaisers. Doch dn, Diomedes, gehe zur Stadt, damit du uns topeife verschaffest. Gleichzeitig erforsche, was Decius über uns beschlossen hat." Da machte sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr aller Prägung, denn es waren fast zweihundert Jahre verflossen, während deren sie geschlafen. Als er die vor der Höhle mnherliegenden Steine sah, erstaunte er, und zitternd stieg er vom Berge, denn er war besorgt, daß er in der Stadt erkannt und vor Decius geführt würde. Er wußte nicht, daß die Gebeine des Tyrannen bereits im Grabe vermodert waren. Als er dann über jedem Tore der Stadt das heilige Kreuz erblickte und Christum laut bekennen hörte, auch gewahrte, daß sich vieles verändert hatte, erstaunte er noch viel mehr und zweifelte, daß diese Stadt Ephesus sei. Wender aber fragte, der nannte sie Ephesus, und so glaubte er, er fei von Sinnen; er wollte deshalb schnell zu seinen Genossen zuräck- kehren und ihnen das Abenteuer melden. Als er im Hinausgehen an den Brotbänken vorbeikam, gedachte er Brot zu kaufen^ Die Bäcker aber verwunderten sich über die ihnen dargereichte Münze und glaubten, er habe einen Schatz der alten Könige gefunden. Da nun Diomedes dies bestritt, schleppten sie ihn in die Mitte der Stabt, jdd sich bald viel Volks ansammelte. Schließlich, vor den Bischof und Statthalter geführt, di« ihin auch nicht glauben wollten, bat Diomedes, man möge ihm zu seinen Gefährten folgen. Hier aber fand der Bischof das Kästchen mit den silbernen Siegeln und der Inschrift, die er dem Volke vorlas. In der HW selbst sahen die Heiligen, deren Antlitz hell wie das Licht glänzte, und die heiligen Märtyrer erzählten alles, was zur Zeit des Decius geschehen war. Jetzt schickte der Bischof und der Statthalter sofort einen e Brief an Kaiser Theodosius nach Konstantinopel, der darauf mit großem Gefolge nach Ephesus kam, vor den Jünglingen niederfiel und sie mn- armte. Als dann Achillides dem Kaiser seinen Segen gespendet, leW die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Ewe ®“ entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehl Gottes. Theodosius ließ darauf das Grabgewölbe mit Gold und kostbaren steine» schmücken und darüber eine große Kirche erbauen. Ein herrliches m wurde gefeiert, reichliche Almosen wurden verteilt und die Gefangene wurden freigelassen. Dann kehrte Theodosius nach Konstantinopel zum -
Nach Mar Jacob und anderen Autoren hätten die sieben schlol also von 249 bis 446, d. h. 197 Jahre, in todähnlichem Schlummer z legen. Manche Legenden bemessen die Zeit noch länger, bis ZU » Jahren.
Verantwortlich; Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, lR. Lange. Siehe"-


