jni Schatten des Glockenturmes, bis der Vater vorüber war. Da sah er plötzlich einen großen Vogel herniederschweben. Er gab keinen Ton von sich, slog gespenstisch leise und verschwand in einer gesprungenen Scheibe des Kirchensenstcrs. Es überlief Bert eiskalt, und, da, gleich daraus kam ein zweiter, fast noch größerer Vogel.
Bert ging nun nicht nach Hause, sondern erst zu seinem Freunde, dem verwachsenen Schuster Schwindangel, mit dem er sich über alle brennenden Fragen des Lebens zu besprechen pflegte. Herr Schwindangel schob seine Stahlbrille auf die Stirn, hakte sie auf eine dort befindliche große Warze utti) hörte sehr ernsthaft den Bericht des Knaben an. Dann zog er die breiten, zusammengepreßten Lippen hinab und sagte mit seinem schwärzesten Baß nur das eine Wort: „Eulen!" Hierauf lieh er die Brille wieder automatisch herabfallen und arbeitete weiter.
Da Bert schon seit einem Jahre Ministrant war, gelang es ihm noch am gleichen Abend, unter einem Vorwande vom Küster die Kirchenschliissel zu beschaffen, die Stelle, wo das Culennest war, auszukundschaften und i)ie Böge! zu beobachten.
Das Geheimnis des Eülenneftes wurde von der „Bande", einer durch freimaurerische Zeremonien und Gebräuche eng verbundenen Schar Halbwüchsiger streng gehütet. In der Dämmerung des nächsten Tages stand eine achtgliedrige Kette auf dem Kirchdamm und hielt flüsternd Rat, was zu tun sei. Daß man zum mindesten eine der jungen Eulen haben müsse, war selbstverständlich nur über eine Reihe organisatorischer Fragen herrschte vorläufig noch Unklarheit.
Zunächst galt es festzulegen, wer die Eulen rauben sollte. Es konnte nur ein sehr guter Kletterer (ein, der aber auch in der Kirche genau Bescheid wissen mußte. Der kleine Bert kam für diese Aufgabe noch nicht in Frage. Paul, der Hauptmann der „Bande", schied aus, weil er prote- stmüisch war. Heini konnte wohl gut klimmen, erschien aber als ungeeignet, weil er kurz zuvor bei einer ähnlichen Aktion, wo es sich um die „Einbringung" von Walnüssen gehandelt hatte, aus Familienrücksichten gekniffen batte, der dicke Lutz, der sich sofort erbot, verfügte nicht über ausreichende Lokalkenntnisse und war außerdem kurzsichtig. Es war nicht leicht, einen vollwertigen Vertreter zu finden. Da gesellte sich ein Neunter hinzu. Die Hände in Öen Hosentaschen, leicht vornübergeneigt, schob er sich auf langen Beinen an die „Bande" heran. Es war Brigitte, das einzige weibliche Mitglied. Sie trug für die Zusammenkünfte Jungenkleidung unb war wegen ihrer Unerschrockenheit und Entschlossenheit hoch geschätzt; daß sie nebenbei auch ein hübsches Mädel war, spielte eine untergeordnete Rolle; in diesem Falle wenigstens. Brigitte machte im Gegensatz zu den Knaben keine Vorschläge, verwarf nur schlechte und sprang von einem Bein auf das andere, wenn einer besonders kühne Pläne entwickelte; bann leuchteten ihre schönen Augen, unb in dem lachenden Munde blitzten die Zähne. Am Ende wurde beschlossen, daß man losen sollte. Paul machte die Lose fertig, und jeder entnahm Pauls Mütze ein Los. Das durfte er aber erst zu Haufe, kurz vor dem Zubettgehen öffnen, um schon am daran fsolgenden Samstag mußte der Raub ausgeführt werden, denn man fürchtete mit Recht, die jungen Eulen könnten vorzeitig flügge werden.
Bis zu dieser Stunde lastete unheimliches Schweigen auf den Mitgliedern der „Bande". Keiner durfte erfahren, wen das Los getroffen hatte; das war strenges Gebot. Nur der kleine Bert wußte es, denn ihm war die wichtige Rolle des Vermittlers zugefallen. An jenem Abend betätigte er sich denn auch mit ungewöhnlichem Eifer als Helfer des Käfters; er nahm ihm fast alle Funktionen ab, richtete die Blumen auf den Altären, steckte die hohen, dicken Kerzen für das Hochamt auf, nahm die Bezüge von Fahnen und Baldachin und verweilte solange als irgend möglich in der Kirche.
Der Pfarrer Strobel saß »och im Beichtstuhl und überdachte seine Svnntagspredigt. Die letzten Gläubigen hatten ihre Beichtpflicht erfüllt, die Lampen waren gelöscht, und nur über dem Stuhl des Pfarrers leuchtete das milde Licht einer kleinen Ampel. Da bemerkte er plötzlich eine Gestalt. Er hatte kein Türklappen, keine Tritte gehört, und nun sah er, wie die Gestalt leichtfüßig am Hochaltar vorüberlief und im Dunkel des Seitenschiffes verschwand. So benahm sich der alte Küster nicht. Was ging da vor? Kurz entschlossen legte der Pfarrer Chorhemd und Stola ab, verließ leise seinen Sitz und tastete sich langsam durch die schlummernden Kirchenbänke nach der Richtung vor, in.der die großen Opferkasten standen, denn fein erster Gedanke war, daß es fich hier um einen Kirchendieb handele. Er drückte sich in eine der hinteren Bänke unb durchforschte mit den Augen die Dunkelheit.
Da gewahrte er einen noch jungen Burschen. Er hatte die Mütze auf dem Kops behalten und starrte unverwandt zu dem Albertnsaltar hinaus. Dann trat er ein paar Schritte vorwärts, rückwärts, musterte die Oert- lichkeit und (prang mit gewandtem Satz auf den Altar. Hier umschlang er eine der Marmorsäulen und klomm nach der Art der Matrosen zur Spitze empor, aus der der fromme Bischof mit Mitra unb Krummstab (eine schirmende Hand ausbreitete, als gälte es immer noch über getaufte Pruzzenheiden vom Himmel die Segnungen des Christentums herabzn- slehen. Oben angelangt schwang sich der Bengel — denn um einen solchen ( Wnbeltc es sich, das hatte der Pfarrer bald heraus — zum hl. Adalbert hinüber, setzte fich auf dessen steinerne Schultern und lugte vorsichtig hmter das Standbild. Unb nun vernahm der Pfarrer ein kurzes, angstvolles Pfeifen, das dem der Ratten ähnlich klang, hörte einen mühsam erstickten Ton aus der Kehle des Burschen und beobachtete deutlich, wie r zweimal etwas erfaßte und in seiner Tasche verbarg. Dann lieh er sich G»ell an der anderen Säule herunter und lugte, an den Boden geduckt, M nach allen Seiten. Jetzt hielt der Pfarrer feine Zeit für gekommen. Wo einen Anruf [prang er aus seinem Versteck auf den geheimnisvollen K'-tt-rer zu und packte, ihn.
„Was treibst du hier?"
... ®er Pfarrer hörte einen Hellen Aufschrei und blickte für einen Augen- w« in ein kindlich schmales Gesicht, das sich aber sofort ab wandte, um "'cht erkannt zu werden.
»Ms ... nicht ... loslafsen ...!" stieß es angstvoll gepreßt hervor.
„Ich will dich lehren, loslafsen", rief der Pfarrer und versuchte, den aiu r? *n Lichtschein der Ampel zu zerren. Er schien auch zuerst Folge 6 c’ttcn, gab sich aber bann einen Ruck, mit dem er sich geschmeidig aus
der Umklammerung befreite, und stürzte davon. Der Pfarrer tat ein paar Sätze hinter dem Flüchtenden her, aber er vermochte nur noch dessen Mütze zu erwischen. Wie er sie ihm aber vom Kopfe riß, geschah etwas höchst Seltsames: eine Flut hellblonden Haares quoll unter der Mütze hervor, fiel über die Schulter herab unb wehte wie eine Mähne hinter dem Fliehenden her.
Der Pfarrer stand wie angewurzelt da. Was war bas? Das, was dort lief, war ein Mädchen, ein halbwüchsiges Mädchen, das ein Euleimest ausgenommen hatte. Der Pfarrer stand staunend da und begann, zu begreifen, ahnte die Zusammenhänge und wußte schließlich alles. Er schüttelte das ergraute Haupt unb schritt mit leisem Lächeln zu dem Beichtstuhl zurück. — —
Fünf Jahre später sitzt der Pfarrer an einer reichen Tafel, unb an ihrer Spitze fitzt bie schöne Brigitte als schimmernde Braut.
Die Begrüßungsworte des Brautvaters sind verklungen, unb der Pfarrer nimmt bas Wort. Er spricht zuerst, wie es dem geistlichen Herrn zukommt, würdevoll, väterlich-milde, und fährt bann fort:
.. ich habe dort das Mäbchen in Kranz unb Schleier dereinst getauft, habe es heranwachsen sehen, habe es zum Tische des Herrn geführt und heute will ich es gestehen, — erschrecken eie nicht, meine Herrschaften — ich habe es einmal in der dunkeln Kirche fest in meinen Armen gehalten."
Alle sehen auf Brigitte. In der ausgelassenen Fröhlichkeit, die nun anhebt, steht schmunzelnd der Pfarrer und nestelt an der Schoßtoiche seines Bratenrockes. Er zieht zum allgemeinen Erstaunen eine blaue Matrosenmütze daraus hervor, glättet sie mit streichelnden Händen und reicht sie der übermütig lachenden Braut.
Ernest Rutherford.
Von Professor Dr. Paul Kirchberger.
(Nachdruck verboten.)
Ganz unzweifelhaft haben wir Deutsch« jo viel zur Förderung der Raturwifsenschast, insbesondere auch der Physik, beigetragen — stammen doch zwei der allerwesentlichsten Gedanken der Physik des 20. Jahrhunderts, die Relativitätstheorie unb bie Quantentheorie, von deutschen Gelehrten —, daß wir neidlos auch fremdes Verdienst anerkennen können. So wirb denn bei allen der physikalischen Forschung Nahestehenden die Freude groß sein, daß die Preußische Akademie der Wissenschaften den wohl größten lebenden Physiker, Ernest Rutherford, Professor in Cambridge, zu den ihren zählen darf. Sie Stellung dieses Mannes in der zeitgenössischen Physik kann nur mit der von Michael Faraday in der Physik des 19. Jahrhunderts verglichen werden. Wie Faraday ist auch Rutherford in erster Linie ein Meister des physikalischen Versuchs, wenn freilich auch (eine Leistungen in der zweiten, im verflossenen Jahrhundert immer wichtiger gewordenen Seite der Wiffen- ichaft, nämlich in der Durchdringung des fortgesetzt anschwellenben Beobachtungsstoffs durch die mathematische Rechnung gleichfalls hoch bedeutend iind.
In erster Linie gründet sich der Ruhm Rutherfords auf die Erforschung der Radioaktivität. Gewiß werden sich manche unserer Leser noch des Aussehens erinnern, das die Entdeckung des Radiums durch Frau Maria Curie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorrief. Es war keineswegs nur der Umstand, daß es eine Frau war, die mit einer Entdeckung von vorerst nicht absehbarer Tragweite in die Forschung eingriff, sondern ebenso diese Entdeckung selbst, die geradezu aufrüttelnd aus die Geister wirkte. Es war ein Stoff, der nur in Milligrammen vorlag, der aber Energieäußerungen zeigte, wie sie sonst nicht entfernt bei so winzigen Stoffmengen auftreten. Chemische Vorgänge, wie etwa die Bereinigung von Sauerstoff und Wasserstoff zu ® aff er, bie bis dahin als gewaltigste Freimachung von Energie gegolten hatten, wurden durch die neuen und so fremdartig anmutenben Erscheinungen bei weitem in den Schatten gestellt, unb, was das Seltsamste an ihnen war, die Menge des Stoffes, die in Form von Strahlen so ungeheure Energiemengen frei werden liefe, schien sich dabei gar nicht zu verringern. Fast schienen die alten Märchen vom Säckel des Fortnuats, der sich trotz aller Ausgaben nicht leeren wollte, in physikalischer Form wieder auszuleben; sehr hübsch und unterhaltend für den Zeitungsleser, aber ausregend für den Physiker, bet bas wichtigste Ergebnis der getarnten Naturwissenschaft, bas Gesetz von der Erhaltung der Energie, bedroht (ah. Und diese Bedrohung war nicht weniger ernst, weil (ie von Stoffmengen ausging, deren Menge nach Milligrammen zählte.
Da also war es der damals noch junge Rutherford, dem in allererster Linie die Lösung der Rätsel zu danken ist. Er war es, der den Gedanken aussprach, daß es fich um Atomzerfall handle, eine uns jetzt geläufige Tatfache, zu jener Zeit aber eine geradezu umstürzend wirkende Annahme; denn über die Natur der Atome war damals so gut wie nichts bekannt. Der deutsche Physiker Lenard war wohl der einzige, der (ich schon einige, aber doch ziemlich allgemein gehaltene Vorstellungen über den Bau der Atome gebildet hatte, 'sonst lagen nur mehr oder weniger kühne Vermutungen vor, an denen freilich kein Mangel war. Aber nun war es ein wahrer Wunderbau, den Rutherford in erstaunlich kurzer Zeit errichtete. Er bildete nicht nur die Auffassung des Atoms als eines Planetensystems im Kleinen aus, sondern er stellte auch Regeln darüber auf, wie die Selbstzerstörung dieser Liliputwelten vor sich gehe. Er maß die Geschwindigkeit des Atomzersalls unb benutzte diese Messungen zur Bestätigung seiner Theorie. Stimmte sie einmal nicht, so war er kühn genug, den Grund hierfür in noch unbekannten Zwischen- gliebern des Atomzerfalls zu suckln. Er behauptete also das Vorhandensein unbekannter Elemente unb wies nach, baß sich mit ihrer Annahme eine Beitäiigung seiner Rechnung ergab. Jahrzehntelang beherrschte bie Erforschung der Radioaktivität die physikalische Wissenschaft; in über- raichend kurzer Zeit war (ozufogen aus einem dunkeln Erbteil em völlig durchforschtes Gebiet geworben, bei dem es sich im wesentlichen nur 'noch darum handelt«, bie feineren Zusammenhänge im einzelnen, (Mittagen die Wege, bie von der großen, von Rutherford angelegten Hauptstraße ins Innere hineinführten, noch aufzuklären. Auch diese


