Ausgabe 
14.4.1928
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

)ahrgangl928

Samstag, den April

Nummer 50

Lose Ware.

Von Eduard SDlörlte.

Tinte! Tinte, wer braucht! Schön schwarze Tinte verkauf' ich", Rief ein Bübchen gar hell Straßen hinauf und hinab.

Lachend traf sein feuriger Blick mich oben im Fenster, Eh' ich mich's irgend versah, huscht' er ins Zimmer herein.

Knabe, dich rief niemand!"Herr, meine Ware versucht nur!" Und sein Fäßchen behend schwang er vom Rücken herum.

Da verschob sich das halb zerrissene Jäckchen ein wenig An der Schulter, und hell schimmert ein Flügel hervor.

Ei, laß sehen, mein Sohn, du führst auch Federn im Handel?

Amor, verkleideter Schelni! soll ich dich rupfen sogleich?"

Und er lächelt, entlarvt, und legt auf die Lippen den Finger: Stille! sie sind nicht verzollt stört die Geschäfte mir nicht!

Gebt das Gefäß, ich füll' es umsonst, und bleiben wir Freunde!" Dies gesagt und getan, schlüpft er zur Türe hinaus.

Angeführt hat er mich doch: denn will ich was Nützliches schreiben, Gleich wird ein Liebesbrief, gleich ein Erotikon draus.

,.34 bin kein Offizier, ich bin nicht blau oder grün gewandet und trage keme roten Bänder in der Hose. Ich kann nicht mit dem 'Säbel klirren, Wenn ich dis Steintreppen hinuntergche. In meinen Erinnerungen ist kein Schlsßgevisrt, kein Kastanisnpark mit Amoretten und ausgehauenen Hirschen, keine Mademoiselle und die Equipage in Gold. Ich erinnere Wich nur einer hohen eichenen Bürgertreppe, einer braunen Tür mit einem Kingeizug, daran gezogen eine Schelle aus Messing gellend schep- Perte. Große Aktenschränke verengten den Flur, in dem um die zwölfte , ittagsstunde der Dunst der Küche lag. Ein altes Bild, Mann im Barts, verjports an der Wand, da es noch niemals heruntsrgehänat ward, der Mrnis toOT schon aufgesprungen und siel in kleinen Blättchen herunter Wie Di# Blätter von den Herbstbüumen. Dieser Mann im Barte soll ein 6"ivesen fein, ein Ahne oder ein Urahne, dessen Blut in mich hi« r r "h trieb mich nun umher, manchmal zu ihm ausschauend, mit 9n«^J'ranf^ellstellncu- ein Stück von seiner Wollust, Fetzen von seinen unschen, Stücke von seiner Phantasie tm Innern.

*

w8n feem Garten unten, wo die Musik marschiert und flüstert, tritt der Fuß von Atsss, elfenhafi dahinschwebenfe. In den Sand. Immer

Altmodisches Pastell.

Von Anton Schnack.

Ich höre Musik, doch weiß ich nicht, ob es wirkliche Musik ist, Musik von blaf^r.den Mündern und auf- und niedergleitenden Händen gemacht oder Musik, die mir mein Blut entgegensiedet, meine Einbildung mir vorspielt, Ich höre Trompeten wie von Windstößen zerrissen, Flöten, deren schwelgerisches Tropfen mir von Jubel kündet, mir, hier stehend an einer alten Brüstung von Sandsteinen, oerwettert, großporig und an den Kanten abgewetzt. Von einem Federmesser oder von einer Knabenscheide vielleicht. Sie sagen, daß früher hier immer alte Offiziere waren. Vielleicht haben diese hier gestanden, und die Schneide gewetzt, bevor sie ihr Brot oder die Kiele schnitten.

Nun stehe ich hier, ein halber Othello, mit einem Blei den Stein be­schreibend: Nisse, Nisse! Süße Ai sie auch manchesmal, ausschweifend in meiner Zärtlichkeit; und wäre es nicht so dunkel schon, könnte ich, mich Niederbeugend, den Namen lesen, den ich blindlings hinschreibe, inein­ander verschlungen, kreuz und quer, oft nicht mehr zu lesen, vom grauen porigen Stein eingesaugt wie Wasser.

Warum schreibe ich ihn? Oh welche Liebesleidenschaft! Oh welche glühende Helle, die mir von innen heraus das Gesicht überschüttet!

, Bin ich nicht mehr fähig, anderes zu denken als dieses? Könnte ich mcht darüber Nachdenken, daß die Mathematik sehr beruhigend auf den Geist wirke? Ich hätte mich wohl mehr an sie hingeben sollen, mehr Winkel zerlegen, Hypokhenusen und Kathoden bauen, aber damals schien sie mir ein finsteres Geschäft, eine abscheuliche phantasielose Wissenschaft.

um das Rondell, immer in kleinen kurzen Kreisen, immer ein wenig Duft aus dem Haar verlierend und aus dem weißen spitzenbsfetzten Taschentuch.

Ich weiß nicht, wohin sie gehört: achtzehntes Jahrhundert, neunzehntes oder zwanzigstes. Noch eben war sie ein Medaillon, blau und schwarz auf Emaille gemalt, hohe aber doch kleine Stirne, Brust geschnürt, und manchmal ein fades, aber doch sinnliches Lächeln. Große dunkle Stern­augen, entweder von Schwärmerei aufgewühlt oder von Empfindsamkeit überwältigt; Empfindsamkeit, die ich ein wenig verachte, trotzdem der Genuß sie zu erleben und sie zu entfachen größer ist. Weiter treiben mich die Beschwörungen, die Verführungen, die Entfesselungen von Bildern im wirrwuchernden Garten der Phantasie; eine alte Poesie, die nicht mehr gilt und die nichts mehr zu umhüllen Hat, das Kaum von einem Traum vielleicht nur, das Schattenantlitz eines seligen Geschöpfes, das aus der eigenen Inbrunst aufgejagt nicht die Bestätigung der ohne Träume Lebenden findet.

Ach, ich höre nichts mehr, der ich im Traum umhertappte. Die Musik hat abgebrochen. Regen. Ein großer schwerer Tropfen zerplatzt lautlos auf der schwachen und unsichtbaren Bleistiftschrift. Seltsam, daß der Namenszug des süßen beschworenen Kindes ausgelöscht, getroffen und bedeckt von einem Tropfen wurde wie ein Herz ein anderes bedeckt.

Im Rauschen wird die Nacht vergehen. Tropfen auf Tropfen fällt. Eine Wolke, riesengroß und aufgerissen, überschwemmt die Himmelsfurt, ein dunkles, kommendes und gehendes Sausen streicht über die Wipfel hinweg. Eine Frucht fällt, lautlos fast. Ein Staubgenich steigt heran. Ach, so rochen alle Gewittersommer.

Ich höre Gehen, viele trippelnde Schritte: leichte, das sind die Frauen und schluchzenden Kinder; schwere, das sind die Männer, die sie ergriffen haben mit festen Armen und die Schirme über sie haltend, in deren Gesichtern der Puder sich regendurchspritzt auflöst. So geht AissL heim von Wind und Nacht bedeckt, ein wenig ängstlich, das blumenhafte Kleid an der Seite gerafft; und wenn sie in das Haus hineintritt und die Treppe mit wilden und roten Wangen hinaufhuscht, schlägt die kleine silberne Pendüle mit den klirrenden Amoretten zehnmal einen singenden Schlag...

Einmal, vor Jahren, betrat ich ein Zimmer in einem alten Hause. Wähnte ein Engel oder sonst etwas Wehendes käme mir entgegen. Aber es war nichts, weder Flügelstreifen noch Laut. Nur ein Staub von Duft drang auf mich ein, als wäre eine wurmstichige Truhe oder die Schublade einer Kommode geöffnet worden; nicht zu erkennen war, ob Veilchen oder Rosenblätter die Jahrzehnte verzauberten.

An der Türe, wo das Weiß schon in ein dunkles Alter verblich, las ich den hingezitterten Namen Aisis. Leise und betulich trat ich hinaus, über eine kleine etwas abgetretene Stufe hinweg, und hinter mir, viel­leicht von der schließenden Tür verursacht, strich ein Hauch wie ein aus- gestoßener Atemzug auf mich ein.

Ein andermal, Jahre früher oder später; es war ein Garten, fast am Meere. Einer weißen geraden Landstraße schritt ich nach, eine hohe Mauer warf Abendschatten über den Weg. Das sanfte, immer wieder­kehrende Rauschen des Meeres war da; ein halb zusammengesacktes Segel kam mühsam herauf, halb von Rudern getrieben mit einem rufenden Fischer. Das trieb vorbei, nur das Meer war wieder da. rauschend, schluchzend, ruhelos.

Da wurde der Name Aissö über die Mauer geworfen, mit einem zärtlichen Hüpfen flog er an mein Ohr; und nichts mehr folgte, keine Antwort, fein Anruf mehr, kein Geräiisch von einem Fuß, nicht das Schließen eines Fensters; und nur das Meer war wieder da, rauschend, schluchzend, ruhelos ...

Noch immer stehe ich niedergebeugt an der alten Steinbrüstung, obwohl ich nichts mehr höre, weder Musik noch Gelächter; sondern nur den ununterbrochenen Fall des Regens, der auf den weißen Lichtflecken der Laterne zerstäubt.

Ein kühler Strom durchfließt die Nachtluft. Mit ihm herein bringt das wilde und vielgerüchige Aroma der Gärten, der Gärten, worin Aiffe mit Kindern den roten Ball in die Sonne warf. Der Wind singt wie ein hoher Vogel, ganz oben in der Nacht.

Ich höre dreimal eine hölzerne Türe schlagen, irgendwo, aber nicht ganz ferne, mit hartem dünnem Schlag. Dann wird sie geschlossen.

Das ist, als ob die ganze Welt vor mir zugeschlossen würde. Ich stehe davor, von ein wenig Trauer müde, von ein wenig Hilflosigkeit bedrückt, den Namen Ai sie hiiiausflüsternd, als ob es ein Zauberwort wär« ...