llch im Sttch gelassen. Jahrelang hatte die Mutter sich über die Ehrlosigkeit ihres Bruders gegrämt Bon ihrem Bater hatte sie mehr als einmal die Worte gehört: „Die Spiclratte hat die ganze Familie bekleckert'" Jetzt enthüllte Leonhard seine verhängnisvolle Leidenschaft. Der eigne Vater traute ihm nicht, ja er traute sich selber nicht. Anders war's nicht zu erklären, daß er volle vierzehn Tage mit seinem Geständnis gewartet hatte. Und es war ihr, als sei mit einem Male der Helle Schein ihres Glückes erloschen, als schaue sie in eine trostlose Finsternis.
Da Leonhard geendet hatte, stand sie auf und sagte, sich mühsam beherrschend: , , _ ,
„Dein Vater ist ein seltner Mann, den ich hochachten muß. s ist nur gut, daß der Onkel nichts ahnt. Gerade heraus, Leonhard: So lieb ich dich Hobe, wenn ich wüßte, daß du das Spielen nicht lassen kannst, würde ich dich bitten? gib mich wieder frei!“
„Hermine!" brauste er auf, „du glaubst mir nicht?"
„Ich möchte dir gern glauben, sagte sie traurig.
„Das heißt soviel, du glaubst mir nicht", tat er sehr gekränkt.
Sie schwieg.
Er ergriff ihre Hand. .. ... . j .. . , t
„Hermine, wenn ich meiner nicht sicher wäre, gäbe ich dir jetzt mein Wort zurück. Ich verspreche es dir auf Ehre und Gewissen, ich rühr keine Karte mehr an!" '
Der Onkel erschien, und das Gespräch wurde unterbrochen. Der Optiker war in der besten Laune. Ein Streit, den er mit einem Lieferanten gehabt, war diesen Morgen zu feiner vollen Zufriedenheit beigelegt worden. Er hatte von Rathenow Deck- und Objektivgläser bezogen. Diese waren zum großen Teil gertrümmert angekommen. Briefe waren gewechselt worden, hüben und drüben waren spitze Worte gefallen. Endlich hatte sich die Firma bereit erklärt, den Schaden zu tragen.
„’s ist mir lieb," sagte Herr Grützner behaglich, „daß die Herren nachgegeben haben. Ans Gericht laufen, ist nicht mein Fall. Wer einen Prozeß anfängt, setzt in die Lotterie."
Man ging zu Tisch. Der Onkel zeigte sich als em starker Esser, Leonhard stocherte auf seinem Teller herum, ohne den Gerichten ine Beachtung zu schenken, die sie verdienten.
Nachmittags wurde ein Ausflug gemacht. Man schloß sich einer größeren Gesellschaft an. Nahe bei der Rentzschmühle waren Vorbereitungen getroffen worden, die Stadtgäste zu empfangen. Man lagerte sich mitten im Wald, erquickte sich an kühlem Bier, und die Festtagsstimmung erreichte ihren Höhepunkt, als der Lehrer Vogel, der aus Augsburg stammte, Schnadahüpfel in bayerischer Mundart fang.
Alle schwammen in einem Meer von Fröhlichkeit, nur auf dem Brautpaar lastete ein Druck, der nicht weichen wollte. Abends kehrte Leonhard nach Plauen zurück. ,
Als er, dort angelangt, eben im Begriff war, die Trambahn zu besteigen, redete ihn ein Bekannter an.
„Schmittborn, Sie werden in der „Traube erwartet. Ihr Kollege Köhler hat feine Spendierhosen an und setzt eine Bowle."
Er überlegte und fand, daß es vernünftiger sei, ferne Mißstimmung von den Geistern der Bowle verscheuchen zu lassen, als sich dal)eim ichlas- lo- im Bett herumzuwälzen. Er fühlte wieder den stechenden Schmerz im Kopf. Kein Wunder nach all der Aufregung. Alsbald schlug er den Weg nach dem Gasthaus „Zur Traube" ein, das in der Nähe des unteren Bahnhofs tag. Es war eine Kneipe, in der meist kleine Leute verkehrten, doch hielt der Wirt ein besonderes Zimmer für bessere Herren. Darm waren zehn oder zwölf junge Kaufleute um eine leidlich geratene Pfik- sichbowle versammelt. Leonhard, der späte Gast, wurde mit lautem Hallo empfangen. Herr Köhler, der Spender der Bowle, dem die Kameraden wegen seiner ausfallenden Schlankheit den Spitznamen „Zwirn" beigelegt hatten, erhob sich und gebot Silentium.
„Meine Herren," rief er, sich in den Hüften wiegend, „ich bin weg! Schmittborn, bi-efer blinde Hesse und Deserteur tritt hier als Deus ex machina auf, nachdem er uns monatelang geschnitten hat. Ich bin dafür, daß er zunächst mal einen Ganzen pro poena trinkt."
Ein gezwungenes Lächeln auf den Lippen goß Leonhard einen „Ganzen" hinunter. , t ri
„Meine Herren," plätscherte Zwirn weiter, „nichtsdestoweniger erkläre ich hiermit: Leonhard Schmittborn ist mein Freund. Meine Herren, Freunde sind wie Melonen, man muß oft zehn probieren, bis man eine gute findet. Schmittborn ist ein guter Freund. Meine Herren, ich selbst [jafce meine Vorzüge und meine Schwächen. Vielleicht mehr Schwächen als Vorzüge. Aber etwas werden Sie mir zugeben: ein Neidhammel bin ich nicht. Ich habe mich riesig gefreut, daß mein lieber Freund und Kollege Leonhard Schmittborn in unserer Nachbarstadt Greiz feine Coeurdame gefunden hat. Meine Herren, ich habe den Vorzug, Fräulein Hermine Schneider zu kennen und kann nur sagen: Hut ab! Sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Vorbild echter Weiblichkeit. Meine Herren, Coeur ist Trumpf. Das Brautpaar lebe hoch!"
„Hoch, hoch, hoch!" stimmten alle begeistert ein.
Zwirn, der Redner, stieß mit dem Bräutigam an.
„Mensch, was siehst du denn so verdattert aus?"
„Ich verdattert? Das bilb’ft du dir ein", sagte Leonhard verwirrt und leerte hastig sein Glas.
Gegen Mitternacht trat das „Spielkränzchen" in feine Rechte, die Karten wurden herbeigeholt. Leonhard schwankte, ob er gehen oder bleiben solle. Warum denn gehen? Damit stellte er sich doch nur ein Armutszeugnis aus. Oder fürchtete er etwa feine Schwäche? Zum Lachen! Er war gegen jede Versuchung gefeit. Und damit Punktum. Er blieb.
Es wurde beschloßen, „Häufeln" zu spielen. Die Bank sollte Zwirn Übernehmen. Der wandte sich an Leonhard.
„Du machst dach mit?“
„Nein."
„Nanu?"
„Ich mache nicht mit.“
„Sei nicht komisch."
„Ich spiele nicht mehr."
„Hannebambel!" warf Zwirn spöttisch hin.
„Du kannst darüber denken, wie du willst," erwiderte Leonhard gelassen, „ich spiel nicht mehr."
Alle rissen ihre Witze.
„Sie möchten wohl, Schmittborn, und dürfen nicht?"
„Deubel auch, Sie markieren jetzt schon den Pantoffelhelden?" „Freiheit, die ich meine!"
„Meine Herren, ich will Ihnen das Rätsel lösen. Schmittborn ist Fatalist: Glück in der Liede, Unglück im Spiel/'
„Ja, wenn's um Nüsse ginge."
„I wo, Schmittborn spielt künftig nur noch um Bohnen."
„’s geht nichts über ein ruhiges Familienglück."
Diese und andere Sticheleien prallten an Leonhard wirkungslos ab, „Na denn nicht!" sagte Zwirn und mischte die Karten.
Von dem Augenblick an, da das Häufeln begann, verschwand bet heitere sorglose Ausdruck ans den Gesichtern und machte einer gespannten Aufmerksamkeit Platz.
Der Bankhalter legte der Zahl der Spieler gemäß gleidje Karteu- häufchen auf den Tisch, zuletzt eins für sich. Die Häufchen wurden mit Geldstücken besetzt, jenes ausgenommen, das dem Bankhalter gehörte, Darauf wurde Häufchen für Häufchen umgekehrt. Die unterste Karte gai den Ausschlag: Zwirn hatte gewonnen und strich den Einsatz ein.
Dem ersten Spiel folgte das zweite, dem zweiten das dritte. Und |o fort. Die Lust in dem von Tabaksrauch und den Dünsten des Weins erfüllten Raum war drückend heiß. Alle saßen sie schweißtriefend mit roten Köpfen da. Gold- und Silderstücke rollten hin und her. Das Glück bück dem Bankhalter treu. Die Aufregung wuchs. Verstand und Gefchicklichkck waren ausgeschaltet, hier regierte einzig die Macht, die den Zufall zmn Schicksal erhob.
Die Arme über der Brust verschränkt schaute Leonhard zu. Scheinbai gleichmütig. In der Tat folgte er mit fieberhafter Spannung dem V-r- lauf des Spiels. Dieser Zwirn hatte einen Dusel, nicht zu begreifen, j An seinem Platz haftete das Glück. Ja, der Platz hatte auch seine Bedeutung. Das letztemal hatte er, Leonhard, gegenüber gesessen, hatte Pech i über Pech gehabt. Herrgott, wenn er jetzt einspränge und die Van! \ übernähme? Das konnte ein Coup werden. Sie waren ihm ohnedies ! Revanche schuldig. Auf ihre Verschwiegenheit konnte er bauen. Eine Unruhe erfaßte ihn, die er wie einen körperlichen Schmerz empfand. 3er Funke, der in der Asche glomm, loderte zur Flamme empor. Umsonst daß fein besseres Gefühl sich aufbäumte, umsonst, daß er jeden Nm anftrengte, den Brand zu ersticken. Hinter ihm stand grinsend der Dämon und goß Del darauf.
„Alles für mich!" rief Zwirn mit heiserer Stimme und raffte die Einsätze zusammen. Bor ihm lag das Geld gehäuft.
; ' Nun stand er auf und ging auf Leonhard zu.
„Tritt einen Augenblick für mich ein, ich bin gleich wieder da."
IDer leere Stuhl Zimms zog Leonhard mit der Gewalt eines Meg- neten an. Vor seinen Augen tanzten rote Lichter. Ein Schwindel purfte ■ ihn. Rasch, daß er einen Halt gewann. Er taumelte vorwärts. Und glitt ; auf dem Platz des Bankhalters nieder.
„Los, los!" drängten alle, in der Hoffnung, daß sich das Blatt z« ihren Gunsten wende. Leonhard nahm die Karten zur Hand und begonn zu mischen. Plötzlich schnellte er in die Höhe, warf das Spiel auf beit Tisch und stürzte unter dem Geschimpf und Gejohle der Kumpane hinaiii,
Draußen empfing ihn Regen und Sturm. Die Straße war von kärglichem Licht erhellt, daß alles"in unbestimmten Linien verschwamm. Fernher klang ein dumpfes Grollen.
Wie von bösen Geistern gehetzt, rannte Leonhard voran. Den weite« Weg in seine Wohnung legte er in einer knappen Viertelstunde zurück
Mit zitternden Händen öffnete er die Haustür und stolperte bis Treppe hinauf. In seiner Stube warf er sich aufs Bett rind preßte bi( Hände wider die hämmernden Schläfen.
Was war geschehen? Ein Mensch war wortbrüchig geworden. Ei s hatte seiner Braut auf Ehre und Gewissen versprochen, keine wj mehr anzurühren. Und hatte es doch getan. Zwar hatte er nicht gejpiclt aber doch so gut wie gespielt. Und das nächste Mal würde er unterliegen, würde er wieder in seine alte Leidenschaft verfallen. Er stöhnte laut auf. Wenn er diese Nacht in Vergessenheit begrub. Seiner Braut wur« nichts zu Ohren kommen. In wenigen Monaten war sie feine tfraii s Dann würde er ein neues Leben beginnen. Ein Leden wie im Hnnmet Vielleicht! Vielleicht auch ein Geben der Lüge und Pein. „Wenn ich wußte, daß du das Spielen nicht lassen kannst," hatte seine Braut zu ihm &■ sprachen, „würde ich dich bitten: gib mich wieder frei." Er konnte M Spielen nicht lassen, dessen war er heute nacht inne geworden. Darum » er jetzt, was er tun mußte: er gab sie frei! ,
Er erhob sich, ging zum Waschtisch und übergoß den brennenb« Kopf mit erfrischendem Wasser. Darauf legte er Papier und Schreibzeug zurecht, ließ sich nieder und schrieb an seine Braut.
Vom nahen Kirchturm schlug es sechs. Um dieses Stunde wurde M Postkasten drunten am Haus geleert. Rasch faltete er die Bogen zusammen verschloß und adressierte sie. Dann eilte er hinunter.
Der Postbeamte, ein betagter Mann, den er vom Geschäft kannte, hatte eben seinen Sack in den Kasten geschoben. Polternd siete die Postsachen herab. Jetzt bemerkte er den jungen Mann, der m - bleichem übernächtigen Gesicht aus der Tür trat.
„Nu schon so früh, Herr Schmittborn?"
! „Guten Morgen, Herr Lohmann", bot ihm Leonhard die Zeit. bitte, ein Brief. Der längste, den ich in meinem Leben gefchrieben have Und der traurigste!" setzte er mit erstickter Stimme hinzu.
Der Alte nahm den Brief entgegen.
„Geben Sie man her. Das kommt alles in einen Beutel. Sprach's und trottete weiter.
Derantwortlick: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-


