Ausgabe 
13.11.1928
 
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Eine verwandte Atmosphäre der Natürlichkeit und urwüchsigen Origi­nalität, durchsonnt von warmherziger Güte, reicher Mütterlichkeit und an­mutigem Humor, lebt in den Briefen der Frau Rat Goethe. Welch persönlicher Zauber entquillt jedem, auch dem kleinsten Billett ihrer Hand, und wie dramatisch und lebensvoll weiß sie die großen Szenen ihres Lebens, etwa den weithin ragenden Höhepunkt ihres schlichten Alltags, den Besuch ihres Hätjchelhans und seines Fürsten zu schildern, wie köstlich Anekdoten und kleine Histörchen in ihre Berichte zu verweben! Wie fein­sinnig stimmt sie jedes Schreiben auf den Empfänger ab, sei es, daß sie mit ihrem lieben Sohn Lavater im Ton der empfindsamen Seelen spricht, sei es, daß sie mit Fritz von Stein nach fröhlicher Jugend Art aus ihrer eigenen unverwelklichen Jugend heraus plaudert oder in Briefen an ihre lieben Enkeleins" ganz gütevoll sorgendes Großmütterchen ist. Und die unendliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit dieser Frau, die ihre Briefe widerspiegeln, findet auch die Brücke in das ihrer eigenen Klarheit innerlich wesensfremde Land der Romantik, die sie liebevoll in dem Kinde Bettina an ihr mütterliches Herz nimmt.

Die Romantik das ist die hohe Zeit der weiblichen Briefgenies, wie ja Wilhelm Scherer dieses Wort gerade für jene Frau geprägt hat, in du die Seele der Romantik ihre reinste Inkarnation gefunden hat: für Caroline, die als Gattin August Wilhelm Schlegels das belebende Zentrum der älteren romantischen Schule gewesen ist. Wenn einstmals Friedrich Schlegel der angebeteten Frau schrieb:Ich habe immer ge­glaubt, Ihre Naturform denn ich glaube, jeder Mensch von Kraft und Geist hat seine eigentümliche wäre die Rhapsodie", so entströmt eine Rhapsodie, bald jubelnd, bald leise verhallend ihren unvergänglichen Briefen, die ihren wirren Lebenspfad begleiten. Sie lassen uns den be­strickenden Zauber ahnen, der einst im persönlichen Umgang von dieser vielgepriesenen und vielgeschmähten Frau ausgegangen ist. Frei von jener bewußten Selbstbespiegelung und Seelenzergliederung der Zeit, die die hochgerühmten Briese der geistreichen Rahe! Levin heute so un­erträglich machen, sind sie stets der unmittelbare, lebensnahe Abdruck des Augenblicks, der sie geboren. Und wie von selbst klingt bei jeder leisen Schwingung ihres reichen Seelenlebens die verwandte Saite einer wun­dersam anschmiegenden Sprache an, vom neckischen, graziösen Scherz bis zum schneidenden Weh der schmerzensreichen Mutter.

Eine andere Welt, aber reizvoll und lockend in ihrer Widerspruchs­sülle gleich jener Carolinens, rauscht und raunt in den vieltönigen Weisen der Bettinaschen Herzensergüsse. Aus Wahrheit und Dichtung von einer überreichen Phantasie bunt durcheinander gewirkt, aber zusammen- gehalten und beherrscht von dem dunkel schimmernden Goldglanz einer Begeiperunasfähigkeit ohnegleichen, deren licht- und glut- spendender Gott Goethe geheißen, so breitet sich der Märchen­teppich, über den dieses ewig kindhafte Wesen geschritten ist, in ihren Brielen vor uns aus. Aber dies Kindhafte, Naturhafte ihres Seins knüpft sie auch zugleich mit innigen Banden an die Natur selbst, deren heim­lichste Regungen sie versteht, in sich nachtönen läßt und dann in ihren Briefen zum Wiederklingen bringt.

Gleicht Bettinas Wesen einem überschäumenden Becher, der willig und sich befreiend bei jeder Berührung überquillt, so löst sich A n n e t t e v o n Drostes herb verschlossene Natur nur schwer aus den Banden innerer Hemmungen. Aber aus den unmittelbarsten Zeugnissen ihres Innen­lebens, aus einzelnen ihrer Briefe, weht der heiße Atem einer selig- unseliqen Leidenschaft, die sie in qualvollem Ringen in dem Gefühl mütterlicher Freundschaft zu ersticken strebt, und die lebt und sich auf­bäumt und nicht sterben will. Und daneben jene Briese, in denen diese Dichterin die den leisesten Stimmen der Natur mit überfeinen Nerven zu lauschen vermag, ihr tief eindringendes Erleben einer Landschaft, eines Beleuchtungseindruckes mit so hinreißender Unmittelbarkeit mach wie etwa in einem Schreiben aus Eppishausen an ihren blinden freund Schlüter oder in der Schilderung des nächtlichen Parkes von Ruschhans, daß sie diese Gegend wie mit einem Zauberstaub vor uns hinstellt Briefe, die sich den naturbeseeltesten Dichtungen im Umkreis unserer Lite­ratur ebenbürtig zur Seite stellen.

Karg an Zahl nur sind die Briefe, die uns von M a t h i l d e W efe n- doncks feinen, gütigen Frauenhänden überkommen sind; aber m auchzt und schluchzt eine opferfrohe Weibesseele.Mein ganzes Sein fühlt ich geadelt, mit Ihnen leiden zu dürfen!" Wie ein wehes Leitmotiv zieht ich dieses Entsagungsglück durch die Briefe Mathildes an Richard W a g n e r. Sie fühlt sich ganz als Geschöpf ihres Meisters und will wie Brünhilde nichts als Wotans Wille sein:Ich sah die große, reiche Welt vor mir, die Sie dem Kindergeist erschlossen, mein Auge hmg mit Ent­zücken an dem Wunderbau, Höher und höher schlug das Herz vor innigem Dankqefühl, und ich fühlte, daß mir nichts verlorengehen konnte! So­lange ich atme, werde ich nun streben, das ist Ihr Teil. Uns aber steigt aus diesen Blättern, in denen leise vernehmbar die traurige Mar von Tristan und Isoldes Liebe mitschwingt, die Frage empor: Wer war hier der reicher Spendende, wer der Beschenkte, der gepriesene Meister oder diese in Hellen Begeisterungsflammen sich verzehrende Frauenseele?

Seit den Tagen, da in dem vereinsamtenAsyl am grünen ijügel jene sehnende Frau trauernd gewandelt, ist eine andere, eine neue Welt emporgekommen. Unser Zeitalter mit seinem fieberhaften Tempo, mit den technischen Fortschritten des Telephons und den raschen 'Berkeyrs- möglichkeiten von Ort zu Ort hat den Brief, zum mindesten den Brief als Kunstwerk, getötet so lautet eine der Anklagen, die die Lobredner des Gestern gegen das Heute erheben. Nun, die wahren, die geborenen Bries­genies waren ja alle in allen, selbst in den schreibfrohesten 3e*ten feltene Erscheinungen. Daß sie aber auch jetzt noch in begnadeten Nachfahren aus Erden wallen, das wird sich erst deutlich erweisen, wenn ,ene Do­kumente, die heute noch wohl behütet in den Schreibtischen ihrer Emp- sänger schlummern, einst ans Licht des Tages treten werde"- Wo dies bereits geschehen ist, da chimmert vereinzelt ebenso köstliches Gestein Unter viel Geröll wie in früheren Zeiten. Es fei hier nur auf M al- wida von Meysenbugs bis in unser Jahrhundert hinelnragenden

reichen Briefwechsel hingewiesen, aus dem die unerschöpfliche Liebesfüll« blefer tapferen Lebensstreiterin so warm und ungebrochen hervorleuchtet.

Rein, wahrlich, das Ende der Briefkunst dämmert noch nicht herauf. Und wandelt die Frau von heute auch auf neuen Wegen, die alte, ihr ureigene Kunst bleibt ihr unverloren.

Das Thsaterstüär des Rundfunks.

Bon Frank Warschauer.

Das richtige Theaterstück des Rundfunks wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das WortTheater" kommt ja von dem grie­chischen Wort fürSchauen", und so ist der Begriff sehr eng mit der Sinneswahrnehmung verbunden, auf die der Rundfunkhörer vorläufig noch verzichten muß. Die praktische Verwendung des Fernsehens aber, von der wir nicht mehr weit entfernt find, wird darin eine Aenderung herbeiführen. Wenn sich aus einer matten Scheibe im Zimmer eines jeden Radioteilnehmers alle Vorgänge beobachten lassen, die in irgend­einem weit entfernten Theaterraum auf der Bühne vor sich gehen, wenn Klang und Bild nicht mehr voneinander gefchieden fein werden, dann erst wird man im engsten Sinn vornTheaterstück des Rund­funks" sprechen können. Aber das wird bann wahrscheinlich nicht an- bers sein, als alles, was sonst auf den Bühnen gespielt wird. Denn bie Bebingungen ber Ausführungen sind ja dann die gleichen, wie sie auch sonst zu sein pflegen. Es bedarf keiner Umänderungen ber bestehenden Stucke, um sie dem Verständnis des Hörers nahezubringen. Wau wird sehen und hören zugleich nicht viel anders, als wenn man im Theaterraum sitzt.

Aber, wie es so häusig in den Künsten ist, gerade die Beschrän­kung auf das Nur-Hörbare, wie sie vorläufig vorliegt, kann der Ent­stehung von eigentümlichen, diesen Bedingungen angepaßten Kunst­werken förderlich sein. Auch im Film ist ja etwas Aehnliches zu beob­achten. Der stumme Film, den wir zu sehen gewohnt sind, und ber tat­sächlich technisch etwas relativ Unvollkommenes barftellt bie Er­gänzung durch den dazugehörigen Klang wird er ja in kurzem im Ton­silm*) erhalten hat gerade aus ber Einengung auf bas rein Optische heraus seine eigentlichsten Werte entwickelt. Für ben Rundfunk sind bie theoretischen Bedingungen für das Zustandekommen einer neuen Kunst­gattung durchaus gegeben, und es ist interessant, festzustellen, wie weit wir in dieser Hinsicht bisher gekommen sind.

Man hört oft Theaterstücke im Rundfunk, zuweilen in der Form von Uebertragungen aus Theatern, meist als bejonbere Senbefpiele. Hierbei hanbeli es sich um Bearbeitungen ber vorhandenen Literatur. Was dabei herauskommen kann, wird sich mehr oder weniger dem ursprünglich vom Dichter beabsichtigtenEindruck annähern, ihn ober niemals ganz erreichen können. Von solchen Sendespielen soll hier nicht die Rede sein, sondern von der eigenen Gattung der besonders für ben Rundfunk geschriebenen Stücke, ber Hörspiele.

Diese haben ja schon eine kleine Geschichte hinter sich. Als zuerst ber Gebanke auftauchte, bejonbere literarische Gebilde für ben Rundfunk zu schaffen, da wird wohl mancher ben Kopf geschüttelt haben. Aber bie Zeit, in ber man ben Rundfunk als Mittler reiner Kunstwerte fo wenig ernst nahm, ist längst vorbei. Mancherlei Versuche, die damals ge­macht wurden, zeigten deutlich genug, welche Möglichkeiten auf diesem Ge­biet vorliegen, und daß andererseits der besondere Stil, der hierfür der gegebene ist, weil er aus der Wesenheit des Rundfunks folgt, erst ge­sucht werden müßte. , . , , , r,

Das Erste und Notwendigste, dessen das Hörspiel bedurfte, war em Mäzen, und ber fand sich bann auch in den leitenben Kreisen des deutschen Rundfunks, in ber Reichsrundfunkgesellschaft. Aus der Er­kenntnis heraus, daß es notwendig war, bie Aufmerksamkeit ber Schrift­steller auf dieses Gebiet zu lenken, und die materiellen Bedingungen für diese Arbeit wenigstens einigermaßen erträglich zu gestalten, wurde das bekannte Preisausschreiben für Hörspiele erlassen.

Aber die ausgesetzten Preise sind nicht verteilt worden; dagegen hat bie Runbfunkgesellschaft nach einigen beträchtlichen Differenzen innerhalb des Preiskomrtees eine Reihe von Hörspielen angekauft und biefe Hör­spiele damit als besonders bemerkenswert herausgestellt. Sie sind denn auch zum größten Teil an deutschen Sendern aufgeführi worden.

Der kritische Beurteiler dieser neuen Hörkunst wird zunächst einmal melancholische Betrachtungen darüber anstellen, was eigentlich innerhalb dieser Form geschaffen werden könnte. Wenn wir nämlich bie vorhan- bene Literatur daraufhin betrachten, welche ihrer Gebilde derart sind, daß sie sich an ben nur zuhörenben Menschen wenden, so findet man eine ganze Reihe von interessanten Fällen, in denen geradezu eine Art des Hörspiels vorausgeahnt zu sein scheint. Daß man besondere Ein­drücke erzielen kann, wenn man nur an den geistigsten Sinn, das Ge­hör, und durch seine Vermittlung an das frei gestaltende Spiel ber Phantasie appelliert biefe Erkenntnis finbet sich vielfach unter ben klassischen Meistern des Worts. So hat Goethe einmal geäußert, daß er sich ben Shakespeare am liebsten von einer bazu geeigneten Persön­lichkeit vorlesen lassen möchte. Es gab auch damals einen Rezitator, ber Goethes Wunsch hätte verwirklichen können: ben Dichter Ludwig Tieck, dessen Vorlesungen von ben Zeitgenossen eine alle Bühnenmög­lichkeiten übertreffende Lebendigkeit und Intensität nachgerühmt wurde. Und bei Goethe findet sich denn auch jene merkwürdige dramatische Zwischenform, bie ich geradezu als das vollkommenste bisher bekannte Hörspiel bezeichnen möchte: nämlich ganze Szenenreihen im zweiten Teil des Faust, bie nicht Erzählung finb, und nicht Theater, denn sie gehen über alle irgendwie denkbaren Bühnenmöglichkeiten weit hinaus. Sie fordern die Vorstellungskraft des Lesers oder Hörers auf, das Ungewöhn- lichste, das Bizarr-Phantastische zu erschaffen. Ich denke da etwa an Teile aus dem ersten Akt des zweiten Teils; da erzählt ber Herold

*) Daß dieser eine ideale Entwicklungsform des Films an sich dar­stellt, kann allerdings u. E. heftig bestritten werden. D. Red.