Ausgabe 
13.10.1928
 
Einzelbild herunterladen

-verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Sind und Derlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruderei, 2i. Lange, Gießen.

Wer?' fragte Amandus, zerstreut von seiner Arbeit aufblickend Scheinheiliger, tu' man nicht so die Direktorin"

Na, Gott sei Dan^!"

Eben war der Hausbursche aus dem Gasthof da. Um zwei Uhr ist der Direktor mit dem Expreß gekommen. Die Sehnsucht hat ihn über­mannt. Vermutlich sind sie sich dann in die Arme gesunken. Vorhin sind sie mit Kind und Kegel abgezogen. Und hier schickt dir die Frau Direktor einen Brief."

Amandus riß den Umschlag ab, die Direktorin schrieb:

Zufällig kommt mir heute meine Novellette zu Gesicht, die Sie ohii- mein Einverständnis in Druck gegeben haben. Mein Gedächtnis hat in diesen letzten Wochen gelitten, aber soviel ich sehe, haben Sie sich einen unerhörten Eingriff in meine dichterische Individualität erlaubt und Form und Inhalt meines Geistesproduktes ganz nach Willkür umas- modelt. Ich könnte von meinem Autorrecht Gebrauch machen und Sie

Tilli," jubelte er,ich bin rasend glücklich!"

Sann suchten sie Hand in Hand die ahnungslose Rätin auf.

3m Vertrauen, Tilli," sagte Amandus glückstrahlend,eine Wasser­kur gebrauche ich mein Lebtag nicht mehr." .

. »Hast du auch gar nicht nötig," scherzte Tilli,ich nehme dich KBf tn die Kur und ich hoffe, unter meiner Behandlung wirst du kerngesunoi^

Es ist nicht der Rede wert," versetzte Amandus,aber sag mal, seit wann bin ich denn mit dir verlobt?"

Tilli wurde sehr verlegen.Es war eine Notlüge, Amandus. Die Ver­lobung wird einfach kassiert"

Und der Bräutigam wird gar nicht gefragt, ob er damit einver­standen ist?"

Amandus, ich werde jetzt ernstlich böse. Du siehst nicht ein ... es war für mich die einzige Möglichkeit, dich in dringender Gefahr den Klauen der Löwin zu entreißen."

Amandus nahm die Brille ab.

Du kannst nicht mehr gut zurück. Die Direktorin posaunt die Ver­lobung in alle Welt hinaus"

Ich lasse es darauf ankommen, lieber Amandus."

»W"ißi du, Tilli, ich glaube an einen Wink von oben. Ich bin eins Art Efeu und gedeihe nur, wenn ich mich traulich anranken kann. Und bei dir fühl ich mich wohl und sicher. Vielleicht kannst du mich ein biß­chen liebhaben."

stanh so hilflos und doch so treu-bieder vor ihr, daß sie nicht wußte, war's Mitleid oder Liebe, was plötzlich ihr Herz durchdrang.

Du überraschst mich, Amandus," sagte sie mit leise zitternder Stimme,wir wollen erst die Tante fragen."

. "Ain," rief er mit ausbrcchender Leidenschaft,hier auf der Stelle soll sich mein Schicksal entscheiden."

Da hob die Kleine sich auf die Zehen und. gab ihm den ersten bräut­lichen Kuß.

gegenüber eisenhart. Dieser hatte sein Pulver verschossen. Da kam über ihn wie eine Erleuchtung, er zog ein Zeitungsblatt aus dem Mckntel. vcm

Ich habe dir hier deine Novelle mitgebracht."

Sie sah ihn verständnislos an, er übergab ihr das Blatt. Was war das? Himmel, ihr Schmerzenskind! Und ihr Name im Feuilleton her großen Zeitung gedruckt! Sie überflog die ersten Sätze und bemerkte dak kein Wort ihr geistiges Eigentum war. Die Röte stieg ihr ins Gefickt aber sie zwang sich gewaltsam zur Ruhe, es kam alles darauf an M nicht zu verraten. Der Direktor beobachtete feine Frau. Sie wird we ck kalkulierte er, jetzt spiele ich den letzten Trumpf aus. '*

Seine Novelle hat in Wilhelmsbad sehr gefallen. Ich muß bekennen auch auf mich hat sie Eindruck gemacht. Du solltest dein Talent pflegen' Wenn du dir noch eine Stütze der Hausfrau nehmen wolltest, könntest du jeden Tag ein paar Stunden am Schreibtisch verbringen."

2>ie Direktorin war wie berauscht. Die ungewohnte Sprache ihres Mannes, seine warme Anerkennung und die Befriedigung, zum ersten Male in ihrer Ehe diesen Barbaren sich vor ihr beugen zu sehen, endlick das Stolzgefühl, das jetzt schon ihre Pulse schneller fliegen ließ, vor den Wilhelmsbadern, die Stirne mit jungem Lorbeer geschmückt, erscheinen zu dürfen ja, das Leben war doch lebenswert!

Sei vernünftig," bat der Direktor,und komm zurück."

Die neugebackene Schriftstellerin war Herrin der Situation.

Willst du mir versprechen, mich von Stund' an in Ehren zu halten und meine Frauenrechte zu achten?" fragte sie mit elegischem Augen- aufschlag.

Ich will's!" gelobte der Direktor und streichelte seiner Gattin in einer Anwandlung von Zärtlichkeit die Wange.

Mit der Vorsicht einer Diplomatin schloß sieum der Kinder willen" einen Waffenstillstand und willigte darein, in Wilhelmsbad wieder die Pflichten der Hausfrau und Repräsentantin zu Übernehmen.

Hurra, sie ist fort!" stürmte Tilli in das Arbeitszimmer ihres Vetters. '

'-Produktes ganz nach Willkür umge- .... ------......... Autorrecht Gebrauch machen und Sie

vfientlich wegen dieser Dreistigkeit brandmarken, allein ich halte es nach solchen Erfahrungen unter meiner Würde, daß mein unbescholtener Name wenn auch nur in einer berichtigenden Notiz in einem Atem mit dem Ihrigen genannt werde.

Sie haben in Wilhelmsbad verschwiegen, daß Sie mit Ihrer Kusine verlobt sind. Ich habe von diesem bedeutungsvollen Ereignis erst durch Ihre Braut, aber noch früh genug vor meiner Abreise Kenntnis er« nm Ihnen zu sagen, daß es wenig taktvoll von Ihnen war, in Wilhelmsbad den Interessanten zu spielen und Ihres Verlöbnisses mit keiner Silbe Erwähnung zu tun."

Stmanbus faltete geheimnisvoll lächelnd den Brief zusammen und schloß ihn in den Schreibtisch.

»Was kann die Direktorin noch von dir wollen?" forschte Tilli neugierig.

bin. Wir brauchen aber hier notwendig eine Frau zur Repräsentation. Bekanntllch hatte Ihre Gattin diese Funktion. So lange ich in Wilhelms­bad dirigierender Arzt bin, macht der Aufsichtsrat zur Bedingung, daß der Direktor verheiratet ist. Ihre Frau hat sich entfernt, imb Sie dürfen sich nicht wundern, wenn man Ihnen jetzt kündigt."

Oho! Man kann mir doch nicht ohne weiteres den Stuhl vor die Tür setzen"

Nach dem Kontrakt, den Sie mit der Gesellschaft abgeschlossen haben, jeden Tag. Und was tut's? Sie ziehen sich auf Ihre Güter zurück."

Ihr Spott ist sehr schlecht angebracht. Sie wissen sehr gut, daß ich auf mein Gehalt angewiesen bin."

Sann gebe ich Ihnen den freundschaftlichen Rat, Berehrtester, söhnen Sie sich mit Ihrer Frau aus und bringen Sie sie so schnell als möglich wieder hierher!"

Sazu kann ich mich so rasch nicht entschließen."

Sie haben die Wahl. Machen Sie, was Sie wollen!"

Der Doktor ging mit zornrotem Gesicht davon. Ser Direktor zündete sich eine Zigarre an und blies die Rauchwölkchen nachdenklich in die Lust. Ser Soktor war ein ungeschliffener Patron und erging sich stets in Heber« treibungen. Sollte er die Unabhängigkeit, die ihm jetzt winkte, aufgeben und feine Frau wie ein Schwächling um gutes Wetter bitten? Sas Zu­sammenleben mit ihr war ihm unerträglich geworden. Sie Klugheit ge­bot zu warten, ob ihm der Bücherwurm den Ballast abnahm, der seine Lebensgondel beschwerte. Er besaß noch Spannkraft und Lebenslust ge­nug, sich zu neuer Fahrt zu rüsten. Aber die Kinder! Sie waren ihm ans Herz gewachsen, und es wäre ihm schwer geworden, sich von ihnen zu trennen. Auch wenn sie ihm bei gerichtlicher Auseinandersetzung zuge­sprochen wurden, so hatte er erst recht die Pflicht, sich ganz ihrer Er­ziehung zu widmen, und die Idee, in fideler Ungebundenheit die Freuden des Saseins zu kosten, kam zwanzig Jahre zu spät. Und den Fall gesetzt, der Soktor betrieb beim Aufsichtsrate der Aktiengesellschaft das unsaubere Geschäft, ihn zu verklatschen, und die Sache spitzte sich zu einer Existenz­frage für ihn zu? Es war traurig aber wahr: gab man ihm in Wil­helmsbad den Abschied, so stand er mit seinen vier Kindern dem Nichts gegenüber. Am Ende war es doch vernünftiger, in den sauren Apfel zu beißen und seine Frau zur Rückkehr zu bewegen.

Er warf die stark vertäute Zigarre weg, verpaffte noch ein halbes Dutzend Zigaretten, und das Resultat seiner Ueberlegung war, daß er mit dem nächsten Zug nach der Universitätsstadt addampste. Unterwegs las er die novellistische Skizze seiner Frau. Während seiner militärischen Laufbahn hatte sich seineschriftstellerische" Tätigkeit auf den Vollzug seiner Unterschrift im Parolebuch beschränkt. Als Sirektor der Heilanstalt verursachte ihm die Abfassung der notwendigsten Geschäftsbriefe ein gewisses Unbehagen. Kein Wunder, daß ihm die leicht fließende Schreib­weise seiner Frau Achtung einflößte. Ser tragische Inhalt der Skizze be­rührte ihn weiter nicht. Er gestand sich, daß es eine Summheit war, das Talent feiner Frau zu unterdrücken und entdeckte, daß man aus den schriftstellerischen Honoraren eine für das Haushaltungsbudget sehr wohl­tätige Einnahmequelle schaffen konnte.

Am Ziele seiner Reise angelangt, hielt der Sirektor zunächst in der Bahnhofswirtschaft Einkehr und begab sich darauf gemächlichen Schrittes ins HotelZur Post".

Tillis Besuch hatte die Sirektorin jählings vom Gipfel ihrer Hoff­nungen herabgefchieudert. Allen Ernstes dachte sie daran, ihre Kinder, die sie mit knurrendem Magen umringten, dem Schutze des Himmels zu empfehlen und ein Fläschchen Opium zu leeren, das sie für alle Fälle bei sich trug.

Sa erschien der Zimmerkellner, spreitete das Tischtuch aus, und ein Zweiter befrackter Jüngling trat mit einer hoch erhobenen Platte duften­der Speisen herein. Sas Kinderquartett fiel mit der Gier hungriger Wölfe über das Mittagessen her. Sie Direktorin, der der Duft der leckeren Gerichte verlockend um die Nase strich, schob ihre Vergiftung auf und hieb wacker in die vollen Schüsseln mit ein. Eine Flasche Forster Tra­miner, die der Zimmerkellner zungenschnalzend entkorkte, brachte das er­starrte Blut der Lebensmüden in Wallung. Dem ersten Glas ließ sie das zweite, dem zweiten das dritte folgen. Sie kam mit ihren Gedanken nicht über den Doktor Kittelmann weg. Der Mensch war nicht wert, daß ihn die Sonne beschien. Wenn sie jetzt einen verzweifelten Schritt tat, mußte er sich einbilden, sie habe um seinetwillen der Welt Lebewohl gesagt. Diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Er war ein Scheusal wie alle Männer. Fünf Wochen hatte er ihr wie ein verliebter Schäfer oor- schalmeit, fünf Wochen hatte er die wärmsten Gefühle für sie geheuchelt, unb nun besaß er die Frechheit, sich als Bräutigam einer vorwitzigen Gans zu entpuppen. Schmach und Schande! Was sollte sie jetzt beginnen? Ihre Geldmittel waren knapp, in der Universitätsstadt brannte ihr der Boden unter den Füßen. Weit und breit kannte sie niemand, dem sie mit vier Kindern ins Haus fallen konnte. Sie sann hin und her. Ja, es war eine Torheit, auf den Wicht von Dozenten zu bauen und aufs un­gewisse hin Haus und Hof im Stich zu lassen.

Nachdem die Kinder die Teller ausgeleckt, verlangten sie lärmend Des­sert. Es klopfte ziemlich energisch.Das Dessert, das Dessert!" schrie das Quartett. Statt des Kellners mit dem Nachtisch trat der Direktor ins Zimmer. Sie Kinder fuhren wie elektrisiert empor und flogen dem Papa an den Hals. Sie Mama rührte sich nicht vom Fleck.

Kinder," sagte der Sirektor,geht ein Weilchen auf den Mur, ich hab mit eurer Mutter zu sprechen." Sie Kinder gehorchten. Ser Sirektor näherte sich seiner Frau.

Ich biete dir die Hand zur Versöhnung. Willst du den alten Hader begraben und mit nach Hause kommen?"

scharf b'e^e Sklaverei? Niemals!" versetzte die Sirektorin schneidend

Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht. Sie Direktorin verfolgte ihre eigene Taktik und blieb den Drohungen und Bitten ihres Mannes