Nms der wichtigsten Probleme, nämlich das der Synchronisierung, der völligen Gleichzeitigkeit im Lauf von Empfangs- und Sendeapparatur ist hier auf eine verhältnismäßig einfache Weife gelöst. Darüber aber möge, bittet der Einsender, noch nichts gesagt werden.
Das ganze Experiment hat etwas gleichsam Unscheinbares; aber es kann nicht bezweifelt werden, daß in ihm die größten Möglichkeiten be- fchloflen liegen. Tatsächlich haben wir auf der einen Seite verhältnismäßig deutlich Form und Bewegung von Gegenständen gesehen, die aus der anderen Seite in die Lichtquelle hineingehalten wurde. Und nun müssen wir freilich unsere Phantasie in Bewegung setzen, um uns die weiteren Konsequenzen dieses Verfahrens vorzustellen. Der Erfinder verhilft dazu. Er setzt auseinander, daß eine solche Durchleuchtung nicht unbedingt Voraussetzung ist: jedes auf der Mattscheibe einer optischen Kamera ausgefangene Bild wird den gleichen Effekt erzielen; eine Kamera kann ja auf jedes beliebige Objekt gerichtet werden.
Und dann macht der Erfinder einige Angaben über die praktische Verwendung seiner Apparate; ein Empfänger nach diesem System würde etwa hundert Mark kosten. Für hundert Mark würde uns das Bild der ganzen Erde ins Haus getragen werden können; und wie wir jetzt im Rundfunk Nachrichten aus aller Welt hören, so würden wir sie dann auch sehen können. Auf einer Mattscheibe würden die bewegten Bilder helfen erscheinen, was sich Hunderte oder Tausende von Kilometer von uns sich abspielt; und vielleicht haben wir bis dahin auch Sendeleitungen, die tatsächlich das Interessanteste und Schönste auswählen ...
Dis Wasserkur.
Von Alfred Bock.
(Schluß.)
Um neun Uhr ließ sich Tilli bei der Direktorin im Hotel „Zur Post" onmelben und wurde sogleich angenommen.
„Ich komme im Auftrage meines Bräutigams —"
,Zhres Bräutigams?"
„Doktor Kittelmann —"
Die Direktorin tat einen Schritt vorwärts, als hätte sie das Gleichgewicht verloren, und ihre gelbliche Gesichtsfarbe spielte ins Grüne.
„Der Herr Doktor hat mir gar nicht gesagt, daß er verlobt ist." „Warum sollte er das an fremdem Ort an die große Glocke hängen?" „Ah, Sie erteilen Ihrem Herrn Bräutigam auf Reisen wohl Dispens?" „Mein Bräutigam genießt die volle Freiheit, zu reifen,' wann und wohin er will; die Treue wahrt er mir deshalb doch."
„Was wünschen Sie eigentlich, mein Fräulein?" fragte die Direktorin eiskalt.
Tilli antwortete vollkommen gelassen: „Mein Bräutigam bedarf nach her anstrengenden Reise der Erholung. An feiner Statt stelle ich mich Ihnen einstweilen zur Verfügung."
„Sehr freundlich. Ich wüßte aber wirklich nicht —"
„Mein Bräutigam sagte mir, Sie suchen eine Wohnung in unserer Etadt. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen dabei behilflich bin."
„Ihr Herr Bräutigam hat Sie zum besten gehabt. Ich beabsichtige keineswegs, hier dauernden Aufenthalt zu nehmen. Ich reife in aller Kürze wieder ab."
„Das ist schade, gnädige Frau. Ich wäre Ihnen mit Vergnügen gefällig gewesen."
„Ich bin in meinen Entschließungen gern unbehindert."
»Ich verstehe, gnädige Frau! Wir hatten darauf gerechnet. Sie heute mittag als Gast bei uns zu sehen, aber das Befinden meiner Schwiegermutter —"
«Ich hätte doch abgelehnt, mein Fräulein."
„Wenn ich Ihnen sonst —"
„Ich danke wirklich."
„Ich dedaure, gnädige Frau, daß uns Ihre Abreise der Freude beraubt, Ihnen unsere Gastfreundschaft zu bezeigen."
Die Direktorin warf Tilli einen vernichtenden Blick zu.
„Sie entschuldigen mich jetzt, mein Fräulein, ich habe notwendig zu tun."
Tilli verbeugte sich graziös.
„Leben Sie wohl, gnädige Frau!"
„Adieu, mein Fräulein!"
Beim Hinausgehen lachte Tilli in sich hinein. „Himmlische Güte, welch abscheuliche Kröte! Armer Amandus, das wäre ein netter Hereinfall ge= ®efcn. Na,wer sich in die verliebt, verdient unter Vormundschaft gestellt
In Wilhelmsbad läuteten die Glocken Sturm. Die Flucht der Direktorsgattin und die plötzliche Abreise des Privatdozenten riefen eine unbeschreibliche Verwirrung hervor. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse hatten von der Gruppe der Platonischen zwei Morphinistinnen me Flucht ergriffen und waren mit knapper Not auf der Eifenbahn- Itatson wieder eingefangen worden. Die Schriftstellerinnen waren wegen nervöser Krampfanfälle in ihren Gemächern interniert. Die Epikuröer °b°r erfüllten den stillen Waldwinkel mit Triumphgeschrei, und der Referendar Müller-Fellinghausen machte der Majorin von Below in einer Ast Liebeswahnsinn auf öffentlicher Kurpromenade einen Heiratsantrag. JJte allgemeine Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als gleich nach der Miastrophe eine weitverbreitete, auch in Wilhelmsbad vielgelesene Zei- wng in ihrem Feuilleton eine novellistische Skizze veröffentlichte, die an ®er Spitze den Autornamen der Direktorin trug. Mit markigen Strichen j?ar ®arin der Lebensgang einer unglücklichen Frau geschildert, die von yrem herzlosen Manne geknechtet sich in ewiger Sehnsucht nach dem cr= ‘Quinten Ideal verzehrt und nach furchtbaren Kämpfen freiwillig aus bh-mt6 ten. schadet. „Das hat sie mit ihrem Herzblut geschrieben", klagten di? ö,. onischen, und selbst die Epikuräer wagten nickst zu spotten, denn
■u$’’c beugte von großer Begabung und niemand konnte sie ohne „.^llenheit lesen. Die Zeitung in der Tasche, verfügte sich der Chefarzt «um Vadedirektor.
„Was haben Ihre Nachforschungen ergeben, Herr Direktor?*
„Frau und Kinder sind zugleich mit dem Privatdozenten wohlbehalten in der Musenstadt eingetroffen. Meine Frau ist demnächst im Hotel ab» gestiegen. Natürlich Scheinmanöverl Cs wird nicht lang dauern, und di« Liebenden sind unter einem Dach vereinigt."
„Halten Sie denn wirklich den Doktor Kittelmann für so 'n Nashorn, daß er sich mir nichts, dir nichts mit einer Frau und vier Kindern behängt?"
„Was heißt „behängt", Herr Doktor? Der Mann ist in meine Frau verliebt, und feine Neigung wird erwidert. Die Sache nimmt ihren natürlichen Verlaus. Meine Frau läßt sich von mir scheiden und heiratet den Doktor Kittelmann. Und was die Kinder betrifft —"
„Herr Direktor, Sie phantasieren! Ich bin besser unterrichtet. Ihre Frau hat dem Dozenten kolossale Avancen gemacht. Dieser hat sich nicht die geringste Blöße gegeben, im Gegenteil, als ihm die Geschichte zu bunt wurde, räumte er als vorsichtiger Mann das Feld —"
„Sie wissen gar nicht, daß ich ihm aufs Kollett gerückt bin —"
„Ganz mit Unrecht! Das hat ihn natürlich vollends bestimmt, sich aus dem ©taube zu machen. Die Spione Ihrer Frau hatten den Rückzug des Herrn Doktor Kittelmann ausgekundschaftet. Ob Ihre Gattin eine letzte Attacke in Szene setzen wollte oder ob sie auf die Gutmütigkeit des Herrn spekulierte, will ich dahingestellt fein lassen. Tatsache ist, daß sie ihm ohne sein Vorwissen nachgereist ist. Bei der Ankunft mag sie ihn dann gefaßt haben."
„Das ist eine neue Lesart."
„Jedenfalls aber die richtige."
„Die Sachlage ändert sich übrigens dadurch nicht. Meine Frau hat mich böswillig verlassen —"
„Jawohl, aber Sie fragen die moralische Verantwortung für diesen Schritt."
„Wie soll ich dos verstehen, Herr Doktor?"
„Darf ich ganz offen sein?"
„Ich bitte darum, Herr Doktor!"
„Sie haben gesehen, daß ich das Benehmen Ihrer Frau keineswegs beschönigt habe. Ihre Frau hat sich vergessen, das ist zweifellos. Abe» Sie haben Ihre Frau auf diese Bahn gedrängt —"
„Inwiefern, Herr Doktor?"
„Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß Sie Ihren Jagdhund besser behandelt haben wie Ihre Frau —"
„Das ist wirklich stark. Ich muß mir doch uer—*
„Herr Direktor, ich erinnere Sie an verschiedene peinliche Austritte, deren Zeuge ich war."
„Darum hatte meine Frau noch lange kein Recht, bei Nacht und Rebel durchzubrennen."
„Sie war in Verzweiflung, sie hatte keinen Hali mehr, und Sie Haden sie gezwungen, sich dem ersten Besten an den Hals zu werfen."
„So mag sie sehen, wie sie dabei fährt."
„Vielleicht sehr gut, vielleicht sehr schlecht, das wird die Zukunft lehrem Ich? bin der Ansicht, daß Sie diese Frau sehr unterschätzt haben."
„Ich habe diesen Morgen eine Novelle Ihrer Gattin gelesen —
„Eine Novelle meiner —" ,
Der Doktor holte das Zeitungsblatt hervor.
„Hier, überzeugen Sie sich."
„Es ist nicht möglich!"
„Sie können doch lesen —"
„Schockschwerenot! Das hätte ich ihr, weiß Gott, nicht zugetraut.*
„Herr Direktor, eine Frau, die solche Töne anzuschlaqen weiß, verdient ein besseres Los!"
„Das muß sie hinter meinem Rücken ausgetüftelt haben, denn sobald ich eines ihrer Manuskripte in die Finger bekam, hab' ich es ungelesen dem Papierkorb überliefert."
„Begreifen Sie denn nicht, daß dieses Verfahren ein zart besaitetes Gemüt tödlich verletzen mußte?"
„Gott, ich habe die Schriftstellerei meiner Frau für eine Schrulle gehalten."
„Lesen Sie die Novelle, und Sie werden Ihrer Frau Abbitte leisten.*
„Sie lassen mir das Blatt wohl da, Herr Doktor?"
Der Buchhalter Franzius, der den Bureaudienst in Wilhelmsbad versah, trat ein und blieb in strammer Haltung vor dem Direktor stehen.
„Was haben Sie, Franzius?"
„Eine Meldung, Herr Direktor! Die Frau Hilfsgerichtsschreiber Becker, das Fräulein Haberkorn und die Frau Lebkuchenfabrikant Büchle haben für Mittwoch ihre Zimmer gekündigt."
„Warum?" fragte Doktor Wenderoth erregt.
Franzius zuckte die Achseln, machte eine Kehrtwendung und marschierte ab.
„Da Haden wir die Bescherung!" schrie der Chefarzt. „Es sind die Busenfteundinnen Ihrer Frau. Mitten in der Kur kneifen sie aus —"
„In Gottes Namen, lassen Sie sie laufen."
„Das sagen Sie. Mir ist das durchaus nicht gleichgültig. Seit der Flucht Ihrer Frau herrscht hier das tollste Durcheinander. Ihre Frau hatte große Sympathien. Täglich gehen Briefe von hier ins Land. Die Geschichte wird publik und kommt dem Aufsichtsrat zu Ohren. Man wird Bericht von mir fordern —"
„Und Sie werden ihn geben, Herr Doktor!"
„Aber sehr gründlich, mein Verehrter. Ich werde frisch von der Leb« weg sprechen. Solche Eheskandale gehören nicht in die Sphäre einer Wasserheilanstalt. Es handelt sich um unseren guten Rus. Ich sehe weiter wie Sie. Nervöse Menschen sind unberechenbar. Heute brechen drei die Kur ab, übermorgen sechs und in vier Wochen steht die Bude leer. Das ist alles schon dagewesen —"
„Wenn Sie mit solchen Farben auftragen, können Sie gerade so gut für den nächsten Monat den Untergang der Welt prophezeien."
„Ich bin durch mancherlei Vorkommnisse hier gewitzigt und ich kenne meine Pflicht. Die Herren vom Aufsichtsrat wissen, daß ich Junggeselle


