Ausgabe 
13.3.1928
 
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gaben. Bald bemerkten aber die Diebe, daß ihr Crpressungsversuch für sie selbst gefährlich werden könnte, und 20 Jahre lang hörte man nichts mehr von dem Gemälde. Eines Tages jedoch begegnete ein englischer Kriminalbeamter in einer Londoner Straße einem Mann, den man in britischen Kriminalkreisen unter dem SpitznamenNapo­leon der Diebe" kannte. Es war dies ein Verbrecher, der in seiner Jugend häufig in Londoner Gefängnissen gesessen hatte, aber später so vorsichtig geworden war, daß man ihm nichts mehr nachweisen konnte. DerNapoleon der Diebe" machte nun dem Kriminalbeamten den Vor­schlag, das verschwundene Bild wieder zu beschaffen, wenn jede weitere Nachforschung über die Art, wie es gestohlen worden war, eingestellt werden würde, der Dieb volle Straflosigkeit zugesichert erhielte und 5000 Pfund Sterling für den Nachweis des Ortes, an dem das Kunstwerk zu finden sei, bezahlt werden mürben. Der Scheck über die 100 000 Mark wurde bis zur Rückgabe des Bildes in einer Londoner Bank hmterlegt, dann fuhr Herr Anew in eine südamerikanische Stadt und fand dort das ihm seinerzeit entwendete Gemälde. Damit schien der Fall zwar nicht auf­geklärt, dach endgültig erledigt zu sein. Später aber stellte es sich her­aus, daß Pisrpont Morgan den berühmten Gainsborough ebenfalls gekauft hatte und dabei die Verpflichtung eingegangen war, über das Geschäft nichts verlauten zu lassen. Der Milliardär, der auf den Besitz des Meilterwerkes sehr stolz war, konnte jedoch nicht reinen Mund halten, und so erfuhr man allmählich, daß ein zweites Exemplar des 1876 ge­stohlenen Bildes in Morgans Palast hing. Niemals ist klargestellt worden, wer die Kopie und wer das Original besitzt, aber man vermutet, daß Morgans Eigentum das echte Gemälde ist.

Wilhelm und Caroline Herschel.

Ein astronomisches Geschwisterpaar.

Von Professor Dr. Adolf Marc u j e, Berlin.

In der Geschichte der Wissenschaften kommen besondere Familien­dynastien vor, welche von Generation zu Generation Großes leisten und unsterblichen Rrchm erringen. Eine der glänzendsten in der Geschichte der Himmelskunde stellt die Familie Herschel dar, welche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einem einfachen hannoverschen Militär- musiker, dem späteren Astronomen W. Herschel begründet wurde und bis vor 55 Jahren zuletzt in John Herschel die höchsten Triumphe feierte. Die Geschichte dieser Familie erscheint uns heute auch vom Gesichtspunkte der Frauenbewegung überaus interessant; denn wir begegnen da einer weib­lichen Kraft, die sich hervorragend wissenschaftlich betätigte.

Allgemein bekannt dürste das Riesen-Spiegelteleskop W. Herschels sein, mit dem er die wichtigsten astronomischen Entdeckungen ausführte, bekannt in weiten Kreisen sind wohl auch die astronomischen Arbeiten von John Herschel, der die Entdeckungen seines Baters durch ein genaues Studium des südlichen Sternenhimmels fortsetzte, aber weniger allgemein bekannt dürfte es sein, daß Wilhelm Herschels Schwester Caroline nicht nur die treue wissenschaftliche Gefährtin ihres Bruders war, sondern auch selbst astronomische Entdeckungen und Arbeiten von großem Verdienst ausführte.

Im folgenden soll nun ein kurzer Abriß des Lebens und Wirkens von Wilhelm Herschel, der sich mit unbeugsamer Energie vom einfachen Militärmuftker zum bedeutenden Gelehrten aufschwang, gegeben werden, und zugleich soll Leben und Wirken jener einzigartigen Frau Caroline Herschel geschildert werden, die aus wissenschaftlicher Hingabe an den von ihr verehrten Bruder Wilhelm selbst Bedeutendes leistete.

Schon mit 14 Jahren» war Wilhelm, der wie seine Geschwister durch großes musikalisches Talent sich auszeichnete, ein tüchtiger Hoboe- und Violinspieler, und auch seine Kenntnisse im Französischen und in der Mathematik wurden sehr gelobt. Caroline dagegen besuchte die Schule nur kurze Zeit; ihre völlig ungebildete Mutier wollte die Tochter zu Hause in der Wirtschaft behalten; und so lernte Caroline auch in reiferen Jahren kaum mehr als die Anfangsgründe des Unterrichts. Nur in Ab­wesenheit feer Mutter erhielt sie vom Vater Klavier- und sonstigen Unter­richt, und erst viel später, als sie mit ihrem Bruder Wichelm in England lebte, studierte sie mit ihm Mathematik. Dann vermochte aber auch diese merkwürdig« Frau die mühsamsten Berechnungen zur Auswertung der astronomischen Beobachtungen ihres Bruders auszuführen und Stern­katalogs zusammenzustellen, die selbst einem Astronomen Ehre gemacht hätten.

Wenn auch die ganze Familie Herschel durchaus musikalisch war, so lagen doch philosophische, physikalische und mathematische Probleme ihrem Horizont nicht fern.

Bald darauf wurde das Regiment fees alten Herschel nach England ver­setzt, wohin auch seine Familie ihm folgte. Wilhelm blieb nur noch kurze Zeit beim Regiment und versuchte dann sich selbständig zu machen. Es gelang ihm nach schweren Entbehrungen als Organist und Musikdirektor eine ziemlich einträgliche Stellung zu finden. Kaum befreit von der Sorge um das tägliche Leben, ging Wilhelm «daran, seine wissenschaftliche Aus­bildung zu vervollständigen. Mathematik, alte, wie moderne Sprachen trieb er mit Feuereifer, Physik und Astronomie bildeten die Hauptquellen der Lernbegierde dieses genialen Mannes und Musikers.

Kaum hatte er in einem Laden zu Bath ein kleines, nur dreioiertel Meter langes Fernrohr gefunden, als er dieses auch sogleich zur Himmels­beobachtung verwandte. Bald genügte ihm das kleine Jtistrument nicht mehr, er wollte eben mehr sehen als die anderen, und, da seine bescheide­nen Mittel ihm die Beschaffung eines großen Fernrohres nicht erlaubten, beschloß er, selbst eins zu bauen. Von einem Quäker, der sich früher mit Spiegelschleifen beschäftigt hatte, kaufte er das ganze Werkzeug und seine nicht vollendeten Spiegel. Mit illrermenschlichsm Eifer ging er ans Werk,

erfand ein neues Verfahren zum Schleifen gekrümmter Spiegel und be­gann endlich damit, ein großes, fast sieben Meter langes Spiegelteleskop zu konstruieren. Seine Schwester Caroline half ihm bei dieser Arbeit, die Tag und Nacht fortgesetzt wurde. Damit er beim Schleifen und Drehen nicht müde wurde, las ihm die Schwester Werke wie Don Quichote und Tausend und eine Nacht vor, ja sogar während der Mahlzeiten gönnte sich der aus der Harmonie der Töne zur Harmonie der Sphären übergeheicke Wilhelm keine Ruhe, so daß Caroline ihm die Bissen zur Ernährung in «den Mund stecken mußte.

Nachdem das Spiegelteleskop mit rastloser Energie fertiggestellt war, beobachtete Herschel, unterstützt von seiner Schwester, den Sternenhimmel und teilte die Resultate seiner Arbeiten erst in «der na tu rwiss ens chaftli chen Gesellschaft in Bath und dann der Astronomischen Gesellschaft in London mit. Und bald sollten sich Eifer und Geschick dieses seltenen Mannes glänzend belohnen. In der Nacht vom 13. März 1781 untersuchte er einige schwache Sterne in der Konstellation der Zwillinge, als er aus ein Gestirn, das einen scheibenförmigen Anblick zeigte, besonders aufmerksam wurde. Er fand, daß dieses Gestirn sich unter den Fixsternen langsam be­wegte, und entdeckte aus diese Weise den vorletzten, damals äußersten Planeten Uranus in unserem Sonnensystem. Durch diese Entdeckung kam Herschel in die Reihe der ersten Astronomen; mit einem Schlage hatte er die damals bekannten, bei Saturn liegenden Grenzen unseres Planeten­verdoppelt und einen großen Planeten entdeckt, der in 84 Jahren um die Sonne kreist und eine 16 mal so große Masse wie die Erde besitzt.

Uebrigens hatte Herschel bei der Entdeckung des Uranus in der Tat auch insofern Glück, als elf Tage später dieser' Planet stationär gewesen wäre und dann längere Zeit keine Eigenbewegung am Himmel verraten hätte.

Bald nach seiner Ernennung znmRoyal Astronomer" verlieh Herschel den Ort Bach und lebte in einem Gartenhause zu Datchet, wo Caroline sparsam und geschickt waltete, fleißig und aufopfernd dem Bruder half, Dort wurde ein Spiegelteleskop von zehn Meter Brennweite konstruiert, an dem Wilhelm Herschel unter Assistenz seiner Schwester wertvolle Beob­achtungen anstellte.

Im Jahre 1786 siedelte Herschel nach Slough bei Windsor über, wa er feen größten Teil seiner unsterblichen Arbeiten ausführte. Er baut« zunächst mit pekuniärer Unterstützung des Königs ein Spiegelteleskop von 13 Meter Focallänge. Während dieser gewaltigen Arbeit veröffentlichte er 1786 seinen ersten großen Katolog von Nebelflecken, die er in der Zahl von 1000 fast alle selbst entdeckt hatte. Auch Caroline führte in Clough eine Reihe selbständiger astronomischer Entdeckungen aus; sie fand u. a. acht Kometen, von denen fünf ganz neu waren. Trotzdem blieb sie ihr ganzes Leben lang die bescheidene Schülerin ihres großen Bruders, der sich 1788 mit einem liebenswürdigen und reichen Mädchen verheiratete und somit aller materieller Sorgen überhoben war. Nur Caroline, die ihren Bruder bis zur Eifersucht liebte, konnte sich an den neuen Zustand der Dinge nicht gewöhnen. Sie verließ das Haus des Bruders, und behielt nur noch gegen ein mäßiges Gehalt die Stelle einer Assistentin auf seiner Sternwarte, wo sie Tag und Nacht unermüdlich tätig war und in der Arbeit allein Trost fand. In diese Zeit fallen auch zwei ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen, die 1798 von der Londoner königlichen Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht wurden, nämlich ein Katalog von 800 Sternen und ein Generalverzeichnis zu allen von Flamsteed im britischen Katalog beobachteten Fixsternen.

So verflossen Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit von Wilhelm uni) Caroline Herschel auf «der Sternwarte zu Slough. Wilhelm wurde mit , Ehrenbezeugungen überhäuft; feie Oxforder Universität verlieh ihm den Doktor juris", und alle gelehrten Gesellschaften machten ihn zu ihrem Mitgliede. 1816 endlich wurde er Sir William Herschel. Seine Stern­warte war der Wallfahrtsort berühmter Männer und auch unbekannter Neugieriger, feie den großen Astronomen und sein selbstgefertigtes F«rn- j rohr sehen wollten.

« Aber auch feie Riesenkräfte eines Wilhelm Herschel begannen allmählich I sich aufzuzehren; als sein Sohn John (geboren 1792) nach Absolvierung « der Universitätsstufeien seine glänzende Laufbahn als Astronom und Mathematiker antrat, begann «feie Gesundheit von Sir William bedenklich s zu wanken, und 1822 starb er im 84. Jahre eines mühe- und arbeits­reichen Lebens.

Seine Schwester fühlte sich durch diesen Schicksalsschlag wie ver- « nichtet; 50 Jahre hatte sie, an «feer Seite des genialen Bruders, ihm und - feer Wissenschaft treu und selbstlos gedient., Gleich nach der Beisetzung * verließ Caroline Herschel «den englischen Boden, um «feie letzten Jahre ihres Lebens in der Vaterstadt Hannover zu »erbringen. Allmählich er­holte sie sich von dem größten Schmerz ihres Lebens, begann ihre Lebenserinnerungen zu schreiben und trat in schriftliche Beziehungen zu ihrem berühmten Reffen Sir John Herschel, auf den sie nunmehr all ihre Liebe übertrug. Aber auch aus ihrem Altensitz zu Hannover rastete sie nicht, sondern beendete in ihrem 75. Lebensjahre ihr bedeutendstes astronomisches Werk:Einen Katalog von 2500 Nebelflecken und Stern- hausen, beobachtet von Wilhelm Herschel." Für dieses große Werk erhien i sie die große goldene Medaille der Londoner Astronomischen Gesellschast j «die sie zugleich zum Ehrenmitgliede ernannte. Noch fast ein Vierteljahr- j hundert lebte Caroline Herschel von allen geachtet und geliebt zu Han- l nover, wo sie die Besuche feer bedeutendsten Naturforscher wie Blumnr- « bach, Humboldt und Gauß empfing. Eine letzte große Lebensfreude wuwc « ihr zuteil, als ihr berühmter Neffe Sir John Herschel nach seiner ruhm­reichen Expedition von feer südlichen Halbkugel heimkehrte und sie m Hannover wisfeersah. Im Alter von 98 Jahren starb diese merkwürdige Frau, feie sich in ihren Sarg eine Locke des Bruders und einen alten astronomischen Almanach, den sie beide gemeinschaftlich benutzten, legen ließ.

Verantwortlich: Dr. Hans Tchyriot. Druck und Verlag: Brühk'sche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei, V. Lange, Dietzen.