Ausgabe 
13.3.1928
 
Einzelbild herunterladen

3a, es hat Scharlach gehabt. Es ging schon ganz gut. Auf einmal bekommt es diese Krämpse und wird ganz blau. Der Arzt ist betrunken und weiß nicht, was noch Zweck hat. Nichts hilft. Nun, es wird sterben, sagt er. Aber es ist mein einziges Kind, meine teure Annetschka."

Sie sollen nicht so weinen, liebe Frau,," sprach da Tante Karoline init dieser leisen, getragenen Stimme, die immer eine tiefe Gemütsbe­wegung verhält,wie kann das Kind sterben, wenn Gott es nicht will."

Ehe wir nach dem kleinen Nest fuhren, in dem die Frau wohnte, war ich noch Zeuge eines kleinen Disputs zwischen meinen Eltern. Der Vater sagte:Es n>ar fein Zeichen, das ist alles Unsinn. Wie kann eine Kartoffel ein Zeichen sein?" Die Mutter:Warum, du Lästerer? Kann Gott sich nicht auch einer Kartoffel bedienen, wenn es ihm gefällt? Und wie willst du wissen, daß du in seinen Augen mehr wert bist als diese Kartoffel?"

Uebte schon die unter so rätselhaften Umständen erfolgte Auskunft der Frau auf mein weiches Gemüt einen unauslöschlichen Eindruck aus, so war die nun folgende Nacht der Gipfelpunkt des Erträglichen, das die in Zeit und Raum stark begrenzte Seele eines Kindes zu erleben, das heißt zu erleiden vermag.

Wir kamen, als es schon dunkelte, am Bahnhof in P. an. Ich weiß nicht mehr, welchen Weg wir gingen, noch wielange Zeit wir brauchten, um an Ort und Stelle zu sein. Auch Haus und Stube zu beschreiben ist völlig belanglos. Die Tür zur Küche, die nur angelehnt war, ließ durch einen breiten Spalt rauchiges Licht ausströmen. Ueber den Tisch ge­worfen lag der Mann und sagte tonlos:Sie ist sogleich gestorben, als du weggingst. Es hat gar keinen Sinn, über deinen verrückten Traum zu reden. Schick die Frau nach Haus. Die Leute lachen schon über uns."

Wir traten in die kleine Schlafstube, die der Küche gegenüber tag. Auf dem einen Bett, das längs der Wand stand, lag weiß überdeckt die kleine Leiche des dreijährigen Kindes. Die Frau schrie wie ein Tier auf, warf sich zur Erde, riß das Laken zurück und streichelte und küßte das Kind, das bläulich angelaufen, aber mit geschlossenen Augen dalag. Die Aermchen waren am Körper angedrückt. Tante Karoline griff eines der erstarrten Händchen und sagte nach einiger Sammlung leise, aber bestimmt:Sie ist nicht tot. Und wenn sie tot ist, wird Gott sie wieder erwecken,"

Gewiß," höhnte der Mann,am jüngsten Tage, gute Frau."

Man hatte mir in der Kammer eine Schlafstatt zurechtgemacht, ohne ionft von mir Notiz zu nehmen. Aber ich war so erregt von allem, das ich zugetragen hatte, daß ich nicht schlafen konnte und bat, mich mit icr Tante wachen zu lassen. Inzwischen war der Knecht mit dem Fuhr­werk aus der totabt zurückgekommen und hatte den Sarg gebracht. Der Arzt würde erst morgen kommen, den Totenschein auszustellen, er habe sowieso gewußt, daß das Kind sterben werde.

Also bettete man das kleine Wesen in den Sarg, nachdem meine Tante es selbst gewaschen und eingekleidet hatte, da man so spät die Totenfrau nicht holen wollte. Die Mutter schmückte es mit Myrten und unzähligen Heiligenbildchen und war untröstlich darüber, daß man die Händchen nicht auf der Brust zu falten vermochte. Die Arme waren starr und kalt und mußten am Körper angelegt bleiben. Nur mit Mühe und äußerster Ueberrebung gelang es dem Manne, seine Fran, die untröst­lich meinte, aus dem Totenzimmer herauszubekommen, zu dem man die geräumige Wohnstube mit Kerzen und Kreuzen hergerichtet hatte, und die grau ging erst hinaus, als Tante Karoline wünschte, mit dem Kinde alleingelassen zu werden.

Der Regulator, den man vergessen hatte, abzustellen, schlug elf Uhr, als meine Tante mir einen Rosenkranz in die Hand drückte und sagte: Bede. Du hast Gnade bei Gott, weil dein Herz noch rein ist." Das be­wegte mich tief, und ließ mir Goti und den Tod weniger streng und un­erbittlich erscheinen.

Während ich erst mit inbrünstigem Eifer, später aber automatisch Perlen undGegrüßt seist du" zwischen Fingern und Lippen abrollen ließ, setzte Tante Karoline sich dicht an den Sarg, nachdem sie die Lichter an der einen Seite verlöscht und fortgestellt hatte. Dann versank sie in eine lange, fast atemlose Gebetsstarre, die ihren Geist weit fortzuführen schien, ihre Gestalt aber mit einem geheimnisvollen Grauen übergoß.

Ms sie wie aus langer Ohnmacht wieder zu sich kam, sagte sie zu mir mit leisem Vorwurf:Du betest schlecht. Laß es fein. Christus hat zu mir gesagt, daß das Kind leben wird. Es ist wie bei der Tochter des Sairus. Der Glaube wird helfen." Darauf beugte sie sich über das starre kleine Gesichtchen, faßte die kalten blauen Händchen, riß bas Totcngewanb auseinander und rieb mit einer ununterbrochenen, streichenden Bewegung immer über die Arme hinauf, kreisend über die Brust nach dem Herzen zu. Dann, was mich fast bis zum Zerspringen der Puls« entsetzte, nahm sie den Leichnam heraus, preßte ihn fest an sich und ging immer im Zimmer herum, ihren Atem am Munde des Kindes, indem sie unver­ständliche leise Beschwörungen ober Gebete murmelte.

In meinem Herzen war nur Furcht unb Unglaube. Wie konnte jemanb, der bereits im Sarge lag, wieder lebendig werden? Welch ein Frevel, dem Tode die sichere Beute entreißen zu wollen. Was würde geschehen? Schreckliches mußte sich ereignen.

Selbst als das leise Zucken, das über die starren Glieder des Kindes lief, stärker und anhaltender wurde, glaubte ich, daß ein wahnsinniger Spuk entfesselt sei, Rache zu üben Und als ganz plötzlich das Kleine die Augen aufschlug, die Aermchen krümmte' und mit rostigem Stimm« chenMamuscha" lallte, lief ich, meiner nicht mehr mächtig, mit hellem Geschrei aus der Stube und erwachte erst nach geraumer Zeit aus der ersten und einzigen Ohnmacht meines Lebens.

Was nützt es mir heute, zu wissen, daß das Kind nur in einem epileptischen Starrkrampf lag. Alle Symptome dieser geheimnisvollen Totenerweckung und ihrer ebenso wunderbaren Einleitung durch den selt­samen Traum haben sich als ein unausrottbares Mysterium meinem Ge­dächtnis eingeprägt, das aber nichts Schreckhaftes mehr hat, sondern wie «ne lächelnde Garantie für das Wunderbare unserer ewigen Kindheit ist.

Auch Bilder habe« romantische Schicksale.

Von Karl G i 11 b r ü ck.

Niemand kann bestreiten, daß die deutsche Kriminalpolizei diesmal schnell und mit hervorragendem Erfolg gearbeitet hat. Am 17. Februar waren Diebe im Auto von Berlin aufgebrochen, in der Nacht vom 19. zum 20. Februar ereignete sich ein Einbruch auf Schloß Kadolzburg, bei dem zwei Altartaseln, die vermutlich von Lucas Cranach stammen, geraubt wurden, und schon in den ersten Tagen des Monats März konnte der Urheber des Verbrechens, der Kunsthändler Lippmann, hinter Schloß und Riegel gesetzt werden; sogar die entwendeten Kunstgegenstände sind bereits wieder zur' Stelle geschasst worden. Wenn man bedenkt, daß oft Jahr­zehnte vergehen, ehe geraubte Bilder ihrem rechtmäßigen Besitzer wieder zugeführt werden können, muß man diese kriminalistische Leistung beson­ders anerkennen. Das letzte große Verbrechen dieser Art, das sich vor ungefähr zehn Monaten ereignete, konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Am 28. April 1927 wurden aus dem Moskauer Museum für die Schönen Künste fünf weltberühmte Gemälde gestohlen, nämlich Rembrandts Christus", TiziansEcce homo, CorreggiosHeilige Familie", derHeilige Johannes" von Carlo Dolce undDas Leiden Christi" von Vittore P i f a n o. Die Gemälde waren nach Schätzungen, die eher zu niedrig als zu hoch gegriffen waren, mindestens 1! Millionen Mark wert; ihr Verlust ist unersetzlich, doch konnte bisher kein« Spur von den Dieben ermittelt werden.

In deutschen Galerien sind große Bilderdiebstähle verhältnismäßig selten. In der Inflationszeit wurden kostbare Gemälde bekanntlich zu den vielbegehrten Sachwerten gerechnet, nach denen jeder auch der Ein­brecher großes Verlangen hatte. So wurde im Jahre 1921 aus dem Privatkontor der Vankfirma Emil Heckfcher & Co. in Hamburg ein echter Rembrandt gestohlen, unb ein anberes Bilbnis desselben Meisters, Apostel Paulus im Gesängnis", verschwand ein Jahr darauf aus der Stuttgarter Gemäldegalerie, tauchte aber einige Zeit später wieder in London auf. Im folgenden Jahr drangen Einbrecher in die Münchener Villa Lanbach unb verschleppten aus ihr eine große Anzahl Gemälde, unter denen sich Werke von Frans Hals, dem jüngeren Holbein und Lucas C r a n a ck befanden. Bei diesem Einbruch sind die Verbrecher ganz besonders geschickt vorgegangen; sie müssen übrigens mit Fachleuten zusammengearbeitet haben, da es ihnen gelang, gerade die wertvollsten Stücke der Sammlung zu entwenden. Weniger wählerisch waren vor dem Krieg Petersburger Diebe, die in der von ihnen heimgesuchten Gemälde­galerie 71 Bilder stahlen, in der Hoffnung, daß sich darunter auch wert­volle Gemälde befinden würden.

Seltener, als man gewöhnlich annimmt, stiehlt der Gemäldedieb aus Sammelwut ober Kunstleibenschast. Nur verhältnismäßig wenige, beson­ders reiche Leute können sich den Luxus leisten, eine wirklich wertvolle Gemäldegalerie anzulegen, und diesen Millionären fehlt meist nicht das Geld, noch irgendein von ihnen besonders begehrtes Stück zur Vervoll­ständigung ihrer Sammlung zu erwerben. Der typische Verbrecher aus Sammelwut ist der Büchermarder, der di« Bibliotheken heimsucht und sich _ nus Liebe zum Gegenstand, nicht aus materieller Not seltene Handschriften ober kostbare alte Drucke aneignet. Im Fall Lippmann hat man es nun mit einem Menschen zu tun, der von einem inneren Zwang, einer tragischen Liebe zu wertvollen Gemälben dazu getrieben wurde, den Einbruch in die Kadolzburg anzuzetteln; Lippmann, der in Erpresserhände gefallen war, hat vielmehr versucht, aus dem Diebstahl materiellen Nutzen zu ziehen, um seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können. Er hätte sich dabei freilich als ausgezeichneter Kenner des Kunsthandels sagen müssen, daß das kostbarste Meisterwerk in Diebeshänden wertlos ist, weil der Käufekpreis begrenzt ist und ge­stohlene Bilder daher unverkäuslich sind. Lippmann sagte sich wahrschein­lich, daß die beiden Altarbilder, die erst vor einem Jahr von dem Nürn­berger Kunsthistoriker Dr. Nagel auf dem Schloß Kadolzburg entdeckt wurden, vorläufig im Kunsthandel noch wenig bekannt geworden seien und glaubte, baß es genügen werde, die beiden Altartafeln zu zerschneiden unb in vier Gemälde zu verwandeln, um ihren Ursprung zu vertuschen.

Daß wertvolle Gemälde für den Dieb fast stets unverkäuflich find, mußte auch der Arbeiter Perugia erfahren, der im Jahre 1911 Lio- nardosMona Lisa" aus dem Louvre stahl. Zwei Jahre hielt er das Bild verborgen; als er es bann verkaufen wollte, wurde er schon bei dem ersten Versuch festgenommen. Der Diebstahl derMona Lisa" hat übrigens seinerzeit recht ansteckend gewirkt; bald daraus wurde das be­rühmte Kloster San Marco in Florenz beraubt, und der Einbrecher stahl dieMadonna delle Stelle" von Fra Angelico. Im gleichen Jahr wurde auch in bas Museum von Benime eingebrochen. Soweit man fest­stellen kann, hatten die Diebe nicht bie Möglichkeit, aus ihrem Verbrechen irgenbwelcheii Vorteil zu ziehen. Daß es tatsächlich sehr schwer ist, be­rühmte Bilder, die in Tausenden von Reproduktionen in der ganzen Welt bekannt sind, zuverschärfen", wie man es in der Gaunersprache nennt, geht auch aus einem Fall hervor, der sich vor ungefähr zwanzig Jahren beim Berliner Kaiser-Friedrich-Museum ereignet hat. Mit großer Mühe war es einem Sieb gelungen, ein Gemälde zu entwenden; nach­dem er dafür die Zuchthausstrafe riskiert hatte, wußte er schließlich mit feiner Beute weiter nichts anzufangen, als die Leinwand zusammenzu­rollen und an bas Museum zurückzuschicken.

In einem anderen Fall, der nun allerdings schon ein halbes Jahr­hundert zurückliegt, ist es einem Verbrecher aber gelungen, für die Rück­lieferung des gestohlenen Bildes 100 000 Mk. zu erhalten. Im Jahre 1876 hatte nämlich der Kunsthändler Agnew das berühmteBildnis der Herzogin von Devonshire" von G a i n s d o r o u g h für 208 000 Mk. ge­kauft; er hängte es in eine Stahlkammer, aus der es kurz darauf auf niemals aufgeklärte Weife verschwand. Vergeblich versuchte man, bas kostbare Bild aufzuspüren; kurze Zeit hoffte die Polizei, die Diebe doch noch ausfindig zu machen, da die Verbrecher den Kunsthändler Anew zu erpressen versuchten unb den Kriminalisten dadurch einen Fingerzeig