Ausgabe 
13.3.1928
 
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Eichendorfs-Preise aus-

in der noch ungeheuer

Dinge der menschlichen

Das tote Kind.

Aon Gertrud Ault ch.

Die Verfasserin wurde mit dem gezeichnet.

Flut und Wogen hindurch, dem irrenden Schisser auf hoher See mit all ihren Häusern und Türmen heraufglänzen und mit dem Klang ihrer Glocken betörend zuläuten soll, so klingt uns hier aus dieser Eichendorsf- Rovelle, durch ein Jahrhundert darüber hingewogte deutsch« Seelen- aeschichte hindurch, eine ganze versunkene deutsche Welt zur Zeck des Dichters schon Romantik, nun aber für unseren narb aller vergangenen Deuttchhett sehnsüchtig Ausschau haltenden Blick noch einmal Romantik in allen Zaubern einer zwiefachen Heimwehverklärung entgegen.

halten zu können. ,, .. .

Das ist ein Zeichen", sagte Tante Karolme erbleichend.

Für alle, die den Humor des Zufalls zu würdigen wissen, ser bemertt, daß der Eimer auf einer Kartoffel stand. .....

Des andern Morgens begab sich nun em Ereigms, über das zu lachen selbst heute nicht nur unstatthaft, sondern reichlich albern wäre. Ich war eben aus der Schule gekommen, als mich vor dem wiu[e eine Frau anhielt mit der Frage, wo hier eine Frau Karolme M. wohne. Sie batte sich bereits an einige Kinder gewandt, die sie nun neugierig umstanden, ohne sedoch Auskunft geben zu können. Ich führte die grau in einem Gefühl übertriebener Wichtigkeit sofort zu meiner Mutter.

Diese Begebnisse schildere ich, wie sie mir ganz klar und unverwisch! im Gedächtnis hasten blieben, unter dem Bevbachtungswinkel eines ch jährigen, sehr neugierigen, frühreifen Mädchens, dem in der Schule naty gesagt wurde. Erlebtes sehr wahr und treffend schildern zu können.

Sobald die Frau ins Zimmer getreten war, ging sie mit gerötetem Gesicht und ausgebreiteten Armen sofort auf meine Tante zu, wobei si- die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte, und sagte tieferregt:Ja, wop hastig, das sind Sie! Dank meiner Mutter. Ihr Geist hat mich riW

Man' schob der Frau einen Stuhl hin und bat sie, sich zu beruhigen Man forschte nach dem Grunde ihres Kommens, aber sie war noit immer so erschüttert, daß sie nur stoßweise, von Tränen unterbrochw und sehr undeutlich sprechen konnte. Es war eine junge, dreißig,«« Frau, ländlich, aber sehr sauber gekleidet. Ich fand an ihr sehr komisch daß sie einen mit einem rote Band eingeslochteten Zopf trug. Später er­fuhr ich, daß sie aus einem der kleinen Orte der Nachbarschaft stainM

Die Frau hatte einen Armkorb mitgebradjt, den mein Vater, M materialistisch eingestellt, während unserer Unterhaltung auspackte. «- kam ein Huhn zum Vorschein, einige Eier, ein Stuck Butter und weitzck lockeres Brot.

Retten Sie mein Kind", schluchzte die Frau und brach von neuem in Tränen aus.Nur Sie können helfen, kein Arzt kann es mehr. U ich habe solches Vertrauen zu Gott, und als ich ganz verzweifelt zu W um mein Kind betete," da wußte ich, er wird eine arme Mutter er«. Ist es nicht eine wunderbare Gnade, daß er mir diesen Traum Meine Mutter, so wie ich sie kurz vor ihrem Tode sah, erscheint mir Schlafe und sagt: Geh dort und dorthin, in das und das Dorf bei « Stadt die du kennst, den und den Weg. Und ich fehe den Weg g« genau, vom Bahnhof über die Brücke an den Ziegeleiteichen über großen Wiesen am Fluß, ich. sehe genau den Schatten meiner Mutter " das Gesicht, auf das sie zeigt und das vor mir herlauft. Siehst du, M meine Mutter, und zeigt auf das wandelnde Gesicht, diese iMU »- deinem Kinde Helsen. Nimm Brot und etwas Fleisch mit und mack auf, wenn die Sonne ausgeht. Ich konnte nicht weiter schlafen, so ich über den Traum, und mit dem ersten Zuge fuhr ich ab. ckck ff Vertrauen, es wird mir leichter, Gott wird mir Helsen. Ich fmbe de«, ich finde das Haus. Aber man sagt mir, Sie wären in B., bei Schwester zu Besuch. Man sagt mir Straße und Nummer, abergmn Gott, inzwischen kann das Kind gestorben sein. Kommen Sie kommen Sie sofort." ufll

Was fehlt denn dem Kinde?" sagt mein Vater ganz verlegen hilflos, denn er kann weinende Frauen nicht ertragen.

jüngsten Söhne und dummen Häuft des Marcyens, von denen niemand etwas erwartet und die dann doch die Aufgabe losen und die Prinzessin nur Frau bekommen. Das heißt, er ist ein Gotteskind, dem es der Herr un Schlafe gibt" den nicht der Broterwerb aus fühem Nichtstun weckt, iöndern einzig ein dunkler, ihn oft genug recht unbequem bunfenber Trieb draußen in der Welt und der Fremde sein Gluck zu machen.

Al° er einmal nach langer Wanderschaft durch Wald und immer wieder Wald des abends endlich in ein kleines Wiesental hinauskommt, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelver Blumen ist, über denen unzählige Schmetterlinge im Adendgolde fjerumflatternes war aber so einsam dort, als läge die Welt wohl hundert Meilen weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag drüben im hohen Grase und blies fo melancholisch auf seiner Schalmei, daß einem das Herz vor Wehmut hätte springen mögen" da entringt sich seinem Innersten der rin,rende Stoßseufzer:Ja, wer es so gut hätte, wie so ein Faulenzer! Unsereiner muß sich in der Fremde herumschlagen und immer attent sein!

Aber obwohl das Wandern im Grunde fein eigentliches Lebensele­ment ist, und er die schöne Wandererde, das frische Krähen der Hahne Über die leise wogenden Kornfelder hin, die schweifenden Lerchen zwischen den Morgenstreifen hoch am Himmel, den ernsten Mittag, die flüsternde Nacht aus dankbarer Seele liebt und innig belauscht, so i,i er in der Welt doch nicht zu Hause, hat in der Regel mcyt Teil an dem Gluck derer die sich in ihr zu yjanfe fühlen.Alles ist fo froylich, fo denkt er einmal,um dich kümmert sich kein Mensch. Und so geht es nur überall und immer. Jeder hat fein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, bat einen warmen Ofen, feine Taffe Kaffee, feine Frau, fein Gias Wem zu Abend, und ist fo recht zufrieden. Mir iffs nirgends recht. Es ist, als wäre ich j überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet." Oder grenzenlose Weltverlafsenheit bncht überwältigend , über ihn herein in einsamer Nacht, während der Mond scheint, die Wol­ken ziehen und manchmal ein Stern weit in der Ferne heruntersallt.So scheint der Mond auch über meines Vaters Mühle, beginnt er zu philo- ophieren,und auf das weiße gräfliche Schloß. Dort ist nun auch schon alles lange still, die gnädige Frau schläft, und die Wafftrkunfte und Bäume im Garten rauschen noch immerfort wie damals, und allen ists gleich ob ich noch da bin oder in der Fremde ober gestorben. Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, daß ich aus Herzensgründe hatte meinen mögen. Und roenn er sich so im tiefsten Grunde überflüssig und von aller Welt ver­lassen fühlt, dann nimmt er seine Geige von der Wand und spricht zu ihr:Komm nur her, du getreues Jnstrliment. Unser Reich ist nicht von dieser Welt!" Ist ein solcher Ausspruch nicht Formel und Symbol für das Wesen aller charakteristisch-deutschen Form von Romantik und vielleicht für ein entscheidendes Stückchen Deutschtum überhaupt?

Bei all seiner Gemütstiefe und tölpelhaften Einfältigkeit ist der Tauge­nichts dann auch noch Künstler und Genie,was nicht seine eigene Be­hauptung noch die des Dichters ist, aber durch feine Lieder aufs Herr­lichste erwiesen ist. Gleichwohl hat sein Wesen nicht den geringsten Ein­schlag von Exzentrizität, Problematik, Dämonie, Krankhaftigkeit. Nichts ist bezeichnender für ihn, als fein Verhalten zu den wildschonen und über« spannten Reden des Malers in dem römischen Garten es graut ihm davor, und er schleicht sich einfach davonund steigt, allein und fröhlich im Herzen, an dem Rebengeländer in das weite von Mondschein be­glänzte Tal hinunter". Er ist gesund, wenn auch keineswegs derb, und kann die Verrücktheiten nicht ausstehen. Er ist Volk und hat das gesunde Gemütsleben und die reine Innigkeit unverdorbenen Volkes, die wohl nirgends schöner zum Ausdruck kommt, als an jener Stelle, wo er in Rom dahin er ebenso willenlos getrieben wird, wie in die Arme feiner viel schönen gnädigen Frau inmitten eines einsamen Platzes auf steinernem Springbrunnenrand sitzend plötzlich ganz unvermutet in feiner Heimatsprache angeredet wird.Mir aber, da ich so unverhofft deutsch sprechen hörte, war cs nidjt_anbers im Herzen, als wenn die Glocke aus meinem Dorfe am stillen Sonntagsmorgen plötzlich zu mir her­überklänge."

Das ist unvergleichlich innig empfunden und kindlich schlicht gesagt, aber im Grunde ist es nur ein Stück von jener innigen Gotteskindlichkeit des Taugenichts, di« immer bei all seinem Tun und Lassen durchschimmert, die auch vor allem der Liebe zu seiner viel schönen gnädigen Frau den eigentlichen Zauber gibt dieser ahnungslosen, unberührten Liebe, die bei ihm nur die höchste Form seiner innig-reinen Gotteskindlichkeit dar- ftellt, so wie sich gerade am Schluß, als alle Wirrsal in Reue, Ver­söhnung und Hochzeit sich auflöst, noch einmal alles besagend offenbart. Denn alsalles, alles gut ist" und er feine hohe Frau haben kann, da sie gottlob nur eine Portiersnichte ist, da ist erso recht seelenvergnügt und langt eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die er noch aus Italien mitgebracht hat. Sie nahm auch davon und wir knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus." Einen schöneren Schlußakkord hätte Eichendorff wohl kaum für feinewundersam hoch und frei und lieblich erträumte Novelle" finden können als diese unvergleichliche Art, mit der hier der Märchenhans seine Prinzessin findet, dieses köstliche Bild, gemischt aus Reinheit, unfreiwillig-kindlichem Humor und naivem Menschsein.

Und reines Menfchfein ist überhaupt der letzte Weftnsgrund des Sauge« nichtscharakters.Er ist Mensch," sagt Thomas Mann,und er ist es so sehr, daß er überhaupt nichts außerdem sein will und kann: eben des­halb ist er der Taugenichts. Denn man ist selbstverständlich ein Tauge­nichts, wenn man nichts weiter präftiert, als eben ein Mensch zu fein. Und - dieses sein Menjchtuin ist überzeugend und exemplarisch deutsch, und ob­gleich sein Format so bescheiden ist, möchte man ausrufen: wahrhaftig, der deutsche Mensch! Fügen wir einschränkend hinzu: wahrhaftig, ein un­verkennbares Stück deutscher Mensch und jedensalls ein schon un­wiederbringlich gewesener! Aber trotzdem und vielleicht gerade deshalb hat es nicht minder unsere ganze Verehrung, unsere unverlierbare Liebe und schimmert für uns im Lichte einer unvergänglichen Schönheit. Wie jene der Sage nach versunkene Stadt aus tiesstem Meeresgrund, durch

Es ist unbestritten, daß Kindheitserlebnisse in der noch ungeheuer empfindungsfähigen Seele Eindrücke hinterlasfen, wie sie später in solcher Intensität kaum erreicht werden. Hauptsächlich Singe der menschlichen Beziehung zu denunheimlichen, übernatürlichen Machten des Jenseits, die heute längst den Reiz eines Problems eingebüßt haben, waren dem Kinds unerhörte Wunder voll grauenhafter Mystik. Ich ermnere mich, daß Begriffe wie Tod, Himmel und Hölle, obwohl von meertiefer Unfaß­barkeit, mich mit Gefühlen schauerlicher, lustgemischter Furcht erfüllten.

Ich war in die Welt des Wunderbaren sozusagen hineingeboren. Das Schicksal hatte an unsere Familie reichlich übernatürliche Kräfte ver­schwendet. Besonders meine Tante Karoline war, wie man heute sagen wurde, medial veranlagt. Unzweifelhaft war sie im Besitz von Kräften, die sie befähigten, Dinge zu tun, die ihre Person in den Augen einer vom Aberglauben erfüllten Volksmasse in den Geruch des Wunderbaren Hei­ligmäßigen mit Gott verquickte. Doch da sie ihre eigenartigen Fähigkeiten übertrieb und mißbrauchte, nahm man sie später nicht mehr ernst.

Eines Tages nun ereignete sich folgendes: Tante Karoline war wieder einmal zu Besuch und hatte uns bald in ihren mystischen Dunst ein- gehüllt. Wir wohnten damals in einem Dorfe nahe einer großen In­dustriestadt Oderfchlesiens in einer jener malerischen Behausungen, die sich als Bild über dem Sosa sehr gut ausnehmen, in denen zu wohnen man aber niemandem zutrauen sollte. Die einstöckige, baufällige Baracke nut melancholisch herabhängendem Dach zitterte in allen Fugen, so oft ein Wagen oder ein Auto vorüb erfuhr, und es war nichts Wunderliches, daß zuweilen alle Möbel Polka tanzten. Und doch erschraken wir zu Tode, als an jenem merkwürdigen Tage der Wassereimer nicht mur wie ver­rückt hüpfte, sondern sich wie ein Karussell im Kreise drehte, ohne em-