Ausgabe 
12.6.1928
 
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was mit dem Sport am Festland zusammenhing, abgeschnitten. Das hat sich jetzt geändert. Die drahtlosen Wellen übermittel« den auf dem Schiff befindlichen Sportlustigen alle sportlichen Nachrichten, berichten über die neuesten Rennresultate, Boxiampf-Ergebnisse, über Ereignisse auf dein Gebiete des Turfs, des Automobilismus, des Rad- und Wasser­sports. Sie erzählen von Siegen im Fußball-, Tennis-, Wintersport usw.

Auch über die Börsenkurse ist man an Bord stets unterrichtet, so daß Industrielle und Geschäftsleute auf hoher See Nachrichten empfangen und wichtige geschäftliche Dispositionen geben können. Kaum hat das Schiff den Hafen verlassen, flitzen schon die Funktelegramme über den Ozean.

Eine besondere Kategorie von Passagieren gibt cs, auf deren Tätig­keit der Schiffs-Funkverkehr geradezu verhängnisvoll eingewirkt hat. Es ist das Heer der Verbrecher und Hochstapler. Trotz aller Vorsicht der Schiffsgesellschaften kommt es mitunter doch vor, daß Hochstapler sich an Bord einschleichen. Telegraphischer und telephonischer Funkverkehr haben durch die Schnelligkeit der Nachrichtenvermittlung diesen Talmi- Gentlemen einen heillosen Schrecken eingejagt und manchen sorglosen Passagier vor unliebsamen Bekanntschaften geschützt. Den internationalen Tnfchendieben, Kabinendieben, Falschspielern, Scheckschwindlern und rote die Pseudokavaliere alle heißen mögen, hat die neueste Entwicklung der Funkentechnik das Handwerk auf den großen Ozeandampfern zu ihrem Leidwesen, aber zum Segen der Passagiere, gründlich verdorben.

Dretegen.

Erzählung von Gottfried Keller. (Sortierung.!

Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrich­tung auf den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.

Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und ihre Stadttrompeter an der Spitze; übrigens waren sie alle mit guten Schwertern und Dolchen bewaffnet, führten aber nichtsdestominder ein Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmückt, in der Mitte, und sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine Strecke " vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und führten sie etwas kleinmütig in die Stadt. Das Tor war möglichst abgekratzt, frisch über­tüncht und mit etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores aber standen die sämtlichen Stadtknschte aufgestellt in voller Rüstung, welche raffelnd und klirrend den Zug durch di« schattig dunklen Straßen begleiteten. Die Leute guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern, wie wenn ein Meerwunder sich durch die Gasse gewälzt hätte, und wo ein Seldwyler lustig hinaufsah, da fuhren die Weiber scheu mit den Köpfen zurück. Ihre Männer hingegen drückten sich seltsam die Nasen­spitzen an den grünlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte Er­scheinung bloßer Frauenhälse zu beobachten.

Also erreichte der Zug die große Ratsstube. Die war reich, aber düster anzusehen,, Wände und Decke ganz mit schwarz gefärbtem Eichenholz getäfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jägern und Hunden mit grüner Seide und Goldfäden gewoben war. Darüber lagen noch feine Tüchlein von ganz weißem Damast, welche bei näherem Hinsehen ein gar kunstreiches Bildwerk von sehr srühlichen Göttergeschichten zeigten, wie man sie in diesem gravitätischen Saale am wenigsten vermutet hätte. Auf diesem prächtige» Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer öffentlichen Mahlzeit gehörte, und darunter besonders eine große Zahl köstlicher Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb er­leben, bald rund, eine glänzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und anderer Halbgötter zur Schau trugen; sogar das Hauptstück, ein hoch aufgetakeltes silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmäßig, zeigte als Oation eine Galatea von den verwegensten Formen.

'Sängs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre schwarze oder blutrote Seidengewänder gekleidet, von steifem Spitzenschmuck bis an das Kinn verhüllt. Sie trugen vielfache goldene Kette», Gürtel und Hauben, und üher den Handschuhen eine Menge Ringe an alle» Fingern. Diefe Frauen waren nicht häßlich, sondern eher hübsch zu nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durch­sichtigen Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wänglein begabt; aber sie jähen jo unfreundlich, streng und sauer aus, daß man zweifelte, ob sie je in ihrem Leben gelocht, wenn nicht höchstens einmal in dunkler Nacht, wenn sie dem Mann die erste Nachtmütze aufgeschwatzt hatte».

Die Begrüßung war den» auch befangen genug und man mar allseitig froh, bald am Tische zu fitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken zu vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natürliche Heiterkeit wieder, und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies gefiel den Ruechensteinern nicht übel und sie schickten sich eben an, ein steifes Gespräch zu führen, als die Sache eine Wendung nahm, die sie sich nie geträumt hätten. Denn die Seldwyier, welche ihre Augen gebrauchten, entdeckten alsbald die heitern und anmutigen Darstellungen der gewirkten Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, ließen die Blicke voll lachenden Vergnügens über die freien und üppigen Szenen schweifen, machte» sich gegenseitig aufmerksam und wußten scherzend und zierlich das Dar- gestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielte» sich so wenig zurück, als die Herren. Dies dünkte die Wirte und Wirtinnen doch etwas kindisch und sie sahen jetzt auch näher zu, was denn da so lustig zu be­trachten wäre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit offenem Munde! Sie hatten in ihrem beschränkten Sinne all die Herrlichkeit noch gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg für Zierat genommen, der seinen Dienst zu tun habe, ohne daß ernsthafte Leute ihn eines schärferen Blickes würdigen. Nun sahen sie mit Entsetze», welch eine heid­nische Greuelwelt sie dicht unter ihren ehrbaren Augen hatten. Mer sie waren empört über die neugierige und ungezogene Art, mit welcher die

Seldwyler den unbedeutenden Tand ans Licht zogen, anstatt gcjebt U!,^ würdig darüber hinwegzusehen und nur die Kostbarkeit bet Stoffe ,u bewundern. Die Herren lächelte» sauer und mißvergnügt, wenn hier eine Leda und dort eine Europa entdeckt wurde; die Frauen aber erröteten und wurden blaß vor Zorn, und sie waren eben daran, entrüftet auszu­brechen, als der traurige Klang einer Glocke sie plötzlich beruhigte. Es war das Armesünderglöckchen von Ruechenstein; ein dumpfes Geräusch auf der Straße verkündete, daß der junge Dietegen jetzt zum Galgen hinausgeführt werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob sich und eilte an die Fenster, wobei die Ruechensteiner ihren aufgeräumten Gästen mit hämischem Lächeln de» Platz frei ließen.

Ein Geistlicher, ein Henker mit feinem Knecht, einige Gerichtspersonen und Scharwächter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen barfuß und nur mit einem weißen, fchwarzgesaumten Arme- sünderhemde bekleidet, die Hände auf den Rücken gebunden und von, Henker an einem Stricke geführt. Das schöne Haar fiel ihm auf den glänzenden bloßen Racken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an die Häuser hinauf. Unter dem Portale des Rat­hauses standen die festlich geputzten Knaben und Mädchen der Seid, royler, welche nach Kinderart vom Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Sünder diese hübschen und glücklichen Kinder er­bliche, dergleichen er noch nie gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Tränen liefen ihm heiß über die Wangen; doch der Henker stieß ihn vorwärts, daß der Zug oorüberging und bald verschwand. Die Selb- wylerinnen oben erblaßten und auch ihre Männer faßte ein tiefes Grauen, da sie überhaupt nicht Liebhaber von dergleichen Vorgängen waren. Es ward ihnen unheimlich bei diesen Menschen, so daß sie dem Drängen ihrer Frauen, welche fort wollten, nachgaben, und sich, so höflich sie konnten, beurlaubten. Die Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt, zufrieden und fast heiter geworden; sie führten daher ihre werten Gäste, wie sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und gesprächig.

Vor dem Tore stieß der Zug auf die zurückkehrenden Richtmenschen, welche mürrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht, der einen Karren vor sich her stieß, auf welchem der Gerichtete in einem schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und stellte sich zur Seite, um die glänzenden Leute vorüberziehen zu lasten, und er rückte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herab- zufallen und den Gehängten zu enthüllen drohte. Nun war unter den Kindern der Seldwyler ein siebenjähriges Mädchen, keck, schön und lockig, das hatte nicht aufgehört zu meinen, seit es den Knaben hatte dahin- führen sehen, und konnte nicht getröstet werde». Wie der Zug setzt an dem Karren vorbeiging, sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und warf den Deckel hinunter, so daß der leblose Dietegen vor aller Augen lag. In demselben Augenblicke schlug er die Augen auf unb tat einen leisen Atemzug; denn er roar in der Zerstreuung des Tages jchlecht gehenkt und zu früh vom Galgen genommen worden, weil die Beamteten noch etwas von der Mahlzeit zu erschnappe» gedachten. Das heftige Mädchen schrie laut auf und rief:Er lebt noch! er lebt noch!" Sogleich drängten sich die Frauen von Seldwyla um den Sarg, und als sie den schönen erbleichten Knaben sich regen jähen, bemächtigten sie sich seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn vollends ins Leben zurück, indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten, ihm Wein einflößten unb ihn auf jede Weise pflegten. Die Männer unterstützten sie dabei, während die Herren Ruechensteiner ganz betroffen umherstanden und nicht wußten, was sie tun sollten. Als der Knabe endlich wieder auf den Füßen stand und sich umschaute, wie wenn er im Paradies erwacht wäre, erblickte er plötzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick umgetegt hatte, und ent­setzt, daß auch dieser, wie er meinte, mit in den Himmel gekommen sei, flüchtete und drängte er sich aufs neue in die Frauen hinein. Gerührt baten diese die gestrengen Nachbarn, daß sie ihnen den Buben schenken mochten, zum Zeichen guter Freundschaft; die Männer stimmten ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine Weile geratschlagt, erklärten, daß sie nichts dagegen einzuroenden hätten, wenn sie den kleinen Sünder mitnähmen, und daß er ihnen, wie er da wäre, geschenkt sein solle sam feinem Leben. Da waren die hübschen Frauen und ihre Kinder von Freuden, und Dietegen zog, wie er roar, in seinem Armesünderhemde mit ihnen davon. Es roar aber ein schöner Sommerabend, weswegen, als die Seldwyler auf der Höhe des Berges und auf ihrem Gebiete angs- kommen waren, sie beschlossen, sich hier.in dem abendlichen Sommerwal« auf eigene Rechnung zu belustigen und von dem gehabten Schrecken M erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein ansehnlicher Zuzug em' gegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen sei. So mußten denn die Musikanten wieder aufpielen und die mitgeführten Becher kreisten cr|i jetzt in voller Fröhlichkeit.

Dietegen blickte so glückselig, neugierig und harmlos umher, daß man von weitem sah, daß das ein unschuldiges Kind roar, was feine LV zählung auch bestätigte. Die Seldroylerinnen konnten sich nicht |Ott «J ihm sehen, flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen aus o Kopf, daß er in seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, un endlich küßten sie ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus o Armen ließ, nahm ihn die erste wieder beim Stopf.

Ader jenes kleine Mädchen, welches den Dietegen eigentlich gtw hatte, trat plötzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig MM den Knaben und die Frau, welche ihn eben küssen wollte; es nahm 0 eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu führen, I» ' die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief:So ist es die kleine Kiingolt hält ihr« Eroberung fest! und Geschmack hat !'e seht nur, wie gut das Männchen zu ihr paßt!" Kiingolts Vater ober, Forstmeister der Stadt, sagte:Der Bub gefüllt mir wohl, er W I gute Augen! Wenn es den Herren recht ist, fo nehme ich ihn etnjt bei mir auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen, daß uh ehrlichen Weidmann aus ihm mache!"

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Bering: Brühl'sche D.niversitäts-Buch» und Steindruckerei. A. Lange. Gieße"-