Ausgabe 
12.6.1928
 
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Vogeldreck hinweg.

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svtc durchspielt wird, gesammelt. Die runden Bogen der Augenbrauen deuten aus Leidenschaftlichkeit im Denken und Fuhlen hm. Die Sarne »st eine kolossalische Bastion, ein mächtig hochschiehendes Bollwerk des Gedankens, der aus kühler Latinität und Theologie in die üppigen Formen der Kunst drängte. .

Um dieses. Drängen zu befriedigen, verschrieb er sich der Askese. Er war so sparsam, daß er dem Nachtwächter nachging, um zu prüfen, ob dieser nicht zuviel Oel für die Lampen verbrauche. Schonborn war Mensch und Mann des Barock, der seine Gefühle und sein wogendes Künstlertum in eine starre lineare Haltung zu unterjochen verstand.

Ihm gegenüber steht sein Nachfolger, der lebendigere Christof vo n Hutten, Mensch des Rokoko. Wo jener die Lippe fest geschlossen halt macht er sie wie eine feuchte Frucht auf. Seine Gebärden sind weich und reich Die Gewänder fallen von ihm in breiter und üppiger Verkmtte- rung. Mit strahlendem metallischem Blick hat er sich aufgerichtet: ein Souverän des Geistes, der Kunst und der Lebensliebe. Wäre er nicht zum geistlichen Fürsten bestimmt gewesen, er hätte sich sicher den Frauen untertan gemacht, Flöte geblasen, sich Sänger gehalten, Sonette und Madrigale geschrieben und eine blendende, in Verstecktheiten spielende, Plauderkunst geübt. *

Mit langem Schatten gebe ich ihm gelben Licht der Sonne über den Echloßhof. Es dünkt mir schön und hell, daß die Kehlen und Schnabel der Vögel ein Gewirr von Stimmen in die Stille werfen.

Die weißen Markisen an den Fenstern sind heruntergelassen: wunder­liche und wunderbare Dinge schließen sie ab: Kuppeln, die von Hunderten Figuren belebt'sind, Kerzenleuchter, die im Halbdunkel wie Traumflam­men schwelten, Zimmer, von denen das eine das Blaue heißt, das andere das Gelbe; in einem trieben ihren Schabernack die Pagen; in einem anderen wurden die jagenden Herren bewirtet, wenn sie von der Sau- und Hirschjagd aus den psälzischeu Wäldern und den Surnpfgrunden des Rheines zuruckkehrten. Im Mufikzimmer faß der junge Mozart am Spinett und hüpste mit den bleichen Fingern darüber, die Stirne voll Melodien und das Gesicht voll Lauschersinn. Schweigen ist in allen Ge­mächern und wenn die Nacht hereinbricht, stößt sie auf eine ungeheure Leere, in der eine erstarrte und herrliche Schönheit begraben liegt.

In den Spiegeln schwimmt das abnehmende Licht des Nachmittags. Die Säle und Zimmer verschmelzen ineinander, ungestört und unbe­rührt stehen die Stühle und Sessel an den Wänden. Die Halter heben Halbabgebrannte Kerzenstümpse empor. An den Spieltischen hat schon lange keine Hand mehr der Königin Schach geboten. Auf den Parkett- hölzern liegt der Schein, den die Fenster und Spiegel gegeneinander ausstrahlen. Die vielen Augen der Spiegel glänzen; oh welche eitle Lust hatte das Barock und das Rokoko, sich immer ins eigene Antlitz 8U Unten auf dem gepflasterten Hof zogen vor Jahrhunderten die Schloßsoldaten auf, die Reisewagen polterten heraus und herein, Ge­sandte zogen in diplomatischen Missionen durch das Tor: das Leben war hier konzentriert. Unter der Altane, von niederstürzenden herrlichen Waflerspeiern überblitzt, stand der Schönborn und schleuderte die Kraft und Beredsamkeit seiner Stimme über den Platz. Die Brüstung der Altane ist jetzt besät mit kleinem schwarzweißem Vogelkot, den Stein hat der Regen grau gemacht; wie im Spiel fchnicke ich den leichten

keine schönere Situation gesehen. Er ist zu Bruchsal, einer Stadt, viel größer als Aschassenburg, recht schön wieder ausgebaut."

Recht schön wieder ausgebaut!" der Erinnerung bleibt das wun­dervolle Bild vom Belvedere aus, einer Schönsicht, wo man die Stadt zu Füßen hat, das grüne Meer der Rheinebene und den blauen Bau der pfälzischen Berge. Die Stadt stemmt sich mit brauner und etwas stumpfer Dächerbrust in die Falte von Hugelzugen hinein. Die Höhen sind zärtliche Linien, hingelegt wie mädchenhafte Lenden, auf denen die Bäume Platz gefunden haben, die Gärten hinaufklettern, ein würziger und aromatifcher Wein gedeiht und die Häufer ihre Dächer verstecken. .. , _. ...

Man durchschlendert diese Stadt mit vergnügtem Sinn; es ist ge- rode zwöls Uhr und die Gassen und Straßen fangen an, sich zu be­leben. Radfahrer, Monteure, Schüler, Arbeiter, Kaufleute, Beamte, alle streben zum Mittagessen, dessen Zusammensetzung man da und dort aus einem offenen Fenster erschnuppern kann: geröstete Kartoffeln und em leckeres Kalbsbrätlein. Die Kirchen summen hoch und voll, die schönste Stimme scheint von den Zwiebeltürmen der St. Pete r skir ch e zu kommen, die der Meister Balthasar Neumann, der weitberühmte Er­bauer des Würzburger Käppeles, geschaffen hat. In der Gruft der Peters- kirche sind der von Schönborn und der von Hutten begraben.

Aber das herrliche Werk steht als lebendiges Zeugnis ihrer hohen Gedanken und ihrer schöpferischen Tatkraft.

Seine Hoheit, mein Kater.

Die Ehrenrettung eines vielgeschmähken.

Von Dr. Alfred Möller.

Als er kam, war er flaumig, zart und hilfsbedürftig. Er taumelte auf der Tischplatte täppisch umher. Seine Augen, klein und grün, öffneten sich nur zwinkernd. Er wußte nicht, daß seine Bruder rücksichts­los in kaltem Wasser erstickt worden waren. Er ließ nur hie und da em feines, Hilfe flehendes Jammern hören, ein zikadenfeines Miauzen.

Die ersten Sympathien erwarb sich Grauer! durch feine peinliche Sauberkeit. Er lernte fein WC kennen und bediente sich schon vom nächsten Tage an keines improvisierten mehr. Von der Umwelt hat er zuerst richtig erkannt, wo das große Holz ist, das die Zimmer trennt, wo sich die Türen öffneten. Das Hinausverlangen bestand aus stürmischem Kratzen an den Türfugen, mit deutlich bittendem Miauen. Heute ist längst der Schnallensprung hinzugekommen. Wird ihm die Tür aber ge­öffnet, bann geht er nicht schnell hinaus, sondern er schreitetköniglich. Nur der nachschleifende Purpurmantel fehlt. Diesen stolzierenden Komgs- fhritt hat er von seinem großen Wüstenbruder, dem Tiger, dem er ver- lüffend ähnlich sieht. Freilich ist er ein Liliputtiger, ein Tiger durch das verkehrte Opernglas gesehen. .

Diese Verwandtschast, diese Aehnlichkeit schadet den Katzen vor den vorurteilsreichen Menschen, die den Tiger fürchten und die Katzen ver­folgen. Die Menschen, die schon für die Psyche ihres Nächsten nur sehr begrenztes Verständnis haben, beurteilen die Katze nach dem falschen Schein. Ein böser Hund ist zehnmal gefährlicher als die böseste Katze, aber eben diese Ueberlegenheit, die der boshafte Mensch über das kleine, geschmeidige Tier hat, trug ihnen (eit jeher feige Angriffe und Ver­folgungen ein. Nichts ist falscher, als die Katze eine Schmeichlerin zu nennen. Schmeichler ist der Hund.

Karl v Holtet hat einmal erklärt, warum große Herren sich Hunde halten: weil der Hund dertypische Untertan" ist, der aus jeden Wink von oben achtet. Die Katze ist zum Kriecher nicht geschaffen, sie lebt ihr Geben an der Seite des Menschen, ohne auf ihren Vorteil be­dacht zu [ein. Sie kann ihre Siebe nicht anders zeigen, als daß sie feine Nähe sucht. Sie riskiert ohne Fähigkeit zur Berechnung seine Un- gnade durch Eigenwilligkeit. Dem Menschen, der gibt, ohne zu fordern, schenkt sie ihre Liebe. Erzwingen läßt sich bei ihr nichts.

D>e Katze ist der schlechteste Menschenkenner, sie wagt es, arrogant zu fein, sie schätzt sich als Gesellschafter höher, selbstbewußter ein, als eitle Menschen es vertragen. Die Katze glaubt nicht, sich seine Liebe täglich neu erringen zu müssen. Sie hat Vertrauen trotz aller Steine, die ihr die Roheit nachschleudert. Brehm bemerkt in seinemTierleben mit Recht, daß der Charakter der Katze gut ist, ist sie doch trotz Mer An­feindungen zutrauliches. Haustier geblieben. Wie wenig berechtigt oft ihr Vertrauen bei der Herzlosigkeit des Menschen ist, zeigen immer wie­der Fälle wie der folgende: Eine Frau hatte seit Jahren eine grotze Hauskatze, die sich, zufrieden schnurrend, bei ihr wohl suhlte, wenn sie täglich nur sehr wenig Milch und ein bißchen Kartosfelschalen und - etwas Ofenwarme hatte. Da kam der Weltkrieg. Der Frau 9in9 e5 schlecht, und mit der Verhärtung, die der allgemeine Kampf so über­raschend rasch über diekultivierte" Menschheit brachte, beschloß die ver­armte Tierbesitzerin, die Katze zu töten. Da sie aber doch nicht das yerz hatte, die langjährige, anspruchslose Zimmergenosfln mit den klugen Augen mit der Hand zu töten und bann zu essen, so tat si« msBru­talere: sie band die sich verzweifelt wehrende Katze in einen Sack um warf den in den Fluß. Als sie nach Hause kam, saß die zum Tode «« urteilte pritschelnaß vor der Zimmertür. Gibt es ein rührenderes -u« trauen als diese Rückkehr zur grausamen Henkerin? Man kennt vim Geschichten von Katzen, die man aus den Häusern wegschaffte mio viele Stunden weit, ja Tagereisen zurückfanden in ihr Heim. Auch sw Schönherr berichtet in seinen Jugenderinnerungen von solcher hänglichkeit der Katzen an die gewohnte Umgebung. _

Grauer! macht Freude schon durch seine Anmut. Mau kann iy stundenlang zusehen; jede Bewegung ist zierlich. Erst Not macht Katz grausam: der Trieb der Verstoßenen zur Selbsterhaltung. Im S) zeigt sich diese Grausamkeit als einfacher Spieltrieb. Genugsam, un hält er sich mit einer Papierkugel als bescheidenem Billard, einem ro den Bleistift, einem Kirschkern. Er spielt mit verteilten Rollen als I eigner Gegenspieler, versteckt einen Kirschkern und sucht ihn dann den kompliziertesten Lauerstellungen und nach dramatischen Mom selbst auferlegter Spannung in kühnem Ansprung mit erregt hasi

Die Rückseite des Schlosses drängt sich in den Garten hinein. Er ist nicht kolossalisch wie der Schwetzinger Garten, er ist eine hübsche, grüne Beigabe zum Schloß, ein Stück Grün, in dem man sich ergehen konnte, um das Brevier in der Stille zu lesen. Steinerne Hellebardiere schreiten ins Uebermäßige hinein, Riesenurnen haben den Regen schon vieler Herbste aufgefangen. Männliche und weibliche Statuetten, Sym­bole für die Jahreszeiten, für Wasser und Luft, tragen die glühende Sonne auf ihren Schultern. Der geistliche Herr jener Zeit ließ ruhig den Sommer und den Frühling ihre Brüste zeigen, fein Sinn war nicht puritanisch und befangen, er liebte auch hier das Freie und Nackte. Denn auch es ist Gott nahe.

Das Wafferbafsin hat eine dicke grüne Pflanzenhaut überzogen. Mit trägen und langsamen Bewegungen durchspielen Vlutrücken von Fischen die schmutzigen Algen.

Das Ganze: eine süße lichtvolle Promenade, mit einem Gewirr von halbdunklen Seitenwegen, gleich zu Ende, mit Stücken von Ver­wilderung, durch die jeden Augenblick die weiße und rötliche Front des Schlosses durchschimmert.

An Werktagen ist es hier still, an Sonntagen heiter und lebhast. Die Stadt geht promenieren; damals tat es der jeweilige Fürst, die Kavaliere seines Hofes, die fremden und adeligen Besucher.

Ein halbes Dutzendmai bin ich an dieser Stadt vorbeigefahren; ein­mal war es Herbst und es regnete trostlos. Die Schaffner riefen Bruch­sal, das Hirn dämmerte nach: Bruchsal, Bruchsal ...

Ich wußte nicht, für welches Kleinod dieser Name Symbol und Deckung ist. Diesmal bin ich durch viele kleine Dörfer gefahren, unter den Wipfeln von blühenden Bäumen hindurch, Wiesentäler legten Eoldteppiche aus Butterblumen hin, in Anmut gewellte Linien schwollen die Hügel heran und versanken wieder. Es ist ein leichter, von üppiger Fruchtbarkeit gesegneter Gau; an den Hängen gedeiht da und dort ein süffiger, lebhafter Wein übrigens sehr begehrt von pfälzischen Wein- Händlern. Schwadronen von Obstbäumen überreiten die Hügel und Hänge in unübersehbaren Massen.

Daß die Bruchsaler ein Schloß haben, verdanken sie dem damaligen protestantischen und mitzgesinnten Geist der Stadt Speyer; diese sahen den Fürstbischof Schönborn nicht gerne in ihrer Nähe, kurzerhand suchte er sich für seine Residenz einen anderen Platz. Er schrieb an seinen Bruder, den Wiesentheider Schönborn:Ich habe nun den Ort aus- gelesen, wo meine Residenz hinkommen soll. Ich habe mein Lebtag