Ausgabe 
12.5.1928
 
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deckung nach der Hauptstadt zu schaffen. Ja, es wurde ihm zu diesem Zweck jogar eine tunesische Krieg Galeere zur Verfügung gestellt, die tagelang in Alexandria vor Anker lag. Der Prinz selbst sollte in größter Sorglosigkeit gehalten werden, damit man um so sicherer zum Schlag ausholen könne.

Drei Wochen vergingen. Es fing schon an, Sommer zu werden, als der Bey unerwartet und unangemeldet aus dem Lager in der Stadt eintraf, obwohl der Krieg noch lange nicht beendet war. Er begab sich in seinen Palast und berief sofort den Rat der Großen. Einige Tage vor­her war das Schiff eingelaufen, in dessen unterstem Raum Abdullah gefangen lag. Eine Stunde nach dem Eintreffen des Beys wurde der Prinz Justus verhaftet und in den Großen Gerichtssaal gebracht, wo er Abdullah an eine Säule gefesselt stehen sah. Sofort begriff er die Zu­sammenhänge, und es schien ihm einen Augenblick lang, als ob alle Dinge rings um chn zu wanken begännen. Zugleich aber auch fühlte er, wie eine wundersame, nie zuvor gekannte Kraft ihn durchströmte, die ihm eine lodernde Entschlossenheit und fast eine Freude wie nach schon errungenem Sieg verlieh.

Er trat an den Platz, den man ihm anwies und schaute nach dem Fürsten, der bleich, in eisiger Ruhe, auf dem Throne saß und zu seinem Sohne niederstarrte, als er endlich zu. sprechen begann:

Es ist nicht viel, ihr Herren, was ich heute zu sagen habe, und ich werde diese Versammlung hier nicht lange festhalten. Nachdem ich solange Nachsicht gegen meinen Sohn walten ließ, obwohl die Beweise in meiner Hand waren, daß er mit diesem Elenden dort, dem Sohn eines Oliven­händlers, auf Meuterei gegen mich sann, zwingt mich sein erneuter Ver­such, sich meinen Befehlen zu widersetzen, zur größten Strenge. Ich habe keine Zeit, mich um Aufruhr in meinem eignen Hause zu kümmern. Die Nachforschungen, die ich im Geheimen anstellen ließ, haben ergeben, daß der Prinz es war, der jenen Abdullah dort zur Flucht verleitet hat. Wer ihm dabei noch behilflich war, lieh sich bis jetzt noch nicht erkunden. Aber auch hierüber werde ich noch Klarheit schaffen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Abdullah in dem mir feindlichen Kahira gegen : mich Hetzen sollte, und daß der Prinz, sobald die Bewegung im Gange war, sich selbst an ihre Spitze gestellt hätte. Wie ich dieses Vorhaben zu ; strafen gedenke, werdet ihr stigleich erfahren. Ich will nur noch, um nicht j ungerecht zu erscheinen, dem Prinzen selbst die Möglichkeit lassen, sich i zu verteidigen und uns eines Besseren zu belehren, wenn er es vermag.

Der Prinz trat vor. ;

Gewiß, mein Vater, ich leugne es keinen Augenblick: Ich ganz allein , bin es gewesen, der Abdullah mit List aus dem Kerker befreit hat, wo er \ unschuldig und als Opfer einer unerhörten Grausamkeit gefesselt lag. ' Ihr mögt gegen mich im Sinne führen, was Ihr wollt: Es ist mir gleichgültig, da auch ich es müde bin, ein solches Leben zu führen, wie Ihr es mir seither aufgezwungen habt Wo Güte und Liebe ist, seht Ihr Verrat und Heuchelei, wo Freundschaft zwei Menschen verbindet, wittert Ihr Verschwörung. Und warum? Weil Ihr Euch nie Mühe gabt, mich zu kennen, weil Ihr fremden Einflüsterungen mehr traut als dem offnen Wort des eignen Sohnes! Weil Ihr keine Achtung habt vor Men- ; scheu, die anders denken und fühlen als Ihr selbst und Eure Schmeichler. : Meint Ihr denn, ich sei so töricht, nicht zu durchschauen, wer Euch gegen ; mich aufhetzt? Keine anderen als jene dort, der Kriegsminister und fein Sohn, die nach meiner Beseitigung trachten, um nach Eurem Tode die Herrschaft an sich zu reißen! Aber wie dem auch sei: es ist Eure Sache, ! Euch verhetzen zu lassen, nicht die meine! Meine Sache vielmehr ist es, mich meines armen, unschuldigen Freundes anzunehmen. Macht mit . mir, was Ihr wollt! Aber jenen dort gebt unverzügl ch frei, den ein­zigen Freund, den ich in den achtzehn Jahren meines Lebens fand! Ich j selbst verteidige mich nicht. Ein Prinz führt keine Beweise, auch nicht ' vor feinem Vater!"

Mein Prinz, rief da der Großwesir und trat in die Mitte des j Saales: Abdullah ist nicht der einzige Freund, den Ihr gefunden habt: i Hier steht der andere vor Euch, ein alter Mann, der Euch von Herzen liebt und an Eure Unschuld glaubt! Ich war es, Bey, ich, der Eurem Sohne half, die Flucht des armen Abdullah zu bewerkstelligen. Kein an­derer als ich gab den Befehl zur Entlassung!"

Da sprang der Sultan auf und schrie:

Ihr, Ihr, der Gehilfe meines Sohnes? Legt ihn in Ketten! Legt diesen alten Heuchler dreifach in Ketten! Und jenen beiden anderen reiht die Kleider vom Leibe! Ruft die Bogenschützen! Ich will hier ein Schau- j spiel geben, wie es dieser Palast noch nicht gesehen hat!"

Während der Großwesir gefesselt wurde, rissen Sklaven dem Prinzen und Abdullah die Kleider herunter, so daß sie nackt im Lichte standen.

Bindet sie nebeneinander an die Säule, schrie der Fürst. Sie sind den Pfeilen preisgegeben! Nehmt ihnen die Münzen fort, die sie am Halse tragen. Keine Stelle an ihrem Körper soll noch bedeckt sein!"

Da trat der Oberste Priester vor, ein Mann von über achtzig Jahren, ehrwürdig und voll Güte:

Ich verbiete im Namen Allahs, des Allmächtigen, daß eine Men- fchenband an den vor Gott heiligen Talisman rühre. Cs sind die Zeichen der Treue, die sie voll Glauben auf dem Herzen tragen. Ich verfluche die Hand, die diese Symbole anrührt."

Es sei, sagte der Fürst. Ich will mich nicht wider Gottes Gebote auslehnen. Die Zeichen mögen bleiben. Vielleicht, daß Allah sich an ihnen offenbart"

Und er winkte die Bogenschützen heran. Jussuf und Abdullah standen dicht aneinandergelehnt und schauten unverwandten Auges nach der Sehne, von der der erste Pfeil schwirren mußte. Ein leichtes Zischen ging durch die Luft, die eiserne Spitze schlug auf den Talisman Jussufs und fiel wie gelähmt zu Boden. Da kam schon der zweite Pfeil und prallte an der heiligen Zahl sieben ab, die Abdullahs Münze zierte ... und der dritte und vierte und alle anderen. Nicht einer traf ...

Nun erhob sich ein großes Staunen im Saal und ein Murmeln und Wogen von Stimmen.

Der Bey gebot Ruhe und sprach: ' ' ,

Ich sehe, Allahs Wunsch ist es nicht, daß diese beiden sterben. I, ich denke sogar, daß dieses Wunder mir noch einmal gestattet, (ünaijt 'an meinem Sohne zu üben: hingegen mich nichts auf der Welt zu bestimmen vermag, jenen Menschen dort zu schonen, um beffentmiUen mir seit einem Jahr all dieser Aerger kommt. So hört denn, was ich jage: Leben fallen beide. Mein Sohn, sofern er vor dieser Versammlung hier den Schwur leistet, sich von dem Sohn des Olivenhändlers loszusagen, in der Gefangenschaft so wie seither, dieser aber im Kerker und feines Augen, lichtes beraubt. Weigert sich jedoch der Prinz, feinen Freund im Stich zu lassen, so trifft ihn unerbittlich die gleiche Strafe wie jenen."

Noch war das letzte Wort nicht ausgeklungen, als sich Jufsuf mit einem übermenschlichen Ruck aus den Fesseln befreite, zu den Stufen des Thrones rannte und dem Fürsten die Peitschenhiebe feiner Worte ins Gesicht schleuderte:

Hund von einem Vater! Du glaubst, daß deine Drohung mich zum Wanken bringe! Du glaubst, ich verrate meine Seele an der Seele meines Freundes? Bei Allah, nein! Was ihm geschieht, geschieht auch mir! Dies ist mein letztes Wort!"

Der Sultan fuhr von feinem Sitze auf, würgte mit den Händen am Halskragen und schrie mit halberstickter Stimme:

Stachelruten herbei und die Blendeisen!"

Da fuhr ein Wehschrei durch den Saal, Hunderte stürzten zu den Stufen des Thrones und hoben flehend die Hände hoch. Die Stimme des Hohenpriesters tönte durch die Klagen, dunkel und drohend:

Der Zorn des Ewigen trifft alle, welche feine Zeichen verachten!"

Fort von meinem Thron! brüllte der Sultan. Schweige, du alter Narr! Wer hat dich reden heißen? Ich habe dem Willen Allahs Genüge getan. Was nun geschieht, ist irdische Sühne, deren oberster Herr und Richter ich bin!"

Als die Bittenden solche Worte hörten, wichen sie zurück nach der Tiefe der Wände, sahen sich mit verstörten Augen an und begannen mit zitternden Lippen Gebete zu lispeln. Durch eine Seitentüre aber traten die Knechte mit den weißen Blendkolben. Ein ©lutftreifen jäh erhitzter Luft zog an den Wänden entlang, ein Geruch von Versengtem stieg auf, Die beiden dort!" befahl der Bey.

Die Männer faßten die Schäfte der Eisen und hoben den rechten Arm, indes sie mit der Linken die Schultern der Jünglinge packten. Ein weißer Bogen, dem Schwert eines fallenden Sternes gleich, zischte durch die Luft, die Eisen fuhren auf die Augen zu: aber siehe, sie waren zn kühlen, elfenbeinernen Lilien geworden, die einen weichen, wundervollen Duft verströmten. Eine silberne Helle wallte durch den Saal, silberne Glocken läuteten aus dem Licht, wie aus offnem Himmel fielen bla6blaue Glyzinenblüten von dem Gewölbe der Decke nieder, und von einer Wand zur andern schwebte langsam das Traumbild der toten Fürstin und ver­schwand. Die Knechte taumelten zu Boden. Der Fürst schlug mit den Armen in der Lust und sank tot auf die Thronstufen. Die Ketten fielen klirrend von den Händen des Großwesirs. Die Taue lösten sich von den Gelenken Abdullahs. Ali, der Sohn des Kriegsministers, stieß einen Schrei aus: wo feine Augen gewesen waren, standen zwei ausgebrannte Höhlen, und fein Gesicht war von Stachelhieben zerfetzt.

Tragt ihn hinaus", sagte der Prinz zu den Dienern.Meinen Vater laßt in sein Gemach bringen und gebt den Leib den Aerzten zum Ein- balsamieren."

Er selbst aber nahm vom Finger des Verschiedenen den großen Rubinring, das Zeichen der Herrschaft, und zog ihn an seine rechte Hand. Dann trat er, Abdullah und den Großwesir zu sich heranwinkend, aus di« oberste Stufe der Throntreppe, richtete sich hoch auf und sprach zu der Versammlung:

Nachdem uns Allah durch ein Wunder gerettet, meines Freunder Abdullah, des Großwesirs und meine Unschuld durch überirdische Zeichen bargetan und meinen Vater für feine Frevel durch den Tod entsühnt hat, trete ich die Herrschaft an, die mir zufällt. Seid gewärtig, in mir einen gütigen Herrn zu haben und glaubt mir, daß mein größter Stolz sein soll, ein Fürst des Friedens zu bleiben. Der oberste Leiter der Staats- gefchäfte bleibt der Großwesir, dem ich als Dank für feine edle Gesin­nung die Herrschaft Kairovan überlaste. Zu seinem Schüler und Heiser ernenne ich meinen Freund Abdullah, der meinem Herzen am nächsten ist unter den Jünglingen meines Alters. Die Angelegenheiten des Krieger übernimmt der Oberbefehlshaber Said, während Mustafa und sein Sahn Ali auf Lebensdauer in die Festung verbannt werden, wo ich selbst h> qualvolle Tage zubrachte. Dem Andenken meiner Mutter aber will ich eine Moschee bauen, wie es nirgends eine schönere gibt, und ihr Name soll fein: ,Das Haus der Treue'."

Da brachen alle in großen Jubel aus und drängten sich zu dem Thron des jungen Fürsten.

Er aber stand ruhig und ernst in der strahlende» Helle des Mittags und hatte sich, ein wenig ermattet von der Fülle der Geschehnisse, an die Schulter Abdullahs gelehnt, seines Bruders und Freundes.

Der Alte war gegangen. Die Asche in den Kupferbecken war verglüht Selim hatte sich in einer Ecke schlafen gelegt

Wir traten in die Oeffnung der Zelttüre Die weißen Häuser sch""- merten ungewiß im violetten Dunkel. Süßer Wind lief über die Sp'W der schwarzen Palmwedel. Ein rötlicher Schimmer stieg an entfernten Wänden empor. Dünne Saitenklänge flirrten durch die Nacht.

Die kleinen Tänzerinnen", sagte Achmet.Sie sind noch wach Wem- wir hinübergingen?" . 5

Und wir machten uns langsam auf den Weg zu den Frauen, die »r eine, ewige Trieb des Herzens noch auf uns warten ließ: der ttei Wunsch nach dem, was fern und fremd und unerreichbar ist was w anderen Himmeln fein Leben empfing und dennoch atmet, träumt u stirbt wie alle menschlichen Wesen, die über die Erde verstreut sind: o Sehnsucht aller Sehnsüchten: zu schenken, gütig zu fein. j

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itätS-Vuch. und Steindruckerei, 2L Lange, ®ie&<11