Kezm einsamen Gange über den Knüttekdamm des Altrheinsumpfes iMimelte ein alter Jagdbrahmine die Jünger des heiligen Hubertus noch tinnwl um sich. Er gab ihnen umständliche Auseinandersetzungen über die Gepflogenheiten der Watvögel im allgemeinen und der Trappen im besonderen. Schlau« Ratschläge, wie man die Schlauheit der Schlauen überlisten könne, flössen wie Koransprüche belehrend über seine Lippen.
Dem Herrn Cbenich, als dem unerfahrensten der Spießgesellen, wurde jon dem Alten auf das nachdrücklichste eingeschärft, daß er sich ja nicht belegen solle, sich nicht räuspern, sich nicht kratzen müsse und nur im Falle äußerster Notwehr schießen dürst.
Nachdem noch der ganze Haufe aufmerksam gemacht worden war ous die Gefahr, die dem Jagderfolg und jedem einzelnen Jäger von feiten stg ungeübten Doktors drohe, war man über den Knütteldamm hinübergekommen und übersah einigermaßen das flache Kulturland. Der Jagd- bwhmine war einige Schritte oorausgcgangen und hatte die Watvögsl richtig entdeckt. Nun kam er wie ein« Trgerkatze gebückt mit vorsichtigen Tritten zurückgeschlichen und stauchte, indem er mit seinen Norderpranken deir Jagdgenossen auf die Schultern schlug, einen jeden auf seine halbe Größe zusammen. Es ging ein geheimes Flüstern durch die Runde, und dann fing man an, die fremden Wandervögel auf allen vieren zu umschleichen. Der Doktor brauchte die Kriecherei nicht mitzumachen. Ihn hatte man hinter einige Pappelbäum« versteckt.
„Da sind Sie am sichersten ausgehoben. Da richten Sie keinen Schaden on und werden von den Trappen nicht in den Grund getreten," hatte der Alte gesagt und war mit gesenkter Rase wie ein Vorstehhund davongeschlichen.
Da stand nun der Medicus plötzlich ganz einsam und äugte hinter einem Weidenstamme hervor nach den geflügelten Gästen des Nordens hinüber. Wo mochten sie Herkommen? An welchem Felsenspalt, in welchem Geäst mochte das Nest gehangen haben, dem sie entstiegen waren? Gerne hatten sie die Heimat gewiß nicht verlassen. Sie kamen ja vom Hunger getrieben, und was sie suchten, war doch nur ein wenig Klee unter der gefrorenen Schneedecke. Und nun kam der Mensch, dies gräßlichste aller Raubtiere, und suchte aus ihrer Not seinen Vorteil zu ziehen. Und er umschlich sie und suchte sie niederzuknallen, um mit ihrem Balg zu renommieren oder vielleicht ihr Fleisch auf seinen Tisch zu bringen. Und sie würben nie mehr heimkehren zu Wesen und Dingen, die seither ihre Freude waren. Herr Cbenich wurde weich und machte sich Eelbstvorwürfe, weil er es doch am Ende war, der die Vögel diesen aberwitzigen Hohlköpfen vor die Schießprügel geliefert hatte. Er hätte seinen Fehler gutmachen, hätte aufschreien und die Tiere warnen mögen. Doch er war zu feige, um es mit seinen ortsgewaltigen Protektoren zu verderben. Ohnedies schienen glücklicherweise die Trappen auf die drohende Gefahr aufmerksam geworden zu sein. Sie drehten die Hälse, hoben die Köpfe, als ob sie in den Lüften nach Witterung der Gefahr suchten. Dann statscherte einer oder der andere mit den Flügeln und machte einen Schritt vorwärts mit den starken Beinen in den Schnee hinein.
,Nun werden si« sich gemeinsam in die Lüste erheben. Wenn si« nur nicht am Ende gar ihren Zug nach deiner Richtung nehmen. Du müßtest ja dann schießen/ sagte sich der Doktor und umkrallte trotzdem die Flinte sester.
Aber schon war an der Sache nichts zu ändern. Di« Vögel hatten ihre Verfolger eräugt. In Sprungschritten waren sie vorwärtsoestürmt. Mit hüpfenden Beweguiwen hatten sie sich in die Luft aeworfen, und ihre Flügel hielten sich fest in dem beweglichen Element. Eine bleigraue Federwolke kam drohend näher und wälzte sich rauschend wie Haaelsturm fiter den Doktor hin.
U"d nun geschah etwas, was keiner vermutet hatte. Herr Ebenich. der weichherzige Mann, erhob gleichwohl die Flinte, rührte mit dem Lauf ein wenig in der Luft herum und »aff, paff hallte ein Flintenschuß über die zitternden Rohrkolben des Altrheins hin.
Dieses paff, paff hatte wobl den Winterschlaf der Natur gestört: aber jojift war fein Unheil angerichtet. Die Vogelschar segelte wie eine kleine Fischerflotte in den Nebel hinein und war verschwunden. Dafür tauchten andere, weniger friedliche Gestalten auf. Wie Abruzzenräuber — feder ün halber Fra Diavolo — kamen die Weidgenofsen augerückt. lieber das « sigrün ihrer Jacken hatte sich ein veräeraertes Gallenqrün in ihre Ge- sicber gelagert. Sie waren nicht in rosiger Laune, das war klar erfi*tbd) un>' deutlich hörbar. Ein Millionendanne--w«tter ans einem her Mö"ler Deckte den Widerhall in einem aanzen Dutzend. In das dumnfgrollende Donnen mischten sich aber m>rb deutlichere Laute: „So ein Erbarmet." Mtte Doktor Cbenich sagen hören, und er ahnte, wer gemeint sein konnte. tSchluß folgt.)
(Schluß.
Iu^us und AtzduNah.
Don Albert H. Rausch.
sagte ihr alles, was seit seiner Abreise nach jener Stadt ge- IWn war, wo ihn das Unglück ereilt hatte — es mar fast ein Jahr ?.Et,' unb er hatte während dieser Zeit seine Mutter nicht gesehen — und St-Pe „an, an seine und seines Freundes Unschuld zu glauben. Die vuchui lächelte ganz leise aus ihren hellbraunen Augen und legte die flanoe auf das Haar ihres Sohnes.
hntt .“cnn. du nicht gesprochen hättest, auch wenn dich alle angeklagt 2 । J/ nnirde ich nie an deine Schuld geglaubt haben. Denn ich kenne die s 3 besser als dein Vater. Aber du mußt auch nicht glauben, daß unhQnLClen flecht von dir denken. Es wird mir ja vieles zugetragen, sie rlor Eein die Gattin des Großwesirs, die ich immer sehr liebte, da •nah! “L5 *rcuc Freundin erwies, hat mir gesagt, daß weder ihr Ge- ßAiirsr ü'gend einer der Großen an deine und deines Freundes siichgn glauben, daß sie vielmehr alle der Meinung sind, du seist rach- nicht fF ^^leumdung zum Opfer gefallen. Der Augenblick könne gar Suiiiit uw dein Vater seinen Irrtum einsehen werde. Aber
l schüttelte den Kops und sagte:
„Ach Mutter, ich bin so freudlos, bin so hoffnungslos ..
Da i)uo did Fürstin den tiefherabgesunkenen Kops ihres Sohnes mit beiden Händen empor und sah ihn zum letzten Male ganz aus der Tiefe ihrer Augen an, indem sie flüsterte:
„Verliere die Hoffnung nicht! In jedem Geschehen liegt rätselhaft der Keim zu neuem Geschehen. Ich weih, daß es dir gut gehen wird. Sonst wäre mein Avsch ed nicht so leicht."
Sie atmete und lieh das bleiche Haupt auf das Kissen gleiten. In demselben Augenblick war der ganze Garten mit veilchenfarbenem Schein erfüllt, tausend silberne Glocken erwachten in den Lüsten, ein unbeschreiblich süßer Hauch von Glyzinen schwebte durch die Arkaden ...
Die Mägde und Aerzte sanken in die Knie, der Prinz selbst stand roeitgeöffneten Auges unter dem Himmel, wo Duft und Glanz verwehten — und alle fühlten, daß die Fürstin eine f) eilige gewesen war.
Zur selben Stunde aber, als Jusjufs Mutter starb, trafen Boten bei dem Fürsten ein, die den Ausstand der Nubier im Süden des Landes meldeten. Die Dörfer brannten. Hunderte von Arabern waren überfallen und getötet worden. Schon rückten die wilden Haufen gegen die nördlichen Plätze vor. Der Bey ließ sein Heer aufbieten und begab sich selbst am dritten Tag, nachdem die Fürstin beigesetzt war, mit seinen Feldherren an die Spitze der Armee, um ein furchtbares Strafgericht über die Aufständischen zu halten. Nur der Großwesir blieb in Tunis zurück und erhielt den Austrag, die Besatzung des Schlosses, wo man den Prinzen gefangen hielt, um das Doppelte zu verstärken. Diese Verordnung aber erbitterte selbst den alten Mann, der so vieles ruhig geschehen lassen mußte, und tötete in seinem Herzen den letzten Rest von' Zuneigung, der noch für den Bey übrig geblieben war. Er begab sich eines Tages selbst zu dem Prinzen und bat um eine Unterredung, die über zwei Stunden währte. Was in diesem Gespräch, das hinter verschlossenen Türen geführt wurde, gesagt worden ist, hat niemals jemand erfahren. Erst viel später wurde bekannt, daß noch in der gleichen Nacht Abdullah aus seinem Kerker entlassen und in der Verkleidung eines persischen Derwischs auf das Schiff geführt wurde, das am frühen Morgen nach Alexandria abfuhr. So leidenschaftlich auch die Sehnsucht des Prinzen war, den Freund wiederzusehen, so war doch seine Klugheit groß genug, dem Rate des Wesirs zu folgen und auf eine geheime Zusammenkunft zu verzichten.
„Denn es muß zu jeder Zeit," erklärte der Wesir, „versichert werden können, auf das ritterliche Wort hin, daß der Prinz in der Abwesenheit seines Vaters das Schloß n cht ein eingigesmal verlassen noch irgendeinen Besuch außer dem vorgeschriebenen erhalten habe."
Jussuf umarmte den Großwesir und wußte vor Freude und Dankbarkeit lange kein Wort zu finden.
„Möge bald der Tag kommen, sagte er, wo ich Euch lohnen kann, was Ihr an mit tut."
Abdullah aber, der von der Kerkerhaft bleich und müde geworden war, saß am Rande des Schiffes und konnte es noch nicht recht jassen, daß er die Freiheit wiedererlangt hatte, und daß wirklich der Wind des Meeres um seine Schläfe spielte. Immer wieder las er die Worte, die Jussuf ihm geschickt hatte, obwohl er sie längst auswendig wußte:
„Siehe, durch Trübsal erreicht dich meine Liebe!
Sorge dich nicht, ich wache, auch wenn ich dir fern bin.
Ueber dem Talisman, den du mir schenktest, ruft mein Gebet, Denke auch meiner und hüte das Siegel der Treue.
Und betrittst du zur Nacht die stillen durchdufteten Fluren, Siehst du die Sterne, die silbern den Mantel des Ewigen füttern: So sprich meinen Namen, und wisse, der deine
Klingt voll Erinnerung und Heimweh im Munde des Freundes."
Wenn Abdullah diese Worte sprach, waren sie wie aus seiner eignen Seele geboren und hatten doppelte Bedeutung: da man sie vertauschen konnte, ohne daß ihre Wahrheit um das geringste vermindert wurde ... Don Alexandria reifte er nach Kahira und ließ sich dort in dem Haus des berühmten Gelehrten Affur-ben-Asiud melden, mit dem er schon in früheren Jahren Briefe gewechselt hatte. Er wurde mit großer Liede ausgenommen und reich entschädigt für das Unglück, das chn fo unverdient getroffen hatte.
Der Krieg mit den nudifchen Stämmen zog sich in die Länge, und der Bey war schon über zwei Monate im Innern des Landes. An jedem dritten Tage brachten ihm Eilboten Kundschaft aus der Hauptstadt. Er war mit den Berichten über die Führung des Prinzen sehr zufrieden, ja, es schien ihm fast, als ob Jussuf durch seinen peinlichen Gehorsam das Vertrauen des Vaters wiedergewinnen wolle, und er erwog in seinen guten Stunden, die Haft zu mildern und den Prinzen auf Reisen an die Höfe berühmter Fürsten zu senden. Einmal äußerte er auch diese Absicht vor dem Kriegsminister, der seinen Beifall zu erkennen gab und seinen Sohn als Begleiter zur Sßerfügting stellte. So kam es, daß fast schon ein Reiseplan entworfen wurde, als ganz unerwartet die Botschaft eintraf, welche den abermals enttäuschten Fürsten in eine sinnlose Wut trieb.
Jener Berber, der einst an Ali das Gespräch des Prinzen verraten hatte, hielt sich um die Zeit nach Abdullahs Flucht in Diensten feines jungen Herrn in Kahira auf. Dort sah er nun eines Tages den ihm wohlbekannten Flüchtling in der Halle einer Moschee sitzen und mit anderen jungen Menschen die Schrift lesen. Sofort flieg in ihm der Gedanke auf, daß ihm hier wieder eine unvergleichliche Gelegenheit, Geld zu erwerben, in den Schoß gefallen fei, und er meldete die Sache seinem Herrn. Ali eilte in das Lager des Beys und bat um eine geheime Unterredung. Auch von diesem Zwiegespräch ist nichts verlautet. Welcher Art es gewesen sein muß, zeigen die Geschehnisse der folgenden Wochen.
Zunächst wurde tiefes Stillschweigen bewahrt, um jede Flucht sowohl des Prinzen als auch Abdullahs zu verhindern. Ali wurde beauftragt, sich ganz im Geheimen über die Vorgänge bei Abdullahs Entkommen zu unterrichten und festzustellen, inwieweit der Prinz an ihr beteiligt fei. Der Berber aber erhielt durch einen Boten Befehl, sich Abdullahs zu bemächtigen, ihn auf ein Schiff zu schleppen und sofort unter starker Be-


