*) Den Toten soll man nur Gutes nachsagen.
Was ich von ihm für die Ehrenrettung unseres manchmal doch mit Unrecht geschmähten Geschlechts beim ersten Blick erwartete, bestätigte sich nach der Durchsicht der 300 Seiten vollkommen. Sicherlich g a b cs also exemplarische Ehegatten, die sich durch das böse Beispiel der Obergötter Zeus und Wotan nicht beeinflussen liehen, und zu ihnen mag
auck wohl der ehrenwerte Anton Paul Ludwig Carstens gehört haben der in Vorrede als Kompilator des Werkes zeichnet und es dem Dichter Werlhof nebst einer Ode auf dessen abgeschiedene Gattin mit den Worten" „Hier ist's, das Bildnis deiner Plohren! widmet.
Carftens nimmt das Recht, als erster eine solche «ammlung veranstalte! zu haben, ganz energisch für sich in Anspruch; er durste dir heute wohl auch der letzte geblieben sein.
Das „De mortuis nil nisi bene" ) ist m den 25 Gedichten bis zum höchsten Superlativ derart gesteigert, daß der betrübte Dichter bi» weilen sogar die Ueberschrist in gereimter Form bringt:
Dieses ist / das Traurvalet / nach vielgenossner Liebe, Darin / des Mannes Herz, das ganz in Thronen schwimmt, Bon / einem Tugendweib / aus treuem Herzenstriebe, Die Treu mit Dank erkennt, und bitter / Abschied nimmt.
Auck fonst bieten die Ueberschristen mannigfache Ursache zum Lächeln, das man uns um der langoerfloffenen Zeit willen verzeihen wird. So schreibt der markgräfliche Hofprediger Christoph Chnstran Handel! Reaenspurg, den 13. März 1712, am Sonntag Subita, woran Jahres zuvor meine liebe, nun selige Weltherin um Mitternacht von den herr- ichaftlichen Dragonern übersallen, und bis an den Tod erschrecket worden"; und Herr Christoph Furer kann bei dem Tode seiner zweite» Eheliebsten ein gefallsüchtiges Wortspiel nicht unterlassen:
Ein treues Stirer Herz / führt itzo diese Klagen, Weil / Seine Fürerinn / ihm itzt der Tod entsuhrt!
Als echter Pedant und Federfuchser, der sein Magistergewand auch in der tiefsten Trauer fest auf dem Leib behält, erweist sich M. Samuel Seidel, „des Lauban. Lyeei Conreetor und der deutschen Gesellschaft in Leipzig Mitglied"; außer einem Zitat aus den Ovidischen „Tristien gibt er folgende katastrophale Ueberschrist:
Schlaf wohl! erblaßte Theodore, Schlaf / Auserwählte Böttnerinn, Und nimm von meinem Dichterrohrc Dieses bange Trauerlied noch hin. Schlas wohl, mein treu und keusches Lamm. So seuszt und girrt / Dein Bräutigam
I und dann folgt die ganze oben genannte Titulatur. Die Gedichte selbst I stolzieren meist in dem für deutsche Ohren aus die Dauer unerträglichen Alexandriner daher, der in der damaligen Zeit des lranz°siereiibenGe- I sckmackes gang und gäbe war. Was man an poetischem Gehalt und Aus I druck zu erwarten hat, läßt sich nach den Ueberschristproben ermessen, was den damaligen Dichtern und Lesern bittrer, tranenvoller Ernst war, I reizt uns heute zum Lachen. Neben einer beträchtlichen Anzahl unbe- kannter meist dem theologischem Stande angehorender Großen fmbei
I man auch verschiedene interessantere Persönlichkeiten wtt ihren Klage- I (iebetn vertreten. So trauert Canitz über bie Dons, Haller über die I Marianne Werlhos über die Plohrin; Amthor vergießt „Liebes- I thronen" zu Ehren der Görritzin, und G e r i ck e beklagt als „hochstbe- I trübter" Ehemann „empsindlichst" die Eltersten. Die braven Dichter scheuen sich auch nicht, die Schäsernamen ihrer onsich afenen Liebsten zu i nennen- die Gedichte von Brockes aus die „Belise , von Besier I QUf die' sterbende Climene", die mit ihrem „sie beklagenden Llsis sich I unterhält von Richey-Rinaldo aus die „Chantme , versetzen uns | das Arkadien der Blumen- und Schäferorden. Ganz besonders aus- ührlich schlägt der berühmte Musiker Äeorg Philipp Telemann aus Hamburg seine Leier; er „beehrt die Asche seiner Herzgellebtesten Lomse mit „poetischen Gedanken", aus denen -ch.chie Schilderung feiner Wer-
I bung hervorheben möchte:
Ihr tugendhafter Geist hört mle Schmeicheleyen, Die ich ihr vorgesagt, mit tauben Ohren an. Es taugte fein Geschenk, sie etwa zu erfreuen, Womit man sonst doch oft die Herzen sangen kann. Wie ost hab ich mit mir verzweifelnd müssen kämpfen, Wenn ihre Härtiakeit mir zu Gemüthe kam!
Ich suchte meine Glut mit aller Macht zu dampfen. Die doch von Zeit zu Zeit mehr Zunder tn sich nahm.
Hartherzigkeit scheint also die Haupteigenschast dieler Louise gewestn zu fein; obwohl Meister Telemann wahrend einer Krankheit ber Same ■ ticb aufovferte obwohl ihr „Fieber ihm Thronen in größter Zahl jagte", dlleb sie unerbittlich."Mit Befriedigung stellt er allerdings fest, | daß sie einem andern Bewerber gegenüber ebenso kaltsinnig blieb.
Ein großer Kummer ist hierbey mir unvergessen;
Man schlug ihr einen Freund zu ihrem Liebsten vor;
Ich dacht, ich muhte mir das Herze selber fressen: Allein er kam bey ihr nicht mehr, als ich, empor.
Ob die nun folgende Beschreibung seiner kurzen Ehe von den wo- graphen Telemanns verwertet wurde, sst nur nich gegenwärtig, 1-°^ I falls ist fic sehr anfchaulich und entschleiert recht delikate Dinge, oi . nicht einmal unter dem schützenden Mantel ber Poche erwähnen . Manchen Gatten genügt ein einfaches Ged'ch ganze
- Schmerz in größeren Formen ergießen. Pietfch dichtet e'N- • Kantate mit zwei Arien unb einem Arioso; em anderer wendct d^,^ i I schweifige Weife des Dialogs „zwischen A unb B an, uu __ ।
! I Naturforscher und Dichter Albrecht von " ll e r verf h g S > lange Trauerreden und richtet noch außerdem eme poetische Epsile^ l feinen Freund I°hann Iak°b Bodmer .n Zurichs D.e Ann^^ | kungen des Herausgebers sind m ihrer Naimtat vielfach recht I fo erfahren wir beispielsweise von Telemann: „Er hat sich zw verheiratet, ist aber, wie es fcheint, in feiner andern Ehe nicht iich gewesen, als in der ersterenBon Korthelts ,, 6e6
Ses: „Sie starb in feinen Armen, und war, zu Vermeyru u
rucks, die erste Person, die er in feinem fieben fterbeni g , ) ieiner Rektor Heidmann entschuldigt seine metrischen Verstoß
brücke zurückgehalten. Die Kommandobrücke ist abgeschlossen. Der Kapi- tän ist seit Tagen unsichtbar. Die tollsten Gerüchte, aus der einen oder ■ anderen Indiskretion ber Telegraphenbeamten genahn laufen um an Bord. Wie Seeschlangen finb sie. Sie tauchen auf am Heck, und wenige Minuten daraus verschwinden sie vorn am Bug. Jede Verrücktheit findet Gläubige. Die Deutschen sind in Rußland, in Frankreich elngebrochen... . Ader an der französischen Grenze ist doch ein gewaltiger Sperrgürtel . .J Tut nichts. Der alte General Häseler marschiert an der Spitze.Er I Truppe nach Paris! (Vom Einmarsch in Belgien wissen wir Nichts.) Schließlich gesteht mir ein Offizier, er selbst habe das alberne Gerücht | ausqestreut, um wenigstens die Deutschen zu ermutigen. I
4. August. Wir schleichen uns wie Diebe an der norwegtzchen Stufte I entlang, um vor einem feindlichen Schiff die Neutraliteck aussuchen zu I können. In Norwegen begleiten uns schweigende leere Bergzuge Aber I in diesem furchtbaren Ernst denkt niemand an Landschaftsaussichten. Bücher werden aufgeschlagen unb nervös Zugeklappt. Man behandelt I uns wie Kranke ober Kinder, benen man nichts Wichtiges sagt. Fran- I zösjsche Offiziere finb unter ben Reifenben, unb man bente sich bie Stirn- I munq unter Leuten, bie bis vor wenigen Tagen uergnugt unb sastbe- i freunbet miteinanber verkehrten unb sich nun als Feinbe gegenüber- I stehen müssen. Diese Dual bes Nichtwissens!
Die Rumänen, bie Polen halten sicy zu ben Franzosen. Die mon- I bauen Weibchen, die gerade daran waren, Siege ihrer Schönheit unb Koketterie zu feiern, finb unter Deck verfchwunben. Die «chonste aus Wien sieht man mit verweinten Augen. Plötzlich ift bas Gerücht ba, bie I französischen Herren würben festgesetzt unb als Kriegsgefangene gehalten. Es geschieht nichts beriet. Neben mir tn der Kajüte ivohnt ein I Franzose mit Mutter und Schwester; im Vorbeigehen bei halboffener I Tür sehe ich die Schwester am Halse des Bruders hangen
4. auf 5. August, nachts 3 Uhr. Wir sind so weit südlich gekommen, daß es wieder Nacht ward; das Wiebereintreten der Nacht i|t unsere 1 einzige „Positionsanzeige". Ich bin wie verrückt über Deck gelaufen, um 12 Uhr schlug man das Telegramm an: England hat den Krieg erklärt I Männer meinten, auch ich. Wir waren am Nachmittag iimner tm Schutz I der norwegischen Küste gefahren, unb nun mußten wir, so schätzte ich zwischen Norwegen unb Schottland sein unb vor ber Einfahrt in bie Norbsee. Wir sahen im stillen Speisesaal unb nahmen einsilbig das Mahl. Plötzlich rufe ich: „Wir fahren ja nach Norden! Denn tue Sonne, die eben noch durchs Steuerborbfenfter, also von rechts her, hereinge- schienen hat, blickte jetzt durch die Fenster auf Backbord, von links. Da muh eine wichtige Nachricht gekommen sein ... In der Nacht erfuhr ich I fie. Der Kapitän hat das Schiff gewendet und Kurs auf Bergen m I ^Wir°fahren^volle Fahrt in der Nacht, das Schiff schwankt auf ganz I ebenem Meer, schwer von der vollen Leistung der Maschinen. Alle I Lichter finb abgeblenbet, alle Vorhänge in ben Sälen unb «ajuten wurden herabgelasien. Wir finb auf ber Flucht. Das Deck ist leer. Nur I einige verstörte Männer lausen umher.
Eben um 3 Uhr schlug man die Thronrede bes Kaisers an W.r wissen nicht, was Italien tut. Der italienische @e;anbte tn Pans, Ttttom, ift an Bord. Die Italiener schwanken in ihrer Stimmung. Em Gras aus Neapel aber sagt in dröhnendem Baß: „Italien wirb an -einem Vertrag halten." Amerikaner halten zu uns unb suchen uns Deutschen
TOrgcnbrno^rok^auf der See fühlt man, was Krieg mit England | bCb5lyuquft. Am späten Morgen erwache ich. Das Schiff liegt still. Norwegische Häuser stehen draußen vor der Luke. Der deutsche Konsul ist an Bord gekommen. Nachrichten! Nachrichten!! Nachrichten!!! — Nichts! Noch nichts von Bedeutung! Leichte Kämpfe im sundgau. Die Franzosen haben einen Trupp deutscher Pferde gefangen ... Und doch doch etwas Entscheidendes: Die Deutschen sind in Belgien emmarschiert! Sn
Ich verlasse' bas Schiss. Ich muß Geld wechseln und frage in Cooks Reisebureau, was man für eine Mark gibt. ,,Nichts!"
Das Schiss ist ber Kaperung entgangen. Viel spater, ich glaube es war im Jahre 1917, erhielt ich im Felde, irgendwo durch die 3eiiung die froh und stolz machende Nachricht, daß der Hilfskreuzer „Prinz Friedrich Wilhelm" des Norddeutschen Lloyds die englische Seeblockade gebrochen habe und wohlbehalten in Kiel eingelaufen sei.
Mustergatten des 17. und 18. Jahrhunderts.
An das verdiente Licht gezogen von Dr. Leopold Hirschberg.
Schikaneder stellt in der „Zauberslöte" bie durch nichts bewiesene Behauptung auf:
Bei Männern, welche Liebe fühlen, Fehlt auch ein gutes Herze nicht.
Ich persönlich kenne eine recht große Zahl Menschen männlichen Geschlechts, bie sehr viel Liebe suhlen unb doch kein gutes Herz haben. Meine Leser sicherlich ebenfalls. Unb wenn man bem leichtsinnigen Emanuel ohnehin nicht trauen kann, fo werden uns durch das weit gewichtigere Zeugnis Goethes erst recht die Augen geöffnet, wenn er an Guftchen Stolberg schreibt: „Was rechte Weiber sind, sollten keine Männer lieben, wir finb’s nicht werth". Daß aber ber Glaube an Männertreue nicht ganz verloren gehe, spielte mir ber Zufall cm Buch aus bem Jahre 1743 in die Hände, das wörtlich folgenden Titel führt: ,
Zeugnisse treuer Liede / nach dem Tode / Tugendhaster
Frauen / in / gebundener deutscher Rede / ab gestattet von / Ihren Ehemännern.


