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________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Gießen.

Sonnenuntergang.

Von Friedrich Hölderlin.

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir Von all deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Tone Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach. Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen.

Flucht auf dem Meere.

Von Josef Ponten.

In gedrückter Stimmung halten wir südostwärts auf Spitzbergen zu. Am Nachmittag kommt die Sonne hervor. Wir treten in die Rote Bai ein, die man nicht jedes Jahr eisfrei findet. Eine zwanzig Kilometer lange, fünf Kilometer breite, genau von Norden nach Süden streichende Meerbucht nimmt uns auf.

Wir durchfahren die Bucht in einem Boot (das Schiff liegt draußen), der Seehund, welcher Menschen und ihre Gefährlichkeit nicht kennt, läßt fich durch uns nicht stören. Und wir tun ihm nichts. Unvergleichlich großartig stehen die grünen und blauen Abbruchwände der Äletscher, die Stirnen von zehn dieser gewaltigen Gletscher ab, die in scheinbar starrem Fluh aus unbekannten toten Gebirgen herabkommen, und in der Bucht bei niedriger später Sonne ist ein Farbenspiel von Dunkelrot der Sandsteinwand, Grün und Blau der Gletscherenden, Bleichblau als Widerschein des Nordhimmels im glatten Wasser, das man als unver­lierbaren Besitz von dannen nimmt. Tiefer erscheint die Stille und Ruhe m diesem nur von Tieren, nicht von Menschen bewohnten Lande, die Welt ist einsam wie in Urtagen, und der Reisende ruht aus, ruht tief aus von den Menschen und ihrem lauten Getriebe weiter unten in der besiedelten Welt, von den Menschen und sozusagen von sich selbst ...

Der Norddeutsche Lloyd belegte hier Land mit Beschlag zur Errich­tung eines Genesungsheims, heißt es, denn in der keimfreien Polar­lust, in der man rohes Fleisch beliebig lange liegen lassen kann, ohne daß es verdirbt, und in der Leichen sich erhalten, mag Lungenkranken am ehesten Genesung werden, und derentwegen mag denn die ungeheuer heilige Einsamkeit gebrochen werden.

Das Genesungsheim, das sicherlich wirksamste der Welt, wurde aber nicht gebaut, denn die Welt verlegte sich gerade in diesen Tagen auf Menschenzerstörung ...

In der Nacht biegen wir um die Nordwestecke Spitzbergens herum und in die Smeerenbergbucht, die Bucht der Walfischschmeersieder, ein. Darin liegen die Däneninsel und die Amsterdaminsel. Holländer haben dieses Spitzbergen entdeckt, und sie und die andern Nordseegermanen haben dann ein wildes Jagen" auf den Wal gehalten, der jährlich Mil- uanen trug und Schmach der Zeiten fast zur Vertilgung des Riesen tu diesem Meer geführt hat. Da liegen auf einer Kiesbank die Gebeine der Holländer, die holländische Königin hat sie unter einem einfachen, kvh geschichteten Blockmal sammeln lassen, und holländische Samen aus unserer Gesellschaft ziehen darauf die holländische rotweißblaue Flagge auf. Am Rande der Kiesbank aber finden sich wie Knochen so kahle äaume, tropische Holzer, Treibgut aus dem tropischen Amerika, durch den Golfstrom hierher verfrachtet. Ein kalter winterlicher Tag zu Ende öuly der Wind bläst, und die durch jene uns zugekommene politische -Nachricht tiefgebeugte Stimmung bleibt unten. Allmählich, unwillkür- W und unauffällig, bilden sich nationale Gruppen in der Gesellschaft, -"enschen, bie sich ihre Sorgen vertrauen und Aufrichtung suchen, natürlich zuerst bei ihren Leuten.

mi ,'lreit.a9J den 31. Juli 1914, liegen wir in der Magdalenenbai. ^elch ein Land, welch eine Landschaft! Farbenschün war die rote (sucht, wie farbigJ Aber das ist das Bezeichnendste für die Polar- der die Farben sind herabgedämpft, sind zart. Niedrige Sonne o'A v Feuchtigkeit der Lust bewirken es. Zartrötlich stehen die Berge, "ach die Gneisberge, hinter einem Schleier von feinstem atmosphärischen Mu, zartblau oder grünlich ist das Wasser, zartgrün ist das spärliche jdunnzanvorkommen, zartblau und grün, auch rot sind der Schnee und as Cis, daß Weiß des Eises erscheint oft in dem sanften Weiß von llanvem. Merkwürdig, diese Hauchzartheit der Farben eines Körpers tos ar« Schärfe und Starre dieses nördlichsten nordischsten Lan- rnüi' zusammen wirkt eine tiefe, schwere Melancholie. Schwer- Ichon wäre man werden wenn man es in diesen Tagen nicht in "der, als ob die Welt ihr Theater dem Gefühl unserer Herzen

Zeit anpassen wollte, ist das Wetter dunkel, grau und kalt.

wen den Spitzen der Gneisberge spannt der Nebel fein unendliches

Tuch aus, stundenlang perlte es in der hellen Nacht hernieder, und die Magdalenenbucht, in die wir am frühen Morgen einbogen, ist eine Landschaft von Schwarz und Weiß. Schwarz sind die regennassen Berge, und weiß, stumpfweiß liegen die Gletscher darin. Im Schwarz der Berge taucht fetzt beim Näherkommen das Grün der Tundren auf .Heiner hangender Moore am Bergfuß, deren bescheidene Pflanzenwelt von den Exkrementen der unzähligen Seevögel genährt wird. Und jetzt sondert sich auch im Weiß des Eises das wundervolle Flaschengrün U-r.r^.tmmetolau Gleticherabbruchstellen aus. In der Nähe und all­mählich taucht selbst aus dem grauen Tag die zarte Farbigkeit heraus: blaues Eis, roter Schnee (rot von winzigen Algen), grüne und gelbe Tundra, und das Wasser leckt an den Eisschollen, den Gletscherkälbern, die vor den Gletscherstirnen umherschwimmen. Aber Tausende zutrau­licher Lummen und Alken pfeifen und zwitschern, und nun kracht es in den Gletschern, donnert und tobt, neues Eis kalben sie ins Meer hinaus, das Echo rollt in den Bergen. An der kalbenden Stelle schwirren Tausende Seevögel auf, und die Vögel in der Ferne verstummen für einen Augenblick aber gleich darauf ist die Natur wieder im Gleich­gewicht, wieder zwitschern, pfeifen die Summen, und dann kracht es wieder tm Gletscher.

&'s gelang mir, in dieser mächtigen Einsamkeit einen Tag allein 5U bleiben und dem ungeheuren Schweigen mit Schweigen zu ant- worten. Ganz nahe lassen mich die Lummen herankommen, diese drol- ligen kleinen Taucher, auf wenige Meter Nähe, denn sie haben den Menschen noch nicht fürchten gelernt. Wenn ich mich bann auf einen moosfeuchten Block niedersetze und mich still verhallte, ist das Vertrauen vollkommen, und um mich herum treibt das zierliche Völkchen fein inunteres Wesen. Ich falle im unwegsamen Gelände in einen Bach; aber obgleich ich nun für Stunden durchnäßt bin, so bleibt die Er­kaltung in der keimfreien Luft aus. Ich steige den Ungeheuern Waggon- waygletschern hinan. Aus zwei Strömen setzt er sich zusammen, der kilometerlange und nach unten auskeilende schwarze Streifen einer Miitelmoräne, die vom Losvikgebirge zwischen den Strömen kommt liegt auf seinem Rücken. Ziemlich steil steigt die Gletscherfläche an und hinauf in diesem vom Eis bedeckten Gebirgsland, dessen Größe es ist, die großen es bildenden Inseln zusammengerechnet, so groß wie Bayern geahnt wird, wenn sich der Gletscher oben im Nebel verliert.

Aber unlustig ist man, zu beobachten, und auch unlustig, aufzu­zeichnen, den die Sorge drückt das Herz ab. Banal ist fast diese oft und von vielen mühelos gemachte Reise einer genießerischen Gesellschaft aber nun sorgt das Schicksal dafür, daß diese banale Reise eine unge­wöhnliche, eine einzige, ja historische wird.

Um 6 Uhr früh des anderen Tages verlassen wir die Magdalenen­bai, die, unter glücklichen Umständen gesehen, eines der größten Land­schaftswunder der Erde [ein müßte, gleiten den Vormittag lang an der gneisischen Küste südwärts und wollen eben in die Kreuzbucht einbiegen da kommt drahtlos Befehl aus Deutschland: Auf dem kürzesten Wegs zurück nach Bremerhaven!

Und nun folgen Schlag auf Schlag die niederschmetterndsten Nach­richten. Am Schwarzen Brett des Hinterdecks ist zu lesen: Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. Gleich darauf: Deutschland hat Frank­reich den Krieg erklärt.

Reise, Landschaft, Eismeer, alles gleichgültig, und in unserem Jnter- e|ie versunken! Krieg! Wir wissen nicht wieso und warum. Und wir draußen. Wir auf dem Meer.

Von nun an stütze ich mich auf mein Tagebuch, dessen lakonische Zeilen zeigen, wie die Ereignisse jetzt für mich alles andere Interesse verschlingen.

Wir wissen nichts von Kriegsausbruch. Wir dürfen keine Tele­gramme mehr schicken, damit der Ort unseres Schiffes nicht englischen Kriegsschiffen kund werde, denn derPrinz Friedrich Wilhelm" des Norddeutschen Lloyds ist im Krieg ein Hilfskreuzer."

(Eben, Montag nachmittag wir sind in eiliger Fahrt scharf süd­wärts weit außerhalb des an der Bäreninsel vorbeisührenden vorge­sehenen Kurses gefahren, macht der Kapitän durch Anschlag bekannt, daß er die Fahrt ändert und auf die Lofoten in Norwegen zuhält. Das ist wohl eine Verschlimmerung! Das Schftf begibt sich in den Schutz der neutralen Zone Norwegens."

Im Hoheitsschatten Norwegens gleiten wir hin. Wir wissen nicht mehr, wo wir sind. Standorte des Schiffes werden nicht mehr bekannt- gegeben. Die Reise abgebrochen, Sorge um uns, die Unfrlgen, das Vaterland, die Welt! Ist der Krieg schon ausgebrochen? Wir wissen nicht, wo wir an Land kommen, ob wir Bremerhaven erreichen und auf einem Umweg nach Deutschland kommen."

3. August. Wir wissen nichts anderes, als daß Deutschland Rußland und Frankreich den Krieg erklärt hat. Warum, weiß kein Mensch. Die Depeschen werden entweder in Deutschland oder auf der Kommando-