Ausgabe 
10.12.1928
 
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dessenjorb rott hierhergerakkert waren, hatte fein Mädchen hlnefngevackk und war irgendwohin verschwunden. Tom hatte im Kamps um Kitty Schegti he nahm ihn mit wer weiß, wohin? Tom kam erst noch zwei Tagen wieder!

Da stand nun ich, der einzige Brave, allein aus weiter Flur, und weder der Sternenh mmel über mir noch das moralische Gesetz in mir konnten mit Kant darüber hinwcgtrösten, daß ich nun sünszehn Meilen nach Hause lausen mußte. Doch der Himmel verläßt keinen Gerechten: Mc Donald mit der Hasenscharte, der maitre de plaisir, nahm sich tneiner an; um seinen Platz zu erreichen, mußte er in der Nähe meiner Sagemuhle vorbeireiten; vom Gin leutselig gestimmt, bot er mir den zweiten Sitz hinter seinem Rücken auf seinem Gaule an. Mir graute es davor, denn allzuoft hatte sich der Gute zu seiner Satteltasche gestohlen; nun war ihm das Gleichgewicht stark in die Brüche gegangen. Aber schlecht geritten ist immer noch besser als gut gegangen. Ich hals ihm aufs Pferd, kletterte hinter ihn, und langsam stolperten wir in die Rächt hinein; schon nach hundert Schritten schlief er fest; mehr als einmal mußte ich ihn vor einem tiefen Fall bewahren.

. So zogen wir schweigend durch den nächtlichen Busch heimwrärts, über uns den strahlenden Sternenhimmel, um uns den unwegsamen, schwarzen Urwald. Es war gegen zwei Uhr nachts. Schon ließ im Osten die erste, milchgraue Dämmerung die Gestirne erblaßen; aber unter den ragenden Tannen und den flüsternden Pappekgebüschen schliefen noch schwarze Schatten.

Unser Weg, der lange durch Wald geführt hatte, um eine Krümmung des Seeufers abzuschneiden, senkte sich wieder zum Wasser. Im Schilf raschelten Wind und Wellen, die wilden Enten und Bleßhühner. Aus der stillen Einsamkeit hob sich strahlend der junge kanadische Morgen. Als wir die buschfreie Südwestseite des Sees entlangritten, ging Über dem großen glitzernden Wasser leuchtend die Sonne auf. Ich glitt vor­sichtig vom Pferd, band den noch immer schlafenden hasenschart gen Tanz­meister mit einem Riemen am Sattelknopf fest und überließ dem Pferd die Sorge, seinen Herrn richtig nach Hause abzuliefern.

Run war ich die ganze schmutzige Gesellschaft los, warf die Kleider ob und sprang von dem steilen Abhang kopfüber in die kalten klaren, schimmernden Fluten, die bald allen Dunst und Staub, alle Anspannung der durchtobten Nacht von mir spülten.

London, Paris, Berlin.

Trodttlonen europäischer Melkstädte.

Bon Dr. Hugo Bieber.

Mit Erlaubnis des Metzlerscken Berlags, Stuttgart, teilen wir einen Abschnitt aus Hugo Biebers demnächst erscheinenden WerkDer Kamps um die Tradition" mit, das die geistes- geichichttiche Entwicklung von 1830 bis 1880 in einer vor­bildlich knitschen und liebevollen Darstellung behandelt.

Für die deutsche Literatur ist Wien mit Oesterreich, trotz Grillparzer, Raimund, Bauernfekd, Anzengruber, Marie von Ebner-Eschenbach, trotz der Ansiedlung von Hebbel, Laube, Dingelstedt, Wilbrandt und Brahms em Randgebiet geblieben, das zwar bedeutende Kräfte an sich gezogen und hinausgesandt hat, aber für das Gesamtbild der Epoche nicht be­stimmend geworden ist. Auch für Berlin hat die Stunde erst später geschlagen.

Berlin hat feine so alte und große Tradition des literarischen Lebens w,e die Hauptstädte der andern europäischen Kulturvölker. Wer nach London kommt, betritt die Straßen, auf denen die größten Dichter Englands ihre Menschenbeobachtung erweitert und gesammelt haben; er braucht nicht die Gräber der Westminstevabtei zu besuchen, um der Er­innerung an Chaueer und Shakespeare, an Milton und Byron, an Dickens unö Thackeray zu begegnen. Das Stadtbild Londons, das in bewegten und entscheidenden Szenen der Königsdramen Shakespeares den Schau­platz bildet, ist für Dickens nicht bloß der Hintergrund feiner Roman- Handlungen, es ist ein Herd seiner Inspiration geworden, es bestimmt die Atmosphäre seiner Dichtung; es ist ein wichtiges Lebenselement der modernen englischen Erzählungslikeratur geblieben, nicht bloß des Ge­sellschaftsromans, der eine andere Bedeutung, wenn auch kaum ein anderes Niveau hat als der deutsche Unterhaltungsroman, sondern einer Dichtung, die aus der Empfänglichkeit für die treibenden Kräfte des Lebens und der Geschichte, aus der Berührung mit der trüben Unter­schicht, aus persönlichen und sozialen Konflikten ihren Ernst, ihr Pathos gewonnen hat und ihren Standpunkt mit überlegener Ironie und mit vorbehaltlosem Mut vertritt.

Die Physiognomie von Paris, die in Balzacs und Zolos Epik nicht die erste und nicht die letzte, aber eine zwingende Deutung ihrer großartigen und verächtlichen, ihrer erschreckenden und verführerischen Züge gefunden hat, empfing ihre früheste literarische Prägung bereits in mittelalterlichen Verserzählungen, und In Paris, wo um das Jahr 1235 die französische Bibelübersetzung entstand, wo die Königschroniken redi­giert und die Debatten an der Universität die nationale Dichtersprache belebten, wo der Rosenroman vollendet worden ist, hat sich der erste großstädtische Bohemien Rutebeuf mit Versen vernehmen lassen, in denen er die Not seines Lebens ausspricht und furchtlos und leidenschaftlich zu politischen Zeitsragen Stellung nimmt. Der Bohemien hat einen anderen Charakter als die mittelalterlichen Vaganten, unter denen es starke, über­legene Geister und tiefe Dichternaturen gegeben hat. Für Rutebeufs Geist und Seele sind die Eindrücke der wachsenden und gärenden Stadt be­stimmend gewesen. Aber wie Paris ein Element seines Wesens ist, so ist der Bohemien ein Wesenteil von Paris. Was eine Stadt bedeutet, kommt ebensowohl durch die Menschen zum Ausdruck, die in ihr zu Einfluß und Anerkennung gelangen, wie durch diejenigen, die an ihr zugrunde gehen.

Seitdem Überhaupt Paris feine Stadtindividualität zur Geltung und auf dichterische Temperamente zur Wirkung bringen konnte, ist auch

Aber wahrend feine Blicke noch an diesem seinen Mädchenkörper auf und nieder glitten, trafen sie in Marias Augen. Marias süße ernste Kinderaugen, die wie tiefe Veilchen sind.

schon die Gegensätzlichkeit der Antriebe und Konsequenzen sichtbar ge­worden, die für das Leben einer Großstadt, die zur Weltstadt bestimmt ist, bezeichnend bleiben wird. Paris hat den Künstlern, die es in seinen Bannkreis zog, das Auge geschärft oder geblendet, es hat den Anreiz zur Beobachtung und das Gefühl der Einsamkeit gesteigert, es Hai den Lebenswillen bestätigt, die Aktivität gestärkt oder den Menschen vom Leben überwältigen lassen, es hat die Intensität der Arbeit und des Rausches erhöht, die künstlerische Gesinnung zur Strenge erzogen und den Auflehnungsdrang entfesselt; es hat Ueberlegenheit und Wachheit des Bewußtseins verliehen, wenn es nicht fein Opfer verzehrte oder vom Ziele ablenkte.

Diese vielfältigen, durch die Jahrhunderte vererbten und anwachsenden Erfahrungen von Künstlerschicksalen, von Tragik und Kompromiß, von Ruhm und Lächerlichkeit haben die Atmosphäre der Kunststadt Poris ebenso bestimmt, wie ihre Natur, ihr Landschostsbild, ihre geschichtliche Bedeutung, ihr kulturelles Uebergewicht, ihr Volksleben, ihren Fremden­verkehr. Sc^on das mittelalterliche Paris ist eine Stadt, deren Erlebnis über das Schicksal empfänglicher Menschen entscheiden konnte wie die Gunst oder Ungunst einer Frau. Das hat im fünfzehnten Jahrhundert ein Vorläufer der modernen Seelenbestimmung, der Dichter Francois Villon, erfahren müssen, den eine unterirdische Tradition mit Verlaine verbindet, und während Villon der Stadt erlag, nachdem er sie bis in die Tiefen des Verbrecherischen ausgekostet hatte, fand sie ihren ersten großen Psychologen von unbeirrtem Blick und überlegenem Verstand in Philipp de Commynes, dem Ratgeber dreier Könige.

Erst in den letzten fünfzig Jahren hat B e r (l n den Ansatzpunkt der Möglichkeiten erreicht, die für Paris wie für London bereits vor vielen Jahrhunderten gegeben waren. Cs ist auch unter ganz anderen Kultur- bedingungen Reich-Hauptstadt geworden, und wenn Berlin eine ähnliche Bedeutung für Deutschland gewinnen sollte wie die Hauptstädte ajfberer Länder für das Geistesleben ihrer Völker, fo wird diese Entwicklung für absehbare Zeit von den Nachwirkungen der geschichtlichen Voraussetzungen durchkreuzt, unter denen die politische Einigung in die Kulturentwicklung des deutschen Volkes einzugliedern ist.

Die deutsche Dichtung hat bisher die Entfaltung ihrer wesentlichen Kräfte nicht der Luft und dem Schotten der Großstadt zu danken ge­habt. Goethe ging von Frankfurt nach Weimar und verhielt sich dem verwegenem Menschenschlag" der Berliner gegenüber zurückhaltend, wenn nicht ablehnend. Eine instinktive Abneigung gegen Bas Wachstum der Städte und seine Begleiterscheinungen bildet einen Hauptzug in der Seelenversasiung des deutschen Dichters. Wien und München, Weimar und Heidelberg, die kleinen Residenzen und Universitätsstädte, auch Fronksurt, Hamburg, Dresden haben größere Anziehiingskraft auf die Dichter ausgeübt, die Landschaften und Städte des deutschen Westens und Südens haben durch ihre geschichtlichen Erinnerungen und durch die sinn­liche Anschauung die dichterische Produktivität stärker angeregt.

Berlin galt im 18. Jahrhundert als schöne Stadt, seit der Romonttk war es dem Auge und dem Geiste als nüchtern verrufen. Als Haupt­stadt des preußischen Staates, beffen Lebensinteressen mit dem Bestände der alten deutschen Reichsverfassung unvereinbar waren, ist Berlin erst sehr spät in den Gesichtskreis der deutschen Bildung getreten; es hat mit seiner größtenteils aus dem Auslande importierten Bevölkerung später als die andern deutschen Kulturzentren einen eigenen Stil entwickeln können, und die Eigenart Berlins, die sich unter den ersten preußischen Königen gebildet hat, ist rasch wieder untergegangen, als Berlin Haupt­stadt des Deutschen Reiches geworden war imb in die Weltstadt hineinwuchs.

Beate und Maria.

Eine Gefchichle um Weihnachten.

Von Toni Schwabe.

fSchluß.)

So vergeht der Herbst, und der Winter kommt.

Eines Tages: Wer eigentlich schickt dir Blumen? Sie kommen immer noch. In kleinen Zeitabständen. Aber es ist einerlei, wer sie schickt. Ob- chon es neulich eine blaue Hyazinthe war. Die erste in diesem Jahr, lind blaue Hyazinthen sind immer seine Lieblingsblumen gewesen.

Er kann nun wieder ausstehen und im Sessel am Fenster sitzen. Unablässig sieht er aus die Straße hinunter. Und einmal, jo einmal kommt dort ein Mädchen, dos geht wie ein Junge, mit schlenkrigen Be­wegungen und ganz leichten Schritten. Und wie sie vorbeikommt und das Gesicht hebt, da sehen sie beide einander an. Und ihr kleines, zer- flattertes, fast ein wenig unschönes Gesicht ist ganz mit Blut übergossen. Vor Schrecken. Sie wußte doch nicht, daß er auf einmal hier saß.

Sie tat ihm leib. Er griff sich nach dem Herzen. Sie hatte sich so erschrocken sie, fein Blut, seine einzige Geliebte.

*

Einmal, in der Dämmerung, es war ein Sonntagnachmittag, der erste Advent, da tat sich seine Tür auf. Bestimmt: es war kein Schritt auf dem Flur zu hören gewesen. Bestimmt: es hatte feiner vorher ongeklopst. Aber die Tür tat sich sehr leise auf und die kleine Mario kam herein, Worum die kleine Mario ...?

Ach nein, es war fo gut, jo lieb von der kleinen Moria, daß sie kam, nach ihm zu sehen. Er griff nach ihren beiden Händen und küßte sie. Er hatte aufstehen wollen, aber sie war ganz leise und schnell auf ihn zu» gegangen und drückte ihn nieder auf den Stuhl, der am Fenster stand und von dem er sich erhoben hotte.

Und der große Strauß aus Tannengrün war von Moria.

Seine Augen gingen krank und suchend an ihr aus und ab. Ach, war denn nichts in dieser schwesterlichen Erscheinung, das Deale glich? War