Ausgabe 
10.12.1928
 
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vielleicht diese Linie von der Schütter herab über die Hüfte, dieser fang und schmal gereckte Bogen, fast ohne Biegung, war der nicht Beates vielgeliebtem Knabenkörper gleich?

Und er griff noch einmal nach Marias Händen und zog sie an sich um legte feine Stirn hinein.

, w.wr Georg", sagte Maria leise und ernst. Und das Mitleid dieser Worte tat ihm nicht weh.

Sie blieb bei ihm und redete merkwürdig frei und selbstsicher so allerlei kteine Alltagsdtnge. Sie hatte eine anmutige Art, auch das Be­langlose hübsch und plastisch hinzustellen und eine seltsam zärtliche Stimme, so daß ihm war, als liebkoste sie ihn immerfort,

Maria, warft du es?"

Was war ich, Georg?"

Die mir die ganze Zelt die Blumen geschickt hat?"

Sie lächelte scheu und ihre Augen glänzten.Hast du haben sie dich ein bischen gefreut, die Blumen?"

3a, Maria, zuerst freuten sie mich. Nachher machten sie mich traurig.

Und nun ja: nun freuen sie mich wieder."

Das ist gut, Georg."

Es war eine lange Stille.

Soll ich dir Licht anzünden?"

Roch nicht. Bleib noch ein wenig im Dunkeln bei mir."

*

Und am nächsten Tag. Und am übernächsten Tag. Und an jedem dieser lautlosen Wintertage in der Dämmerung kam Maria zu ihm. Und nach einer Weile: ,Loll ich nun Licht anzünden?"

Nein, dulaß es noch. Bleib noch ein wenig im Dunkeln bet mir." Am letzten Sonntag vor Weihnachten hatte sie Christrosen mit.

Kühle weiße Schalen, wie deine Hände", sagte er.

Und dann:

Maria---"

3a Georg?"

Darf ich einmal ach du, darf ich einmal ..." Und er sprach nicht weiter, riß nur ihre Hände an sich.

Sie ließ sie ihm zitternd.

Er bohrte seine Stirn hinein in diese kühlen Mädchenhände hinein, die den Schalen der Christrosen glichen. Er hielt diese Hände von unten mit einem heißen Griff. Und so lagen sie auf seinen fiebernden Hand- flächen.

Wie die kühlen Schalen der Christrosen.

Und in diese hinein tauchte er seine Stirn.

Und dann kam seine Stimme, kam schluchzend und dunkel herauf zu ihr, die mit ekstatisch hochgezogenen Schultern vor ihm stand wie eine kleine Märtyrerin oder eine Heilige.

Maria Maria ach laß mich einmal bei dir weinen ..

Und während er das sagte, rüttelte ihn das tiefe Schluchzen, und seine Tränen strömten über die offenen Schalen ihrer Handflächen, die kühlen Christrosen glichen.

Und über seinem Weinen war still und entrückt, als sekundiere sie einer geistlichen Handlung, Maria mit dem Lächeln der Heiligen, der Märtyrerin.

. Georg aber meinte weinte meinte.

Und 'dazwilchen stieß er in kurzen Rufen das schwere Bekenntnis seines Unglücks hervor, dieser nicht endenwollenden Liebe.

Und der Dank gegen sie. die ihm den kühlenden Becher bot, löste sich in reuevollen Worten:Maria, oh Maria, warum kann ich nicht dich lieben? Warum ist nur der eine Name, nur das eine Heil, das meiner Seele und meinem Blut gegeben ist Beate...

Es wurde spät. Es wurde dunkel.

Darf ick, dein Licht nicht anzünden, Georg?"

Nein. Maria, noch ein wenig bleib im Dunkeln bet mir."

Und sie blieb neben ihm im Dunkeln, Sein Weinen war lange schon still geworden.

Wechnachten tarn. Georg konnte nun wieder aufstehen und sich im Zimmer hin und her bewegen. Er war ganz allein und lächelte doch, als ob er jemand neben sich wüßte. Und manchmal sprach er ein paar Worte vor sich hin, wie es Leuten wohl geschieht, die sehr eifrig bet einer Handlung sind. Dabei putzte er an einem kleinen Christbäumchen und behängte es mit Silbersüden, besteckte es mit Lichtern, nmhäufte es mit kleinen Gaben kindlich und wie für ein Kind

Heute schenke ich dir, kleine Maria ja, heute bekommst du von mir geschenkt ..."

Seine Bewegungen wurden rascher. Cr freute sich. Oh ja, heute freute er sich a 'f seine kleine Maria.

Ein Bote kam Er öffnete ibm selbst die Tur. Der Bote brachte ein kleines, unscheinbares Päckchen. Das Päckchen war gesiegelt und mit einer Handschrift beschrieben, die ihm nicht unbekannt schien. Er öffnete das Päckchen, und dabei empfand er die Schlage seines Herzens schwer, wie müde, stolpernde Schritte.

Aber er öffnete das Päckchen.

Seine Briefe waren darin, die wenigen Zettel, die er Beate in der Zeit ihrer Liebe aefchrieben hatte. Und bann ein kleiner Ring. Ganz sentimental und hilflos ein kleiner, angebrochener Kinderring, den er als Jun ne einmal der kleinen Beate geschenkt hatte.

Ganz sentimental.

Unwillkiirl'ch fiel ihm habet das Chopin-Liedchen ein, das mit den rührend eindringlichen Worten:

Diesen Ring zum Angedenken

Hab ich dir gegeben;

Du g 'ob test, ihn zu tragen Für dein ganzes Leben

Run ja. Vielleicht hatte Beate noch irgendeinen Spaß daran, grau« fam zu fein. Wahrscheinlicher aber war es eine dieser kleinen törichten Hilflosigkeiten, die ihrem Wesen immanent waren und unter denen f« selber litt Um solcher Hilflosigkeit willen hatte er sie oft tiefer noch als sonst geliebt, denn man liebt nichts mehr und zärtlicher am Geliebten, als das, was des Schutzes bedarf...

Er üeß den kleinen Baum stehen. Gedankenlos fegte seine Hand die Geschenke für Maria zusammen. Einige davon fielen unter den Tisch,

Dann nahm er die Zettel mit den verliebten Anreden

Meine Einzige--meine süße Frau--meine Geliebte---

Run, so schreiben wohl alle Leute. Etwas Besonderes war da nicht dahinter. Er nahm den ganzen Plunder und steckte ihn in den Ofen, Auch den Ring dazu.

Und dann saß er in seinem Seflei. Mit trockenen heißen Augen und ß nieder auf feine Hände. Drehte sie nach oben und unten. Sie waren t.

Zur Dämmerung dann kam der wohlbekannte Schritt.

SDtaria

Er ging ihr entgegen. Er nahm ihre Hand und küßte sie leise und ehrfürchtig. Dann führte er sie zu einem Sessel.

Sie sah Ihn erstaunt und mit einem kleinen Lächeln an.Was ist, Georg?"

Es ist ich muß dir etwas sagen"

Und während er sprach, ließ er sich neben ihrem Stuhl auf den Teppich niedergleiten. Und er lehnte seinen Kopf nicht an Maria nur an die Armlehne ihres Stuhls.

So saß er nun und sprach das vor sich hin ins dämmernde Zimmer hinein, was er ihr sagen wollte. Und er sagte:

Ich habe nun lange genug nur an mich gedacht und von bir ge­nommen, Maria. Jetzt wird es endlich Zeitz an dich zu denken. Wir Menschen mit dem unlösbaren Schmerz im Herzen sind doch nur di« Vampire, die den Frohen, Lebendigen, Gebefreudigen das Blut weg- saugen und davon ihr eigenes Scheinleben führen. Ach! keine Phrase! Das alles kann noch nach 3nteressantseinwollen klingen. Und in mir ist kein Funken Gutes mehr. Mein Herz war schön, als es liebte. Nun bin ich nichts als leer. Alles Schöne, alles Glühende hat mich verlassen. Läge ich heute in einem Walde und der Specht klopfte über mir und btt Libellen flögen vorn Wiesenrand herüber ich gehörte nicht mehr dazu, gehörte nicht mehr in die Natur hinein, und die grüne Erde wäre mir gleichgültig, wie sie gleichgültig ist allen denen, die tot und begraben sind.

Kleine Maria, du sollst es endlich wissen, daß du zu einem kommst, der eigentlich tot und begraben ist Daß du dich an einen solchen ver­schwendest. Denn sieh: es ist verschwenden, wenn Lebendiges sich an Totes gibt. Es ist nicht gut und nicht recht, und ist nicht in der Nat« bestimmt."

Das ist nicht richtig", sagte eine ganz fremde, von wilder Leiden­schaft bebende Stimme hinter ihm.

Er horchte. War das Marias Stimme?

Es war, als ob er plötzlich erwachte. Und er fragte beklommen:Wat denn, was ist nicht richtig?"

Da schrie sie verzweifelt und rückhaltlos, schrie es heraus: ,F)as, wa» du sagst, ist niemals richt'g, denn es blühen Rosen auf Gräbern!"

Ganz verwirrt wiederholte er ihre Worte:Denn es blühen Rosen auf Grabern?"

Und auf einmal richtete er sich hoch und wandte sich um nach ihr und sah sie an, als sähe er sie zum erstenmal. Und er fah, daß st« bitterlich weinte.

Maria", sagte er leise und ungläubig. Und oabcl fühlte er, wie plötzlich eine stürmisch heiße Welle sein Herz überflutete hochtrug hoch höher höher---

Maria!" rief er laut und glücklich,oh Maria, du, kann es denn fein, daß du mich trotz allem liebst?"

Aber sie weinte nur, weinte, meinte.

Es ist meine Siebe, ganz allein meine Liebe!" rief sie zornig zwischen Schluchzen.Meine Liebe ist es ganz allein. Du sollst sie mir lassen. Sie geht dich nichts an!"

Er nahm ihr die Hände vom Gesicht. Er küßte ihre tränennassen Hände.Komm, Süße du, ich sehe es wohl, daß hier die Rosen blühen, aber nicht auf Gräbern, du, nein, wahrlich nicht auf Gräbern

Denn sieh, Maria, heute ist mein Eriösungstag und du bist mich zn erneuern gekommen."

Sie ließ ihn reden. Sie ließ ihn küssen. Aber nicht Worte, nicht Küsse erwiderten ihm. Nur ganz schwer unb süß lag sie in seinen Annen.

Da wurde er still.

Maria," sagte er,Maria, du liebst mich. Aber kannst du mir wohl auch von Herzen gut sein? Denn sieh, du bist ein Gnadengeschenk, bar ich mir nie verdient habe."

Da lachte sie ganz leise im Dunkeln.Sei nicht so gerecht," sagte si«, ,chie Liebe ist nicht Gabe und Gegengabe die Liebe ist eine Lust ganz allein um ihrer selbst willen!"

So redest du, Maria? Kleine Heilige."

^Oh Georg, warum soll mir die Liede keine Lust sein, da ich bM) auch im Schmerz der Liebe noch die Seligkeit empfinde? Oh Georg und ich glaubte, du würdest soviel von der Liebe--"

Und er hörte wieder, daß sie lachte ganz leise und süß zwischen Tränen lachte. Ein unbezwingliches Verlangen kam ihm, sie zu sehen, I« so im Hellen Licht zu sehen.

Darf ich Licht machen?" fragte er.

Ach nein noch ein ganz klein wenig im Dunkeln. .,

Und er blieb neben ihr im Dunkeln, bis ihr letztes Weinen, bis IP letztes dazwischen fliehendes Lachen still geworden war.

Dann entzündete er das Licht.

Das Licht der Heiligen Nacht.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckeretz B. Lange, Giehnil-