Ausgabe 
10.11.1928
 
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Man hat erfolgreich versucht, dis Periodik der Maikäfer-Jahre an der Struktur der in ihnen heimgesuchten Bäume für lange Zeiten zurück- zuvcrfolgen, und es kann kein Zweifel bestehen, daß ein genaueres Stu­dium der Holzstrukturen und ihre Abhängigkeit von äußeren Bedingun­gen uns noch mancherlei andere Aufschlüsse durch das Studium der vor vielen Jahrhunderten abgelagerten Holzringe zu gewinnen. Voraus­setzung bleibt dabet natürlich, daß wir unsere Untersuchungen über die Wirkungsweise von Hunger und Ueberfluß, von Wetterkatastrophen und Insektenfraß usw. an denselben Baumarten machen können, die uns in vielhundertsährigen Exemplaren zur Verfügung stehen; denn jede Baum­art hat ihre eigene Reaktionsweise und von dem Verhalten der einen darf nicht auf die irgendwelcher anderer Art geschlossen werden.

Es fragt sich, ob auch andere Gewächse ihren jährlichen Zuwachs so regelmäßig betätigen und so scharf umgrenzt entstehen lassen, daß man noch in ferne Vergangenheit zurück ihnen ihre Wachstumsleistung nachrechnen und von Quantität und Qualität ihrer jährlichen Produktion B überzeugen kann. Solche Pflanzen gibt es in der Tat, und nament-

in den Mooren. Man kann aus dem stockwerkartigen Aufbau der Sproffen noch eine Vorstellung von dem gewinnen, was die Pflanzen vor Jahren und Jahrzehnten durch ihr Wachstum geschaffen haben; aber ob mau mit ihrer Hilfe weiter als einige Jahrzehnte wird zurückgehen kSnnen, muh fraglich bleiben.

Auch in anderer Beziehung gewinnen die Moore sllr uns die Be­deutung glaubwürdiger Archive. Das Torfmoos, das den Hauptbestand­teil der Hochmoore ausmacht, wächst alljährlich um ein bestimmtes Maß weiter, so daß aus der Mächtigkeit des Torfs, der im Laufe langer Zeit­räume aus den Torfmoosstämmchen geworden, das Alter berechnen kann, das jene Moore bereits erreicht haben. Aus der Mächtigkeit des durch feine Pfahlbauten bekannten Federseerieds und aus dem Gewicht der Torffubftanz hat man berechnet, daß die ganze Torfschicht des Rieds jetzt (1928) 2827 Jahre alt ist. Der Untergang des Pfahlbaudorfes, über dem sich das Moos erhebt, muh also ungefähr'im Jahre 900 vor Beginn unserer Zeitrechnung erfolgt sein. Karl Bertsch hat weiterhin berech­net, daß andere Moore ein Alter von 22 000 Jahre hinter sich haben. Wäre es nicht vielleicht möglich, mit Hilfe der Archive, mit welchen wir die Moore verglichen haben, auch Näheres über wichtige Ereignisse zu erfahren, die sich während so langer Zeiträume abgespielt haben, und die wir mit Hilfe der hier angedeuteten Berechnung aus Mächtigkeit und Gewicht der Moorsubstanz wenigstens ungefähr datieren können?

Diesem Wunsche bringen diejenigen Arbeiten Erfüllung, welche ge­rade in den letzten Jahrzehnten mit großem Eifer und hervorragendem Erfolg die sog.Pollenanalyse" der Moore betrieben haben. Es hat sich herausgeftellt, daß die Pollenkörner derjenigen Pflanzen, welche aus dem Moore wuchsen oder in seiner nächsten Nachbarschaft vorkamen, sich in dem Moore und Torf so gut erhalten haben, daß man sie aus diesem herauswaschen und mikroskopisch untersuchen und auf die Pslanzcnart hin bestimmen kann, der sie angehören. Eine solche Pollenanalyse gibt also 'Ausschluß über den Wechsel der Flora, der sich im Laufe der Jahr­hunderte abgespielt hat, welche das Moor bereits erlebt hat. Aus der Zusammensetzung der Baumflora aber dürfen wir Rückschlüsse auf das Klima ziehen, unter dem das Moor sich entwickelt hat.

Vielleicht vermögen auch mikroskopische kleine und kurzlebige Orga­nismen Aufschlüsse über die vor vielen Jahren und Jahrhunderten ver­wirklichten Exiftenchediugungen zu geben, falls sie in einer die Nach­rechnung verflossener Zeiträume gestattenden Weife und Anordnung auf uns gelangen. Ein russischer Forscher, Perfilieu, hat letzthin auf dem internationalen Kongreß der Limnologen eine Methode beschrieben, welche gestattet, den in irgendwelchen Gewässern sich absetzenden Schlamm auf die' scharfen Zonen hin zu untersuchen, die sich bei seiner Absetzung gebildet haben und welche durch geeignete Präparation der mikroskopi­schen Untersuchung zugänglich gemacht werden können. Es wäre von größtem Interesse zu erfahren, ob nicht in diesen feinen Zonen durch Einlagerung gut erhaltener Mikroorganismen, z. B. der Panzer von Kieselalgen' usw., Rückschlüsse auf die Vegetation der Gewässer gezogen werden können und Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen, welche vor langen Zeiten die Entwicklung der mikroskopischen Flora beherrscht haben. In einem Falle gelang es Persiliev, das Sediment durch 1620 Jahre hin­durch seine Zonenbildung hin zu prüfen.

Die Kornkammern der Ameisen.

Bon Professur Dr. W. Goetzsch, München.

Seit den Tagen Salomos werden die Ameisen den Menschen immer wieder von Moralpredigern als Vorbilder dargestellt, denen die Menschheit nacheisern soll. 'Allerdings trifft das, was der weise König in fernen Sprüchen sagt, üt unseren Breiten nicht zu. Bei uns bereitet keine Ameisenartihr Brot im Sommer und sammelt ihr Korn in der Ernte". So schädlich gerade wegen ihrer Arbeits-- und Sammelwut uns diese Tiere oftmals sein können an Getreidevorräten verursachen sie niemals Schaden, und es bestehen daher bei uns auch keine Gesetzesvorschriften wie im Talmud, wo darüber .bestimmt wird, wem die in Ämeisennesterrr gefundenen Körner gehören. Sn den warmen M'ttelmeerländern dagegen sind die körnersammelnden Ameisen Angehörige der GattungMesior" eine wohlbekannte Er­scheinung, und ihre langen, zum Rest hinführenden Straßen, auf denen die dichtgedrängten Tiere, hin und her eilen und wie ein Perlenband m her Sonne glitzern, müssen auch dem Laien ausfallen. Betrachtet man io-che Straßen genauer, so kann man erkennen, daß die zum Nefieingang hrneilen- den Tiere stets mit einem Samenkorn beladen sind, das sie nut ihren Mund­wertzeugen, den Mandibeln, gepackt halten. Gräbt man etwas an den Resteingängen, io sieht man, daß sich verhältnismäßig nahe der Oberslache Vorratskammern befinden. Dort find die Körner ziemlich wahllos auf» gestapelt, oft vermischt mit völlig unbrauchbarem Material w,e Schnecken­schalen und dergleichen, ein Zeichen, daß die Ameisen sich bei der eiligen

Einsammelarbeit leicht irren können. Daun erst erfolgt die Sortierung, wobei sie eine ArtDreschen", ein Abstreifen der äußeren Hülle vornehmen. Schließlich liegen dann die so vorbereiteten Samen in denKornkammern" etwas tiefer aufgestapelt.

Man nahm zuerst an, daß die Ameisen die Keimung künstlich ver­hinderten, da nie eine solche beobachtet wurde. Eine zweite Meinung ging jedoch dahin, daß die erste Keimung nicht nur nicht verhindert, sondern sogar hervorgerusen wurde. Oft findet man nämlich in der Nähe des Nestes Körner, die dort in Keimung übergehen und bann von den Tieren wieder eingetragen werden.

Manchmal lagen auch um das Rest herunr auf den Absattstätten Haufen abgebissener Keimlinge. Dies galt bann als Zeichen dafür, daß die Ameisen ihr Getreide absichtlich einem Mälzungsprozeß unterwerfen d. h. die Körner erst einige Zeit keimen lassest, wodurch die Stärke in Zucker ver­wandelt wird. Ist ja doch alles Süße die beliebteste Speise aller Ameisen­arten.

Andere Arltoren nahmen noch kompliziertere Vorgänge an. Ue betau aber war man auf Vermutungen angewiesen, da. mich niemand gesehen hatte, daß die Tiere die Körner selbst, oder die aus ihnen hergestellten Produkte wirklich fraßeii.

Diese wideriprechenden Annahmen zu klären Ivar sofort mein Bestreben, als ich in Neapel und Ragufa aus diese eigenartigen Tiere aufmerksam geworden war und dann in der Literatur keine genügenbe Auskunft über sie erhalten konnte.

Es zeigte fick) aber bald, daß man sich nicht mit den einzelnen Jnstmkk- äußerungen begnügen durfte, sondern sich weitgehend in die Biologie und Psychologie dieser Ameisen, vertiefen mußte; denn oftmals gaben scheinbar abseits liegende Beobachtungen ben Schlüssel zur Deutung.

So brachte beispielsweise, erst das Studium der Bauarbeiten Ausschluß über die hier in Betracht kommenden Fragen. Diese Bautätigkeit ließ sich besonders gut in beiderseits mit Glaswänden versehenen, aufrecht stehenden Gipsrahmen beobachten, die von oben, unten und von der Seite nach Bedarf befeuchtet werden konnten. Es zeigte sich dort, daß derartig be­feuchtete Erdpartien bei uiibeschästigteu Tieren stets den Bauinstinft auslösten. War dies geschehen, so arbeiteten die Tiere äußerst fanatisch. Stundenlang wurden durchschnittlich alle zwei Mnuten von jedem Tier ein Steinchen oder Erdbröckchen nach oben befördert. Dieser Arbeitseifer machte auch vor Körnern nicht Halt, die ich der Erde beimischte, auch sie wurden in gleicher Weise mit hinausbesördert und auf die Absallshaufen getragen.

Beim Einträgen der Körner wareii die Ameisen nun ebenso arbeits­stetig wie beim Bau. Brachte man Insassen eines Nestes dazu, gleichzeitig zu bauen und zu sammeln, so kümmerten sich die einzelnen Arbeitsscharen niemals umeinander. Und da beide mit fanatischem Eifer schasste», konnte es vorkommen, daß die Körner gleichzeitig von der einen Arbeitsschar eingeschleppt, von der anderen heraustransportiert wurden.

Auch in den.Raturnestern läßt sich eine solche Sinnlosigkeit seststellen, wie Beobachtungen in Palma di Malloria zeigten. Da nun bei feuchtem Wetter gebaut und ausgetragen wird, geraten viele Körner mit Erde und anderem Abfall an die Restoberfläche, überwiegt dann bei Trockenheit die Tendenz, Körner einzutragen, so werden die Körner gekeimt oder un- gekeimt wieder ins Innere befördert. Eine absichtlicheMälzung'' des Getreides ist damit absolut nicht bezweckt.

Die weitere Verarbeitung ist dann komplizierter.

Der Sameninhalt wird nämlich nicht sofort verzehrt, sondern eM von vielen Tiereii gemeinsam, oft stuiidenlaug, zerkaut (Kaugefellschaft ). Auf diese Weise e,rtsteht dasAineisenbrot", das dann sofort, oder auch nach Deponierung verzehrt wird. Bei dem gemeinsamen Zerkauen, das sich auch bei tierischer Nahrung beobachten läßt, tritt reichlich Speichel aus; dies konnte unmittelbar beobachtet werden. Sowohl das Zerkauen, wie das Bespeicheln bewirkt die Umbildung der Stärke in Zucker. Zerquetschte Körner ergeben auch ohne Zutun der Ameisen nach einiger Zeit mit den üblichen chemischen Methode,i eine Zuckerreaktion, und in reinen Stärke­produkten (Makkaroni), die kurze Zeit von den Ameisen bearbeitet wurden, ließ sich durch dieselben Methoden ebenfalls Zucker nachweisen. Endlich tonnte auch noch unmittelbar festgestellt werden, daß in den Speicheldrüsen der Ameisen wirklich ein Ferment vorkommt, das Stärke in Zucker zu ver­wandeln vermag. . _,, , ... ±

Die Verwertung der Körner bei Messor gibt, wie zum «Schluß erwähnt sein mag, Hinweise dafür, wie wir uns die Entstehung der berühmten Pilzzuchten bei Atta-Ameisen vorzustellen haben. Bekanntlich stellen diese Insekten aus zerkauten vegetabilischen Substanzen ein Mistbeet her, in welchem Pilze wuchern, deren Knollen die einzige Nahrung der Tiere darstellen. Diese höchst komplizierten Instinkte konnten bisher eigentlich mit keiner einfacheren Gewohnheit minder hochentwickelter Formen in Zusammenhang gebracht werden.

Wenn wir aber jetzt wissen, daß die Messvr-Arten Samen einjchleppen und zu einer krümeligen Masse verarbeiten, die sie häufig nicht sofort gebrauchen, sondern ost erst einige Zeit deponieren, so ist nur ein kleiner Schritt vorwärts zu machen, um zu den Mistbeete,, von Atta-Ameisen zu kommen. Wir brauchen uns nur vorzustellen, daß auf solchen beiseite ge­legtenKrümeln" zufällig geeignete Pilze wuchern, und nun nicht mehr die Krümel, sondern die Pilze gesressen werden. Der weitere Schritt, daß dann auch pflanzliches Material eingetragen wird, das niemals dstekt zur Nahrung dienen kann, ist bei Messor ebenfalls schon angebahnt. Die Tiere schneiden nämlich oftmals Stückchen von Blättern und Stielen ab rind tragen sie ein, wenn sie in ihrer Sammelwut keine geeigneten Samen finden.

Wie aus dem hier Dargestellten hervorgeht, hatte der weise Kömg der Bibel recht, daßdie Ameise ihre Körner einträgt, und daraus ihre Speise bereitet". Die Moral von der Geschichte ist indessen nicht io einfach und eindeutig, wie sie Salomo wohl auffaßt. Die Ameifeweiß" nicht' was sie tut, und warum sie es tut. Sie handelt vielmehr unter dem Zwang, arbeiten zu müssen.