Ausgabe 
10.11.1928
 
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(Nachdruck verboten.)

(Schluß)

verantwortlich: Dr. Hans Thvriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.

Die ZilberLnsek.

Von Ewald Gerhard Seeliger.

dicken Tauen und Stahltrossen hatte man sie an die Pfahle des Ufers gefesselt.

Noch einen halben Meter mußte der Strom steigen, dann war es ihm ein leichtes das ganze inorfche Holzgerüst auf seinen Rücken zu nehmen und hinabzutragen.

Er mußte hinüberschwimmen!

Hilde würde es nicht zugeben, aber es war die einzige Rettung. Er stieg hinab. Durch den Stamm gedeckt haschte er nach ihrer Hand und flüsterte ihr ins Ohr:Ausharren, Hilde, ich bin bald wieder zurück!"

Ein langer Kuß, den er ihr auf die Lippen preßte, hinderte sie am Sprechen. Ste erriet, was er vorhatte.

Balthasar!" schrie sie auf und wollte ihn halten. Aber er riß sich los und sprang hinunter.

Hier holte er noch einmal tief Atem und warf sich in den Strom Die Smne drohten ihm zu vergehen, als ihn das Wasser mit gewaltiger Schnelligkeit dahinriß. Sein Herz begann zu rasen. Aber er zwang es 3ur Ruhe. Er gewöhnte sich bald an die reißende Bewegung nach vorn, uer Strom hob ihn und trug ihn, daß es ihm keine Mühe machte, an der Luft zu bleiben.

Balo aber sah er das Vergebliche seines Tuns. Während er eine Handbreit dem Ufer näher kam, hatten ihn längst die Wasser zwanzig Meter und noch mehr stromab gerissen.

Er gab das Schwimmen auf und ließ sich abwärts treiben, gerade auf die Brücke zu. *

. Verkehr stockte dort. Sie war gesperrt, weil man ihren Einsturz ^e.surchtete. Mit dicken Tauen und Stahltrosien hatte man sie an die

Und hatte er bis jetzt sehnlichst gewünscht, daß ein vaar Briickenbalken gegen tue Eiche aschwimmen möchten, schob er nun diesen Wunsch wie etwas Furchtbares von sich. Wenn die Eiche vor dem Anprall brach oder den Boden fahren lieh, so waren sie beide dem Untergänge geweiht.

Nach neuen Möglichkeiten zermarterte er sein Hirn.

Nichts ließ sich finden.

Nur eins: Ausharren!

Und Hilde lag in seinen Armen, ohne sich zu rühren.

Er glaubte ste schlafend, doch sie ruhte nur wie gebannt voil dem Latisck)en auf den näher schleichenden Tod.

Wenn er jetzt käme, plötzlich, unerwartet, und sie hinunterrisse in tue Tiefe!

Und ein wildes Verlangen regte sich in Balthasar. Er wollte sie noch tiefer in |eilte Arme reißen und sie trinken, in langen, hastigen Zügen, wie einen Todestrank. Durch den Taumel zum ewigen Schlaf

Hatte er nicht ein Recht dazu? In seinen Adern brannte das Blut, gepeitscht vom Verlangen seiner Jugend.

Und er beugte sich zu ihr hinab, und der Duft des jungen Körpers lockte und umschmeichelte seine Sinne.

Aber er küßte sie nicht. Es hielt ihn etwas zurück. Je heftiger das Be­gehren mürbe, um so stärker wurde das Gefühl seiner eigenen Kraft.

Und er wollte nicht den Tod, sondern das Leben.

Vom Kampf ermattet, suchte er mit der Hand einen Stützpunkt am 3oben ®r griff ins Wasser. Die Flut hatte den Wall der Insel erreicht und schickte die ersten Boten über ihren Kamm. Das Unterwasser stand noch bedeutend tiefer, und die Wehre donnerten noch immer im fürchter­lichen Gleichtakt.

Hilde!" rief Balthasar leise.

Sie schauderte zusammen und öffnete die Augen.

Wir müssen hinauf!"

Die Angst preßte ihr die Kehle zusammen, nur ein dumpfer Laut der Qual entrang sich ihrer Brust. Schlaff hingen ihrs Arme.

Komm, Hilde, komm! Ich helfe dir!"

Mit zitternden Händen griff sie nach dem knorrigen Stamm, ihre .Knie zitterten.

Ich kann nicht, Balthasar, ich kann nicht." Mit einem Wehschrei sank sie in seine Arme. Er hob sie und spannte seine Kräfte aufs äußerste an Endlich hatte er sie bis auf den untersten Ast gebracht.

Hier erholte sie sich etwas und stieg mit seiner Hilfe weiter bis zu einer Astgabel, die ein bequemes Sitzen ermöglichte.

Eben ging die Sonne auf.

Wir müssen sterben!" flüsterte Hilde tonlos und lehnte sich geschlos- senen Auges gegen den dicken Stamm. Ihre im Schoß gefalteten Hände waren we,ß und bebten wie im Fieber. Auch aus ihrem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen.

Balthasar wollte höher hinauf, um Umschau zu halten.

Richt fort! Bei mir bfeiben! Ich falle!"

Doch Balthasar beruhigte sie, bettete ihr Haupt auf seinen weichen >Hlz, riß seinen Rock in Streifen, die er zu einem haltbaren Tau zu- mmmentnotete und band sie damit fest an den Stamm. Jetzt erst rannte sie wieder die Augen zu öffnen Doch die ungefesselte Wut des Stromes, der unter ihr tobte, warf sie sofort wieder in lähmendes Grauen zurück.

Mut, Liebste, und ausharren. Die Eiche hält." Da gab sie mit schwachem Druck seins Hand frei.

Er stieg zum Wipfel.

Nun war der Strom nichts weiter, als eine glitzernde hinabgleitende Evene. Die beiden Wehre waren verschwunden, die Silberinsel bis auf einen kleinen Kreis um den Fuß der Eiche, und vom Damm zur Stadt spannte sich die weißgelbe brodelnde Fläche

Kein Boot, kein Retter weit umher. Die Pioniere waren längst in den Dörfern am Unterwasser, die stets am meisten von den Ueberlchwem- munaen zu leiden hatten.

,Unb hier oben wurde das, was lange in seinem Innern gärte, zum Entschluß.

. Nur ein einziger Mensch war auf der Brücke, zwei Pfeiler nach der» ! P!C1,3U' ^U5 Vrust löste sich ein wilder Schrei. Der Marn

| horchte aus, erblickte ihn, schrie auch und warf ihm einen Rettunasrln» zu. Allein Balthasar war längst durch die Brücke gerissen worden und der Äorkrmg schwamm weit hinter ihm her ' un°

Die Leute am Ufer hatten ihn längst aus dem Gesicht verloren und begnügen, nach der nächsten Station eine Depesche S senden, daß em Mensch unterwegs fei. äU

^iter ab Seine Kräfte verließen ihn allmählich.

Nicht weit vor ihm her schwamm ein alter, halbverdorrter Weiden, stamm vorbei, auf den strebte er zu. n

Aber das Holz machte schnellere Fahrt, als Balthasar. Gewaltig arikk ni-aim'mfUm>e>S 3t! erhaschen. Und obgleich die Entfernung nicht mehr Leben ter betrug, wurde es doch eine lange Jagd auf Tod und

Zweimal war er nahe daran, zu versinken, nur der Gedanke an Hilde 3,! Kraftanspannung an. Das Blut wich aus den Finget bedrängte das Herz. Schweiß rann ihm von der Stirn, aber er strebte vorwärts. Es war ihm, als hinge an dem Weidenbaume seine inettung.

endlich erreichte er ihn. Er war nicht imstande, hinaufzuklettern

Erschlafft hing er zwischen den Aestep. Die Arme versagten ihm den Dienst, und nur mit den Zahnen konnte er sich festhalten.

Unb io trieb er stromab, hundert Meter um hundert Meter, und sai> '"cht rechts und nicht links, nicht vorwärts und nicht rückwärts. 9 über den Nacken hielt er steif und die Zähne zusammengepreßt. Es kamen ja noch andere Brücken, und einmal mußte man ihn ja zemg genug bemerken. ' 1

Unb Hilde?

Da entflammte feine Kraft aufs neue. Er zog sich auf den Stamm b.naus und hielt Umschau. Mitten durch den Wald der weit unterhM der ätnbt lag, führte ihn. der Strom.

Er ritz einen Zweig vom Weidenbaum unb schwenkte ihn schreiend über dem Kopfe. Keine Stimme, die Antwort gab, nur ein großer Raubvogel schwebte lautlosen Fluges über bem Strom.

Hin unb her wand sich der Strom, unbewohnt die Ufer, meilenweit die Damme entfernt.

Plötzlich schaute Balthasar auf. Da tagen mitten im Wasser drei be­mannte Boote, und zwölf schwingende Ruder in jedem boten der Strö­mung Trotz.

Balthasar schrie unb schwenkte seinen Zweig. Er hörte ein lautes Baumes 0' Unb eil15 ber Boote steuerte gerade in die Richtungslinie des Er griff nach dem Bord des Pontons, unb zehn Hände auf einmal rissen ihn aus dem Wasser.

Es waren die Pioniere, die durch die Depesche gerufen waren, mitten tm Strom eine Wache aufzustellen.

Balthasar fuhr hastig in die bargereichten Kleider, sog an der Flasche, die cym ein Gutmütiger an die Lippen hielt, und hatte dabei nur einen Gedanken: Hilde!

Ich muß nach der Stadt!"

Wirb wohl keine Eile haben", meinte brummend der Unteroffizier. Ich muß!" schrie ihn Balthasar an. daß er erschreckt zurückwich. Na, dann lauf, der Damin ist noch ganz."

Unb Balthasar lies, wie er ' noch nie in seinem Leben gelaufen war, mit hungrigem Magen, mit bloßem Kopse, in Stiefeln, die ihm zu weit waren, immer auf dem Kamme des Dammes am Wasser entlang. In weniger als einer Viertelstunde hatte er den großen Wald durchquert. Dörfer schwanden in seinem Rücken und neue tauchten vor ihm auf.

Nach dem tiefen Stand der Sonne zu urteilen, konnte es noch nicht über sieben Uhr morgens fein.

Schon glänzten die Kuppeln der fünf Kirchtürme des Städtchens durch das Grün der Bäume. Dann sah er die alte, dickkövfige Brücke, die noch immer zusammenhielt. Er ließ sie rechter Hand liegen und stürmte auf die rote Mühle zu. Bis an die Knie reichte ihm das Wasser im Muhlenhofe, er watete hindurch und wollte nach dem Müller rufen.

Aber die Stimme versagte ihm den Dienst. Erschöpft lehnte er am Moste» der erhöhten Haustür. Ein Mühlenbursche lief nach der Mühle. Der Müller", keuchte Balthasar.

Da kommt er schon."

Als Moritz Kraufe Balthasars ansichtig wurde, wußte er nicht so- fort, ob seine Wut ober seine Verwunderung größer sei; jedenfalls sagte er kein Wort.

Hilde ist auf der Silberinsel", stieß Balthasar, lallend vor Schwäche, noch heraus, dann brach er bewußtlos zusammen.

Einen Augenblick zögerte der Müller/ dann hob er Balthasar auf, trug ihn in fein Zimmer unb gebot feiner Wirtin, ihn zu Bett zu bringen.

«Der Kerl ist total verrückt", murmelte er, als er an Hildes Zimmer klopfte.

Als er aber keine Antwort erhielt, wurde ihm bonge, und kurzerhand stieß er die Tür auf.

Hildes Bett war unberührt.

Da schrie er laut nach feinen Leuten, sprang mit ihnen ins Boot unb stieß hinüber, um seine Tochter zu retten.

Ms er ihre Bande löste und sie mit starkem Arm emporhob, da flüsterte sie lächelnd und glücklich:Balthasar!"

Balthasar Bubke aber lag im Beit und mußte sehr heißen Fliedertee trinken. Und er träumte darauf, er wäre im Himmel und Hilde sei ein Engel geworden mit glänzenden Flügeln.

Daß sie aber wirklich an seiner Seite war, das merkte er erst, als Moritz Krause die Tür von draußen leise ins Schloß gezogen hatte, und Hilde mit lautem Freudenschrei ihm an die Brust sank.