Ausgabe 
10.11.1928
 
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Vdich in tröste dich, du

Tausendjährige Kalender.

Von Professor Dr. Ernst Küster, Gießen.

VßampJ raffte sich zusammen; er hatte gefährlichere Stunden des Lebens hinter sich gebracht.Halten zu Gnaden: es ist ein Hahn. Cr maate leise zu lächeln.Ich kaufte ihn auf dem Markte.

So hat Er einen frivolen Scherz mit mir treiben wollen. drohte der "Magister, den nur die Rücksicht auf seine Gaste in Schranken hielt.

Halten zu Gnaden nein! ... 3d) wollte Euer Gnaden nur helfen. Er stand stramm wie bei einem Appell norm- König selbst.

Kant zuckte die schiefen Schultern, Hippe! mischte sich cm.Red Er

Lamve faf) ihn dankbar an.Der Nachbar kst unbelehrbar, Ihr Herren. Er hält seinen Hühnerhof für wichtiger als die Buchschretbereien d ^ Herrn Magisters. 3d) kenne den Herrn Magister halten zu Gnaden! ... Id) dachte mir, der Herr Magister wird das Krähen nicht mehr Horen, wenn er glaubk, den Kräherich verspeist zu haben halten zu ^Scheffner lachte. Hippel sagte milde:Schau an, Er ist ein Psycho- logus! Man sich aber nicht gerade seinen Herrn zu seinen Experimenten aussuchen!"

Lampe fühlte Wohlwollen.Ich wollte dem Herr» Magister doch nur helfen " suchte er feine Position zu verbessern,weil es doch nicht anders n9 Er löste seine mMärische Lhattung versuchsweise und schielte nach

seilenden Frühlingsrege» heim, nachdem er nod) die beiden Freunde des fvrrn Maaifters zu dem opulenten Hahnenschmaus geladen hatte.

? ®i*efe tete gern bereit, die heitere Gastlichkeit des etzfre^igen Ma- Atfiorr in -?lnfnrud) xu nehmen, fanden flch punfthd), un^ ach^ UJ)i itn ^obenicht ein. Ein Leckerer Bratendlist durchzog das enge Stockwerk, und die Verstaubcheit der Bouteillen auf dem Tisch hätten G» schon gezeigt, daü dieser Abend .besonderen Anlatz haben muhte, wenn nicht Kant, nach­dem fid) die drei bequem um den ovalen Tisch gruppiert hatten, zu et

Lieben ^Freunde," so perorierte er die einigermaßen Verdutzten, lieben Rreunbe ein Tag der Freude bewog mich, tote zu mir zu laden. st,n ^»ind ber mich seit Wochen heftig bekriegt hat, unzulänglich icglicher Humanität und nalurrechilicher Vereinbarung, ist blutig geschlagen wvr- M Er inachte eine kunstvolle Pause. Scheffner und Hippel begannen 3U ^D^u Hahir," holte der vielbelesene Magister pathetisch aus, ,M ein Tier' das in der Geschichte der Menschheit eine nicht unwichtige, ,a I)mbol- h-rste Nolle gespielt hat. Lehnen wir auch den Offenbarungsglauben als wider die Vernunftzwänge gehend ab, so wollen wir uns der empirischen Tatsache nicht verschließen, daß es ein Hahn war, der jenem hunger Betrus zum Anstotz ward, das in sich zu produzieren, was wir als bas böse Gewissen zu bezeichnen uns feit langem gewohnt haben. Ergreifender allerdings noch dünkt mich das Gedächtnis des weifen Sokrates der ster­bend feine Freunde bat, ihm nach feinem freiwilligmnfreiwilligen -lb- nicht^lieben Freunde! Dieses Stüblein ist kein atheni­sches Gefängnis, und ich will keineswegs den Giftbecher trinken, vielmehr mit Ihnen zu guter Gesundheit diesen edlen Wein von Rüdesheim m mich lullen, in der Hoffnung, noch recht lange zu Nutz und Frommen der Gelehrtenwelt meine befd)eibenen Ideen vortragen zu dürfen. Ich bitte Sie aber auch mir, dem zwar nicht Toten ober auch nur Moribunden, vielmehr 'seit heute mittag froher denn je Lebenden, cm Hahnenvpfer zu

brBort unten" - und er erwies mit großer Geste durch das Fenster | wm Nachbargrundstück hindort unten wohnte, hauste und krähte er. Störte meine Ruhe und Arbeitskraft, tagtäglich mehr, so daß meine ge­samte Ideenwelt ihre zwar nicht prästabilifierte, aber dock) wimer wieder zu stabilisierende Harmonie zu verlieren drohte. Dem biplomutischen Ge­schick des alten Kriegers Lampe" - der zuckte, eben die Schuß A mit dem Äfeudodahn hereintragend, zusammen und segnete die Einrichtung des Himmels, daß Hähne mit Untergang der Sonne ihre «tangs aufzusuchen pflegen ,isi es gelungen, den Störensried meines denkerischen Ruhe­bedürfnisses käuflich zu erwerben. Ich bin ehrlich genug, es einzugestehen, ich fühle eine fast tannibatifd)e Genugtuung, dich' und damit tippte ci I mit s-eaerischem Zeigefinger dem bräunlich schimmernden und knusprig I bu tenben Geto bes wirklichen Störenfriebes auf die Stelle, an der der schmetternde Klang seiner Stimme zu entstehen pflegtedich m diesem für dick) traurigen Zustand vor mir zu sehen. Ader nosic lich, du bist nicht mehr mein Feind! Du wirst befler in mein Blut e ngehen bisher Auiaelöst in feinste Atome, wirst du mein Hirn spesien unb nähren, dem du so oft unütz und frevelhaft Kräfte zerstört hast. R>e mehr . wirst, du krähenderweise---"

Unb da geschah das von Lampe nicht Vorausgesehene, cher Rachbar hatte am Abend ein Gerät im Garten liegenlassen. Mu einer ßaterne versehen suchte er es. Der Hahn fuhr aus dem Schlaf, hielt bie ~aterne für die ausgehende Sonne, eine Sinnestäuschung, die man der n.runken- heii seines ersten und bekanntlich tiefsten Schlummers zugute rechnen muß und krähte. Krähte kräftig unb morgenfreubig, krähte schmetternd und setzte sein Bemühen, die Welt von einem neuen ~age zu Überzeugen, um so heftiger fort, als sein Hühnervolk, mit besserem apriorischen Zeit- gesühi ausgerüstet als er, keineswegs daran dachte, eine e.allaterne für

Dem klÄnen^Magister ^blieb das Wort im Halse stecken. Hippel und Scheffner sahen erstaunt von dem Redner auf den Hahn, von dem Hahn auf Lampe, von Lampe auf das Fenster.

Lampe," hauchte Kant, der sich gefaßt hatte,Lampe, was be- i,CU8ampc?fieUte zögernd die Schüssel mit dem SieUvertreter auf den Tisch. Er zitterte leicht und dachte an die Schlacht von Kunersdorf, bei der er wie nie vorher in feinem Leden das fliehen gelernt batte.

Der Nachbar hat sich, fcheint's, bereits einen neuen Hahn gefault , versuchte Scheffner die verlorene Sage des Dieners zu retten

Ader Kant war nicht gesonnen, diesen Streich ungerochen über sich ergehen zu lassen.Sehen Sie sich ihn an, den Monsieur , intrimtmerte er? ,So sieht bas leibhaftige böse Gewisfen aus. So sah jener Petrus aus, damals, als der Hahn in Jerusalem krähte. Lampe, Er hat mich betrugen ,vollen! Lampe, ich bin völlig konsterniert! Lampe, was ist das für em

berechnete Hoffnungen erwecken - um Kalender handel, ch s- "Sw» »y« sssgtg zu erforschen, de» Zusammenhang zwischen der ^'"erung u. 'Lt: welchen Geschehnissen, deren Spur unverwischbar durch sehr lange I- räume fid) bis auf unsere Tage erhalten hat, so öuvcr a »- SU e

i daß wir aus irgendwelche» Befunden, die uns in angst enlWw I Zeiten zurückführen, Rückschlüsse auf irgendwelche Witterungstalapr

^^EGe°solch/ Möglichkeit scheint in der Tat gegeben zustnn.

| Es ist b7kannt, daß die Bäume unseres Mma- aUzahrlich u chreE fmlre enen neuen ringförmigen Zuwachsstrelfen zu Der ucreu» früheren Jahren her vorliegenden Holzmasse hinzukoimnen .ß

I [nn Jahresring der auf jedem durch einen Baum gelegten Qucrs.-). .

| verkennen ist Es wechselt breite, deutlich sichtbare Rn'ge >n t dM«M i uud ungleid)mähig entwickelten. Wir wissen, daß stuach de ntlj, I eines Baumes (eine alljährliche Holzproduktion versche e J ^||( fallen kann: Breite Jahresringe lasten au gutßn Treckci'- schmale Jahresringe auf ungünstige Zeiten auf Rieben gr ß fln6ere

I beit auf Jahre, in welchen einem Baum durch 3nfettcntraB Faktoren übel mitgespielt worden ist. Die Regelmutzigk Wallung der Baum Ring auf Ring baut gestattet uns, vom Jahre 3ül;rc

ober seinem Tode an zuruckzuzahlen unb zu ermitteln, in eiw ^ hlt Zeiten des Mangels für ihn fielen, und in welchen anderenomn,en Bedingungen der Außenwelt ihn zu üppiger dewe^produMon^ ließen. Mit Recht hat man den Baum und fein Jahresrn gj )!! ^j!tcrulig ungeschriebenes Archiv bezeichnet, in welchem Bericht uver und Katastrophen über Zeiten reichlicher Ernahrung u iitfrcid)en, berichtet wird. Ein solches Archiv kann viele hundert Ja^e zui: wirb,

bis schließlich die Zeit auch einer o widerstandsfähigen J«!! -JrAaiK!* wie es das Holz darstellt, und mit feinen Gewebelagen das ruai

| Kalendarium verfällt, das wir uns von ihm versprachen.

^Der'war in ein Nachdenken versunken. Hippel unb Scheffner sahen Nd, an rmb schwiegen. Lampe wischte sich den Schweiß mit dem Aerme von der Stirn? Als der Magister immer noch nichts sagte, winkte Hippel SQ SamlT wg"sA° au?Zchenspitzen zur Tür zurück Als die Türklinke tÄrSÄWÄ »

war jener" unb er deutete in den Garten hinabwo war jener den Tag über?" . .

3m Hof wie immer, Euer Gnaden!

"Sag Er: hat Er denn nicht gekräht?

Immerfort!" Und Lampe fetzte mit dem Wißen- des m diesen .mngen Erfahrenen anfklärend hinzu:Bei diesem W s-,öcbkt ieliiam'

Ennl wandte fid) seinen Freunden zu.Seltsam! ... Hocytt leiqam. 3* habe es in der Tat nicht gehört. Das heißt: ich habe es Horen msisstn. 'llber ich habe es nicht apperzipiert ..." Unb er versank erneut in Wweftertannte, bah dies ein günstiger Moment war, aus dem Rimmer m entkommen. Hippel griff zu dem Tranchiermesser und begann den unglücklichen Stellvertreter zu zerlegen, während Schefsner nach alter

aus den Römern flieg, tarn i d^«eine g*® ®i?men?SierliSer,nalsrcrlfon|

I L »sle'ate lieben Freunde, neben Petrus unb Sokrates mache ich M-MSMWM

toiSÄLi ä'ä« «»,«<» We wirb wohl ein wenig länger dauern als einen -benb.