Ausgabe 
10.7.1928
 
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sitäts-Duch. und Steindruckerei, D. Lange,

Dcranlwortltch: Dr. Hans Thyriat, Druck und Verlag: Brühl'sche Univer

genz der deutschen Ingenieure, während sie sich natürlich die Erd- und Maurerarbeiten, aber ihren eigenen Fabriken auch die Herstellung jeglichen Werkzeugs und die Konstruktion der Turbinen und aller Maschinen vor- behalten haben, obgleich nach der Aussage des Oberingenieurs die russische Fabrikation um vielfaches teurer sei als die deutsche. Es kommt Sowjet nicht auf den Preis, sondern auf die Förderung nationaler Arbeit, koste sie, was sie wolle, an.

Mschet: Bei der alten georgischen Königsstadt Mschet mit ihren außer, ordentlichen baulichen mittelalterlichen Denkmälern tvird an dem Fiujse Kura eine große Wasserkraftanl-we durch, ich glaube, die Firma Sie- mens & Halske gebaut. Aber die Russen mieteten nur die fachliche Jntelti. genz der deutschen Ingenieure, während sie sich natürlich Maurerarbeiten, aber ihren eigenen Fabriken auch die Hersti

Fahre hin, laß sie ab», sagte sie.Dann tvird's nichts aus sich haben. Was ist über dich gekommen? Kanntest ja sonst keine Furcht, und bist letzt so eingeschüchtert.» _ r , ,

Verloren bin ich,» rief er,er hat mich besiegt. Du aber mache, daß du fortkommst, so lange bu noch heil bist, dein Verstand reicht dazu nicht au§.

Und er stand nicht auf.

Am Morgen erhob er sich, er beiiahm sich wie früher aber das war nicht mehr derselbe Michail Ssemjonowitsch, eine Ahnung trübte seine Seele. Allmählich wurde er tiefsinnig unb kümmerte sich um nichts mehr. Immer sitzt er zii Hause. Seine Herrschaft war nicht mehr von langer Dauer. Wahrend der großen Sommerfasten kam der Gutsherr. Er läßt seinen Ver­walter rufen. Der Verivalter, berichtet man ihm, sei krank. Anderen Tages schickt er nach ihm, unb wieber ist er krank. Als ber Gutsherr in Erfahrung brachte, der Verwalter habe sich dem Trunk ergeben, entsetzte er ihn seiner Stelle. Von nun ab lebte Michail Ssemjonowitsch bei dem Gesinde ohne Beschäftigung. Sein Tiefsinn nahm zu, er verlumpte ganz und gar, was er besaß, chatte er vertrunken und jetzt erniedrigte er sich so weit, daß er der Frait ihre Tücher stahl unb in die Schenke trug. Sogar die Bauern hatten Mitleid mit ihm und gaben ihm zur Entnüchterung ein Schlückchen. Kem Jahr war vorüber, als er am Trunk elend zu Grunde ging.

Reise durch Rußland.

Tagebuchblätter von Joses Ponten.

Fahrt auf der Wolga: Prachtvolle Wolgadampfer, die wohl das Behaglichste an Flußfahrt auf der Erde bieten! Nur Nil unb Mississippi mögen ba mit der Wolga halten. Der Russe macht eine Reise des Aus­ruhens auf einem solchen stillgehenden Dampfer zwischen den in ungeheurer Eintöitigkeit neben dem breiten Strom sich entrollenden Ufern, von denen fast ohne Unterbrechung das rechte hoch, das linke flach ist, von Nischni- Nowgorod ans, unb braucht für die Flußfahrt stromab zu Tal bis Astrachan au der Kaspis eine Woche. Dann kehrt er auf demselben Wege zu Berg zurück und braiicht um die Hälfte oder das Doppelte mehr. Als was für ein beicheidener Fluß erschien mir auf der Rückreise der Rhein, als was für ein Flüßchen die obere Donau, als was für ein Bach der Marn! Em solch großer Wolgadampfer,Kraßnoarmist":Rotsoldat» heißt der unsere, ist in vier Klassen eingeteilt. Die Reisenden der untersten Klasse liegen irgendwo im Laderaum auf den Säcken unb zwischen ben Fässern oder draußen am Umgänge des Kahns, die der dritten haben unten nackcholzerne Massenquartiere, die der zweiten sind oben im Tom des Schisses nach hinten in zivilen Quartieren mit guten Kabinen untergebracht, und die der ersten nehmen oben unb vorn im Schiffsdom die schönsten unb weitesten Räume ein. Die erste Klasse ist schwach besetzt, mir scheint, es reisen be,anders viele Regierungsbcamte in ihr, unb wenn man sich auf bem breiten Prome­nadendeck in rechter Lust unb Weitschweifigkeit ergehen kann, so schaue ich nur heimlich unb nicht ohne Scham unb in Furcht, von unten gesehen zu werden, in das dichtgestopfte Vorschiff hinab, wo die reisende Welt des Volkes geduldig liegt, ergeben schlaft oder melancholisch über den melancholi- schen Strom hinausjingt. Mir will diese Ordnung auf dem Schisse natürlich tvenig zum kommunistischen Programm passen, aber vielleicht nur, weil ich davon eine primitiv-idealistische vorgefaßte Meinung habe, es mag eben auch den Grimdsatz Leistung für Leistung nicht entbehren wollen unb können. Freilich lasse ich mir sagen, baß ivähreub der ersten Jahre der Revolution der Unterschied der Klassen auf den Schiffen aufgehoben sei, daß aber die guten Klassen der Schiffe bald in einem Zustande gewesen seien, der eine Gleichheit auf einem unwillkürlich unteren, nicht auf einem erstrebt höheren Fuße dargestellt habe. Darauf habe man die Ordnung tu drei oder vier Klassen wieder hergestellt. Ich weiß es nicht, ich bin nicht dabei gewesen, ich verlasse mich auf den Gewährsmann, und sage, daß die Wanzen, die man heute auch in der ersten Klasse finden kann, nicht unbedingt aus jener Zeit des Versuches stammen müssen.

Astrachan: Die Regierung gibt uns ein Bankett. Bei diesem Essen gibt es wie immer viele, viele Reden. Essen und trinken tun die Russen gern, reden aber wohl noch viel lieber. Immer wieder kommt in den Reden zum Ausdruck, namentlich von russischer Seite: als Fremde trafen wir uns, als Freunde scheiden wir. Das hat einen besonderen ©tun, wenn man hört, daß der weitaus größte Teil von uns Deutsche sind. HinterWieder Rede spielt eine von Nationaltemperament unb Wem befeuerte Musik­kapelle rauschend und wild auf schmetterndem Bleche die Internationale. Aitch äußerst zivil und urban höflich sind unsere meist doch dem Arbecter- und Soldatenstande entstammenden Gastgeber, unb bet struppige, nicht nut wegen seiner roten Gesinnung rote Arbeiterrat, bet zu fortgeschrittener Zeit, als bas Fest tauscht unb tobt, meinet Ftau mit offenkundigem Be­mühen nach Fotm, wenn auch nicht mit ganzem Gelingen, die Hand küßt, bleibt mir in heiteret Erinnerung. Das Fest findet feinen Abschluß in tiefet, warmer Südnacht, als wieder einmal ein Arbeiterrat, der auch noch seinem Überdränqten Herzen in einer offenbar feurig angelegten Rede Lust machen muß, eben die Begrüßung:Gaste, Freunde und Genossen' tn den kory- Lantischen Taumel des Festes hineingebrüllt hat da fällt bereits die janitscharisch schmetternde, beifallsammelnde unb segenspendende Musik mit der Internationale ein, und in harmlosem Gelächter übet das verdutzte Gesicht des wackeren, nicht zu Stuhl gekommenen Arbeiterrates strömt alles auseinander, als schon die klaren Sterne des über diese Breiten aus­gespannten, schon einige südliche Gestirne beherbergenben Himmels zu bleichen beginnen ....

Tiflis: Auch hier beachtet bie Presse uns mit Aufmerksamkeit und Höf- lichkeit, unb sie notiert mit Eifer, was bie Professoren Soundso und ber Dr. Ponten in nachgesuchten Interviews über den gegenwärtigen Zustand Rußlands sagen, namentlich bie kommunistischen Zeitungen interessieren sich außerordentlich und patriotisch-leidenschaftlich für diese Urteile, tn denen es von unserer Seite natürlich nicht an ber gebotenen unb wohl auch er­warteten, international üblichen Höflichkeit fehlt.

Batum am Schwarzen Meer: Ein Beispiel von tommuniftijttjet Beamtenmoral: An ber Eisenbahnsperre, bie ein kleines Labyrinth ist. Ich bin vorweggegangeii, habe mein Gepäck mebergesetzt unb reiche Üb« die Schranken zu meiner Frau bie Hände hinüber, um ihr ihr Gepäck ab- zunehmen aber das ist offenbar ungesetzlich, ein energischer und ent- schlossen aussehender Schalterbeamter sieht eine stramme, moderne kom­munistische Disziplin durch mich verletzt, er sperrt mich kurzerhand in ein kleines Schrankeugefängnis nebenan ein. Alles Protestieren hilft nichts, er würdigt mich keines Wortes. Ein Trinkgeld, das überall in ber Welt unb auch im heutigen moralisch-entschlossenen Rußland noch Zauberkraft hat, diesem moralischen Erzengel anzubieten, möchte ich nicht wagen, ich muß halb Borderasieit mit Kisten, Säcken, Tönnchen, Fischen, lebenden und toten Hühnern, Sägen, Möbelstücken, eine kleine halbe Stunde an mit vorbeipassieren lassen unb bann werbe ich abgeführt. Bor dem Stations- tommanbanten erklärt ber Beamte in festen Worten mein Verbrechen - aber es wäre selbst in ber kommunistischen Zentrale in Moskau keines gewesen, ich liebe es nicht, bie Gesetze des Landes, in dem ich reise, zu ver­letzen ich werde durch Diktat des Koc Mandanten zu 2 Rubel Strass verurteilt. Aber ich bin nun gereizt, id> eile mich taub unb russisch nicht verstehend, obgleich bie Bezeichnung für J Rubel sehr einfach unb bas Wort Strafe im Russischen ein Frembwort aus bem Deutschen ist.Er soll gehen», sagt ber Kommanbant zum beutlidjen Slerger bes braven, gesetzlich gesinnten Kommunisten: vielleicht hat alletbmgs auch ber vorgezeigte 'Sonderausweis ber Moskauer Volkskommissariats für Bildung, desAar- komprozeß», ioie die amerikanisch abgekürzte Titelbezeichnung heißt, getonft.

Auf dem Schwarzen Meere: Die Seefahrt nach Nvworossisk ist kein Vergnügen. Das Schiff ist sehr klein, es ist ein ehemaliger Küstendampser, der früher nur ben Lokalverkehr versah, jetzt aber, feitbem bie großen, russischen Dampfer ber Schwarzmeerslotte, von Wrangel entführt, in Bizerta bei ben Franzosen verfaulen, ben großen russischen Schwarzmeci- bienft tun muß. Der Dampfer ist so überlaufen, baß man lauern muß, ob ein Platz auf ben Bänken an Deck frei wirb unb sich schleunigst auf ben noch vom Vorgänger warmen Sitz verfügen muß. Alle Schrecken bet Seekrankheit herrschen an einem stürmischen Tage bei ben vielen Kindern unb Frauen. Der Dampfer ist jetzt in bet spatsommerlichen Jahreszeit wohl beshalb so überfüllt, weil bie berühmten russischen Kurorte an bei politischen unb kolchischen Küste sich von Besuchern entleeren. Es sind, scheint mir, heimfahrenbe Sowjetbeamte, Schauspieler unb anbete Leute, bie in ben großen nationalisierten Hotels von Gagry, Sotschi u. a. ihren Staatsurlaub verbrachten.

Die Steppe: Von Nvworossisk geht es in zweitägiger Eisenbahnsahck durch bie Kubansteppe (in bet ich leibet bie landwirtschaftliche Krupp- Konzession nicht sehe, denn die Maiiytschnieberung kreuzen wir bei Nachh über Jekakerinodar,Katharinas Geschenk", das heute Kraßnoarme,ez, Notsoldatenstadt", heißt, zurück an die Wolga. Die lange Eisenbahm-P in dem seht bequemen Zuge ist ein Spaß, man ißt Krebse, die man ptzind- weise an ben dörflichen Haltestellen billig lauft, trinkt Wem aus ber Stirn ober dem Kaukasus, meist Probukt bet Deutschen, dazu, bet in Rußland sehr teuer ist, beim Wein wirb offenbar als unproletarischer Luxus ausgeM und kann leben. Der Wagenschasfner jeder Wagen hat seinen eigenen Schaffner macht den Diener, unb es ist überhaupt m Rußland gut teilen, freilich das Rübelchen muß man auch heute locker sitzen haben. In dicht Steppe an ben kleinen Bahnhöfen hocken die Russen», bie Kolonisten- und bie Kalmückenweibet, in strenget Dehnung übrigens auf einer bestimmten Linie gehalten, jede ihr Kramlädchen vor sich, bas oft nur aus einem ge­bratenen Huhn, einem kinderfaustgroßen Klümpchen Butter oder einem K besteht. Die Arbuse, die Wassermelone, die in Moskau noch einen Ham» Rubel und an der Wolga noch zwanzig oder zehn Kopeken fleloftet ba, kostet hier drei oder auch zwei Kopeken, also vier Pfennige, es ist Y » ein außerordentliches Arbusenjahr. Aber wir smd auch der Atbusen M und so lasse ich mich von den ftumitten Blicken des alten KalmuckcnmuM chens nicht rühren. Als sie sieht, baß sie für ihren rührenden Großhmd« keinen Käufer finbet, nimmt sie bie Arbuse auf bie erhobene Hand trabt im Abenbschein zurück in die Steppe zu ihrem, wer weiß, w,e entfernten Dorfe. ,

Es ist ein großartiges Bild, wie das eine Weib mit ber emen w l vor bem roten Abend über dem geraden Horizont steht und emsam m Steppe verschwindet.

Tolstois Wohnhaus in Moskau: Tolstois blockernes Stadthaus «« Holz im Stadtviertel draußen vor bem Tore Moskaus an unserer Brücke ist bas letzte, was wir in Rußland besuchen. Merkwürdig, in manchen Dingen, an bie wir heutigen Europäer Anforderungen.^ also bie bet Leibespflege, die vornehmen Russen lebten imdwoyi leben. Freilich, wenn man an Goethes Waschkümpchen m jemetn in Weimar denkt! Aber mit Ehrfurcht stehen wir m des Dichte» bem öertoilberten Garten hinaus gelegener kleiner Arbeitsstil« , Ehrfurcht auch geht man burch bas Tolstoi-Museum im Junern wo eine Verwandte Tolstois, eine aristokratische Dame, tnSrfet Sitte wie ein Schatten aus vergangener Zeit durch die maiu unb bie von ihrem hohen Verwandten herrührenden Andenken e