Ausgabe 
10.7.1928
 
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alls panoranlisch zu umrunben. Sic.können aufbrennen in die Höhe des Geistigen und ebenso im Dunkel der Seele hellsichtig schweifen wie im oberen Reich. Sie haben Gut und Reinheit genug, diese Funkkristalle, um in Ekstase zu Gott emporzublicken, und haben den Mut, selbst dem Nichts, dem mebusischen, prüfend in das versteinernde Antlitz zu sehen. Nichts wird diesem Auge unmöglich, nur eines vielleicht: tatlos zu fein, zu dösen, zu dämmern, die reine ruhende Freude, das Glück und die Gnade des Traums. Denn zwanghaft muß, kaum daß das Lid sich auftut, dieses Auge auf Beute gehen, unbarmherzig wach, unerbittlich illusionslos. Es wird jeden Wahn durchstoßen, jede Lüge entlarven, jeden Glauben zertrümmern: vor diesem Wahrauge wird alles nackt. Furchtbar darum immer, wenn er diesen stahl­grauen Dolch gegen sich selber zückt: dann stößt seine Schneide mörderisch hart bis ins innerste Herz.

Wer ein solches Auge hat, der sieht wahr, dem gehört die Welt und alles Wissen. Aber man wird nicht glücklich mit solchen ewig wahren, ewig wachen Augen.

Tolstois Flucht.

Von Philipp Witkop.

Im Verlag des Volksverbandes der Bücherfreunde erschien die schöne Tolstoi-Monographie des Freiburger Universitätsprofessors Philipp Witkop. Er hat sich in diesem Werk, neben der Darstellung des äußeren Lebensverlaufs, die Aufgabe gestellt, den inneren Zwie­spalt Tolstois zu gestalten:den Gegensatz von ungebändigter Natur und fremd übernommener Geistigkeit, Leibeigenschaft und Zivili­sation." Wie dieser Kanrpf in seinen letzten Lebenstagen, da Tolstoi Jasnaja Poljana fluchtartig verlassen hat, erlischt, mag das Schluß­kapitel dieses Buches zeigen.

Das ist der tiefste Sinn dieser Flucht: Tolstoi mußte der Menschheit sein Bild als Vorbild vollenden, den letzten Akt seines Lebensdramas gestalten, den Helden zur Einheit und zum Siege führen.

Die weitere Verwirklichung war ihm kaum deutlich. Sein Arzt und Jünger Duschan Petrowitsch Makowitzky, begleitete ihn. Beide zusammen hatten nur zweiunddreißig Rubel mitgenommen und planten, über Rostow, Odessa, Konstantinopel nach Bulgarien zu reisen. Ein Traum von welt- ferner Rückkehr zur Matur und zu Gott umschwebte ihnwie die Inder ungefähr mit sechzig Jahren in den Wald gehen" indes schon die Spitzel, Reporter und Photographen seinen Spuren folgten.

Bemüht Euch," schrieb er seinen Kindern,die Mutter zu trösten, für die mich ein Gefühl aufrichtigen Mitleids und inniger Liebe erfüllt", und sein Tagebuch grübelt prophetisch am ersten Abend der Flucht:Unterwegs dachte ich die ganze Zeit über einen Ausweg aus meiner und ihrer Lage nach und konnte keinen finden; es muß sich aber einer finden, ob man will oder nicht, und es wird wohl ein ganz anderer sein, als wir vermuten; darum soll man nur daran denken, daß man keine Sünde begeht. Was kommen muß, wird kommen."

Am ersten Tage fuhr er bis Koselsk im Gouvernement Kaluga, über­nachtete im Kloster Optina und besuchte am nächsten Tage seine Schwester Maria Nikolajewa im nahen Nonnenkloster Schamardino. Früh am 31. Ok­tober verließ er die Klosterherberge, bestieg in Koselsk den Zug und löste mit dem Arzt und seiner inzwischen nachgekommenen Tochter Alexandra Fahrkarten nach Rostow am Don. Mittags aber stellten sich Fieber und Schüttelfrost ein. Auf der nächsten größeren Station, in Astapowo, mußte er den Zug verlassen. Der Bahnhofsvorsteher, ein Verehrer seiner Schriften, stellte dem Kranken zwei Zimmer zur Verfügung. Eine Lungenentzündung entwickelte sich.

Seine Fieberträume verraten die Angst, an der Weiterreise gehindert zu werden:Nur fort, nur fort, sonst holt man mich ein!" Er beschwört seine Tochter, die Familie weder über seine Krankheit, noch seinen Auf­enthaltsort zu verständigen.

Aber sein Zustand wird täglich ernster und hoffnungsloser. Kinder und Freunde treffen ein, bedeutende Aerzte werden herbeigerufen. Von der Schriftleitung desRußkoje Slowo" über Ort und Krankheit benachrichtigt, erscheint seine Frau, die sich am Tage der Flucht verzweifelnd in den Guts­teich gestürzt hat. Die Kinder und Aerzte verweigern ihr den Zutritt. Der Sterbende selber diktiert ein Telegramm an die Kinder, die er noch mit der Mutter in Jasnaja Poljana glaubt:Zustand besser, das Herz aber so schwach, daß Wiedersehen mit Mama für mich verderblich wäre."

Indes Telegramme des Generalgouvernerrrs und Gendarmeriechess hin und her fliegen, Offiziere und Unteroffiziere zur Aufrechterhaltung der Ordnung befohlen werden, indes Berichterstatter aller großen russischen Zeitungen sich sammeln und Eisenbahnwagen zu Notwohnungen Herrichten, indes Photographen und Kinematographen ihre Apparate zücken und das traurigste und schamloseste aller Bilder festhalten: wie Tolstois Fran durch das verhängte Fenster des Stationshauses nach ihrem sterbenden Gatten sucht, sinnt dieser am Tode noch über die ewigen Fragen, in Angst und Mühe, noch jetzt das letzte, erlösende Wort zu finden:Nimm das Notiz­buch, die Feder und schreibe," sagt er der Tochter,Gott ist jenes unbegrenzte All, von dem der Mensch sich als einen begrenzten Teil fühlt. In Wirklich­keit existiert nur Gott allein. Der Mensch ist die Offenbarung Gottes in Stoff, Zeit und Raum. Je mehr die Offenbarung Gottes im Menschen mit den Offenbarungen anderer Wesen sich vereinigt, um so mehr existiert er. Die Vereinigung dieses seines Lebens mit dem Leben anderer Wesen geschieht durch Liebe."

Neue medizinische Autoritäten treffen von Moskau ein, sechs Aerzte weilen am Krankenlager.Auf der Erde sind Millionen Menschen, von denen viele leiden. Weshalb sind denn alle bei mir allein?" Aus Wesens­tiefen ringt sich sein Seufzer:Aber die Bauern wie sterben die Bauern!" Brechenden Auges ruft er Sergej, den Sohn, heran:Serjoscha I Die Wahr­heit ... ich liebe viel ... Die Wahrheit, der die Liebe den Weg weist: das war die Botschaft seines ganzen Lebens gewesen, das war sein letzter, verhauchter Läut.

Am 7. nach unserer Zeitrechnung am 20. November 1910, morgens 6 Uhr starb er. Am 9. wurde er in Jasnaja Poljana begraben. Kein Geist­

licher war zugegen. Bauern schaufelten sein Grab. Bauern hoben den Sarg, Bauern trugen an langen Stangen die Inschrift voraus:Leo Nikolajewitsch! Das Andenken an Deine Güte wird unter uns nicht sterben. Die verwaisten Bauern von Jasnaja Poljana!"

Beim Tode seines jüngsten, siebenjährigen Sohnes hat Tolstoi seiner alten Freundin Worte geschrieben, die den Sinn eines erfüllten Lebens deuten; sie könnten seine Grabschrift sein:

Er lebte,

um in sich die Liebe zu mehren, um in der Liebe zu wachsen, weil dies wohlgefällig ist dem, der ihn ins Leben sandte;

er lebte,

um uns mit dieser Liebe zu durchdringen und die in ihm aufgesproßte Liebe nach seinem Heimgang zu dem, der die Liebe ist, uns zu hinterlassen, daß wir uns alle in Liebe finden."

Die Kerze.

Von Graf Leo N. Tolstoi.

Verschiedener Art waren die Herrschaften zur Zeit der Leibeigenschaft. Es gab solche, die an Gott und ihre Sterbestunde dachten und Mitleid mit den Menschen fühlten; es gab aber auch solche, welche, ohne übrigens über die Toten böse Nachrede zu halten, nicht besser waren als Hunde. Schlimmer indes konnte keiner sein als die Verwalter, die aus den Leibeigenen hervor­gegangen waren. Im Schmutz geboren, dann zum Herrschen erkoren! Gerade sie plackten am meisten.

So ein Gutsverwalter nistete sich im herrschaftlichen Besitz ein. Die Bauern waren in der Frone. Biel Land war vorhanden, gutes Land, und Wasser und Wiesen und Wälder; für alle hätte es genügt, für den Herrn wie für die Bauern. Aber der Herr stellte als Verwalter einen seiner Leibeigenen aus einem anderen Erbgut an.

Der Verwalter riß alle Macht an sich und setzte sich den Bauern auf den Nacken. Er selbst war verheiratet und Vater von zwei verheirateten Töch- tern, hatte sich Geld erworben, konnte also leben ohne Sünde; aber er war neidisch und sank im Sündenpfuhl ein. Sein Uebermut begann damit, daß er die Bauern außer der Zeit in den Frondienst schickte. Er richtete eine Ziegelbrennerei ein, Weiber und Männer ließ er dort arbeiten und die Ziegel verkaufte er. Um beim Gutsherrn Klage zu führen, gingen die Bauern nach Moskau, drangen aber nicht durch. Der Verwalter aber kam dahinter, daß man über ihn Beschwerde geführt hatte, und wollte sich rächen. Von nun ab wurde das Leben der Bauern noch schlechter. Unter den Bauern gab es Leute ohne Treue und Glauben: sie machten die Angeber, wodurch sie sich und ihren Nächsten schadeten.

Allmählich kam es dazu, daß der Verwalter von den Bauerir gefürchtet wurde, als sei et ein wildes Tier. Fährt er durch das Dorf, so verkriechen sich alle vor ihm wie vor einem Wolf, gleichviel wohin, nur ihm nicht vor die Augen zu kommen. Er bemerkt es wohl und erbost sich noch mehr darüber, daß man ihn fürchtet. Schläge, gehäufte Arbeit die Bauern konnten die Qual kaum ertragen.

Es war vorgekommen, daß man Bösewichte solcher Art Umbrachte. Die Bauern dachten darüber nach und versammelten sich geheim. Die Kühneren unter ihnen sagten frei heraus: Werden wir noch lange folchen Bösewicht dulden? So einen totzuschlagen ist keine Sünde.

Einmal, kurz vor Ostern, kamen sie im Walde zusammen. Der Ver­walter hatte befohlen, den herrschaftlichen Wald zu säubern. Es war zur Mittagszeit, als sie sich versammelten und redeten.

Wie sollen wir weiter leben? Er rottet uns mit der Wurzel aus. Weder Tag noch Nacht haben wir Ruhe, nicht wir und nicht unsere Weiber. Ist ihm etwas nicht gelegen, gleich bindet und peitscht er uns. Von seinen Hieben ist Ssemjon gestorben; und welche Qual mußte Anißima im Block erdulden! Was warten wir länger! Heut abend wird er Herkommen. Ist er wieder niederträchtig, reißen wir ihn vom Pferde ein Hieb mit dem Beil und die Sache hat ein Ende. Wie ein Hund wird er verscharrt weg ist er. Nur eine Bedingung: alle stehen für einen, keiner spielt den Verräter."

So redete Waßilij Minajew. Der hatte die meiste Wut auf den Ver­walter. Jede Woche peitschte ihn derselbe, hatte chm die Frau abspenstig gemacht und zu sich als Köchin genommen.

Am Abend, kam der Verwalter geritten. Sofort schimpfte er, man schlage die Bäume nicht auf die rechte Weise. Zufällig fand er unter den gefällten Bäumen eine kleine Linde.

Ich hatte nicht befohlen, Linden zu fällen", schrie er.Wer hat die Linde gefällt? Sprecht! Schnell! Oder ich werde alle peitschen." ~~ Er fragte ans, in wessen Reihe die Linde gestanden. Man wies ach Ssidor. Der Verwalter packte ihn, schlug ihm das Gesicht blutig. Auch Waßilij peitschte er, weil er dessen Haufen zu klein fand. Dann fuhr er nach Hause.

Wieder versammelten sich am Abend die Bauern und Waßilij begann zu reden:

Eh, Brüder nicht Menschen, sondern Sperlinge. Alle für einen wollten wir stehen komrnt's aber zur Sache, kneifen sie aus. Ganz so war's, als die Sperlinge sich gegen den Habicht verschworen hatten. Nicht verraten! nur nicht verraten! Wir wollen füreinander stehen! Kommt aber der Habicht angeflogen husch, alle unter die Brennesseln. Der Habicht packt den, welchen er braucht, und schleppt ihn fort. Die Sperlinge hüpfen hervor: tschiwik, tschiwik es fehlt einer. Wer fehlt? Wanjka fehlt. Mb Wanjka hat es auch nicht anders verdient. So, Brüder, ist's auch mit euch. Wollt ihr nicht verraten, so schweigt doch still. Wie er sich den Ssidor vor­nahm, da hätten wir, einer für alle, mit dem Bösewichte ein Ende machen sollen. Nicht verraten! nur nicht verraten! Alle für einen! Wie er aber losgesprungen ist husch, alle unter die Brennesseln."