Jahrgang 1928
Dienstag, den 10. Juli
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(Elegie.
Von Alexander Puschkin.
Nachdichtung aus dem Russischen von Sigismund o. Radecki.
Der tollen Jahre längst verloschne Lust
Drückt wie ein Rausch von gestern meine Brust; Doch der vergangne Schmerz, den ich bewahre. Wird stärker wie ein Wein mit jedem Jahre.
Mein Weg ist kalt. Mir kündet Müh' und Sorgen Das Nebelmeer des ungewissen Morgen.
Allein ich will, o Freunde, nicht verscheiden, — will leben, um zu denken und zu leiben!
Ich weiß, es wird der Freude reiner Kuß Mich rühren zwischen Unruh' und Verdruß; Mich werden wieder Harmonien stillen, Mir werden beim Gedichte Tränen quillen, Und vielleicht wird des Lebens dunkle Grenzen Die Liebe mit noch lächelnd überglänzen!
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den Gestaltenden nicht. Als Knabe, als Jüngling, als Mann, selbst als Greis, rmmer wirkt Tolstoi bloß wie irgendeiner von vielen. Er paßt in jeden Rock, unter lebe Mütze: mit solch einem anonymen allrussischen Antlitz kann man ebenso einem Mmisterttsch präsidieren wie betrunken in einer Vagabunden« kneipe spielen, Weißbrot auf dem Markt verkaufen oder im seidenen Meßkleid des Metropoliten das Kreuz über die kniende Menge erheben: nirgends, in keinem Berufe, in keinem Gewände, an keinem russischen Orte fiele dies Antlitz als ein unverkennbares auf. Als Student sieht er aus wie zwölf auf em Dutzend, als Offizier wie irgendein Säbelträger, als Landedelmann wre irgendein Krautjunker. Fährt er im Wagen neben dem weißbärtiaen Diener, so muß man schon sehr gründlich die Photographie abfraqe«, welcher der beiden Alten am Kutschbock eigentlich der Graf ist und welcher der Kutscher; zeigt ihn ein Bild im Gespräch mit den Bauern, und wüßte man s nicht, keiner würde erraten, daß dieser Lew inmitten des Dorf« klungels em Graf ist und sonst noch mlllionenmal mehr als all die Grigors und Iwans und Iljas und Pjotrs um ihn herum. Als wäre dieser eine alle zugleich, als hätte diesmal der Genius nicht die Maske eines besonderen Menschen genommen, sondern sich verkleidet als Volk, so gänzlich anonym, °..aUrus isch wirkt fern Gesicht. Gerade, weil er ganz Rußland enthält tragt Tolstoi kein eigenes, sondern nur das russische Antlitz.
nY1 Darum enttäuscht zunächst sein Anblick fast alle, die ihn erstmalig sehe«. Meilenweit sind sie mit der Bahn und von Tula dann im Wagen herüber« gekommen, nun harren sie im Empfangsraum ehrfürchtig des Meisters; leder erwartet innerlich überwältigende Gegenwart, und die Seele formt ihn voraus als mächtigen, majestätischen Mann mit flutendem G ottvaterbart, hochragend und stolz, Gigant und Genie in einer Gestalt. Schon drückt der Schauer der Erwartung jedem die Schultern herab, schon duckt sich der Blick unwillkürlich vor der Riesengestalt des Patriarchen, zu der er im nächsten Augenblick aufschauen soll. Da öffnet sich endlich die Türe, und siehe: ein kleines untersetztes Männchen tritt so behende, daß der Bart weht, mit fast laufenden Schritten herein, hält inne und steht freundlich lächelnd vor dem überraschten Gast. Munter, mit schneller Stimme, plaudert er ihn an, aus leichtem Gelenk bietet er jedem die Hand. Und sie nehmen die Hand, iw tiefsten Herzen erschreckt: Wie? dieses freundlich gemütliche Männchen dieses „flinke Väterchen im Schnee", dies wäre wirklich Leo Nikolajewitsch Tolstoi? Der Vorschauer von Majestät verfliegt; ein wenig ermutigt wagt sich die Neugier empor an sein Gesicht.
Aber plötzlich stockt dem Aufschauenden das Blut. Wie ein Panther ist hmter den buschigen Dschungeln der Bräuen ein grauer Blick auf sie los« gesprungen, jener unerhörte Blick Tolstois, den kein gemaltes Bild verrät und von dem einzig doch jeder spricht, der jemals dem Gewaltigen ins Antlitz gesehen. Ein Messerstoß, stahlhart und funkelnd, nagelt dieser Blick jeden Menschen fest. Unmöglich, sich noch zu rühren, sich ihm zu entwinden, ein lebet muß hypnotisch gefesselt bulbett, daß dieser Blick neugierig und schmerz« haft tote eine Sonde ihn bis ganz tief innen durchdringt. Gegen Tolstois ersten Blickstoß gibt es keine Gegenwehr: wie ein Schuß durchschlägt er alle Panzer der Verstellung, tote Diamant zerschneidet er alle Spiegel. Niemand — Turgenjew, Gorki und hundert andere haben es bezeugt — kann lügen vor diesem penetrant durchbohrenden Blicke Tolstois.
Aber mir eine Sekunde stößt dieses Auge so hart und prüfend zu. Dann taut die Iris wieder auf, glänzt grau, flirrt von verhaltenem Lächeln oder güttgt stch zu weichem, wohltuendem Glanz. Wie Wolkenschatten über Wasser spielen alle Verwandlungen des Gefühls über diese magischen und ruhelosen Pupillen ständig dahin. Zorn kann sie aufsprühen lassen in einem einzigen kalten Blitz, Unmut sie frosten zu eisklarem Kristall, Güte sie warm übersonnen, Leidenschaft sie entbrennen. Sie können lächeln von innerem Licht, diese geheimnisvollen Sterne, ohne daß der harte Mund sich rührte, und sie können, wenn Musik sie schmelzend macht, „strömend weinen", wie die eines Bauernweibes. Sie können Helligkeit aus sich holen von geisti« ger Genugtuung und plötzlich trüb abdunkeln, überschattet von Melancholie, und sich entziehen und undurchdringlich sein. Sie können beobachten, kalt und unbarmherzig, können schneiden wie ein chirurgisches Messer und durchleuchten wie Röntgenfeuer, und sofort dann wieder überrieselt sein von flirrendem Reflex spielender Neugier — alle Sprachen des Gefühls spreche» sie, diese „beredtesten Augen", die je aus einer Menschenstirn geleuchtet. Und wie immer findet ihnen Gorki das schllderndste Wort: „In seinen Augen besaß Tolstoi hunderk Augen."
In diesen Augen, und einzig dank ihnen, hat Tolstois Antlitz Genie. Alle Lichtkraft dieses Blickmenschen erscheint in ihrer Tausendfalt rejlloS gesammelt wie Dostojewskis, des Denkmenschen, Schönheit in der marmornen Wölbung seiner Stirn. Alles andere in Tolstois Gesicht, Bart und Busch, das ist nichts als Umhüllung, Schutzraum und Schale für die eingesenkte Kostbarkeit dieser magisch-magnetischen Lichtsteine, die Wett in sich ziehen und Welt aus stch strahlen, das präziseste Spektrum de» Universums, das unser Jahrhundert gekannt. Nichts wuchert so winzig, daß diese Linsen es nicht noch versichtlichen können; pfellhaft, tote der Habicht aus unfaßbarer Höhe auf eine flüchtende Maus, können sie nieder« lohen auf jede Einzelheit und vermögen doch zugleich alle Weiten des Welt-
Bildnis Tolftois.
Bon Stefan Ztoeig.
Aus dem soeben im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen neuen Buche von Stefan Ztoeig „Drei Dichter ihres Lebens" (Casanova — Stendhal — Tolstoi).
Ueberivaldetes Antlitz: mehr Dickicht als Lichtung, jeden Eingang ob« wehrend zur inneren Schau. Breit im Winde wehend, drängt der strömende Patriarchenbart bis hoch hinein in die Wangen, überflutet für Jahrzehnte die sinnliche Lippe und deckt die braunrissige Holzrinde der Haut. Bor die Sttru duschen sich fingerdick und wie Baumwurzeln verfilzt mächtige Augenbrauen, über dem Haupte schäumt, graue Meerflut, die unruhige Gischt der dicht zerrütteten Strähnen: überall wirrt und wuchert in tropischer Ueppigkeit dies urweltliche Wachstum von panisch ergossenem Haar. Genau wie beim Moses des Michelangelo, dem Bildnis des männlichsten Mannes, wird vom Antlitz Tolstois zunächst nichts dem Zublick gewahr als die weiß- schäumige Welle riesigen Gottvaterbarts.
So wird man genötigt, um das Nackte und Wesenhafte so überkleideten Gesichts mit der Seele zu erkennen, dies Dickicht des Barts von seinen Zügen toegzuroden (und die Jugendbilder, die bartlosen, helfen sehr solcher Plastischen Enthüllung). Man tnt's und erschrickt. Denn unverkennbar, unleugbar: dieses adeligen Geistmenschen Gesicht ist im Grundriß grob gefügt und nicht anders denn das eines Bauern. Eine niedrige Hütte, rußig und verraucht, eine rechte russische Kibitka, hat hier der Genius sich gewählt für Wohnsitz und Werkstatt, kein griechischer Demiurg, ein lässig ländlicher Schreiner hat dieser weiten Seele die Hausung gezimmert. Plump gehobelt, grobfaserig wie Spaltholz, die niedrigen Querbalken der Stirne über winzigen Angenfenstern, die Haut nur Erde und Lehm, fettig und ohne Glanz. Mitten in dem dumpfen Geviert eine Nase mit weiten, offenen Tiernüstern, breit und breiig wie von einem Fausthieb hingeplättet, hinter struppigem Haar ungeformte lappige Ohren, zwischen einstürzenden Wangenhöhlen ein dicklippiger, mürrischer Mund: durchaus amusische Formen, grobe und fast gemeine Gewöhnlichkeit.
Schatten und Düsternis überall, Niederung und Schwere in diesem tragischen Werkmannsgesicht, nirgends ein aufstrebender Schwung, ein flutendes Licht, ein kühn geistiger Ausstieg wie jene Marmorkuppel von Dostojewskis Stirn. Nirgends bricht ein Licht ein, strahlt Glanz auf — toer es leugnet, der verschönert, der lügt: nein, unrettbar bleibt dies ein niederes, versperrtes Gesicht, kein Tempel, sondern ein Gefangenhaus der Gedanken, lichtlos und dumpfig, unheiter und häßlich, und früh weiß er Won selbst, der junge Tolstoi, um seine verlorene Physiognomie. Jede An- Iptelung auf sein Aeußeres „ist ihm unangenehm"; er bezweifelt, daß es Mittals „irdisches. Glück für einen Menschen geben könnte, bet eine so breite Qi n ^cke Lippen und kleine graue Augen hat". Darum versteckt der ^nngimg schon früh seine verhaßten Züge hinter dieser dichten Maske icyivarzlichen Barts, den spät, sehr spät erst das Alter durchsilbert und ehr- l tkytig inacht. Nur das letzte Jahrzehnt lockert das düstere Gewölk, erst tragtscho ?ndlicht fällt ein vergütigter Strahl von Schönheit übet diese > ,9^ niederem, dumpfem Gelaß hat der ewig wandernde Genius bei
Herberge genommen, in einer russischen Jedermanns-Physiognomie, 1 1 "er man alles vermuten möchte, nur den Geistmenschen, den Dichter,
SiefienerSamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger


