Ausgabe 
10.3.1928
 
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SBäJE

Jahrgang 1928

Samstag, den 10. Marz

Nummer 20

SiehenerKmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

. ®!r wurden völlig unzertrennlich. Er hing an mir in einer staunen- oen Anbetung; er gehorchte mir blindlings, aus keinem anderen Gefühl als aus einem abgrundtiefen Vertrauen heraus. Er verlor sich völlig an mich und benötigte mich nicht bloß zum Glück, sondern zum Leben über- yaupt. Als ich einmal verreiste, wurde ich am dritten Tage telegraphisch zuruckgerufen, well der Kleine weder Nahrung mehr nahm noch schlief

Tag und Nacht mit brennenden Augen an der Türe faß und wartete. Ex« E ilcv Mnz einfach zu Tode gewartet, wenn ich nicht gekommen

Es war reizend, ihn zu erziehen und in seinem klugen Gesichtchen oas erwachende Begreifen zu verfolgen, es war entzückend, seine rührende «eschamnng zu sehen, wenn man eine feiner kleinen Unarten bean- Mnoete; er zog die Lefzen in einem furchtbar verlegenen, abbittenden iracheln hoch, und man glaubte ihm aufs Wort, daß er so was nie mehr mn werde. Die kleine Pfote, die er einem reichte, war ganz Gelübde.

irr machte meine wilden Ritte mit, meine Hochtouren auf Ski, wir Iwmammen und kletterten zusammen, und er wurde ein frischer, starker steri mit reften Muskeln an seinem kleinen Leibe. Er hat sich mit ten zünden in aller Herren Länder herumgefchlagen, er verstand ihre An- empelungen in Madrid genau so gut wie in Konstantinopel oder in «2m!5' u. im Handumdrehen war die Schlacht im Gange. Aber wir gefod)tenmÜnfoer tD*r haben alles gemeinsam durch-

^llnn Eam allerdings die Liebe, die sein kleines Herz zeitweilig sR>>tJmni9 uon n,*r entfernte. Ich beschenkte ihn mit einer sehr reizenden P wetfrnu und glaubte in meinem unschuldigen Sinne, damit alle Pfade verbaut zu haben; aber ich muß gestehen, daß er sich trotzdem ehr» ro F Ef Abwege begab. Und merkwürdigerweise war dies hoch- ^as sich Pan von Niflheim nannte, einen makellosen Derm^rJ.,m eine sehenswerte Reihe von Preisen besaß, von einem

J ^anfl $u minderwertiger Weiblichkeit beseelt; er verlor seine aller mm vorzugsweise an Geschöpfe, welche ein wildes Konglomerat veskehenden Hunderassen in einem darstellten und dazu noch möglichst

lAEtzig waren. Und da es ihm Bedürfnis war, alle Freuden und Leiden l«Ee- Lebens mit mir zu teilen, so lockte er seine Erwählten nüt sfch naä) Hause, und es ereignete sich, so lange der Frühling blühte des öfteren, daß er plötzlich in Haus oder Garten vor mir stand, eine ganz inmogliche kleine Freundin an feiner Seite, die er mir mit vor Glück und stolz strahlendem Gesichtchen vorstellte. In der ganzen Gegend aab es bald nur noch Pudel oder wenigstens so was Aehnliches.^ G

^rarf,te ?ie erftc große Erschütterung in sein Leben es da nun einen gab, mit dem er sich in meine Liebe zu «eilen hatte, daß er nicht mehr der einzige Begleiter und Beschützer war konnte " longo nicht fassen, und um ihn darüber hinwegzuhelfen müßte ck ängstlich bedacht sein, ihm keines seiner alten Rechte zu schmälern Aucki wachte er selbst mit kleinlicher Genauigkeit darüber daß mein Mim mch etwa den ihm gehörigen Stuhl an meiner Seite einahmoterib sonst irgendwie benachteiligte. Und mit Erfolg; es ging wie be^Navol-on hr;»h ^ephlnei, das Hündchen war unbesiegbar! Unsere Gemeinschiit tanni ^0. alte: sein grenzenloses Vertrauen, seine bedingungslose Treue konnte nichts erschüttern; und nichts meine Liebe zu ihm '

. ^?rh dann kam das Leben und griff ein. Schicksal kam und Wandel eüi Geivens?sK^/m""^ Forderung nach dem täglichen Brot.'Wie r v U frie ^tennunig t>ort'in^in f (einen iVteunbe doü mir b^m^weichlich. Er wenigstens sollte nicht hungern er sollte nick

v roerb<2'V uvgem geduldet in möblierten Zimmern; die paar Jahre, die er noch zu leben hatte, sollten ruhig und freundlich sein ^Jch äM/'elT l-lbstlo^zu besten, nL L B

Erachte ihn zu Freunden, die ihn liebten und mir versprachen 5 rmL Md stahl Mich davon wie der Dieb in der

Nacht. Ach, lassen sie mich hmweggehen über jene Zeit! Wie oft fuhr '^°"0de,nSchlafe auf, weil ich glaubte, ihn sitzen zu sehen mit seinen geduldigen Augen und auf meine Rückkehr warten. Mußte ich nicht als Verräter vor ihm stehen, mußte er sich nicht von mir verlassen glauben

" alt war und der Hilfe bedurfte? M u ß te er das nicht glaube-,,' kuchts wußte von der Rot und der Unfreiheit der Menschen» ?An Uozer trauriger Trost war der Glaube, daß er, mit der freund- ? sn ble Stu.ni^' We Kindern und Tieren eigen ist, weniger 2" ols ich. Und immer wieder erwärmte mich die Hoffnung, daß es nun Ken b4r5/,mhfh würde und ich ihn wieder holen könnte, meinen

tfreunb, der inniger zu mir gehörte als irgendein Wesen auf Erden. O nein, ich hatte noch nicht Abschied von ihm genommen, er °üt<J? erfa^re^, daß auch wir Menschen Treue halten können.

uor wenigen Wochen, habe ich ihn wiedergesehen, nach anderthalb Jahren der Trennung. Bin ich jemals s o zitternd einen Weg gegangen wie diesen? Und dann stand er vor mir, klein, ach so klein geworden, müde und alt. Seine tauben Ohren hörten meine Stimme mehr, seine halberblindeten Augen faßten meine Gestalt nicht so- gleich. Aber irgendetwas, ein erschütternder Instinkt, den wir nie be- Pnn!eiL^e^X^9te gekommen sei. Er stieß einen heiseren

Mth Ü ® eu^c ,au.5' den ich so gut kannte von früher, und in seine truöen Augen trat ter Glanz der alten Liebe. Halte er mir gegrollt L° war er letzt iebenfalls vergessen; und wie einst in den guten Ingen' Unb ?^te sein greises Köpfchen an mein Knie. Nein, nichts trennte uns; da stand er und war bereit, sein kleines Leben mit dem alten Vertrauen in meine Hand zu geben.

Aber mir brannte das Herz in Scham. Scham über die Unzulänalich- keit der Menschen, die einander um ein Nichts verlassen, aus Laune, aus Egoismus, aus Kleinglauben, während dieser hier, dieses Tier, über das w«r uns so hoch erheben, an dem alten Glauben seiner kleinen Seele festhielt, obgleich aller Schein gegen mich sprach.

Scham auch über die Unzulänglichkeit meines eigenen Herzens. Denn 1 hotte ich recht gehandelt? Hatte wirklich nur die Sorge um ihn mich zu der Trennung bewogen? War nicht auch mancher Gedanke an mich selbst gewesen? Hier stand ein Wesen, gleich, ob Mensch oder Tier! hier stand ein Wesen, das meiner bedurfte, meiner Anwesenheit meiner Liebe. Wäre ihm nicht, statt des Wohllebens bei fremden Leuten' e«u ^trockenes Brot lieber gewesen, wenn nur meine Hand es ihm reichte? Aber ich sloh feige Sorge und Belastung durch ihn und ließ ihn allem ui seinen alten Tagen. Ach, ich war auch nur ein Mensch untreu unö voller egoistischer Vorbehalte und hier stand dieses Tier und beschämte mich. 1

Drei Tage lang sprach ich ihm wieder wie früher alles, was mein Her.) bewegte, in seine tauben Ohren, drei Nächte fühlte ich mieter wie früher seine gute Wärme an meinen Füßen, drei Tage und drei Nächte las ich in seinen halberblindeten Augen Liebe, Glauben und Treue Und wieder stahl ich mich davon heimlich wie der Dieb in der Nacht "ahm ich wirklich Abschied von ihm, ohne Hoffnung auf

eine Wiederkehr unserer Gemeinschaft, denn nun wahrhaftig war er zu alt, um, ohne Schaden zu nehmen, Sorgen und Heimatlosigkeit mit mir

Säerspruch.

Aon Conrad Ferdinand Meyer.

Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!

Die Erde bleibt noch lange jung!

Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.

Die Ruh ist süß. Es hat es gut.

Hier eins, das durch die Scholle bricht.

Es hat es gut. Süß ist das Licht.

Und keines fällt aus dieser Welt. Und jedes fällt, wie's Gott gefällt.

Pudel Pan.

Ein Abschied.

Von Sofie v. U h d e.

Man muß durch so viel Abschiede hindurch im Leben, Abschiede von Toten und Lebenden, von Orten, Zeitabschnitten, erreichten und un­erreichten V-elen, daß es oft erscheinen mag, als m ü s s e das ganze Leben nichts anderes fein als ein ewiges Abschiednehmen, wenn anders es nicht stagnieren soll als eine ewige Trennung, damit es aus Schmerz immer w«eder neu, bunt, jung erblühe. Und durch die letzte Träne die Ver- lorenem oder Abgetanem gilt, leuchtet uns schon die Hoffnung aus reichere Wege. 3 '

r?"wsileii müssen wir doch einen Abschied nehmen, der wirklich em Abschied ist und kein Tor zu Neuem. Eine Gestalt löst sich aus un sei em Leben, eine Zeit versinkt mit ihr, die u nwied erb ri ngl i ch ist, und zum ersten Male weht uns der kühle Hauch des Vergänglichen ohne neue Hoffnung an. Solch eine- Trennung habe ich eben erlitten, und Sie müssen nicht lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß es nur die Trennung von einem Hunde ist. a

3d) hatte einen schwarzen Pudel, Pan, mit dem ich viele, viele Jahre meines Lebens verbracht habe. Als er mir zum freien Eigentume über­geben wurde, em wehrloses Nichts in dem ungeheuren Machtbereich des Menschen, -dieses Herrn über Glück und Elend, Leben und Tod wir er oor wemgeii Stunden erst aus dunklem Reick) ins Dasein getreten In fernen blinden Augen war die Welt noch kein Begriff.

. . >h" noch einige Monate in der wärmenden nährenden Obhut

seiner Mutter, dann zog ich ihn in mein Leben hinüber. Er kam, sehr klein i iwch, aber frisiert schon wie ein Großer, mit einer violetten Schleife : Mer dem Ohr und kokest geschoren. In seinen dunkelglänzenden Blicken stand die helle Angst, er sah mich fremde Macht mit wehrloser Verzweis-

on und lag wie eine kleine Holzpuppe in meinen Armen, ganz steif vor Entsetzen. In dieser Stunde habe ich mir gelobt, diesem hilflosen Ge-